Samstag, den November
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Roman von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Das Herz der guten Frau Lampert schmilzt bei dem ungewohnten Gebaren ihrer sonst so nachgiebigen Hälfte. Wahrhaftig, es ist das erste Mal in ihrer langjährigen Ehe, daß Wilhelm so entschieden auftritt! Und wahnsinnig fürchtet der arme Mann zu werden! Nein, das soll er nicht! Sie hat ihm am Ende doch ein wenig zu viel zugemutek. Sie schlingt ihren steifen Arm —< er erinnert an eine prall gestopfte Blutwurst — um den Nacken des Gatten und sagt begütigend: „Geh', mein liebes Männchen, du hast ganz recht, dieser Wirrwarr ist nichts für dich. In deiner Abwesenheit werde ich alles besorgen, und wenn du zurückkehrst wirst du dein Haus in schönster Ordnung finden." Sie drückt ihm einen fast mütterlichen Kuß auf die nervös zuckende Wange.
Herr Lampert ist überwunden. O, seine Alte hat doch! ein Herz wie Gold! Sie ist das beste Weib auf Gottes weiter Welt! Dankbar und versöhnlich lächelt er ihr zu; dann begibt er sich nach dem inzwischen zum Schlafzimmer gewandelten Stübcheir im Hofflügel, um dort nach längerem Suchen endlich seine durcheinander geworfenen Kleidungsstücke zu finden und sich zum Ausgange zu rüsten. Mit einem Seufzer der Erleichterung tritt er auf die Straße und prallt aui einen Jungen, der eben in das Haus eintreten will.
„Ho, ho, wohin denn so eilig?"
„Zu Herrn Lampert."
„Der bin ich. Was bringen Sie?"
„Die bestellten Tanzkarten."
„Tanzkarten? Ich wüßte nicht... Ach so, meine Frau wird sie bestellt haben. Na, geben Sie nur her. Was kosten sie? Sie haben doch quittierte Rechnung mitgebracht?"
Nachdem Herr Lampert bezahlt und den Boten entlassen hat, macht er noch einmal Kehrt und öffnet während des Treppensteigens das kleine Paket, das er seiner Frau überbringen will. Er bleibt steh'n, hält eine Karte in der Hand und liest: Polonäse. Walzer. Galopp. Contre I. Walzer. Polka. Tafelpause. Walzer. Contre II. Kotillon. Kaffeepause.
Zweifelhaft schüttelt er den Kopf. Diese Festordnung hat seine Gattin entworfen, und es kommt ihm eine Ahnung, als ob der Text dieser Karte nicht ganz dem Brauche entspreche, der in der vornehmen Welt Geltung hat. Er erinnert sich einer Tanzordnung, die er bei einem ihm befreundeten Lithographen gesehen hat; sie war für den Ball bei einem Minister bestimmt, aber wenn ihn sein Gedächtnis nicht im Stiche läßt, so hieß es darin nicht „Contre", sondern „Francaise"; auch die Angabe „Kaffeepause" will ihm etwas verdächtig erscheinen; er möchte darauf schwören, daß sie auf jener Karte gefehlt hat.
Lampert öffnet mit dem Drücker die Korridortür und stößt aus Julie, die gerade mit Hilfe des Mädchens einen Blumentisch aus ihrem Salon nach dem improvisierten dritten Gesellschaftszimnrer über den Flur trägt.
„Liebe Frau", sagt er sanft, „hier sind die Tanzkarten, die du bestellt hast."
Die Angcredete läßt den Tisch los und wendet sich gegen den Gatten: „Danke, liebes Männchen; aber warum hast du dich noch einmal bemüht? Das konnte doch der Bote heraufbringen."
Statt aller Antwort hält ihr der Gatte die heraus!- genommene Karte unter die Augen, deutet auf das Wort „Contre" und lispelt: „Ob das auch ganz richtig ist? Ich fürchte, es erinnert ein wenig an ein Tanzfest in — Rix- dorf."
Frau Julie wird puterrot; beleidigt erklärt sie: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben; übrigens sei unbesorgt, es ist in völliger Richtigkeit; ich habe Frau Mieseke gefragt, und deren Mann war Hoffourier, die muß es doch wissen."
„Dann verzeihe. Auf Wiedersehen."
Herr Lampert verläßt zum zweiten Male das Haus, und er, der sonst am Sonntage regelmäßig den Gottesdienst besucht, geht heute in ein Bierlokal, um hinter einem Glase Kulmbacher über die Eitelkeit der Frauen und über das Sprichwort nachzudenken: „Hoffart will Zwang leiden."
Der Abend dieses denkwürdigen Tages ist herangekommen. Die blumengeschmückten Zimmer der Lampertschen Wohnung strahlen im Scheine festlicher Majolika-Lampen und zahlreicher, auf Kandelabern und Wandleuchtern auf- gesteckter Kerzen. Die für die Abendtafel im Gange des Hof- slügels schon aufgestapelten Blöcke und Tischbretter hemmen etwas den Verkehr der dienenden Geister, die zwischen den Gesellschaftsrüumen und der am Ende jenes Ganges gelegenen Küche sich hin und her zu bewegen haben; der dicke Lohndiener Müller hat sich schon harc ans Knie gestoßen und er hinkt eben mit einem Brett voller Teetassen, schmerzliche Grimassen schneidend, in Frau Juliens Salon, um den dort eingetroffenen Güsten den Tee zu präsentieren.
Es ist Frau Mieseke, die verwitwete Frau Hoffourier, die neben Herrn Knoblauch, dem reichen Maurermeister, zuerst in den festlichen Raum hincingerauscht ist.
„Lieber Herr Knoblauch", bittet die Wirtin mit etwas belegter Stimme (sie hat heute schon gar zu viel kommandieren müssen), „nicht wahr, Sie nehmen sich des Tanzes ein wenig ctft und verteilen auch die Tanzkarten an die junge Welt?"
Der in seinem vortrefstich sitzenden Ballanzug noch ziemlich flott und beweglich aussehende, wenn auch nicht mehr ganz jugendliche Junggeselle fühlt sich durch die Betrauung mit dem Amte eines Bortänzers nicht wenig geschmeichelt: ,^Sie haben über mich zu befehlen, verehrte Frau Lampert." Er wirft einen Blick auf die Tanzkarte und fügt


