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Hr, tote sie sich eine Zeitlang mit dem Riemenwerk abquälte. ®a sie aber manches verkehrt machte, gab er ihr doch einige.Anleitung, B weh!, wie er meinte, beim Schneeschullaus auch die Frau „selbst der Mann" sei. Sie bedauerte so strenge Gesetze, vom Schlittschuhlaufen war sie eine größere Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit gewöhnt. Nun, man mußte sich schließlich auch damit abfinden. Am Ende hatte der Herr, der sonst sehr nett und freundlich 3u ihr war, doch recht. Warum sollte das Weib sich immer so zimperlich geben. Sie wollte deshalb tapfer sein. Wie konnte man aber nur so rasch müde werden. Sie hatte das „Viertel- stündchen" Aufstieg doch unterschätzt. Ihr Begleiter, der mühelos vorausging und selbst steile Stellen, wie ohne besondere Anstrengung und ohne Stock auf seinen Schneeschuhen nahm, was ihr ganz unbeschreiblich schien, tröstete sie, daß sie die Anfängerschwierigkeiten bald überwinden werde und da sie so gewandt, graziös, jung und geschmeidig sei — sieh in, er konnte doch ^galant sein — so werde sie rasch fernen und eine flotte Schneeschuhläuferin werden. Sie glaubte auf seinen Zuspruch, gewann Sicherheit, obwohl sie mit dem Balancieren noch auf »em Kriegsfuß stand, war aber herzlich froh, als sie auf der Höhe war; dort war schon ein lebhaftes Treiben, ein ganzer Wald von Schneeschuhen stand im Schnee am Klubhaus und sie wollte Neugierigen nicht das Bild eines haltlosen, fallenden Mädchens geben. Sie wußte noch nicht, daß beim Schneeschuhlauf niemand mehr darauf achtet, ob fich andere geschickt oder. ungeschickt anstellen, daß sich deshalb auch niemand seiner anfänglichen Unbeholfenheit zu schämen braucht.
Lenchen Müller wurde von ihrer Freundin und deren Vetter gleich begrüßt und ins Gespräch gezogen, so daß sie ganz vergaß, rhrem Begleiter zu danken. Zu chrer Beruhigung erfuhr sie, daß das Schließkörbchen angekommen war. Sie packte es ans und kam, als das Essen schon im vollen Gang war. Man hatte sich ohne viel Umstände an die 'langen Tische gesetzt, wie es gerade kam; Vorstellung war unnötig. Von selbst ergaben sich Gruppen und bunte Reihen; die Tanten verstanden sich darauf, dies ganz unbeabsichtigt einzurichten. Eine der älteren Damen — pst! Der jüngeren HanSmütterchen! — hatte sich mit gewohnter Sicherheit des Suppenlöffels bemächtigt und teilte jedem sein Quantum zu. Lenchen Müller fand, als Spütkommende, nur noch einen Stuhl frei und wollte schon dem glücklichen Zufall danken, daß sie ihrem Begleiter gegenüber zu sitzen kam, als ein rascher Blick — Frauen haben hierfür ein scharfes Auge — sie erkennen ließ, daß ihr freundliches Gegenüber an der nun unbehandschuhten Hand einen Ehering trug. ES war doch zu dumm, traf man einmal einen netten Mann, bann hatte ihn natürlich schon eine andere weggeschnappt. Um sich über ihre unangenehme Entdeckung rascher hinwegzuhelfen, dankte sie mit mehr Worten, als sie eigentlich vor hatte und als nötig gewesen wäre, für die Unterstützung. Sie war aber keine Kopfhängerin und so hatte sie längst bemerkt, daß der frische Herr neben ihm sie mit Interesse beobachtet hatte. Der freche Mensch, dachte sie, sah ganz unverwandt herüber. Daß sie selbst fast ebenso interessiert hinübergeblickt hatte, siel ihr nicht aut Nein, es war doch kein frecher, sondern ein lieber, guter, junger Mann, der so unverhohlen und offenherzig sie bewunderte Und so treu aus seinen Augen schaute, daß sie ihm nicht bös sein konnte; selbst nicht, als er ein Gespräch mit der ungeschickten, Wendung einfeitete, man merke ihr aber stark an, daß sie heute zuin erftenmal auf Schneeschuhen stehe. Er habe sie bei ihrem Heraufmarsch beobachtet, cs sei schon mehr ein Herauffallen gewesen, fügte er mit gutmütigem Spott hinzu. 'Ter Begleiter von vorhin meinte, er sei wohl ein erfahrener Schiläufer und da möge er fich des Fräuleins etwas annehmen und ihr Altleitung geben.. Er sagte mit Freuden zu und sie nahm den Vorschlag mit Wärme an. Jetzt nahm sie ihrem früheren Begleiter auch nicht mehr übel, daß er schon verheiratet war; er hatte seine Sache gut gemacht und ihr in Hugo Grote, wie sympathisch ihr dieser Name war, einen guten Ersatz verschafft. Lenchen und Hugo waren von da au unzertrennlich. Sie übten fleißig, sie war eine eifrige Schülerin, er ein aufmerksamer Lehrer. Sie fiel viel und gefiel ihm doch immer besser; jeder neue Fall war sein Fall, beim da konnte er sie aufheben. Er fand, daß das bei einem schönen, jungen Mädchen eine ganz angenehme Beschäftigung sei. Sie war boshaft genug, ihm seine Aufgabe nicht zu leicht zu machen; sie „machte sich schwer" und wenn er beherzt zugriff, als wenn er einen schweren Mehlsack zu sich Heraufziehen wollte, so war das ganz in der Ordnung._ Wenn ihre Stirnlöckchen dabei fein Gesicht berührten, ober fein Schnurrbart ihre Wange kitzelte, so wurden sie verlegen und lachten wieder so glücklich zusammen, so daß Grete Livsius, die von weitem diesem Treiben zusah und mit von Neid und Mißtrauen geschärftem Frauenblick erkannte, daß beide schon auf dem besten Wege waren, sich ineinander unsterblich zu verlieben, sie dachte, so leicht dürfe man es den Männern doch glicht machen. Sie meinte zu sehen, daß Lenchen beim Aufgehobenwerden (unnötig weit den Kopf zur Seite bog, als wollte sie sich förmlich Win Wssen präsentieren. Hand aufs Herz Lenchen, dieser Verdacht war nicht ganz unbegründet, der liebe, dumme Kerl war so schüchtern und schwer von Begriff. Sie war ihm so gut, und er hatte sie schon zum Fressen gern, das wußte sie.
