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in3 Ers gegangen war, wenn — — — Nein wirklich, es ist «in verblödendes Dasein; ein viertes Jahr, stählen wir, würde nicht zu ertragen sein!
Ter Schnee ist von der Erde iveggeschmolzeu; das Wasser hat aufgehört m rinnen; wir können jetzt von Bast Rock nicht fort, denn das Eis ist voller Schmelzrifse und großer Wasserteiche. Jetzt sind ivir auf der kleinen Schäre gefangen. Beständig aber wandern wir auf ihre höchste Spitze hinaus und verbringen wie im 0origen Jahr die meiste Zeit damit, auf das Wasser hinauszustarren und nach dem Schiff auszuschauen, das niemals kömmt. Tas Landeis geht, es bricht in großen Schollen auf und treibt südwärts; Scholle nur Scholle verschwindet. Wir wünschen, wir hätten unser Boot hier unten und könnten mit, dann kämen wir doch fort; alles wäre diesem ewigen Warten vorzuziehen.
Wir sitzen brausten auf der aust-ersten Felsspitze und sehen das Wasser jetzt am Rande des Landes plätschern. Es ist warm; die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel und alles sieht schön und freundlich aus; die Pflanzen aber sind aufgeblüht, die Sonne ist wieder auf dem Rückzug, bald wird der Herbst mit Wind und Sturm sich einfinden. Es ist schön hier oben, doch setzt lassen wir uns nur selten verlocken, ein Wort des Lobes über dieses Land auszufprechen; schweigend sitzen wir nebeneinander und starren hinaus aufs Meer.
Ein Sausen in der Luft weckt uns aus unseren Tagträumen. Es ist eine Schar Lummen, die auf dem Felsen wohnen und jetzt anss Wasser fliegen; sie plätschern umher, froh und zufrieden mit dem Dasein. Wie wir sie beneiden! Die Büchse liegt zwischen zins. Lummen schmecken gut, und es ist doch immer eine Ab- wechslung, eilt' wenig zu schießen, übrigens brauchen wir auch Fleisch. Die Lummen müssen sterben, und vorsichtig kriechen wir km Strand entlang bis an eine Stelle, wo wir den Vögeln näher kommen. SM ein die kleinen schwarzen Vögel entwaffnen uns, und wir bringen es nicht über uns, sie zu schießen; es ist doch Leben, das wir um uns haben. Wir sitzen auf einem Stein unb sprechen von ihnen. Nein, last sie leben! Sie haben ja Junge droben auf dem Felsen, und diese werden verhungern, wenn wir die Alten schießen, und Hunger ist fürchterlich. Und dann kann es za auch geschehen, daß heute nacht ein SMff kommt, da wäre es schade, sie zu schießen. Ja, last sie bis Morgen leben, biSbahin kann sich ja vieles ändern!
. ...Eine gute Tat hat in sich selbst ihren Lohn; denn wir sind sröhlich, als wir dort sitzen und den Munteren kleinen Vögeln znfchauen, deren Leben wir geschont haben, und wir empfinden es svie einen Verlust, als sie davonfliegen. Ja, ja, Jvm wollen wir nun auch in unsere Kojen gehen? Hier ist doch nichts mehr zu erwarten.
Eine halbe Stunde später liegen wir in unseren Schlafsäcken, haben einander Gutenacht gesagt und haben die Worte wieder- holt: „Du lieber Gott, ob wohl heute nacht ein Schiff kömmt?"; btefe Worte, die jetzt so viele, viele Male gesagt worden waren. Wer ehe ta> einschlafe, streift mein Blick die Wand. Da hängt das Bild der vier Generationen, da hängen die Strastenansichten von Kopenhagen; doch ein kleiner leerer Platz ist dort, den. mein M-uge vor allem sucht. Dort hing einst eine Ansichtskarte von Fredenksdal, ach, sie war so schön grün; doch ick mußte sie herunternehiwen, sie erweckte eine zu starke Sehnsucht. Aber perbrannte ich die Karte auch, den leeren Platz konnte ich nicht verbrennen, und er grinst mir jetzt entgegen, als wolle er sagen: weisst du noch, was hier hing? Ich weiß es nur allzu gut; es Ipar eine schlechte Spekulation, als ich die Karte verbrannte, denn der leere Platz lacht mich spöttisch an. Feigling, du wagst Nicht an die Zukunft zu denken; du glaubst doch nicht, daß du heimkommst?
