An. Nach menschlicher Voraussicht wird einst mein lieber Bruder Walter hier herrschen, und wenn dann seine Schwester noch lebt, wird sie froh sein, wenn sie ihm als alte Jungfer die Wirtschaft wird führen dürfen."
„Wollen Sie denn eine alte Jungfer werden?"
„Wer weiß? Das hängt ja in erster Linie gar nicht von mir ab." #]
„Aber in zweiter?"
„Allerdings. Wenn jemand so töricht wäre, mich zu begehren, daun hätte ich in zweiter Linie doch zu entscheiden, ob ich ihm angehören wollte."
„Und Sic würden Nein sagen?" Diese Frage kommt etwas ängstlich über die Lippen des Assessors, und er fühlt zu seiner geheimen Verwunderung, wie ihm die Stimme ein wenig zittern will.
Ellen lacht munter: „Das kann ich doch vorher noch nicht entscheiden; erst müßte ich doch wissen, wer der Begehrende ist und wie er aussieht."
„Ich glaube wahrhaftig, die Herrschaften sprechen vom Heiraten," platzt wohlgemut der Oberleutnant von Tollen dazwischen, der Ellens letzte Aeußerung aufgeschnappt hat.
(Fortsetzung folgt.)
was Mer!au in der Zraiizosenzeit erlebte.
Von Ernst S i c b e ck, Pfarrer.
(Schluß.)
Der russische Feldzug Napoleons und seine Vorbereitung machte sich in unserer Gegend wiederum durch größere Erleichterungen fühlbar. Tic Militärstraße war im Jahre 1812 bis hinter Grünberg fortgeschritten. Nach Flensungen zu wurde die „große Krücke" über das Brunnental gebaut, welche damals allgemein als ein Wunderwerk bestaunt wurde. — Am 20. März 1812 starb 74jährig der Mcrlauer Schultheiß und Amtsvorstehcr Johann Heinrich Reitz, der bisher unter großen Mühen die Verhandlungen mit Freund rind Feind gewissenhaft geführt hatte. Anton Reitz wurde sein Nachfolger. — Am russischen Feldzug nahmen auch Glieder des Kirchspiels Merlan teil. Ein Merlauer, Georg Finkernagel, wurde gezwungen, mit feinem Gespann bis' nach Rußland mitzufahren. Er kam, als er schon verloren geglaubt wurde, mit nichts anderem als einer Peitsche zurück. Zwei Jlsdorfer Brüder, pamcns Best, zogen als Soldaten mit. Man bat nichts mehr von ihnen gehört. Der älteste Manu in unserer Gegend, der „Mückewirt" Konrad Bräuning, erzählt folgendes: Ein Bruder seines Vaters sei in Rußland geblieben. Die Soldaten hätten bei Merlau gelegen, ohne zu wissen, ivo sie waren. Es sei „barbarisch" kalt gewesen, und die Leute hätten ihren Hunger mit Pferdefleisch gestillt. In einer Nacht ließen die Russen einen Teich ab, so daß die Truppen bis an den Hals im Wasser standen. Einer Abteilung sei die Kriegskasse zerschmissen worden, ein Soldat habe einen Beutel Geldes in einem alten Weidenstumpf verborgen. Von den Kosaken hätten die Truppen viel zu leiden gehabt. ■— Solche auf die Russen und Rußland bezüglichen Einzelheiten haben sich also im Gedächtnis hiesiger Einwohner bis zum heutigen Tage erhalten.
Demgegenüber sind die Erinnerungen, an die Franzosen weniger klar, und es ist schwer festzustellen, auf welche Zeit sie sich beziehen, weil unsere Gegend fast 2 Jahrzehnte lang von den Franzosen heimgesucht war. Es ist z. B. schwer zu sagen, wann sich die mir vom hiesigen Bürgermeister Magel mitgeteilte Eifersuchtsszene zwischen einem Jlsdorfer Knecht und einem französischen Soldaten abgespielt hat, in deren Verlauf der Franzose, nachdem er auf den Knecht geschossen hatte, jämmerlich verhauen wurde. Die Sache hatte ein kriegsgerichtliches Nachspiel int Merlauer Pfarrhause. Des Kitcchtes Herr, Kalbfleisch, wurde verhaftet, weil er sich nn der Prügelei beteiligt Hätte, und unter Zuhilfe-- nähme eines Dolmetschers verhört, aber dann wieder auf freien 8uß gesetzt. Während der Verhandlung Ivar das Pfarrhaus von oldaten mit geladenen Gewehren umstellt.
