Ausgabe 
31.1.1912
 
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^uße beS Baumes lag ein Skein, auf dem der alte Henri «wer Verse eines Gassenhauers geschrieben hatte: Anprös de ma blond« Qn'il fait bon, fait bon, fait ton!" Tiefe neue Frerheits- hymne erregte Stürme der Heiterkeit, Rousseau aber war entzückt, als er bei einem Besuche des Salons Dor der Eröffnung eine Gruppe junger Maler einen wilden Tanz um dies Gemälde aus führen sah. Auch hier fühlte er nicht den Spott, ferne Augen füllten sich mit Tränen und still jagte er:Ja, das rit nnrklrch Ruhm.

Niemand hat die Illusionen des wackeren Mannes je zerstört. Als keine Käufer für die Bilder mehr aufzutreiben,waren, legten die jungen Maler zusammen und überreichten ihm die Summe mit der Erklärung, der Großfürst X. habe das Werk für seine Galerre erworben. Man unterstützte ihn nach Kräften und stets hinter der Maske berühmter Kunstmäcen, die angeblich den großen Meister vergötterten. Noch kurz vor seinem Tode richtete stch der Ster­bende in seinem Bette auf; an seinem Lager waren die Freunde versammelt, die vor 15 Jahren ihren Ulk ausgeheckt hatten, und nicht mehr das Herz fanden, ihren alten Schützling aufzurlaren. Und zu ihnen gewandt meinte Henri Rousseau nachdenklich:Ach, wenn doch der deutsche Kaiser Frankreich die Jatwiga zurückgeben würde Jetzt, da es mit mir zu Ende geht, wäre es mir Hoch ein schöner Gedanke, das Werk im Louvre zu wissen." ^enn man hatte ihm erzählt, daß jene berüchtigte Jatwiga em Lieb- lingsstück in der Gemäldesammlung des deutschen Kaisers ge­worden sei und wie immer glaubte es der gute Henri unb war Über diese Anerkennung seiner Kunst tief gerührt.

vermischtes.

* Der Einfluß des Stillens. Den vereinigten Be­mühungen der Aerzte und aller auf dem Gebiete der 'Hi ul ter- und Säuglingsfürsorge Arbeitenden ist es gelungen, der alten Wahr­heit, daß die natürliche, die Ernährung durch Muttermilch, die beste und gesündeste Ernährung für das Kind ist, überall zur Geltung zu verhelfen. Jede 'Slutter meist, es ist am besten für das Kind, ivenn es gestillt ivird; manche Frauen sind aber noch der Ansicht, daß das Slisten wohl einen Vorteil <ür das Kind, aber einen Nachteil für sie selbst bedeute. Ta ist es nun interefiant zu hören, was ans einer im Münchener Museum für Saugluigs- sürsorge befindlichen Tabelle hervorgebt. nämlich, dast die Frauen, die ihre Kinder selbst stillen, einer Erkrankung au Krebs der Brust­drüsen und der Unterleibsorgane ivcit weniger ausgeietzt sind als jene Frauen, die das Stillen unterlassen. Besonders bei den Er­krankungen an Krebs der Brustdrüsen ist das ganz deutlich ersicht­lich; in den drei Kreisen Bayerns, in denen am wenigsten gestillt wird, betrugen die Todesfälle an Brustkrebs 204, 245, 192, gegen 108, 100 und 96 in den Kreisen, in denen die Zahl der Stillenden eine große ist. Wir sehen daraus, ivie Groth iMünchener Med. Wochenschrift) sagt, daß die Ernährnng der Säuglinge an der Brust der Mutter selbst einen weitgehenden Schutz vor Erkrankungen an Krebs der Brustdrüse und der sexuellen Organe geiväbrt.

