' fämbäcJf Ct'f
»MW
<rf||rätjii !»IKWs M^WWÄtlN
Lsuernblut.
Woman von Gerhart t). Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Im Schlosse zu Giesdorf stand die nach dem Garten führende breite Glastür des Empsangssaales offen und die Herbstsonne sandte ihre Strahlen auf das glänzende Holz- getäfel des Fussbodens, soweit es nicht durch dicke Smyrna- teppiche verdeckt war.
Die Herrin des Hauses, Klara Freifrau Brank von Giesdorf, geborene von Strichotv, trat von einem Nebenzimmer her in den Saal und warf einen musternden Blick auf die darin befindlichen Rokokogeräte und die mit duftenden Blumen besetzten Gestelle: sie erwartete heute Gäste. Frau Klara war eine schlank gewachsene, dunkelblonde anmutige Dame in jener zweiten und letzten Btütenperiode der Frau, die manchmal bis in den Anfang der Vierziger hinein andauert und dann das Abschätzen ihres Alters selbst für den Kenner zu einer schwierigen Sache macht. Wenn man nun aber auch annehmen wollte, daß sie vielleicht mit achtzehn Jahren geheiratet hatte, so mußte sie immer, da der Erbprinz des Hauses, Walter, ein Heidelberger Student, schon im dreiundzwanzigften Jahre stand, die zweiundvierzig überschritten haben. Sie hatte große, blaue, ruhige Augen, die nur, wenn sie sprach, etwas, lebhafter blickten, dann aber auch jeden, dem sie diese freundlichen Sterne zuwandte, in den Ban» ihres Zaubers zwangen. Das, was sie überall beliebt machte nnd ihr überall eine Art Ausnahmestellung verschaffte, war die vollkommen natürliche und ungesuchte Art und Weise, mit der sie sich gab. Obgleich sie aus altem, vornehmem Geschlecht stammte und als die Gattin eines ebenso vornehmen und vermögenden altmärkischen Gutsbesitzers vielleicht nicht ganz unberechtigt gewesen wäre, gelegentlich besondere Ansprüche zu erheben, so vermied sie doch jedes Betonen ihres Ranges und Besitzes, jedes Sichvordrängen, jede hochmütige Anmaßung, durch die so gern Emporkömmlingsnaturen verletzen und zum Widerspruch herausfordern. Gleich freundlich und anspruchslos gegen jedermann, wurde sie auch von aller Welt geschätzt und geliebt, unb je weniger sie ihre Tugenden nnd glänzenden Eigenschaften zur Schau stellte, um so mehr kamen sie zur Geltung und um so bereitwilliger huldigte man ihnen vonseiten der Frauen und Männer — besonders der Männer. Alte und jüngere Herren, Verheiratete und Unverheiratete, Militär unb Zivil, Abel unb Bürgertum verkehrten mit Vorliebe im Brankschen Hause, und wenn auch Fran Klara an großen Gastereien unb sogenannten „Generalabfütterungen" keinen Geschmack fanb, so verging doch selten eine Woche, in ber sie nicht wenigstens einmal etliche Gaste an ihrer ausgesuchten Tafel bewirtete.
Das schwarze Atlaskleib, das ihren schlanken Wuchs noch höher unb schlanker erscheinen läßt, ist vorn am Ausschnitt
mit einer gelben Teerose geschmückt; zwei ebensolche Rosen bufteu in ber seidenglänzenden Fülle ihres Blondhaares. Eine funkelnde Brillantnabel steckt in ber unteren Spitze des herzförmigen Kleidausschnittes; am Gelenk ihrer Innen Hand glitzern ein paar Armbänder, die ebenfalls mit Brillanten verziert sind. Sie schreitet zu dein Rundsofa in der Mitte des Saales unb gibt der Palme, die über dieses Rundsofa herabnickt, eine leichte Drehung, um bett stolz geglie- berten Blätterbau ber tropischen Pflanze in noch besseres Licht zu rücken. Daun tritt sie langsam in bie offene Glastür, läßt bett ruhigen Blick ihrer starken, jebem Lichtreiz gewachsenen Augen hinausschweiseu in den Sonueuglanz, der vom See jenseits des Gartens zurückgespiegelt wird, unb erkennt ihren Gemahl, ber, bie Flinte auf der Schulter und von Juno, dem Hühnerhund, begleitet, zwischen den Blumenbeeten herankommt.
„Kurt, Kurt, es wird Zeit, daß Du Toilette machst!" ruft sie ihm freundlich entgegen (sie ist immer freundlich, wenn sie den Gatten erblickt), „gleich werden unsere Gäste
kommen." „ _z ,, , .
„Wen erwartest Du denn, Kläre?" Er pflegt ihr dre- sen Namen jedesmal zu geben, iuetnt ihm ihre Erscheinung
besonders gefällt.
„Ein paar Herren Deines alten Regimeitts, unseren Pastor, den Maler Völker und — das Beste zuletzt — den
Assessor Tell." , „
„So? Da muß ich mich toohl eigentlich in Wachs setzen? Dieser Tell scheint ein Scharfschütze zu sein, der auch Dich mitten ins Herz getroffen hat." .
„Ich mag ihn auch wirklich gern: er i|t ein Jndividual- mensch und hat eigene Gedanken. Aber des Frackes bedarf es iticht; wir gestatten Dir gern bett lieberrod."
„Sehr gnädig, meine Teuerste!" eriüibert in scherzendem Tone ber Freiherr. Er steht jetzt in ber Tür neben seiner Gattin, die er leicht an sich zieht, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken.
Daun tritt der Freiherr eilten Schritt zurück, mustert sie noch einmal von oben bis unten und sagt, unverkennbar befriedigt durch das Ergebnis dieser Musterung: „Ich werde dem Gärtner austragen, noch mehr gelbe Teerosen zu ziehen.
sie stehen Dir gut." _ „
„Wirklich? Gefalle ich Dir noch?" tote schlingt herbe Arme um seinen Nacken unb küßt ihn herzhaft auf bie bärtigen Lippen. „Dies dafür, daß Du immer noch ein galanter
Ehemann bist." r,
„Immer noch? Wie lange bin ich es denn schon?
„Das fragst Du? Hast Du denn noch nicht daran gedacht, daß wir bald die silberne Hochzeit feiern werden?"
„St! st! die feiern wir gar nicht: so dumm werden wir doch nicht fein? Kein Mensch soll ahnen, daß wir eigentlich schon alte Leute sind." , c. ,
„Ach, Kurt," lacht mit silberheller Stimme bie hübsche Frau unb sie zeigt bei biesem Lachen ihre gesuuben, appetitlichen Zähne, bie alle wurzelecht itt ihrem Mündchen ge*


