Ausgabe 
31.8.1912
 
Einzelbild herunterladen

644

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen,

Büchertisch.

Willkommen" ist der Name einer neuen illu­strierten 10-Pfennig-Bücherei, von der die ersten 6 Bändchen jetzt vorliegen. Es handelt sich joieder darum, gegen die Neberflutuugj unseres Volkes mit Schundliteratur anzukämpfen, deren verrohen­dem Einflüsse aber nur dann wirksam Widerstand geboten werden kann, wenn unser Streben nach Veredelung des Volksgeschmackes nicht nur den Volkston selbst richtig trifft, sondern auch in der Preislage dem literarischen Schunde Mit gleicher Waffe entgegen» tritt. Der Ruf des Verlags von Hermann Hillger in Berlin W. 9. bürgt dafür, daß die neue Bücherei nur literarisch durchaus wert­volle Arbeiten bringen wird, deren Inhalt auch! dem. nach Spannung lechzenden Volksgeschmack in ausgiebigster Weise gerecht wird, wie die vorliegenden Bändchen:Phoma, der Sanrojedenfürst" von Olga Wohlbrück,Unsere Menagerie" von Gräfin Baudissich -Der Posträuber", Texanische Hochlandsgeschichte von Philipp, Berges,Die Stumme", Roman von Leopold p Sacher-Mafoch und andere Humoresken auf. das beste beweisen.

Zcherzrätsel.

Einen langen, scharfen Schnabel Und zwei hohle runde Augen, Nicht ein Untier aus der Fabel, Nein, zur Arbeit muß es taugen.

Weiß bei Frau'n sich einzunisten, Täglich lehrt es die Erfahrung, Und bei manchen 3ournaliften Kaut das Raubtier geiftge Nahrung.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der KönigsprornenadS in voriger Nunnnerfl Ein jeder gibt den Wert sich selbst; wie hoch ich Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir. So hoch gestellt ist keiner auf der Erde, Daß ich mich selber neben ihm verachte. Schiller.

nach hegen gu können glaubte, in bitterer schnöder Weise enttäuscht; nicht selten aber auch hat sich ein Faulpelz und scheinbarer Dumm­kopf später als Genie entpuppt. Und hierfür ist Balzac ein treffliches Beispiel! Der Aufnahmebericht, den die Schulannalen des Lycäe de Vendome von dem Verfasser derPolitique Humaine" geben, ist nichts weniger als schmeichelhaft.Honorö Balzac", so heißt es da,ist 8 Jahre alt; hat die Pocken gehabt, ist aber sonst frei von körperlichen Gebrechen; besitzt ein sanguinisches Tempe­rament; ist leicht erregbar. Gar bald stellte es sich heraus, daß Balzac kein Musterschüler war: während der ganzen sechs Jahre, die er im Lycee de Vendome die Schulbänke drückte, zählte er stets zu denCcmcres", d. h. zu den Schülern, die die Furcht und das Entsetzen eines jeden Lehrers darstellen. Balzac gab nie eine richtige Antwort, Vorbereitungen für den Unterricht kannte er überhaupt nicht und das Auswendiglernen war ihm ein Greuel. Aber sein vortreffliches Gedächtnis half ihm sehr ost durch. Während ver Lehrer sich mit den anderen Schülern abplagte, lernte Balzac seine Aufgaben. Aber, wehe dem Armen, wenn der Lehrer ihn als Ersten vornahm! Unweigerlich fiel er stets hinein. Balzacs Schultage waren eher alles andere als glücklich, und als er nach Hause zurückkehrte, da erschraken seine Angehörigen über den mageren unb schlecht aussehenden Knaben, der beständig in einer Art Schlaftaumel zu leben schien. Seine Schwester, Frau von Surville, schrieb daseiner Art geistiger Verdauungsstörung" zu. Während seiner Schuljahre hatte Balzac ohne Wissen der Lehrer die Bücher einer Leihbibliothek zum größten Teile durch­flogen und hier legte er den Grundstock zu (einem späteren Wissen. Stach bem Jahre 1813 kehrte er nicht nach dem Lycse de Vendöme zurück, vielmehr verbrachte er das folgende Jahr in dein College zu Tours und bann bezog er die Universität zu Paris.

