Ausgabe 
1.11.1913
 
Einzelbild herunterladen

682

selbstbewußt hinzu:Das wollen wir schon herunter­arbeiten." , v ~ _ o

Frau Meerhold erscheint mit ihrer Tochter toamitc. Dav junge Mädchen mit dem duftigen weißen, mit Rosen ge­schmückten Tüllkleide sieht reizend ans. Tief kinxt sie vor­der Wirtin, und diese streicht ihr wohlwollend die Wange: Amüsiere dich gut, Sabinchen", flüsterte sie ihr zu,und zähme deinen Herzallerliebsten, daß er nicht trotzig tut gegen seinen Bruder, den Staatsanwalt!"

Sabine schüttelt beruhigend das blonde Köpfchen:Ohne Sorge, Fran Lampert; er wird schon artig sein."

Nun, ihr lieben Jungens, kommt ihr endlich?" Mit diesem Gruße wendet sich die Wirtin an die Brüder Dechner, die beide vor sie hintreten und ihr die Hand drücken. Sie sieht in Adolfs bleicheres Gesicht, mustert dann Peter, der in kecker Zuversicht ihr lächelnd ins Auge schaut und sagt:Ihr seid doch die alten Freunde .... trotz alledem?"

Die sind wir", erklärt Peter und klopft seinem Zwil­lingsbruder kameradschaftlich die Schulter.

Adolfs Wangeu röten sich plötzlich. Liebevoll schaut er­den bevorzugten Nebenbuhler an und sagt darauf:Ich bin ihm niemals böse gewesen. Die Ehen werden im Himmel ge­schlossen; daran kann der Mensch nichts ändern. So wie es gekommen ist, hat es kommen sollen. Du siehst, Mutter, wir sind die alten Freunde." Und wie er Sabine bemerkt, geht er tapfer auf sie zu, bietet ihr unbesaugen die Hand und sagt, mit dem Kopfe nach Peter deutend:Da ist er. Wenn du nicht alle Tänze deinem Bräutigam anfsparst, danu fällt vielleicht auch einer für mich ab."

Ein seelenguter Mensch, dieser Adolf!" raunt Frau Lampert dem Peter zu,halte ihn dir warm. Einen solchen Freund findest du nicht wieder. Und nun nochmals meinen Glückwunsch zum Meisterbriefe! Dir zu Ehren geben wir das Fest. Und wenn William kommt, so sei lieb, Peter, und fange nicht etwa Händel mit ihm an."

Aengstige dich nicht, einen Staatsanwalt sehe ich gar nicht an". Er nickt der Pflegemutter übermütig zu und eilt zu seiner Braut, die noch mit Adolf im Gespräch ist.

Wenn inan die drei sieht", sagt Knoblauch, der mit dein inzwischen eingetroffenen Herrn Haßlach in einer Fenster­nische plaudert und heimlich auf Sabine und die beiden Zwil­lingsbrüder deutet,so wird man wahrhaftig nicht klug dar­aus, wie sie eigentlich zueinander stehen."

Nun", versetzt der Fabrikant,mein zukünftiger So­zius ist jedenfalls nicht mehr der Bräutigam; er soll die Braut feinem Bruder abgetreten haben."

Also ein dreieckiges Verhältnis!" spottet Herr Kno­blauch,nun, mir würde das nicht passen."

Warum nicht ?Mir ist es ganz recht, wenn Adolf Dechner nicht mehr ans Heiraten denkt; auch ich bin Jung­geselle; um so besser werden wir zueinander passen."

'n Abend, Herr Kollege", grüßt Peter, der an Kno­blauch herantritt, um sich eine Tanzkarte geben zu lassen. Sie haben mich in der Prüfung weidlich schwitzen lassen; hentc abend schwitzen wir zusammen."

Wer so gut beschlagen ist, wie Sie, Herr Dechner, dem kann man nichts anhaben."

Hätten mir wohl aber gern etwas angehabt, he?"

Im Gegenteil, ich habe mich gefreut, als Ihnen die Prüfungskommission einstimmig den Meisterbrief zuer­kannte."

Das glaube Ihnen ein anderer!" lachte Peter offen­herzig.Machen Sie mir nichts weiß. Wcnn's nur gegangen wäre, ihr alle hättet mich mit Vergnügen durchrasseln lassen; ihr könnt nun einmal meine politischen Anschauungen nicht leiden."

Es wäre uns freilich lieber, wenn aus dem Saulus eilt Paulus würde und Sie auf unsere Seite träten."

Daraus wird iiichts, darauf hoffen Sie nimmer."

Das tut mir leid, denn Sie selbst werden den größten Schaden davon haben."

Ihr möchtet mich wohl ein wenig boykottieren, mir die Kundschaft vertreiben, wie?"

Das wäre sehr itnkameradschaftlich. Handwerk hat gol­denen Boden, aber nur, wenn mau's in Frieden und Segen treibt; wer aber den Frieden stört und den Nmstnrz pre- öigt, der wandelt den goldenen Boden zum Wüstensande, der nichts hervorbringt als Disteln, auch wenn er mit Menschen­blut gedüngt wird."

