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ihr in Anbetracht der Opfer, die sie für uns gebracht hat, gerne nach, wenn es sich um allgemeinere und unbedeutendere Tinge handelt. Wer es ist gerade unerhört von ihr, mir in einer solchen Sache Vorschriften machen zu wollen. Mir die Heirat mit einem Wesen verbieten zu wollen, das ich über alles in der Welt liebe, — der bloße Gebaute ist ja schon ganz unsinnig — ist ungefähr ebenso, als wenn sie dem Sturm oder dem Douner Einhalt gebieten wollte.
Marcella war anfangs etwas blasser geworden, aber als sie meine seste Entschlossenheit merkte, röteten sich ihre Wangen wieder und ihre Augen glänzten vor Freude bei meinen begeisterten Worten. Dann lenkte ich die Unterhaltung auf ein anderes Thema. Wer innerlich war ich fest entschlossen, heute noch nach Putney zu fahren und meiner Tante ein- für allemal meinen Standpunkt klar- Kumachen. Ich nahm mir vor, mit Entschiedenheit aufzutreten, aber keinesfalls, und wenn sie mich noch so stark provozierte, mich hinreißen zu lassen, wie es das letztemal der Fall gewesen war; vielmehr wollte ich sie, wenn es -.rgeud möglich sei, durch eine ruhige und besonnene Ansprache zn überzeugen und auf unsere Seite zu bringen uchen.
Ich nahm mir fest vor, mich im Laufe der nächsten Tage nach meiner formellen oder, wenn man will, uw- kormellen Verlobung zu verehelichen. Ich verschaffte mir die erforderlichen Papiere und würde meine Braut unverzüglich zum nächste» Standesamt geführt haben, wenn sie nicht darauf bestauben hätte, erst für den nötigen Hochzeitsstaat sorgen zu müssen, woran ich natürlich in meinem Glückstraum gar nicht gedacht hatte. Zu ihrer großen Freude hatte sie am Abend ihrer Entführung ihre Börse, die eine beträchtliche Summe Geldes enthielt, vergessen und in einer Schublade ihres Toilettentisches liegen gelassen. Sie erblickte darin einen glücklichen Zufall und, von Helen und Lucy unterstützt, wußte sie meine Ungeduld zu zügeln, bis die verschiedenen Einkäufe erledigt waren. Dieser Aufschub war, wie sich später herausstellte, ein großer Fehler; aber leider kann der Mensch nicht alles voraussehen.
Ich ging also noch am nächsten Tage, der Aufforderung meiner Tante entsprechend, nach Putney. Ich war einigermaßen überrascht, als ich von der strengen Heph- zibah an der Gartentüre erfuhr, daß ihre Herrin ernstlich krank sei und mich im Schlafzimmer zu sprechen wünsche. Auch das Wesen der Dienerin kam mir sonderbar vor. Ihr unruhiger und scheuer Blick, als ob sie unsichtbare Lauscher vermutete, die unschlüssigen Antworten auf meine Fragen fielen mir auf; indessen konnte ich doch nichts Böses ahnen.
Meine Tante traf ich im Bett an. Ihr Kopf war durch mehrere Kissen gestützt, ihr Gesicht war bleich und eingefallen. Ihr Anblick rührte mich und verscheuchte jeden Groll in mir. Ich dachte nur noch an all das Gute, das sie mir uud Helen erwiesen hatte — uns beiden armen Menschenkindern, die mittel- und elternlos in die Welt gesetzt waren und alles der Güte dieser Frau verdankten.
Ich trat ans Bett uud erfaßte ihre Hand. Sie war kalt, und der Puls ging, wie ich bemerkte, nur sehr schwach. Ihr ganzes Aussehen kam mir so eigentümlich vor — gefiel mir durchaus nicht. Es stieg der in diesen Tagen so naheliegende Verdacht in mir auf, daß auch meine Tante ein Opfer meiner unheimlichen Feinde geworden sein könnte; warum und wie, konnte ich mir freilich nicht erklären.
Es tut mir sehr leid, dich krank zu finden, sagte ich zu ihr. .
Oh, es ist weiter nichts, antwortete sie, das macht der Merger und Verdruß. Diese furchtbare Entfremdung liegt mir schwer aus dem Herzen, das kannst du mir glauben, Edward. Ich will nochmal versuchen, dich aus den rechten Weg zurückzubringen. Deshalb habe ich dich kommen lassen. Wenn du wirklich um mich besorgt wärest, würdest du mich entschieden nicht so behandeln.
Sicher bin ich um dich besorgt, Tante, antwortete ich. Ich müßte ja ein schrecklich undankbarer Mensch sein, wenn ich's nicht wäre; und ich will dir wahrhaftig in Gott keinen Aerger und Kummer bereiten.
Du tust es aber, versetzte sie. Du hast dich offen gegen mich aufgelchnt. Du bietest mir Trotz. Ich erkenne dich kaum als meinen Messen wieder, der du vor vierzehn Tagen noch warst. Du bist ein ganz anderer Mensch geworden. Meine Wünsche sind dir jetzt Luft — während
sie dir, bis dieses fremde Weib zwischen uns trat, alles galten. Und- es wär doch! nur zu deinem eigenen Besten- daß ich dich so energisch von ihr abzulassen drängte. Deinen Ruf und deine gesellschaftliche Stellung hat fie bereits schwer geschädigt, und wenn du in deinem Eigensinn und! deiner Verblendung beharrst, ist dein vollständiger Ruin unausbleiblich.