Teeblätter als Gemüse. Gleichwie in England viel Geschmack daran gefunden wird, Zigare'len ans Teebläitern zu rauchen, so liebt man es im westlichen Sibirien, schon benützte, ab­gebrühte Teeblätier noch als Gemüse mit Feit zubereitet auf den Tisch zu bringen; dies nils etwas merkivürdig erscheinende Gericht hält man sogar für recht nahrhast woran jedenfalls das Fett, mit dem man es schmort, das Hauptverdienst Hal. Te>ni Tee­blätter an sich und gar noch ausgelaugte haben natürlich keinen Nähriverk, der auch nur der Rede wert wäre. IhreNahr­haftigkeit' spukle ab.er selvamerweise doch viel in den Körnen herum. So behauptete glich der französische Autor Payeu, Teeblätier seien nahrhaiter als alle anderen vegetabilischen Erzeugnisse. Und auch die Javaner der ärmeren Volksklassen glauben wie A. I. Resink in einer interessanten Studie über den Tee mittelst den Nähr­wert des Reises dadurch erhöhen zu können, daß sie ihn in Tee kochen 1

* Sprachnöte in Italien. Wenn der Deutsche von seiner Jtalienfahrt nach Hause kommt, so erzählt er viel von dem Land und seinen Schönhelten, kritisiert das Volk und seine Ge­bräuche, aber selten bedenkt er, welche komische Rolle er selbst mit seinen Sprachkenntnissen unter den redegewandten Menschen ge­spielt hat. Seine Sprachnöle beginnen meist schon beim Entziffern der Firmenschilder.Kamiere e lattiere-1 lieft er über einem Laden und sofort denkt er an einen Milch- und Sohneverkauf. Wie groß ist sein Erstminen, als er hinter bet Tür einen Kupferschmied hämmern sieht.Sale e tabacehi erklärt sich Frau Müller mit Tabakjälen und erst das Studium des Reiseführers macht sie da­raus aufmerksam, daß jenes tleme Ge chäst ein Salz- unb Tabak- verkaus ist. Auch diegcneri diversi haben nichts mit verschie­denen Schwiegersöhnen zu tun, sondern sind Gemischtroaren- haudlungeii meist sehr bescheidener Art. Der Sprachieniel treibt erst recht sein Wesen mit den Fremden, wenn sie sich in ein Ge­schäft wagen. So verlangte ein Herr in einem Laden carta bollita (bollita ----- gekocht), er meinte aber bollata (gestempelt); in einem anderen erregte eine Dame stürmische Heiterkeit, weil sie eine banda bianca (banda Musikkapelle) für eine Krageurüsche forderte und bann gar em online da te (online ein nicht näher zu bezeichnender Körperteil, coli na = Sieb. Hat sich nun ber des

Italienischen Unkundige von ber Piazza della Signorina, womit e Signoria meint, zu einer Trattoria burchgetastet, so steigert sich seine Unbeholfenheit zur Verzweiflung, In bem überfüllten Raume sucht er sich bem Kellner bemerkbar zu machen.Vst, heh, Ober 1" Winken unb Servieileiiichwenken erweisen sich als kraftlos. Endlich nimmt sich ein Italiener feiner an und ruft mit dröhnender Stimme .cameriere,Kammerjäger' echot der Deutsche. Doch das Zauberivort ist gefallen unb schon steht ber Schwarzbefrackte vor bem Gaste. Was soll er wohl essen? Fleisch mag er nicht, denn sein (Säumen kann sich an den unvermeidlichen Kitoblauch nicht gewöhnen. Darum wählt er Eier, ganz einfache eegeier. Schüchtern kommt es von fernen Lippen:Dua uva da sedere (nuva Eier, uva Trauben, sedere sitzen. Sprachlos sieht ihn der Jüngling mit der kühnen Stirnlocke an und bann ant­wortet er höflich: ..queste non si fanno, Signore.. Dann also cartoffele (patate Kartoffeln). Aufs neue erhellt die Gesichter ber übrigen Gäste schabenfrohes Lachen. In seiner Not verfällt der Teutone auf ein noch primitiveres Gericht.Brodo ru5t er unb meint Brot. Einen Augenblick später erscheint^ der Kellner mit einer großen henkellosen Tasse unb gießt bem Fremden die duftende Brühe in einen Teller. Das erste Gericht war nicht schlecht geivählt unb für bas zweite wirb ber Zufall sorgen.

