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Volkes umwogt zu sein. Ms sie indessen jetzt aus dem Turnierplatz erschienen war, Tratte sie nicht die leisesten Zeichen der Freude oder des Beifalls aus der dumpfbrausenden Menge wahrgenomnien. Nun man ihr liebliches, märchenschönes Antlitz wieder erblicken konnte, kam Bewegung in die Menge der Zuschauer. Aber es ist eine sonderbare Tatsache, daß eine große Mcnschenmasse, die auf ein blutiges Schauspiel wartet, zwar bereit ist, den Sieger aus Händen im Triumph davonzutragen, aber fast noch gieriger Darauf brennt, den Besiegten eigenhändig zu steinigen: Wobei die Schönheit des Opfers, fein bisheriges beneidetes Glück die grausame Wollust der Vernichtungsraserei nur nodji steigert.
Ter Herzog von Cleve sagte zu seiner Nichte Else von Brabant: Wenn Telramund siegt, wirst du vor niemaud, Weib oder Mann, Kind oder Greis, Fürst pder Lastträger in dieser ganzen ungeheuren Menschenmenge Gnade finden. — Ich weiß es, sagte die Herzogen. — Tann, fuhr er fort, fehlt nur noch, daß Telramund vor aller Welt sein Visier öffnet und mit weithin schallender Stimme öffentlich auf eine Hand, wie die deine, verzichtet. Tann werde Nonne und laß dich einmauern. l
Es war nicht anders, als wenn sich ein Sturm auf dem Meere erhöbe, so schwoll das Gebraüse der Menschenmenge, als Telramund in die Schranken ritt. Tie lange, zähe Reckengestalt saß auf einem breiten, schwarzen, brabantischen Roß und war von oben bis' unten schwarz gepanzert. Er schien der Tod, der furchtbare Unüberwindliche selber zu sein, und jedermann bedauerte den, der sich mit ihm in den ungleichen Kamps einlassen würde. Wie ein schwarzer Berg standen Reiter und Roß aufgepflanzt, der schwere Gaul, wie ein Leichenwagen, mit schwarzem Tuch verhangen. Oder wie ein mächtiger Katafalk, ein Sarg, den der grausige Tod uur als Pferd benutzte. Unter alledem steckte Telramund, der sich freute, als er Bemerkte, welches Grausen, hier, am lichten Frühlingsmorgen von ihm ausgehend- fidji unter der blutgierigen Menge verbreitete.
Jetzt wurde durch vier Herolde an vier Enden der Bahn und nach vier Himmelsrichtungen die Klage Telramunds, der Gegenstand des Gottesgerichtes, ausgeschrien. . Es wurde gesagt und dreimal nacheinander gesagt, wie derjenige Kämpe jetzt zu. erscheinen und in die Schranke zu reiten habe, der Telramund einer Lüge zeihe. Tie halbe Stunde nach bem ersten Ausruf jedoch verstrich, ohne daß sich zu dem schwarzen vermummten Berg in der Stechbahn ein anderer, ähnlicher Berg gesellt hätte. Als nach dem zweiten Ausruf wiederum eine Zeit vergeblichen Wartens verstrichen war, schien es Elfen, der Herzogin, als wenn ihr ein Henker die Halsschlinge mehr und mehr zuzöge. Wie jemand, der zu sterben glaubt, verhüllte sie sich.
Ta sagte der Herzog von Cleve zu ihr: Wenn nun der dritte Aufruf ebenso lange vorüber ist, so Mußt du dich auf eine höchst sonderbare, allgemeine Ehrenbezeugung gefaßt machen. Tu wirst einen Hagel oder einen Regen erleben, der von der sonstigen Art des Hagels oder Regens einigermaßen unterschieden ist. Aber denke nur nicht an Manna-Regen. Auch an die Wachteln bei dem Auszug der Kinder Israels in der Wüste denke nicht. Auch kommt dieser Hagel und Regen nicht senkrecht vom Himmel, sondern wagerecht, oder schräg von der Erde heraufgeflogen. Kurz, ich fürchte, wir werden hernach einen Handel mit faulem Obst und Käse, Brocken von Brot und fettiger Wurst und dergleichen eröffnen können.
