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Wachsen sind, „was nützt uns das Versteckspielen? Unsere Kinder sind die Jahresringe, nach denen man unser Alter so sicher berechnet, wie das eines gefällten Baumes."
Man hört vom Hofe her das Rollen der Wagen, die. die Gäste von.der nahen Bahnstation abgeholt haben. Tyras, der große Neufundländer, dein die Hofbcwachnng obliegt, meldet die Ankommenden durch cht jauchzendes, auch im ^-a- lon vernehmbares Bellen. Juno, die Hühnerhündin, die immer noch neben ihrem Herrn steht und heimlich an dem At- laskleide der Hausfrau schmeichelnd herumschnüffelt, hört das Gebell des vierbeinigen Kameraden und schießt nach dem Garten, um in langen Sprüngen um die Ecke des Hauses zu jagen und bei der ersten Bewillkommnung der Gäste zugegen zu sein. Bald erscheint der Diener und meldet die Erwarteten. Herr von Brank geht ihnen durch den Saal entgegen und drückt ihnen schon im Flur die Hand.
„Willkommen, Randenstein! Freut mich, Gotenberg, Sie endlich einmal hier zu sehen! Guten Tag, Tollen! Darf man zur Schwadron gratulieren?" llnd wie der letzte der Angeredeten in erheuchelter Betrübnis mit dem Kopf schüttelt, 'fährt Herr von Brank tröstend fort: „Nun, gut Ding will Weile haben. Ah, und da ist Bölkner der Große! auch’ io son pittore. Wie geht es, Professörchen?"
Der Maler wehrt lächelnd diesen Titel ab. „Sie antizipieren eine ferne Zukunft, Herr von Brank; dem Maler Völker geht es gut."
Zwei Gäste treten verspätet in den Hausflur.
„Oeuli, da kommen sie!" ruft ihnen Brank entgegen. „Wo steckten Sie denn so lange, Assessor?"
„Ich sah den Herrn Pastor kommen." erwiderte William Teil, „und habe ihn erwartet. Wie geht es Ihnen, Herr- Baron?"
„Wenn ich Sie sehe, allemal vortrefflich. Seien Sie gegrüßt, hochwürdiger Herr!" wendet sich Brank dem schon betagten Pastor zu, der von dem großen Nachbardorfc, in welches das kleinere Giesdorf eingepfarrt ist, zu Fuß herübergekommen ist. — „Sie sind, wie immer, der unermüdliche Fußgänger und beschämen das jüngere Geschlecht." Und nun, die Stimme erhebend und sie an alle richtend, fragt er munter: „Seid Ihr fertig mit Ablegen, meine Herren? Dann vorwärts zu meiner Frau! Ich verschwinde nur einen Augenblick, um mich umzukleiden!"
Das ist ein munteres Durcheinander von Stimmen, ein Scharren von Füßen und Klirren von Sporen, wie die Herren der Frau vom Hanse ihr Kompliment machen und die ersten Worte der Begrüßung wechseln. Die drei Offiziere, die demselben Ulanenregiment angehören, unter dessen Standarte Herr von Brank seine eigenen Pagenjahre erstürmt hat, schnallen auf Klaras Wunsch ihre Säbel ab und reichen sie nebst den Mützen deut harrenden Diener, der Mützen und Säbel nach dem Vorflnr trägt.
Der Leutnant von Randenstein, ein ungewöhnlich hoher und schlanker junger Mann — eine richtige Gardefigur — mit kurzgeschorenem blonden Haupthaar und einem spitz ausgedrehten, feinen, fast weißblonden Schnurrbärtchen, lebhafter Gesichtsfarbe und einem tadellosen Gebiß, das zwischen den frischen Lippen bläulich-weiß hervorblitzt, erkundigt sich bei Frau Klara in verbindlicher Form nach der Tochter des Hauses.
„Ellen wird gleich erscheinen, Herr von Randeustein; ich denke, mein Manu wird sie mitbringen," erklärt Frau hon Brank. „Sie hat die italienische Sprachlehrerin bei sich die aber gleich zur Bahn fahren muß."
„Ihre Fräulein Tochter treibt Italienisch?" fragt der schlanke Ulan; „das ist sicher eine Vorbereitung zur dem- nächstigen römischen Reise."
„O nein. Ellen behauptet nur, sie könne die Kenntnis des Italienischen nicht mehr entbehren: es wäre eine Knltnr- sprache so gut wie die deutsche, englische oder französische."
„Man merkt, daß Ihr Fräulein Tochter Musik treibt und für Edmondo de Amicis schwärmt."
„Jedenfalls sehr dreibundfreundlich von Ihrer Fräulein Tochter," bemerkt der Leutnant von Gotenberg, der hin- zugetreten ist und den letzten Teil der Unterhaltung gehört hak.
Herr von Gotenberg hat ebenfalls altmärkisches Blut in den Ädern; er ist schon mit zwanzig Jahren der Erbe der väterlichen Gfiter gewyrden, gilt aber als ein sehr solider UNv gesetzter lunger Mann. Er ist mittelgroß, schlank und geschmeidig, eigentlich eine Husarenfignr, sieht aber, wenn er zu Pferde sitzt, auch unter seiner viereckigen, roßschweif
geschmückten Czapka vortrefflich ans. Er hat vier Semester in Bonn und Heidelberg studiert, um sich dann erst in einen schmucken Gardeulanen zu verwandeln.
