Ausgabe 
1.3.1913
 
Einzelbild herunterladen

138

das friedlich-stille Tal mit dem alten Holzbrunnen und den

Kreuzen.--

Ich mochte lange durch den Hochwald gewandert fern, ich weiß cs nicht; denn ich stand noch ganz unter dem Emdruch den das verlassene Tal auf mich gemacht hatte. Da hörte ich plötzlich kräftige Hammerschläge. Jeder Schlag wurde durch das Echo mehrfach wiedergegeben, so daß ich nicht unterscheiden konnte, ob ein oder mehrere Männer die Schläge ausführten.

Der Wald begann sich zu lichten. Als ich ins Freie heraus­getreten war, konnte ich, wenn auch nur,undeutlich, große Strecken Felder und Wiesen unterscheiden. ____

Die Hammerschläge rührten von einem Schäfer her, der ferne Hürden zur Nacht festrammte. , ,,

Ich grüßte den alten Hirten und ließ mrch mrt ihm in ein Gespräch ein. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Mann zum Reden brachte; denn es ist ein charakteristischer Zug des echten Vogelsbergers, daß er aus Mißtrauen jedem Fremden gegenüber sehr wortkarg ist. Sobald jedoch sein Vorurteil gegen mrch ge- schumnden war, ging er gern auf meins Frage nach dem seltsamen Tal ein. ,, , .

Und er berichtete mir in seiner Sprache dreies Erdenfleckchens kurze und tragische Geschichte, deren Inhalt ich möglichst treu wiederzugeben versuche: .

In jenem Tal befand sich ernst em großes und wohl­habendes Dorf. Wer das Wild nahm in dieser Gegend arg überhand. Tie Bewohner konnten sich nicht vor dem Schaden retten.

Im Winter, wenn der Schnee hoch lag, kam es brs an die Häuser, um etwas zu finden, womit es seinen Hunger fülle. Wenn es Frühling ward und die Bäume sproßten, fraß das Wild die zarten Spitzen und die jungem Blätter von den Zweigen. Ging der Landmann zur Wiese, um Klee '$u mähen, mußte er sich mit dem begnügen, was das Wild ihm übrig gelassen hatte. Und wenn die Zeit kam, daß der Bauer die reifen Früchte seines Feldes einernten wollte, standen allenthalben nur die kahlen Strunke auf den Feldern.

Die Bewohner verarmten mehr und mehr von 'Jahr zu Jahr. So kam es, daß die gesamten Einwohner von Pferdsbach, dies war der Name des Dorfes, um die vierziger Jahre auswanderten. Sie zogen hinaus aus ihrer Heimat nicht traurige Menschen, nein, Menschen mit Hoffnungen, die in freudigem Herzen eine bessere Zukunst ahnten, Menschen, die 'für ihre Nach­kommen ein glücklicheres Fleckchen Erde sehnlichst erwünschten.

Ans vielen Wagen, mit ihrer Habe hochbeladen, zogen sie ans ihrer Heimat. Mit dem WahlsprucheTreu'vereint" schieden sie von ihrer Scholle.

Trüben, im Lande ihrer goldenen Hoffnungen gründeten sie ein nenes Dorf und nannten es Pferdsbach, . . . der deutsche Klang des Namens für sie eine süße Erinnerung an ihre deutsche Heimat.

--Dem Hirten wurden die Augen feucht. Ter Gedanke an die alten Zeiten, da all seine Verwandten auswandcrten. Übermannte ihn.

Auf mich hat der Anblick des Tales in jener stimmungs­vollen Abeudbeleuchtung und die schlichte Erzählung des alten Schäfers einen tiefen Eindruck gemacht.

*

Ms ich das Tal durchzog, erinnerte nur noch der Brunnen Md der verwahrloste Friedhof daran, daß hier einst Menschen gewohnt, die wenig Freude und viel Leid miteinander geteilt. Und in zehn Jahren... ist das ganze Tal mit Tannen auf­geforstet . . .

Dann steht vielleicht mitten im Walde noch der alte, plät­schernde Brunnen als einziges Denkmal für ein gewesenes Dorf, zugleich ein Markstein der Vergänglichkeit.

Verrirrschtes.

Die drei Probekandidaten. Von dem geist­reichen Marquis Pierre Lingrette erzählt Karl Ettlinger in dem lustigen und nachdenklichen Büchlein vomMarquis Bonvivant", das er in diesen Tagen bei Georg Müller erscheinen läßt, eine heitere und zugleich lehrreiche Anekdote. Einst bat eine Witwe dem klugen Marquis um Rat; man hatte ihr zur ^Erziehung ihres Sohnes drei Hauslehrer empfohlen und die besorgte Mutter wußte nicht recht, für welchen der drei Kandidaten sie sich ent­scheiden solle. Der Marquis war bereit, Rat zu schaffen, die drei Magister sollten in seiner Gegenwart dem Knaben je eine Probelektion erteilen. Vorher aber nahm sich der Marquis den jungen Zögling beiseite und prägte ihm ein, er solle jedem Lehrer als Antwort auf die erste Frage die Zunge herausstrecken und zu ihm sprechen:Mein lieber Magister, so es Euch bei Euren krummen Beinen nicht zu beschwerlich ist, habet die Gewogenheit, mir den Buckel entlang zu rutschen." Die Stunde der Prüfung kam, und der Junge entledigte sich seines Auftrages mit un­übertrefflicher Meisterschaft. Der Magister wurde rot vor Em­