Und zum dritten Male riesen die Herolde nach lautem Trompetengeschmetter den Rus zum Kampse in alle vier Winde hinaus. Bis diesen Augenblick hatte die Aufmerksamkeit der Menge sich nur zwischen der Herzogin und dem regungslosen Sargreiter auf der Turnierbahn geteilt. Jetzt kam ein Geräusch von der Schelde her, das alle Augen und Ohren dorthin lenkte. Und dieses Geräusch schwoll nach und nach zu einem jubclbrausenden Sturme auf. Noch wußte man nicht, worum es sich handelte. Aber man sah, wie die von Menschen schwarzen Schiffsverdecke int Strom in Bewegung geraten waren und jedermann mit Hüten, Tüchern, Schleiern und Händen wie wahnsinnig in den Strom hinabwtnkte. Ta brach beinahe auf den Tribünen der Stechbahn eine Panik aus und binnen kurzem waren aus der wimmelnden Menschenmengs nur noch wenige auf dem gähnenden Holzgerippe der Bänke des Amphitheaters zurückgeblieben. Wolken und Menschen, wie vom Winde gegen den Strom getrieben, wälzten sich draußen über die Ebene, so daß die schwarze Vermummung in der Arena, ja der ganze Turnierplatz, bald wie nach vollendetem Schauspiel vereinsamt schien.
Da sagte der Herzog von Clev-e zu Else: Was ist denn los? Tie Leute sind wahnwitzig. Aber ein Bote kam gelaufen, der, als ob er einen unerschöpflichen Atem und einen unerschöpflichen Vorrat ein und desselben Wortes loswerden wollte, in einemfort: Mirakel! Mirakel! Mirakel! rief.
Und wirklich, was auf der Schelde zu sehen war, konnte nicht Wohl anders bezeichnet werden. Auf einer Bretten und stachen Fähre, die ein Schwan vom Meere aus gegen den «traut aufwärts zog, kam eki in Silber gepanzerter Ritter zu Pferde heraugeschwommen. In seinem Helm, der von edelster Arbeit war und einen Schwan darstellte, blitzte das Frühlingslicht. Es funMte von den silbernen Schuppen des Panzers, der die hohe Reckengestalt umkleidete, eine Gestalt deren ruhiger Adel aus alle Männer und Frauen einen hinreißenden Eindruck machte.
Unter bem Jubel des Volkes zog der Schwan die Barke ans Land, und nachdem das milchweiße Roß, sie, unter der Last des silberklirrenden Ritters, mit leichtem Sprunge verlassen hatte, kam es, mit den Husen prüfend, durchs seichte Wasser geschritten, bis es auf Blumigem Anger stand. Ta war für den Ritter ein schweres Turchkontmen, denn Wogen von schreienden, winkenden, Heil und Willkommen rufenden Menschen umBranbeten ihn. Lohengrin, nach dem Gebote des Grals, kam mit offenem Visier, und so machte sein mildes von der: Sonne gebranntes Antlitz, mit dem weißlichi-blonden Spitzbart und den blonden, buschigen Augenbrauen über meerblauen Augen, daß ihm die Herzen aller zuslogen. Ta war nicht einer, dem er nicht schon jetzt als ein vom Himmel gesendeter Retter der Frauenehre Elfes und als der Sieger im Gottesgericht erschien. Und nun staute sich als» die Sintflutwoge des Volks und kam brausend gegen den Turnierplatz zurückgeflutet. Man erkannte, wie doch eigentlich die durch Telramunds Behauptung so bitter verunglimpfte Herzogin aller Liebling war. Man erkannte es an der Wucht und Gewalt, womit der eisige Bann über den Seelen der Menge zersprengt und von der Liebe des Volkes in hohen Wogen durchbrochen wurde.
Setze dich, sagte der Herzog von Cleve zu Else, die heftig Mit dem Schleier wiukend, ihrer vor Freude und Hoffnung nicht mehr mächtig, aufgefprungen war. Aber sie sagte: Verschont mich mit Euren guten Lehren, Herr Herzog. Ich lege auf eine Vormundschaft wenig Wert, die nicht fähig ist, die beleidigte Ehre ihres Mündels nötigenfalls mit dem Schwert zu verteidigen.