Bachertisch.

Sturm unb Drang. Dichtungen aus der Geniezeit. Heransgegeben, mit Einleitung unb Anmerkungen versehen von Dr. Karl Frey e. fDlit 6 Beilagen in Kunstdruck und zahlreichen Bigneiteii. Goldene Klassiker-Bibliotbek. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin. Bier Teile in zwei Leinenbänden.Sturm unb Drang" so heißt bie wilde, (raftgeniale Bewegung in ber zweiten Halste bes 18. Jahrhunberts bie wie ein Frühlingssturm durch die deutsche Literatur dahinbrauste unb der Vorbote war jenes Sommers, auf dessen Höbe Goethe unb Schiller flehen. Trotz vorhandener Ausgaben, die einzelnen Dichtern ober der ganzen Zeit gewidmet sind, fehlte es bisher an einer Sammlung, bie auf knappstem Raume bas Beste bes Sturmes und Dranges vereinigte und die Bewegung in ihrer ganzen Bielfälligleit deutlich werden ließ. Die vorliegende Ausgabe derGoldenen Klassiker-Bibliothek', die von keinem ähnlichen Unternehmen an Reichhaltigkeit über­troffen wird, füllt endlich die Lücke. Sie beschränkt sich, unter Aus­schluß der kritischen und theoretischen Werke, auf die dicht e r i s ch e n Leistungen der Geniezeit, bringt aber nun alles, was für die eigent­lichen Stürmer und Dränger irgend von Bedeutung ist. So finden wir beim : Gerstenberg mit demUgolino', Leisewitz mit deinJulins von Tarent' und zivei kleineren Stücken ; Lenz ist seiner bichierischen Bedeutung entsprechend sehr reichlich vertreten mit einer Auswahl seiner Gedichte, ferner mit seinen bekanntesten Dramen unb dramatischen Entwürfen, den Luslipielen nach Plantns, deinPandämoiiinm Germanikum" unb einigen Erzählungen. Von Wagner istbie Kindermörderin" unb die wenig bekannte FarceVoltaire am Abend feiner Apotheose' auf genommen; von Klinger durfte das Drama, bas der ganzen Epoche den Namen gegeben hat, nicht fehlen; aber die drei anderen daneben iviedergegebenen Stücke charakierisieren den Dichter besser; Maler Müller ist ebenfalls mit Gedichten, dazu mit zahl­reichen Idyllen und Szenen zu Worte gekommen. So ist hier alles vereinigt, was man in einer solchen Sammlung erwarten kann, darunter vieles, was bisher in feüenen Originalausgaben so gut wie unzugänglich war. Eine Gesamteinleitniig gibt die notwendige Orientierung, Anmerkungen am Schlüsse der Ausgabe die ivnnscheus- roerten Erläuterungen. Alle sechs Dichter roerbeit uns außerdem durch forgfältig reproduzierte Porträts oder Silhouetten vor Augen gestellt, ben Idyllen des Malers Miiller sind ferner die von seiner Hand stammenden Titelvignetten beigegeben roorben. Auch sonst weist die Ausgabe, was Druck, Papier und Einband betrifft, alle Vorzüge ber Golbenen Klassiker-Bibliothek auf.

Gitter-Rätsel.

In bie Felder nebensteheiider Figur sind bie Buchstaben aa a, b bbbbb, dd, eeeee e e e e e e e e, g g g g, i i, 1 1, n n, o o, r r r r, s, t t, ü ü der­art einzutragen, daß bie senk­rechten unb wagerechten Reihen gleichlautenb solgenbes ergeben:

1. Wenig schmeichelhafte Be­zeichnung.

2. Ort in Oesterreich.

3. Schmackhaftes Gemüse.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer t Narrenhände bejubeln Tisch unb Wände.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Umversitäts-Buch- unb Stembrnckerei, R. Lang«, (Biejeifc