* SOt u l e i) Hafid i m Tunnel. Den trüben Zeiten in Marokko läßt der Exsultan Muley Hasid eine Vergnügungsreise in Frankreich folgen. Die Reife von Marseille nach Vichy, so wird aus Paris berichtet, hat bem Marokkaner sehr gut gefallen, war jeboch nicht tret von Abenteuern. Die Strecke ist reich an Tunneln. Ein Tunnel aber ist für Muley Hafib etwas so Entsetz­liches, daß er sich jedesmal auf die Durchfahrt besonders vor­bereiten mußte: er saß jedesmal am Fenster seines Sonderwagens, in der einen Hand, zur Abwehr böser Geister vermutlich, einen Talisman, in der anderen den wohl ebenso zuverlässigen Dolch. Auf einer Haltestelle ist dem Sultan übrigens ein drolliges Miß­verständnis widerfahren. Eine Französin, die Verwandte in Tanger hat, wollte den Sultan festlich empfangen und stellte sich mit einem Blumensträuße am Bahnhof auf. Muley Hafib aber hielt sie für ein Blumenmädchen. Er nahm sanft lächelnd den Blumenstrauß und drückte ihr ein Zivanzigfranks stück in die Hand!

* Entschuldigung. Pfarrer (zu einem jungen Kirschen dich):Junge, Junge, wie lautet das siebente Gebot? Entschuldigen Herr Pfarrer, damals war i grab! net in her Schul'."

geschmack und Aroma zustande loittmen, bemt Kochen ZU schnell ver­dunsten. Bon diesen Erfahrungen ausgehend, empfiehlt em Sach­verständiger in der ZeitschriftDie Küche" als beste MetHvdet den Kaffee möglichst start als Extrakt mtt kaltem Wasser zu berertem unb erst im Augenblick, da er genossen werden soll, durch Zusatz von Heister Milch, Sahne, ober auch nun Wasser zu erwärmen. Besonbers wenn Kaffee auf Vorrat, A. B. für längere touren,- bereitet werben soll, empfiehlt sich das kalte Verfahren, bet dessen Anwendung Haltbarkeit bis auf drei Wochen unb darüber erzielt würbe, wenn man den Extrakt gut verkorkt an kühlem Orte auf­bewahrte. Von großer Wichtigkeik für diese Extraktbereitung ist das Mahlen der gebrannten Kaffeebohnen/ die zu möglichst feinem Mehl, unb zwar sehr rasch gemahlen werben müssen, weil die durch schnelle Reibung» entstehende Wärme die Abdunstung der duftenden Oele begünstigt. Das Mahlen soll (wo das möglich ist) auch erst unmittelbar vor der Bereitung geschehen. Nun schüttet man das Kaffeemehl in den Trichter einer fogcnannten Karlsbader Porzellanmaschine, lästt jedoch Deckel unb den oberen Einsatz fort. Auf den Kaffee legt man ein Stückchen keimfreies Eis und lästt dann langsam kaltes Wasser, am' besten tiu9 der Leitung (nicht hartes! Quellwasser), über Eis unb Kaffee tropfen, während man Wasser und Kaffee zu dickem Brei verrührt. Die Filtration wird erleichtert, wenn man zwischen Trichter unb Kanne einen kleinen Holzspan klemmt, der den Zutritt von Luft gestattet. Nachdem genügend Wasser durchgesickert, gießt man den flüssigen Kaffee nochmals! auf den nassen Grund, damit er zum zweiten Male durch­sickere, wobei das Eis, falls nötig, erneuert- werden must. Da ein starker Extrakt erzielt werden soll, muß selbstverständlich nicht zu viel Wasser im Verhältnis zinst Kaffeemehl verwendet werden, weil erst kurz vor dem Genuß der richtige Stärkegrab hergestellt wirb durch Zusatz von kochender Milch, Sahne ober Wasser, wodurch die aromatischen Oele dann gelöst werden. - Die Anwendung von Metallkannen oder Trichtern ist nicht Zu empfehlen, weil sich in den Ritzen leicht vegetabilische Rückstände festsetzen, die mit der Zeit in Zersetzung übergehen unb dem Kaffee einen unangenehmen Geschmack verleihen. Besonders-, wenn der Kaffee in größerem Vorrat hergestellt werden soll, empfiehlt sich diese Art der Zu­bereitung statt des bisherigen Verfahrens, bei welchem ein stunden­langes Warmhalten, meist sogar in Metallgefäßen, dem sonst duftenden Getränk Aroma unb! Wohlgeschmack raubt.,