Telramund war unter seiner Vermummung inzwischen nicht aus dem Staunen herausgekommen. Nachdem er zuerst recht wohl bemerkt hatte, daß die Menge von seiner drohenden Majestät eingeschüchtert worden war und seine Partei ergriffen hatte, machte ihn jetzt ihr offenkundiger, unvermittelter Abfall fassungslos, und er knirschte das Wort „feige Kanaillen!" durch die Zähne., Er gehörte zu jenen tapferen Leuten, die ihre Pläne mit einiger Ruhe nüchtern durchrechnen und bie es nicht Begreifen können- wenn eine höhere Fügung ihren vermeintlich sicheren und gerechten Gewinn zunichte macht.
Bolksgunst trägt, Volkshaß erschlägt. Wie im Triumph ward der silberne Kämpe, gleichsam in einem Meer der Begeisterung, herangetragen. Schon haben mich diese wankelmütigen Massen verraten, knirscht Telramund, und um eines beliebigen Herrschens willen dem Tod überantwortet. Wer ich denke, so schloß er die Uebcrlegung, die Entscheidung liegt nicht in hunderttausend Bier- und Schnapsgurgeln, sondern in meiner eigenen Hand.
Er blickte auf und traf auf die Glanzgestalt Lohengrins ihini gegenüber. Ta mußte er sich gestehen, daß in dem lächelnd grüßenden Gegner Kraft und Sanftmut auf eine wunderbare Weise vereinigt war. Und wenn er an Else dachte und sich selber mit seinem Rivalen verglich, so krümmte sich seine getretene Eitelkeit und es gab für feinen Stolz keinen Balsam. Vergeblich aber suchte er in den treuherzig blickenden, offenen Augen des Gegners nach einem Zucken von jenem Gift, das ihn selbst bis zürn Rand mit Morbwnt anfültte. Es befremdete und beunruhigte ibn,, daß der Schwanenritter von dem Mutigen Sinn des Spiels scheinbar gar keine Ahnung hatte, denn wie hätte er sonst wohl, mit tiefer Neigung des Helmes, einem weißgekleideten, kleinen Mädchen, an der Brüstung der Tribüne, lachend eine rote Pomeranze vom Pferd heruntergereicht. Ties konnte ein Ausdruck der Geringschätzung für den schwarzen Koloß und also eine Herausforderung des Gegners sein, aber dazu war in dem harmlosen Vorgang zu viel ungesuchte Anmut!und Selbstverständlichkeit. Er machte bie Menge von Beifall toben. Erstaunt sah ber silberne Ritter sich um und brachte augenscheinlich bie ungeheuere Huldigung nicht mit sich, seiner Pomeranze, noch dem kleinen weißgekleideten Kinde in Zusammenhang. Immerhin war es eine frevelhafte Gleichgültigkeit und unverschämte Furchtlosigkeit, dachte Telramund, einem Feinde, wie er selbst, gegenüber, und so zitterte er vor Begier und Kampfeswnt dem Trompetengeschmetter des Herolds entgegen, das den blutigen Strauß eröffnen sollte.
Endlich standen die Kämpfer einander turniergerecht gegenüber. Und nun erkannte Telramund an der Inschrift des Schildes, den sein Gegner trug, daß er ihn schon einmal im tiefen Wald ausgesucht, ihn bekämpft hatte und ihm unterlegen war.
Tie Inschrift lautete:
Tem Starken ein Trutz, Dem Schwachen ein Schutz.
Es war also kein anderer, als Ritter Hilfreich, in dessen, Vermummung er den verschollenen Lohengrin vermutete. Ta fühlte Telramund, wie bie Hanb des nahen Todes eiskalt über feinen Rücken glitt, und daß er den einzigen ihm wahrhaft furchtbaren! Gegner gefunden hatte. . „ ,,
Nun aber stellte sich zum Befremden der Menge ein Herold und erklärte im Auftrag des Schwanenritters, daß dieser cm geharnischter Bote des Friedens sei und Telramund im Namen Gottes ersuchen lasse, sich selbst durch Reue und Geständnis der Schuld zu ehren. Dieser Entschluß, so hieß es, werde Blutvergießen verhindern und ihm vor aller Welt zur Ehre gerechnet
Kaum hatte der Herold dies gesprochen, als sich die Menge, wetterwendisch, von Lohengrin abwandte, weil sie fürchtete, sie solle um ein blutiges Schauspiel gebracht werden. Man gab. sich den Anschein, als glaube man in dem Schwanenritter nichts


