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1.9.1913
 
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zu Lacken, rang er mit ihr, sie am Mantel zerrend, um sie in oie grausige Tiefe zur Linken zu schleudern.

Aber noch kämpfte der streitgewohnte, stählerne Fuß mechanisch weiter trieb ihn doch das beherrschende Ge­bot: Weiter, höher hinauf ans Ziel!

Aber neue Gefahr. Der Grat wurde vereist. Keinen Halt fand der Fuß mehr am glasharten ©Welag, und die Hand inußte ihm zu Hilfe kommen mit wuchtigem Stufen- fchlagen.

Ein Kämpf um Leben und Tod nun wer wird der Stärkere fein?

Handbreit nur der Grat, rechts und links in trügen rischem, blendendem Weiß nur lose angeklebte Wachten, bereit, wie heimtückische ^Falltüren, die vom Wege irrende Bergbezwingerin in tosendem «Zusammenbruch zur Tiefe zu schleudern. 1

Aus dieser Schneide gang sich die furchtlose Kämpferin Schritt für Schritt empor, setzt auch noch umwirbelt von treibenden Schneeflocken, von spitzen Eiskristallen, die sich wie winzige, aber schneidende Pfeile ins Antlitz bohrten. So rang sie immer und immer wieder, sich anstennnend gegen die tobenden Anfälle des gierig aufheulenden, nach ihr stoßenden Sturms.)

Ein furchtbares Ringen. >,

Noch immer war kein Ende des Grates zu sehen, und der Eishauch drang erstarrend durch das durchnäßte Ge­wand Gottliebes bis ins Mark; kaum vermochten ihre frostgelähmten Finger wdy den Pickel zu umklammern, das letzte Mittel der Rettung aus diesem Todeswege. Wehe, wenn auch das noch versagte!

Mer wozu noch her Kämpf? Grüßten da zilr Seite nicht eben schon die blauschimmernden Türme und Zinnen, die Eispaläste der Saligen? War nicht das Ziel da, das sie sich gesetzt?

Und die Hand der Kämpferin sank, tote des fruchtlosen Weiterringens müde, plötzlich hernieder.

Ihr leerer, starrer Blick saugte sich fest an den phan­tastischen Eisgebilden ^die da, wenn der Sturm einmal die Nebel zur Rechten zerriß, durch die tollen Flockenwirbel auftauchten. *-

Da hausten sie, die Saligen. Ob jene, die dem ersten Malmort das Leben geschenkt, wohl auch das Glück der Liebe so gebüßt haben mochte, mit zertretenem Herzen wie sie?

So stand sie wie ein Bild aus Stein, mit großen, irren Augen in die Tiefe starrend.

Da war es ihr, als ob drunten aus gähnendem Gletscher­spalt plötzlich Gestalten auftauchten. Oder war's nur ein Spuk ihres Hirns, das zu erstarren begann boit dem eisigen, tödlichen Frosthauch, der an ihrem Leib, von den Füßen her, herausschlich. v

Gestalten lockend, .winkend!

Und nun ein Antlitz, wohlbekannt, aber lang vergessen in wilden Stürmen des Herzens: Ein blasses Gesicht, an den Schläfen die klaffende Todeswunde vom Sturz in die

Noch größer, geisterhafter ward der Blick der Er­starrenden.

Was willst du hier auf einmal, du stiller Schläfer/ der du doch längst die ewige Ruh gesunden, weit drüben im friedlichen Gottesacker, jenseits der Berge?

Was schaust du so vorwurfsvoll, fo streng?

Du meinst, weil ich jenem andern gab mit vollen Händen, was ich dir versagte? Daß ich dich in den Tob trieb mit stolzem Ausbruch verletzter Frauenehre, ich, die sich nun fo ganz hingab' an einen Mann in Sünden und Schmach!

So meinst du. Und dennoch trifft mich dein stummer Vorwurf nicht! Hochauf richtete sich, sieghaft und stolz, noch einmal der Leib der Frosterstarrenden denn wisse: Dem ich mich zu eigen gab, den liebte ich, liebte ich mehr als mein Leben und segne ihn noch in dieser Stunde.^: .Also hinweg! DU sollst mir sein Bild nicht Kren, das letzte, das meine Augen sehen sollen.

Eine heftig abwehrende Bewegung Gottliebes nach her Tiefe hin, im selben Augenblick ein neuer, rasender An­fall des Sturmes, da glitt der Fuß aus schützender Stufe,- ein Heller Schrei, das Sturmgeheul übertönend:Wulfrin, Wulfrin!" dann war die einsame Menschengestalt vom

ihm keine Verantwortung schuldig du wirst ihm ja dein ferneres Leben opfern alles, loas du noch zu geben haft, du Armer!"