Darüber will ich nicht mit dir streiten, erwiderte ich, ich kann dir nur sagen, daß ich sie sehr, sehr lieb habe.
Und sie heiraten will. Die Zeitungen melden es ja schon.
Darin haben die Zeitungen recht. Ich habe mir bereits die nötigen Urkunden beschafft und gedenke, sie in Kürze zu ehelichen.
Das willst du also tun und alle Konsequenzen in Kauf nehmen ?
Welche -es auch sein mögen — jawohl, gab ich bestimmt zur Antwort.
Deine Rraxis wird mit diesem Schritt ruiniert werden — soweit sie's nicht schon ist, und- eigene Mittel stehen dir nicht zur Verfügung.
Ich kann mir nicht helfen. Mein Beruf bleibt mir schließlich immer noch, und die Welt ist ja glücklichere weise groß.
Möglicherweise denkst du auch an das Geld- dieses Weibes.
Nach diesem Satze schloß sie die Augen, aber ihre forschenden Blicke unter den halb geöffneten Lidern entgingen mir trotzdem nicht; und es war gut, daß ich die- bemerkte, denn sonst würde ich mich sicher nicht haben beherrschen können und bei diesen beleidigenden Worten wütend- geworden sein.
(Fortsetzung folgt.)
Dar Gottesgericht.
Bon Gerhart Hauptmann.
In der ergreifend schlichten Erzählung der Lohengrin-Sage, die Gerhart Hauptmann in den nächsten Tagen im Rahmen von Ullsteins Jugendbüchern erscheinen läßt, ist ein Höhepunkt die Darstellung des Kampfes zwischen deni Helden und Telramund um die schöne Else von Brabant. Wir sind in der Lage, dieses Kapitel des neuen Werkes, in dem sich unser großer Dichter in einem- ganz- neuen Lichte zeigt, schon heute unseren Lesern vorzulegen. (Die Schriftleitung.)
Zu Antwerpen, der Residenzstadt Elses von Brabant, Ivar der Tag des Gottesgerichtes herbeigekommen, der über das Geschick der schönen und jungen Herzogin von Brabant und Limburg entscheiden sollte. Der große Turnierplatz am Ufer der Schelde war für einen ganz- besonders großen Zulauf vou Menschen hergerichtet worden. Aber die neuen Tribünen selbst genügten nicht, und meilenweit bedeckte das Volk die -Ebene. Die Schelde war von dichtbesetzten Schissen schwarz, als die Stande kam, wo Telramund seine Anklage wider die Landesfürstin mit dem Schwerte beweisen sollte.
Herzogin Else hatte die ganze Nacht int Gebet zu Gott gefleht, daß sich ein Ritter nnd Retter finden möge, der Telramund und feine Verleumdung zugleich in den Staub zu werfen willig und fähig sei. Und bei dem- Gedanken, ein solcher Ritter und Retter werde auftreten, schwoll ihr Herz bereits gegen diesen vor Dankbarkeit. Bevor er erschien, war er für sie mit allem Glanze der Jugend und Schönheit umgeben, und ihre sehnsuchtsvolle Erwartung verbreitete die Glorie eines Cherubs um- ihn.
Ist es richtig, daß Gottes Hilfe am- nächsten ist, wenn die Not ihren höchsten Gipfel erreicht, so mußte im Falle Elses Gottes- Hilfe wohl nahe fein. Hatten sich doch bis jetzt Kämpfer, die auf Tod und Leben mit Telramund in die Schranken, zu reiten willens waren, nicht angemeldet. Dieser furchtbare Mensch hatte schon einige der Großen des Landes, die ihn, der Wahrheit gemäß, ins Gesicht einen niederträchtigen Schurken genannt hätten, lange vor dem Tage des.....Gottesgerichts in den Staub gelegt und dem
ewigen Schweigen überantwortet.
-Der Augenblick kam, wo der Sitte nach- Herzogin Else mit' ihrem großen Gefolge unter einem Baldachin Platz nehmen muffte; um dem Kampfe persönlich beizuwohnen. Sie war sehr blaß, sie hatte ihr Antlitz mit Schleiern verhüllt, weil sie vor der Menge des Volkes ihr Unglück und ihre Tränen nicht preisgeben wollte. Aber der Herzog von Cleve zwang fie, die Schleier abzutun und ihr Antlitz der unübersehbaren Menge preiszugebeti. Sie habe keinen Grund, sagte er, furchtsam zu fein, wenn sie ein reines Gewissen habe. Und wenn ihr Gewissen belastet fei, so müsse sie erst recht durch zur Schau getragenen Stolz den Schein des Rechts zu wahren wissen.
Alle Welt liebte und verehrte die junge Herzogin. Sie war gewöhnt, überall, wo sie sich öffentlich zeigte, vom- Jubel d-es