pörung.Du mißratener Bengel!" rief er zornig,weißt W denn nicht, daß geschrieben stehet, du sollst das Älter ehren? Fürchtest du nicht im Grunde deines nichtswürdigen Gewissens die schwere SckMl'd, die du durch solche schändliche Handlungsweise auf dein Gewissen lädst? Siel) mir ins Auge, Knabe, sofern du es vermagst, o über dich ., . ."; aber weiter kam er nickst, denn der Marquis bat ihn, die Lektion zu unterbrechen und ließ den zweiten Magister ein. Als diesem auf seine erste Frage der Knabe geantwortet hatte, wie es ihm bedeutet worden war, ward er leichenblaß. Er öffnete den Mund, brachte zunächst kein Wort hervor, rückte die Brille zurecht; dann raffte er sich endlich auf und sagte mit väterlicher Fassung:Mein Sohn! Wüßtest du doch, wie wehe es mir tut, dich so ungebärdig zu finden. Merke es dir: Gehorsam ist des Schülers oberste Pflicht! Und damit du dieses nimmer vergissest, befehle ich dir, bis morgen 30 Mal den Satz zu schreiben:Ich darf meinen lieben alten Lehrer nickst kränken." Auch dieser Magister ward von dem Marquis höchst ungnädig ent­lassen, und die dritte Probelektion begann. Kaum hatte der dritte Magister jedoch die herausgestreckte Zunge gesehen und die re­spektwidrige Llufsorderung des Knaben gehört, als er in ein schal­lendes Gelächter ausbrach. Tann aber, als er sich gründlich aus- gelackst hatte, meinte er:Mein lieber Freund, für diesmal mag dir deine Frechheit straflos hingehen. Sollte es dir aber beifallen, sie zu wiederholen, so werde ich dir das Rückeneude verklopfem daß dir die Lust zu einem weiteren da capo vergeht!" Diesen Ma­gister gab der Marquis dein Knaben zum Lehrer und wahrlich, er hatte es nie zu bereuen."

* Der neue Frühjahrshut. Tie Gattin kommt strah­lend nach Haufe:9hm, John, was sagst du zu meinem neuen Frühjahrshut? wie sieht er aus?" John, nach kurzer nnß- trauifcher Prüfung:Wie ein halber Monatsgehalt."

* Ungenügende Zeugnisse. Die gnädige Frau, zu dem neuen Mädchen:Haben Sie Empfehlungen?"Mwohl, gnädige Frau, eine ganze Menge."Warum haben Sie sie bann nicht mitgebracht?"Ach, das ist genau dieselbe Ge- fchichte wie mit meinen Photographien. Sie werden mir alle nicht gerecht." , , t

* Falfch geraten. Die Lehrerin, tadelnd:Pfui, dtt kleiner Schmutzfink! Schon wieder kommst du ungewaschen zur Schule, man kann ja sehen, was du gefrühstückt hast!"Was denn?"Eier." Der Sünder, triumphierend:Falsch geraten, die Eier sind von gestern." . m

* Vor der Zollrevision. Die 'Dame zu einem Reise­gefährten, zweifelnd:Ich habe nichts zu verzollen. Was soll ich nun dem Beamten eigentlich sagen."-,9hm. Sie sagen eben, daß sie nichts zu verzollen haben."Ja, natürlich, aber wenn er nun doch etwas findet?"

* Mißglücktes Kompliment. Sie, auf dem Tennis­platz:Ich beneide Miß Playne. Sie spielt so famos, daß man vergißt, wie sie aussieht."Aber Sie sehen so gut aus, daß man vergißt, wie Sie spielen." .

* Drastischer Beweis. Gast:Tas GlaS ist la nur halb gefüllt, Herr Wirt!"Sie werden schon von dem Bier getrunken haben!"Fällt mir gar nicht ein!"So! Wo ist bann die Fliege geblieben, die oben darauf geschwommen ist t

*SchwacheAnsrede. Tourist (beim Mittagbrot):Herr Wirt, der Wein, den Sie mir da brachten, ist ja nicht zum Trinken!" Wirt:3a, liebes Herrle, Sie wollten ja auch ein SB einte zum Essen!" ______

Silbenrätsel.

a, at, ei, b, bei, gu, hi, ie, il, nia, na, pa, pa, ra, ra, ra, f, sei«, sv, la, ti, lis.

AnS vorstehenden Silben und Burbstaben sollen sechs Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die AnfangS- biichstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein geflügeltes Wort ergeben. Es bedeute» aber die einzelnen Wörter iolgendeS:

1. Australische Insel.

2. Wichtiges Erz.

3. Portugiesische Insel.

4. Ort der Unschuld und Freude.

5. Marderartiges Raubtier.

6. Haienstadt in Brasilien.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr Treff, p 'Pique, o Coeur, car Garreau trB = Treff-Bube, pA Pique-, cD = Coeur-Tome nsw. Im Skat liegen trB und trA. Mittelhand erhielt trZ, trK, tr9, tri, pZ. pD, p8, p7, earZ, car9, Hinterhand den Rest. Spielgaitg t 1. V. c9 M. trZ H. carB = 12

2. H. pA V. p9 an. pZ --- 21

3. H. carA V. carl M. carZ = 21

Den nächsten Stich nimmt Vorhand, muß aber noch einen Trumpsstich mit 6 Augen abgeben lV <B, M. trK, H. p3 6), so daß die Gegner insgesamt 60 erhalten.

Redaktion: R. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Langem Gieße»