Und du ?"

Ich werde meinen Weg gehen.

Das kurze Wort machte ihn erschauern; es wehte ihn plötzlich daraus an wie ein eisiger Todeshauch.

Gottliebe!" Noch einmal schrie es verzweifelt in ihm auf.Nein, nein, ich lasse dich nicht! Nicht so, nicht in dieser Stunde!"

Sei ohne Sorge um mich, Wulfrin!" Ein eigenes Lächeln stand um ihren Mund.Ich gehe sicher meinen Weg, und ich bin stark. Ich denke, du weißt es?"

In stummer Qual griff er nach ihrer Hand. Sie ließ sie ihm und preßte sie noch einmal mit heftigem Druck.

Hab Dank, Wulfrin, für deine Liebe! Sie gab mir höchstes Glück; fo ist das andere nun nur recht und billig. Und jetzt leb wohl!"

Muß es sein?" ( _

Mit brennenden Augen starrte er sie an, tödliches Weh im Herzen.

Es muß!"

Tann leb wohl!"

Noch einmal brannten feine Lippen aus ihrem kalten Mund; wie ein niedergekämpftes Aufstöhnen rang es sich aus seiner Brust. Dann ließ er sie allein.

Sie schaute dem Davonschreitenden nach, starr und ohne Bewegen, bis seine Gestalt im Dünkel verschwunden war. hob sie das Haupt u>id blickte um sich.

Mer Mond war indessen über den Bergen drüben auf­gegangen. Im Silberduft glänzten die Gletscher vom JardrK delle Domnizelle herüber ( märchenhaft, verträumt, tote mit leisem Winken.

Da nickte sie zu dem Garten der Saligen hin:

Ich komme zu euchi eine der euren, wie die eures Stammes, die einst dem ersten Malmort sich vermählt droben im Zauberschloß von Firn und Eis.

Und sie wandte den Fuß borthin. Ein einsames Wandern in der Mondnacht, allein im Fels, dessen Zacken unheimliche schwarze Schattim über die Hänge und Kare warfen:'In hundert dunklen Höhlen und Schlüsten lauerte das Grauen.

Starre, lautlose Einsamkeit ringsum. Doch horch! jetzt fern da droben, Ido der ewige Schnee herrscht, ein selt­sames Geräusch. Erst wie das dumpfe Grollen einer nach Beute lungernden Beslle, dann stärker wie heranziehender Donner und mm heulte ein Gebrüll durch die nächtliche Finsternis, das das Blut in den Adern erstarren machte der Massige Leibdes Gebirges erzitterte: Prasselnd, krachend, fauchend und dröhnend fuhr eine Lawine in naher Berg­rinne zu Tal.'

Doch die einsame Wanderin schreckte es nicht. Gleich­mäßig, ohne Hält, klomm sie den weiten, ihr ja bekannten Weg hinauf zur Höhe. Wie zerbrochen war alles in ihrem Innern u- mit «einem dumpfen Gefühl, als wäre alles seelische Leben in ihr erstarrt, schritt sie bergan, nur von der einen allgewaltigen Borstellung beherrscht: Zu Ende, zu Ende!

Was wären ihr die Schrecknisse der Natur? Was konnte stoch Furchtbareres kommen, nachdem das Herz längst er­storben war? Wenn alles vorbei war, das Hoffen und Fürchten? Was andere jn Schrecken erstarren ließ, das konnte für die arme, in Qual versteinerte Seele nur noch willkommene Erlösung sein!

So achtete sie nicht auf den Wandel, der sich am Himmel vollzog, wie allmählich jagende, düstere Wolkenheere den Mond überzogen und nicht mehr fveigaben; wie aus den Bergschlüften und Tälern graue, kalte Nebel krocheu, höher und höher die Berge hinaufschleicheud und umzingelnd.

Was tat es ihr? War ja doch Licht genug, den Weg zu finden; denn schon kämpfte sich das erste, frostige Tages- grauen durch die Nacht.

Aber nun kam ein anderer Feind den unheimlichen Bedrängern zu Hilfe.

Der Weg hatte sich gewandt, und um den Bergrücken herum sprang aus vergletscherter Schlucht wütend ein eisiger Sturm Die einsame Wanderin an, die auf schneidend schma­lem ,Grat balancierte. In heftigen Stößen suchte er sie