Im Jahre 1813, das die Befreiung brachte, befand sich die Gemeinde in solcher Geldnot, daß sie bei Johann Georg Sartorius in Merlan eine Anleihe von 700 fl. machen mußte, um rückständige Schulden bezahlen zu können. Die Ernte des Jahres scheint gering ausgefallen zu fein, denn die Einnahmen aus Pacht und verkauftem Heu usw. erbrachten nur etwa die Hälfte des sonstigen Ertrags, nämlich 42 fl.; für Obst (Holzäpfel und Birnen) wurden kaum 2 fl. gelöst. An Maulwurfsfängcrlohn wurden dagegen 18 fl. bezahlt. Eine jteue Einnahmequelle erschloß sich die Gemeinde^damäls in der Schäferei. Die 2 Herden von zusammen 405 Schafen brachten 500 fl. ein, die freilich zum großen Teil für Kriegslasten draufgingen. An weiterem Vieh waren nach einem Verzeichnis vorhanden: Pferde: scheinbar keine, Kühe 51, Schweine 49 (nach der letzten Viehzählung: 16 Pferde, 313 Stück Rindvieh, 244 Schweine, keine Schafe). Die Kriegskosten erreichten wieder eine bedeutende Höhe. Infolge des Vor- Und Zurückdrängens des französischen Heeres, des Nachdrängeus der
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Russen und Preußen hatte Merlan zahlreiche Fuhren zu übernehmen. Bald nach der Schlacht bei Leipzig erschienen die Russen („pohlische Truppen"), welche wiederum zahlreiche genaue Erinnerungen hinterlassen haben. Aus den Gemeiitderechnungeti geht hervor, daß in Merlan vom 1. bis zum 19. November russische Einquartierung lag. Auch wenn diese Zeitangabe nicht vorhanden wäre, ließe sich die Zeit der Einquartierung doch genau feststcllen. Aus Allerheiligen, so wird hier erzählt, also am 1. November, kamen 5000 Russen aus dem Walde hinter dem Kirschgartner Friedhof und bezogen bei Merlau ein großes Lager. Und als der Urgroßvater des jetzigen Ortsdieners, Johannes Harfmaun, geboren wurde, da zwanget: die russischen Offiziere die Soldaten, welche die Betten der Einwohner belegt hatten, das Bett der Mutter zu räumen, damit diese sich in ihrer schweren Stunde nieberlegen könne. Nach dem Kirchenbuch ist aber Johannes Harfmann am 19. November geboren. Das Lager befand sich auf der Heegwiese westlich des Dorfes, auf der die Soldaten auch das 'mitgebrachte Vieh weideten. Hier und int Garten von Stichler im Dorfe brannten große Feuer, in welchen ganze Stücke Vieh gebraten wurden. Der Branntwein wurde gleich aus den Fässern getrunken, der „Honig" mit Löffeln aus den „Dippen" gegessen. Beim Landwehrlcutnant Sartorius erpreßten dies Russen für 5 fl. Branntwein, dem Knecht des Hofbcständers (Besitzer des Hofgutes) Kälb- fleisch, Wilhelm Kloß, nahmen sie die Schuhe weg, dem Schultheiß Reitz Säcke int Werte von 4 fl. Die Mädchen wurden vor den zügellosen Soldaten in den Schränken versteckt. Das' Pfarrhaus war durch eine Wache ans dem Dorfe beschützt. Der Tuchknecht Lehr erhielt dafür 2 fl. aus der Gemeindekasse. Beim Abzug äußerte ein russischer Offizier: „Mit Gottes Hilfe werden wir die Franzosen aus dem Lande treiben". — Man hat wohl diese „Befreier" nicht ungern abziehen sehen. Ihnen folgten preußische Truppen. Am. 15. Dezember lag im Dorfe das 15. schlesische Infanterie-Regiment, dessen Hauptmann Krantz der Gemeinde bescheinigte, daß sie einem Soldaten auf ihre Kosten 2 Paar Schuhe hatte besohlen lassen. Von Erpressungen preußischer Truppet: finden sich in bett Urkunden keine Nachrichten.