„Menschenkind!" wendet sich Randenstein gegen den Kameraden, „Du hast doch nichts gegen beit Dreibund einzuwenden ?"
„Ich? Gegen den Dreibund? Gott bewahre mich, daß ich mich je um Politik kümmere! Ein politischer Soldat — ein garstiger Soldat! llebrigens schwärme ich für die Italiener und bin ein begeisterter Verehrer des ritterlichen österreichischen Kaisers."
„Bravo, Gotenberg!" ruft der Hausherr, der seine Umkleidung beendet hat und eben in den Saal getreten ist. „Haben Sie's gehört. Tollen? Gotenberg hat endlich verraten, daß er auch einmal für jemand schwärmen kann."
Tollen, an den sich der Hausherr mit diesen Worten gewandt hat, ist ein lustiger Holsteiner, dem es meist Spaß macht, seine jüngeren Kameraden zu necken; er schlägt die Hände zusammen und ruft iit verstellter Ueberraschung: „Nu höre einer dieses junge Volk! Redet von Politik und Dreibund und Italien! Macht doch lieber Kehrt und begrüßt die edle Tochter dieses gastfreien Hauses!"
Alle wenden sich um und erkennen Ellen, die geräuschlos hereingehuscht ist und schon vom Assessor Tell, der bisher mit dem Maler und dem Pfarrer geplaudert hat, ins Gespräch gezogen ist.
_ Fräulein Ellen von Brank mag achtzehn bis neunzehn Sommer zählen; sic ist nach des Malers Völkner mit Vorliebe wiederholter Behauptung eine der süßesten Mädchen- knospeu, die je dem Sande der Mark entsprossen sind. Einen Kopf kleiner als die Mutter, erinnert sie in Gestalt und Ge- sichtsbilduug mehr an den Vater. Ihr Haar ist dunkel, fast schwarz. Ihre großen, samtweichen, schwärmerischen Augen leuchten aurikelblau unter langen, tiefdunklen Wimpern hervor; ein außerordentlich fein modelliertes Näschen gibt ihrem Antlitz einen ganz befondereu Ausdruck, fast den einer gewissen Keckheit, aber die weichen Linien des reizend geschnittenen, kauni kirschengroßen Mündchens und die süße Schwärmerei ihres Blickes mildern diesen Ausdruck, und das, was unbestritten aus ihren rosigen Zügen spricht, ist reinste, siegreichste Mädchenhaftigkeit.
„Nein, so zeitig lassen wir Sie nicht fort," sagte Ellen eben zum Assessor, der ihr die Stunde der geplanten Rückkehr nach der Stadt genannt hat; „heute uiüssen Sie einmal den Abend bei uns bleiben; ich finge Ihnen auch nach dem Abendessen ein Lied."
„Eine verlockende Aussicht, mein gnädiges Fräulein," versetzt William Tell, „aber Sie ahnen nicht, was auf die Schultern eines so armen Hilfsarbeiters im Ministerium alles abgeladcn wird; ich muß heute wirklich beizeiten zu Hause fein; mich erwarten ganze Berge von Akten."
„Sagen Sic; Herr Assessor," fragt Ellen mit schalkhaftem Blick, „Sie find wohl schrecklich ehrgeizig?"
„Warum das?"
„Weil Sie sich so quälen und arbeiten; Sie wollen gewiß eimnal ein Ministerportefeuille erobern."
Tell lächelt: „Ich tue nur meine Schuldigkeit als ge- tvissenhafter Beamter und Staatsdiener. Wer in seiner Wiege kein Rittergut gefunden hat, der muß sich tüchtig placken, wenn er in dem Konkurrenzgetüimnel des Lebenskampfes nicht erliegen und die Füße der erfolgreichen Mitbewerber nicht über sich Hinwegschreiten sehen will."
„Sie machen mir gar nicht den Eindruck, als ob Sie sich so leicht zu Boden werfen ließen," sagt das junge Mädchen, das mit froher Bewunderung an dem hohen, kräftigen, breitschulterigen Manne cmporsieht.
„Ich wehre mich auch meiner Haut; aber für einen unbemittelten Beamten ohne Gönner und Schirmherrn heißt es: arbeiten und arbeiten und immer wieder arbeiten."
„Was beneide ich Sie, daß Sie mit starker Hand Ihr eigenes Geschick schmieden dürfen! Es muß eine hohe Lust fein, bei jedem Hammerschlage, den man auf das spröde Eisen des Schicksals tut, zu denken: Das tue ich für mich! Wir armen Mädchen!"
Jetzt lachte Tell belustigt auf: „Wir armen Mädchen? Ei, mein gnädiges Fräulein, so sollte die Frciin Brank von Giesdorf nicht sprechen; das klingt ja wie Hohn auf alle minder bevorzugten Mitschwestern! Sie, die Tochter eines Majoratsbesitzers —"
„Sie nennen das Ding beim richtigen Namen: die Tochter eines Majoratsbesitzers hat alle Ursache, bescheiden zu


