1912 - Ur. 171
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Donnerstag, den 5}. Mover
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Die Dame im Pelz.
Roman von G. W. Appleton.
(Nachdruck verboten.^ (Fortsetzung.)
Nach dieser ersten glückseligen Umarmung sagte ich zu meiner Angebeteten:
Noch kein liebes Wort habe ich heute an dich richten können, mein Herz.
Sie führte meine Hand an ihre Lippen und küßte sie.
Ich bin trotzdem glücklich gewesen, murmelte sie.
Bist du wirklich glücklich, Marcella? flüsterte ich ihr ins ,Ohr.
Oh, so sehr! hauchte sie sanft.
Es entstand eine kurze Pause, während der ich mich sammelte. Dann fragte ich sie weiter:
Wurdest du noch glücklicher sein, Marcella, Geliebte, wenn du meine Frau märest?
Ein halb erstickter Freudenschrei entrang sich ihrer Brust. Sie umschlang mich mit beiden Armen.
Oh, welche Freude, welches Glück! antwortete sie leise. Deine Frau, Geliebter, deine Frau! kam es wiederholt von ihren bebenden Lippen. Kann es wahr sein; ist es möglich? Ich liebte dich vom ersten Augenblick an. Als ich zu dir kam als Fremde, warst du so gut zu mir, so großmütig, so lieb, und mein Herz entdeckte gleich seinen wahren Besitzer. Ja, es gehört dir, mein Geliebter, und hat dir igehört von Anfang an.
Ich preßte sie an mein wild klopfendes Herz und erwiderte leidenschaftlich:
Auch ich habe dich von jenem ersten Augenblick an geliebt, als ich dein bleiches Antlitz im Schnee sah. Meine Liebe wuchs, als ich dir zum ersten Male ins Auge schaute, sie wurde stärker und mächtiger mit jedem Tage, bis mich nur noch der eine Gedanke beherrschte, mich deiner würdig zu erweisen, dich für ewig zu gewinnen, dich meine Frau nennen zu dürfen. Run' gestehst du mir in inniger Umarmung, daß du mich wiederliebst, daß du die meine sein willst. ' Oh, soll es bald sein, Marcella, meine Geliebte?
Das hast du zu bestimmen, mein König, mein Fürst und Gebieter, antwortete sie mutwillig scherzend.
Dann warf sie sich wieder au meine Brust, und ich hatte das beseligende Gefühl, ein gutes und liebendes Weib in meinen Armen zu halten.
17. Kapitel.
Die Zeit verstrich während der nächsten Tage, ohne mir größere Aufregungen zu bringen. Wenn ich eine weiter- schanende Natur gewesen wäre, hätte ich ja den Sturm, der bald über meutern Haupte losbrechen sollte, voraus- ahnen und die dunkeln Wolken, die sich über mir zusammenzogen, vvrhersehen können. So achtete ich aber nur auf mein junges Glück und überließ mich ohne jede Rücksicht
auf das, was die Zukunft bringen würde, meiner Freude. Marcella schien mir in ihrer Glückseligkeit mit jedem Tage schöner zu werden. Wir sahen beide alles in rosigstem Lichte — unsere Zufriedenheit war vollkommen und ungetrübt. Selbst Helen war von unserem Glücksrausch angesteckt; und ich bin überzeugt, daß in ganz Richmond niemand ein fröhlicheres Weihuachtsfest gefeiert hat als wir.
Die gerichtliche Vernehmung wegen unseres nächtlichen Abenteuers hatte sowohl für Mortimer wie für mich keinerlei unangenehme Folgen, und Marcella wurde zu meiner größten Befriedigung gar nicht in die Sache hineingezogen. Wie ich guten Grund habe anzunehmen, hat Inspektor Beale bei diesem wie bei anderen Anlässen sehr zu meinen Gunsten gewirkt. Meine Erklärung, daß ich mich mit Marcella verlobt habe, hatte überall sympathisch berührt, und eine Zeitung ging sogar so weit, die Geschichte als den „Roman von Richmond" zu bezeichnen, was meiner eigenen Ansicht nach gar nicht so unangebracht war. Ich vermute, daß dieses Blatt auch meiner Tante Marie in die Hände gefallen war, denn schon am nächsten Tage bekam ich die telegraphische Aufforderung von ihr, daß sie mich sofort zu sprechen wünsche.
Ich las die Depesche meiner Schwester Helen laut vor.
Sie wird wohl von deiner Verlobung gehört haben, sagte sie.
Zweifelsohne. Irgendeine gute Freundin wird ihr die Zeitung gezeigt haben. Es wird sicher einen neuen Strauß äbsetzen. ‘ Ich glaube, daß sie sehr wütend darüber ist.
Marcella, die mit im Zimmer saß, blickte fragend auf.
lieber deine Verlobung mit mir? fragte sie. Warum sollte sie das? — wer ist sie denn überhaupt?
Meine Tante, Lieb, antwortete ich.
Ist sie nicht nett?
Oh, sagte ich, wenn sie will, kann sie außerordentlich liebenswürdig sein, aber sie hat sonderbare Ansichten über — über —
lieber mich? ergänzte sie.
Rein; das nicht gerade; aber sie ist 'ne alte Jungfer, weißt du, und zwar von reinstem Wasser, die von der Liebe eben nicht mehr Verständnis hat als von höherer Mathematik; und sie hat mir verboten, zu — zu —
Zu heiraten. Die garstige alte Jungfer! Wer schließlich ist man doch nicht gezwungen, seinen Tanten zu gehorchen, nicht wahr?
Gott sei Dank, nicht, antwortete ich.
Immerhin, bemerkte jetzt Helen, hat sie uns beiden viel Gutes getan, und es ist recht schade, daß sie in dieser Beziehung so furchtbar schrullenhaft und eigensinnig ist.
Marcella schwieg eine» Augenblick und sagte dann: Das tut mir leid und berührt mich recht unangenehm. Warum habt ihr mir das nicht alles vorher gesagt?
Warum? versetzte ich schnell, weil ich gar nicht dran gedacht habe. Außerdem, was schadet's denn? Ich frage keinen Pfifferling darnach, wie sie darüber denkt. Ich gebe