Es ist still iM Haus; wir schlafen beide. Da erwache ich davon, daß ich draußen eine Kiste umstürzen höre, und als ich die Augen ansichlage, sehe ich Jversen mit bloßen Füßen, nur mit einer Jslandjacke bekleidet, mit seltsam verwirrten Mienen durchs Zimmer laufen. Ein Bär, denke ich, und gleich bin ich Wen,alls «ns dem Sack heraus, greife nach meiner Büchse und laufe nach. Doch kaum auf halbem Wege bleibe ich stehen, erstaunt, tote versteigert, denn Jversen hat die Tür erreicht, hat sie «ufgestoßen und ruft: „Guten Tag, guten Tag! Guter Gott, da ist ent Schiff!" Im Nu bin ich neben meinem treuen Kame- raden; ich sehe eine Menge Menschen, ein ganzes Heer, die Nanze ^elseninsel.
. T 3°, was dann geschieht, weist ich eigentlich nicht recht. Wir Mcheit uns notdürftig an; aber es ist ein Loch in meinem Gedächtnis, und das Nächste, ^dessen ich mich erinnere, ist, daß Jversen ^3 1 ft unb als ich gehe, ihn zu suchen, sehe ich ihn auf einer kleinen Fels spitze stehen, setze ihn bie Mütze schwingen unb höre ihn rufen: „Ta ist ein Schiff, da ist ein Schisst da ist ein Schiff!"
Unb mit ein paar Sätzen bin ich neben ihm. Ja, wirklich, dort brausten, wo wir nie etwas anderes gesehen als Wasser und Eis, «egt retzt ein kleiner Norwegischer Dampfer! Wir blicken einander an, die Augen fmtkeln, es ist schwer, Worte zu finden, Man denke, 28 Monate sind es her, seitdem wir zuletzt Menschen gesetzeit! Dann aber gehen wir hinter das Haus, wo uns die Norweger nickst sehen können, reichen einander bie Hände und drücken sie innig und fest, denn unser ZusamMeickeben unter so schweren Umständen ist jetzt zu Ende! Einen Augenblick halten wir ciitanber den Händen, und dann sagt Jversen plötzlich zu mir : „Du,
es toar doch gut, daß wir gestern abend die .Lummen nicht ge- IWBen haben; denk nur, Ivie froh sie waren!"
Tann gehen wir zu den Norwegern himmter. So viele Menschen habe ich nie gesehen; mir ist, als Ware es ein ganzes Leer, unb doch sind es ihrer nur acht. Sie freuen sich jetzt mit on-r’ vorher, als Jversen bie Tür öffnete, war Kapitän Lillenäs, der mit dem Rücken dagegen stand, vor Erstaunen hoch m die Hohe gesprungen; vor Schreck tarnt man wohl nicht sagen, denn der pJtann hat schon ganz allein einen Moschusochseit gefangen!
Em anderer von ihtten, der Steward, lief, so schnell er konnte, Slrand hinunter. Er dachte, wir wären verrückt, und sonderbar musien wir auch ausgesehen haben, mit starrendem Haar, nur vndiacke auf dem Leib und weiter nichts.
.. erfahren Neues. Zuerst den Tod unseres Königs; denn < - ■npriveger haben sein Bild an der Wand gesehen und sagen lakonisch: ,„;a, der ist tot!" Dann erzählen sie von der „Titanic" und den vielen , Menschen, bie ertrunken sind, von Italien, das mit der -dürfet im Krieg lag, oder war es Aegypten ober gar die Avltentotten? Ich weiß es nicht genau, aber sie sagen eine unendliche Menge von Dingen, die wir nur halb hören; wir sind noch nicht fertig damit, sie zu begrüben, und gehen herum und schütteln den Zackst Männern die Hand.
Alle unsere Sachen waren längst gepackt, und im Handumdrehen haben die Norweger allen brauchbaren Proviant im Hause verstaut. Tie Tür wird vernagelt und wir steigen ins Boot, das über das stille Wasser gleitet, von vier kräftigen Männern gerudert, die es nicht erwarten können, ihren Kameraden die große Neuigkeit zu erzählen.