Schön gesägt, Kollege! Die Autivort geb ich Jhneii ein andermal, heute, denke ich, tanzen wir und begraben solange die Streitaxt."

Soll mir recht fein, ich bin kein Kampfhahn. Schauen Sie mal hinter sich: da kommt ein ganzer Schwarm netter Mädchen."

Peter drehte sich um und erkannte einige Freundinnen seiner Brant; es waren die Töchter kleinerer Kanfletite nnd Beamten, die mit ihren Eltern und Brüdern zum Feste er­schienen. Er eilte auf die jungen Damen zu und bat sie um Tänze.

Immer dichter füllten sich die beiden vorderen Zimmer, die Luft wurde knapper, die Hitze stieg in lästigster Weise.

Frau Julie blickte erwartungsvoll nach der Tür, ob nicht William, das Hauptschaustück des heutigen Abends, end­lich erscheinen würde. Wie, wenn er wegbliebe? Wenn er ein Zusammentreffen mit Peter doch für allzu bedenklich hielte und sich noch int letzten Augenblick zu einer Absage entschiede? Doch nein! Da ist er! O, er ist doch ein Manu von Wort! Das soll ihm uiwergeffeit bleiben!

Der Staatsanwalt hatte die Schwelle überschritten und bricht sich durch das Gedränge Bahn; unmittelbar ihm fol­gen Just und der Maler Völker. Glücklich bringt er bis zu seiner Pflegemutter durch und küßt ihr glücklich die Hand. Frau Juliens Herz schwillt ihr voll Entzücken empor. . . dieser Handkuß! Es ist der erste, der ihr heute abend zuteil wird, ob ihn auch die anderen gesehen haben? Ja, der William weiß sich zu benehmen; er hat die Manieren der guten Ges. llschaft. _

William wird auch Frau Juliens Sohn etwas von dem Duft und Glanz der feinen Welt abgebeu und das Haus Lampert hoch hütausheben über die Menge der anderen schlichtbürgerlichen Häuser.

Mein Pflegesohn, der Herr Staatsanwalt Tell!" stellt sie ihn mit besonderer Betonung des Titels den Damen in ihrer Umgebung vor.Du kommst etwas spät, William; sieh' schnell zu, ob du noch einen Tanz bekommst."

Danke, liebe Mama, ich werde nicht engagieren."

Was! So ein junger, flotter Herr, ein so ausgezeich­neter Tänzer? Nein, William, das darfst du mir nicht ait- tun; du darfst nicht müßig zusehen."

Ich werde ein paar Extratouren tanzen."

Extratouren! Herrgott! Ja, das war das Wort, nach deut sie schott immer gesucht hatte. Wie dankte sie es dem Staatsanwälte, daß er den Begriff der Extratour in ihr Haus verpflanzte, in dem inan bisher immer nur ganze Tänze getanzt hatte! Ob sie nicht auf der Tanzkarte das WortExtratouren" hätte anbringen lassen müssen; sie suchte Herrn Knoblauch und teilte ihm ihre Bedenken mit.

Nein," lachte dieser,das wäre nicht gegangen. Aber wir können die Polka noch immer in Extratouren zerlegen."

Wie soll das aber geschehen?"

Sehr einfach, Frau Lampert. Wenn es so weit ist, dann kündige ich der Gesellschaft an, daß die Polka eine Null- Polka ist, bann wird zu ihr nicht fest engagiert."

Vortrefflich! O, Sie sind ein Vokativus. Sie wissen immer Rat. Jetzt, denke ich, könnte es aber losgehen; das Teegeschlapper muß ein Ende nehmen; lassen Sie zur Polo­naise aufspielen."

Der Maler Völker strahlte vor Vergnügen, als die in seinen Kreisen schon längst nicht mehr gebräuchliche Polonaise begann und die ältesten Herren mit den ältesten, zimperlich nnd verschämt dreinschauenden Dämchen in feierlichem Zuge im Berliner Zimmer einherschritten.Eine Fundgrube von Motiven!" raunte er entzückt dem Fabrikanten Haßlach ins Ohr, der grundsätzlich nie tanzte, wenn er das doch schnell ab- photographieren könnte!Sehen Sie nur die Frau Mieseke dort, wie sie ihre seidene Schleppe trägt, gerade wie ein; Metzger das Fell eines geschlachteten Hammels! O, diese Hoffonriers-Witwe ist unvergleichlich! In jeder Falte ihres Rockes blähen sich die stolzesten Trabitionen des Königsschlos- ses, in dem ihr Seliger sehr wahrscheinlich einmal Lakai ge­wesen ist!"

Pscht! Herr Professor! Daß man Sie nicht hört!" mahnte vorsichtig der andere.

Die hören uns nicht! Die sind vor Stolz und Ver­gnügen blind und taub wie die Auerhähue in der Balzzeit!"

(Fortsetzung folgt.)