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sangen draußen dis Soldaten immer totb immer wieber bas Heimkehrlied:
„Es winket uns in weiter Ferns
Das liebe, teure Vaterhaus!
Wir War'n Soldaten, waren's gerne, Doch jetzt ist unsre Dienstzeit aus!
Ihr Bruder, stoßt die Gläser an — Es lebe der Reservemann!
Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein volles Glas geweiht!"
Und eine tief lastende Melancholie umwob' das' Haupt der schönen Frau... Warum war sie 'nur heraufgekommen? Es hatte ja doch keinen Zweck.
'Mit einem Male meldete von draußen her die Stimnte des Postens vor der Fahne: „Der Herr Oberst kommt!"--
Hei — das platzte wie eine Granate mitten hinein! in die harmlos schmausende Gesellschaft!
Der Major sprang auf: „Herrschaften, laßt mich durch!"
Er stelzte mit seinen vom langen Reiten und langen Sitzen steifgewordenen Beinen aus b-em Schutze des Zeltdachs heraus, dem Regimentskommandeur entgegen, der heute das Detachement führte.
Durch den Nebel kam's von der Chaussee herangetrabt . . , der 'Regimentsstab, die Herren in Mützen. . .
Oberst von Weizsäcker, neben ih!m, unnahbar wie immer, Herr von Schoenawa, sein 'Adjutant, und Oberleutnant Menshausen, der als Ordonnanzoffizier zum Regiments- stabe kommanbiert war — ein paar Trompeter und Meldereiter von den Deutz er Kürassieren in ihren mattblinkenden Stahlhelmen. '
Der Oberst, stattlich und rosig, mit den bräuuweißen, beständig zuckenden Schnurrbartslämmchen, nahm die Meldung des Biwaksrvmman-danten entgegen, tat ein paar Fragen über Nachrichten vom Feind, Sicherheits- maßregeln, -Verfassung und- Gesundheitszustand! der Mannschaften . . .
Da hatte er unterm schützenden Dach des Stabszeltes die Hellen Regenmäntel, die wehenden Schleier der Damen erspäht.
Neugierig, in ritterlicher Haltung, trabte er heran und begrüßte die errötenden Gäste des Biwäks.
„Meine Damen — allerhand Respekt! Bei dieser Sintflut im rauhen Kriegsgetümmel?"
Einen hämischen Zug um die Mundwinkel, hielt Oberleutnant Menshausen zur Linken des Obersten.
Schau, schau, die schöne Frau Cäcilie im Biwak — und dis beiden Fräulein von Sassenbach' . . . und- selbstverständlich in der Nähe der schönen Fran der Herr Sommerleutnant Und Maler aus Düsseldorf. . . und- neben dem schlanken Majorstöchterlein die- Karikatur, der Gehirnfatzke aus, Bonn . . .
Ein Skandal, daß man durch- das an sich! ja sehr ehrenvolle Kommando verhindert war, die Entwicklung- dieser interessanten Ereignisse aus der Nähe zu verfolgen.
v Abex warte — nächstens im Korpsmanöv-er. . . was sagte die Manöverquartierverteilungsliste? Samstag, den neunzehnten September bis Sonntag, den zwanzigsten September: Re-gimentsstab — Schloß Hettstein — Erstes Bataillon — Bataillonsstab, erste und zweite Kompagnie: Dorf Hettstein —.
Dann werden wir also die ganze Gesellschaft dicht bei- fammen haben . . . dann werden ja hie Dinge mehr oder weniger Zum Klappen kommen... dann könnte man vielleicht gar ein bißchen nachhelfen. . .!
Wie. das würde sich finden! — Jedenfalls irgend etwas würde sich dann -ereignen . . . ein kleiner Spaß . . . eine kleine Abwechslung in diesem verflucht eintönigen Kommißdafein
Dann würde man sich entschädigen können für so manchen Aevger, den man hatte schlucken mit ff en . . .
Inzwischen mußte man freilich die Karre lausen, lassen. Wie sie laufen wollte...
Wenn mau nur einen Vertrauensmann wüßte —?
Atz — Quincke — auch in dieser Wildnis das unv-ermeid'- liche Monokel ins fahle Gesicht geklemmt. . .
Menshausen winkte den jüngeren Kameraden an die Seite seines Gaules, streckte ihm die braunbehandschuhte Rechte hin: „Sie, lieber Quincke —. im Interesse Unseres Offizierkorps — beobachten Sie doch' mal die Heiden Herren des Beurlaubtenstandes, den Flamberg und den Frobenius, -ein bißchen genauer, wenn die Kamen, in der Nähe sind'.,.