" Oelsen er ung i in Eisenbahnbetrieb. Die 23 er' waltungsbirektion der Southern Pacific Co. hat zu Ende des vorigen" Jahres beschlossen, die Kohlenheizung auf dem ganzen großen Gebiet ihrer Eisenbahnlinien durch die Oelheizung zu er­setzen. Der großen Kosten halber wird man allerdings die schon im Gebrauch befindlichen Maschinen nicht abschaffen, aber keine neuen für Kohlenheizung eingerichtete mehr bestellen. Sowohl die großen Gebirgslokomotiven wie die kleineren auf der Ebene laufen­den sollen künftig mit Petroleum geheizt werden. Ganz besonders große Leistungen erwartet die Southern-Pazisic-Gesellschaft von einer Lokomotive mit Oelheizung, die kürzlich in Betrieb gestellt worden ist. Sie wiegt 174 Tonnen, und zu diesenr Gewicht kommt noch der Tender mit 81 Tonnen. Die Lokomotive ist teilweise ganz anders gebaut als die bisher gebräuchlichen und bekannten. Auf ihrer Front befindet sich der Raum für den Lokomotivführer, dagegen sind Feuerung und Kessel in die Rückseite eingebaut. Der Lokomotivführer, der somit'ganz vorn in der Maschine steht, kann die weite Strecke frei überblicken, ein Umstand, der die Betriebs­sicherheit erhöhen dürste. Die Form des Tenders ist zylinder­förmig; da er Petroleum und nicht Kohle zu fassen hat, hat man ihn ähnlich wie einen Damvfkessel gebaut und damit auch eine Ersparnis an Raum erzielt. Die Lokomotive hat Hoch- und Niederdruckszylinder, zwanzig Räder, sechs Achsen für die Maschine, vier stir den Tender. Sie hat die Aufgabe, die Sierra Nevada zu durchfahren und ist die erste einer Reihe von weiteren Loko­motiven mit Oelheizung, die sich die genannte Gesellschaft bereits bestellt hat.

kf. Die Erziehung durch die Puppe. Ein schlechtes Erziehungssystem ist es wahrlich nicht, das man soeben in England ins Leben , zu rufen beginnt. Nicht mit Wissenschaft sollen die jungen Mädchen es handelt sich um diese abgeguält werden, sondern sie werden auf den ureigensten Beruf der Frau, der doch nun einmal ist, Mutter zu werden, vorbereitet. Nicht gar fo leicht ist es, ein Kind von den ersten Tagen an zu warten und zu hüten. Hiervon ist derBund der Puppe ausgegangen. Mädchen im Alter von 10 bis 15 Jahren wird eine Porzellanpuppezur Pflege" übergeben, denen sie dann eigene Namen geben, und alle müssen versprechen, die Porzellanpuppe genau so zu behandeln, als wenn sie etwa ein lebendes kleines Schwesterchen sei. Wöchentlich ein­mal findet eine Lehrstunde statt. Dort werden dann in gemein­verständlicher Weise wichtige Säuglingsfragen behandelt, als da sind, die Reinigung des Kindes, seine Ernährung und vieles andere. In der kurzen Zeit seines Bestehens ist derBund der Puppe beträchtlich gewachsen und er erfreut sich der Fürforge der englischen Behörden in hohem Maße.

kf. 21 u § Balzacs Schuljahren. Der Knabe ist nicht immer der Vater des Mannes I Wie häufig hat ein Knabe die chonsten Hoffnungen, die man für feine Zukunft seinen Anlagen