„Sjöblomsten", die Seeblume, heißt das Schiff, und Paul Lillenäs, der Führer, sitzt neben uns und antwortet lächelnd auf alte unsere Fragen; doch manche Antwort muß er uns schuldig bleiben, denn das Ganze ist eine lebendige Illustration zu dem Sprichwort: Ein Narr fragt mehr, als zehn Weise beantworten können.,
Es ist eine Freude, an die Schiffsseite zu kommen, und Jversen drückt unser beider Gedanken ans, als er unter dem Jubel der Norweger ausruft: „Gott bewahre mich, da sind ja noch mehr!" Denn es ficken noch vier Mann oben und sehen reckst interessiert aus, bekommen sie doch Fremde an Bord.
.Ter Maschinentelegraph klingelt und die „Seeblume" schießt dahin, wahrend Jversen und ich in freudigem Entzücken an Bord stehen. Jetzt beginnt das dritte, das letzte Stadium der Reise, mit dem Schiff zur Zivilisation! Zuerst aber müssen wir hinauf zur Stzanuon-Jusel — es kostet nur ein paar Stunden —, nm mehr Sachen an Bord zu holen, dann geht es südwärts, an der Küste entlang, der Heimat zu. Wir passieren Baß Rock; jetzt , müssen wir um eine Spitze biegen, und Jversen und ich, die wir jeder mit einer großen Tabakspfeife im Munde dastehen und mit dem Schornstein um die Wette rauchen, wir blicken lange auf unsere kleine Wohnung hin, wo wir es trotz allem so gut gehabt, und noch einmal finden sich unsere Hände. Warum drückt ntian seine Gedanken auf diese Weise aus, wenn das Herz zu voll ist, um zu sprechen?
Es geht intimer südwärts. Wir oder vielmehr bie „Seeblume" ist auf der Jagd; deshalb gehen wir in die Gael-Hamkes- Bucht und kreuzen im herrlichsten Sonnenschein dort umher. In uns aber jirbrft es mit tausend Stimmen: es geht heimwärts, heim zur Familie und Freunden; bald wird ihre Spannung vorüber sein!
Das stille Tal.
Skizze von Haus M a ck - Frankfurt a. M.
Jüngst auf einer Wanderung int Vogelsberg kam ich in ein schmales Tal. Tie Sonne war bereits untergegangen, und eine wohltuende Kühle verbreitete sich durch den Nebel, der «ns den feuchten Wiesen stieg.
Es war eines jener lieblichen, kleinen Täler, wie sie iM Vogelsberg zahlreich zu finden sind: eine kleine Wiese, bie eine Mulbe bilbet, — eingesckstossen rings von hohen Wäldern.
Rüstig schritt ich die Höhe herab; denn ich mußte das Tal durchqueren, um in das nächste Dorf zu kommen, bevor sich die Dunkelheit über die Erde senkte. — —
Ich befand mich ungefähr in der Mitte der Mulde, als das muntere Plätschern eines nahen Wassers an mein Ohr klang.
Das Plätschern wurde intimer stärker. Ich kam dem Wasser immer näher.
Ueberrascht mackste ich Halt. — Ich stand vor einem alten Holzbrunnen. Aus einem morschen Pumpenstock, aus dem das Auslaufrohr wohl schon lange herausgefault war, ergoß sich eisig kaltes Wasser in einen ausgehöhlten Baumstarnnt; den alten Holztrog.
Wie komint in diese Einsamkeit ein immer lausender Brunnen?
Vergebens spähte ich nach einem Wohnhaus. Nichts erinnerte daran, daß Menschen in der Nahe sein könnten.
Als ich einige Schritte weiter gegangen war, sah ich tritt! Rande des Waldes ein Kreu^ stehen. — Nein, nicht eins! . . hier noch eins. . . eine ganze Menge.
Wie kommt in dies menschenleere Tal ein Friedhof? —
Auf der Höhe, wo der Weg in den Wald einmündet, machte ich noch einmal Halt unb sah in der Wenddämmerung zurück in