Brand eis hat iä! Kn Schlößchen hier in der Nähe gekauft s-5 also werdet ihr wohl öfter das Vergnügen haben — Mir kommt's vor, als vo die beiden fremlben Herren ---
7,Selbstverstänblich, lieber Menshausen, hab-'s längst tz'e^ merkt . . . Denken Sie, ich schlafe mit offenen Augen?!" Leise tuschelten die beiden Herren.- . s /
— Und Quincke paßte auf, -als nun der hohe Stab Post dannen getrabt wär. . ; 1 --
Immer tiefer sank die Dunkelheit . . .- die Damen, von den Herren geführt, unternahmen noch' einen Rundgang durchs Biwak, während die Azetylenlampen des Mercedes', vom Chauffeur entzündet, bereits weiße, gleißende Licht-i kegel in die Abenddünste zeichneten...
Aha. . . Frau von Brandeis wieder zwischen ihrem Mann und Herrn Flamberg . . . ja, ja, immer ä trois . unbegreiflich diese eselhafte Vertrauensduselei des Kapifi täns . . .
Und Fräulein Nelly v'on Sassenbäch natürlich Seite an Seite mit dem Hagern Landwehrleutnant. . .! ;
Quincke schlich hinter den beiden her und lauschte.
Ja, mein altes Mütterchen, gnädiges Fräulein —! eine ganz, ganz einfache, einsame alte Frau! Sie hat sich nicht entschließen können, nach meines Vaters Tode das Dörfchen droben auf dem Westerwald zu verlassen, wo ihr Mann dreißig Jahre lang die Buben Und- Mädel in die Geheimnisse des ABC eingeweiht hatte... ach ja, eine, einfache Frau! Aber was für Augen, gnädiges Fräulein... Augen wie so -ein altes wundertätiges Waldw-eiblein Ms bCTlt ,
„Ach ja . . . die möcht ich wohl kennen lernen —!" Feine Zusammenstellung, grinste Quincke: junge Dame von Stand, passionierte Reiterin und Tänzerin. Tochter -eines preußischen Stabsoffiziers--und eine
B auer nschulm eister switw e in einem Waldnest! — Na! ja. . . wenn die Menschen verrückt werden, fängt's im Kopf an —!
-Wer es kam noch toller.
Im Halbdunkel gewahrte Quincke, daß das jüngere Fräulein von Sasseubach, unauffällig zurückzubleiben suchte.
Und wahrhaftig! — D-a tauchte aus der Mitte der Mannschaften, die um ihre Lagerfeuer rasteten, die Gestalt -eines Unteroffiziers auf . . . , ,
Aha, der Einjährige, der den langweiligen Quatsch zum Regimentsfest- verbrochen hatte! — . , . .
Weiß der Himmel — -er begrüßt sie wie ein Kavalier.. ? sie plaudert mit ih-tn... Und nun zieht der Einjährige ein Notizbuch aus der Tasch-e. . . nimmt eine beschriebene! Meldekarte heraus. . . reicht sie der Dame. . . Die er-, rötet tief . . . legt sie sorgsam zusammen und steckt sie in die innere Tasche ihres Regenpaletots' • • • - ■
Warte, Bürschchen . . . dich wollen wir mal auf deinen Standpunkt zurückbringen. . .!
„Nun, gnädiges Fräulein. . . wollen Sie sich nicht Ihrem Fräulein Schwester anschließen? Die Damen begeben sich bereits zum Auto zurück. . . Bitte übrigens einen Moment um Verzeihung! -— Sie, Einjähriger, hier haben Sie zwanzig Pfennige . . . gehen Sie doch- mal gum Marketender an den Kaiitineuwagen und- holen Sie mir ein Schinkenbutterbrot . . . Sie können's mir ans Offizierzelt bringen. . .!/,(
Hans Friesen wär einen Augenblick starr . dann faßte er sich-, wandte sich kurz herum, spähte in die Gruppe der Füsiliere hinein, die ums Lagerfeuer saß: „Mäkowiak!^
Der Angeredete, -ein hübscher, polnischer Rekrut, stand sofort in strammer Haltung neben dem Unteroffizier: „Zur Stelle!"
„Herr Leutnant Quincke wünscht ein Schinkenbutter-i Brot vom Marketender ans Offizierzelt. Hier ist das Geld."- „Einjähriger, ich habe Sie selber beauftragt, toie, Sie gehört haben! — Ist das vielleicht unter Ihrer Würde^ Was?!"
-„Jawohl, Herr Leutnant
Quincke biß sich auf die schmalen Lippen: „Na — bann erteile ich Jhüen -also hiermit den dienstlichen Befehl, mir das. Butterbrot zu holen!"
Hans Friesen stand stramm . . . regungslos . - - - „Wollen Sie sich vielleicht der Gehorsamsverweigerung Vor versammelter Mannschaft schuldig! machen —,?!"■
Hans Friesens Lippen bebten... ;
Er erinnerte sich der Strenge der militärischen Gesetzer der Vorgesetzte hat in dem Augenblicks in dem er befiehlt.