Ueber die Einquartierungen der folgenden Jähre geben genaue Auskunft die Rechnungsbeilageu, in denen der Schultheiß Reitz seine Arntsgeschäfte aufzeichnete. Sie zeigen, toie schwer die Gemeinde auch noch während der beiden Feldzüge in Frankreich 1814 und 1815 mitgenommen wurde, und sollen hier mit einigen Ergänzungen aus den Rechnungen folgen.
1814. Ianttar, 12.: Einquartierung der Preußischen Fußbatterie Nr. 13. F c b r u a r, 6.—8.: Hinterpommerschc preußische Landwehr. 8.: westpreußische Cavallerie, 3. Regiment. Diesem wurden geliefert: 2 Pfd. Wagenschmiere und Ve Maß Oel durcheinander, Vorspannpferde und Wagen. M ä r z, 9.: preußische Artillerie. Ein Artillcrielager befand sich am Flensunger Weg nach Mücke zu; Johann Georg Thomas lieferte ihm Stroh. 25.: 121 Mann Preußen. APri l, 14.: Einquartierung vvn Sachsen. 17.: Einquartierung, welche Rasttag hält. Mai, 6.: russische Gardecavallerie. Die Russen erpreßtet! wiederum Branntwein, Alexander Becker erhielt dafür I81/2 fl. Für Magazinslieferungen an russische Truppen mußte die Gemeinde in 1814 300 fl. bezahlen. Dem Schnltheißett ersetzten sie eine von russischen Offl- zieren genommene Gatts mit einem Gulden. 27. Mai: Bericht des Schultheißen über russische Rechmmgen, eine über Tuch, eine über Schuhe, eine über Eisen und Hufbeschlag. Juni, 6.: gelbe preußische Husaren. 11.: das Petersburger Volontärregiment. 16.: 300 Mann und 300 Pferde. 17.: 300 Mann und 80 Pferde. 18.: 350 Mann und 175 Pferde. 19.: Russische Artillerie, 154 Mann und 156 Pferde, „welche doppelte Rationen nahmen, wo die Gemeinde 72 Mesten Gerste noch zu deut aus den Magazinen gekommenen Hafer hat liefern müssen, welche sie aber wieder aus den Magazinen erhalten hat." Juli, 22.: Kurhefsische Infanterie, 205 Mann, 3. und 4. Kompagnie Prinz (Kart. Augu st, 14.: 346 Mann sächsische Infanterie. 25.: Bericht „über Schaden in den Wiesen und dem Kalbfleisch verübt". Für am 16. November an die Merlauer Einquartieriing geliefertes Fleisch bezahlte die Gemeinde dem Johann Kaspar und Markin Zöckler itt Grünberg 10 fl., und zwar für 12 Pfund ausgelassenes Fett, daS Pfttnd zu 30 Kreuzer und für 4 Pfund Ochfenfleisch, das Pfund zu 12 Kreuzer, für Wein an die Offiziere in 1813 und 1814 wurden dem Konrad Hofmann in Grimberg 6V2 fl., an den „wilden Mann" (Gasthaus in Grimberg) 2 fl. 40 Kr. bezahlt.
1815. „Berichte über Einquartierungen im Januar Februar und März" ohne nähere Bezeichnung. April, 16.: der Schultheiß muß nach Grünberg reiten, „weil ein preußischer Landwehrmann von der Schosse hierher kam und 2 Wagen mit 6 Pferden mit Gewalt von der Gemeinde verlangte uitb auch wirklich mitgenommen hat, welche von Bobenhausen hcrgekotpmett sind, und ist'der Fuhrlohn heute (am Tage der Aufstellung des Verzeichnisses) noch nicht bezahlt". Am 20. April lag „der Stab" mit 223 Mann und 21 Pferden in Merlau und Kirschgartett und müßte verpflegt werben. Er verlangte Pferde, um Pulverwagett wegzuschaffen. 21.: 202 Mann Preußen, „welche so viel Fuhren und Reitpferde in Merlau und Kirschgartett verlangten". 26.: eine große Liest? rung. 27.: Kavallerie, 41 Mättu und 43 Pferde. 28.: Abmarsch derselben, „wo Merlau und Nieder-Ohmen hat Wagen geben müssen". M a i, 3. und 4.: Schlesische Landwehr, „welche in Merlau und Kirschgarten, sowie in Flensungen und den zwei Jls-