Sie waren, den Spuren anderer folgend, auf die Hoherains- Kornwiese gezogen, genossen von hier einen unbeschreiblich klaren Blick auf die Rhön. Ueber dem Dunst der Ebene hob sich scharf der dunkle Sarg der Milseburg ab, rechts davon glänzte das Schnce-
feld der Wassirkuppe, noch weiter rechts, wie ein Gegenstück des Hoherodskopfs der Kreuzberg; bann kamen noch andere Rhön- berge. Noch weiter rechts sah man sogar den Odenwald und darin den Kegel des Melibocus, steiler als der Tünsberg, ans der Bergstraße hervorragen.
Aus der Hoherainsbornjviese blieben sie nicht lange, hier wurde zu viel geübt, es war das reine Schlachtfeld; kaum einer, der nicht Spuren seines Sturzes und ganze Mulden im weichen Schnee hinterlassen hätte. Auch waren zu viel Menschen da. Lenchen und Hugo bradjen deshalb bald wieder auf und zogen! nackj der Forellenteichwiese oder nach den Schwarzbachswicseu und gelegentlich auch nach der sog. Rennbahn, obwohl dort der Schnee diesmal gerade nicht günstig war.
Hier lernte sie erst den Reiz der Schnelligkeit kennen. Die Schneeschuhe gingen ja förmlich mit einem durch. Dabei bekam, sie doch ein Gefühl der Unsicherheit und nahm es dankbar an, wenn Hugo sie, wie beim Schlittschuhlaufen mit kreuzweise gehaltenen Armen leitete.
' (Schluß folgt.)
Line Tragikomödie des Lebens.
Aus Paris wird berichtet: Im Pariser Stadtteil Montrougd entstand in den letzten Tagen eine Verkehrsstockung: durch die Straßen zog ein ärmlicher Leichenwagen, eine Beerdigung dritter Klasse, aber hinter dem Wagen marschierten int langen Zuge phantastische Gestalten mit großen Schlapp hü teil; unzählige Künstler und Künstlerinnen aus dem Quartier latin und vom Montmartre. Und wenn man fragte, wen diese zahllose Gefolgschaft zu Grabe geleitete, so erhielt man die Antwort „Rousseau", schlechthin „Rousseau". Den man hier zur fetzten Ruhe brachte, war eine unbekannte Berühmtheit, war der alte arme Henri Rousseau, der 15 Jahre lang das traurige oder glückliche Opfer Pariser Künstlerübermutes gewesen war. Tas Opfer eines riefen» haften Ulkes, wohl des größten, den bas alle Zeit erfinbungs- reiche unb lustige Künstlervölkchen ber Seinestabt ersonnen hat.
Bis vor wenigen Monaten arbeitete ber arme Rousseau, so wirb erzählt, noch als schlichter Zollbeamter, und seinem ganzen Wesen nach war er nie dazu geschaffen, berühmt zu werden. Aber in seinen Freistunden führte er den Pinsel und malte, und die Kollegen vom Montmartre hatten ihm aus Scherz eingerebet, er fei ein großes Genie. „Sie sagen mir," so erzählte ber arme alte Henri mit einem bescheibenen Lächeln, „ich sei ein echter Primitiver, tch sei ber erste unter ben Postimpressionisten. Ich verstehe mich nicht auf Worte, ich bin nur Maler." Unb mit einer liebens- würbigen Gebärde wies er ben Besucher bann zu seiner Leinwand. Seine Schöpfungen waren in der Tat geeignet, Verblüffung zu erwecken. Er war wirklich ein Primitiver, alle seine „Schöpfungen" blieben stets die Kinder seiner anspruchslosen unb naiven Unschuld. Dabei war er ein lieber alter Kerl, alle Studenten und Malschüler hatten ihn gern unb so tarn es auch, bafciman ihm eines Tages aus Ulk in den Salon des Jndepenbente aufnahm und feine grotesken Bilder zum Gaudium ber jungen Künstler aufhängte. Es war ein toller unb vielleicht auch ein grausamev Scherz. So sah man vor einigen Jahren eine Malerei des alten Rousseau, bie er „Jatwiga" getauft hatte, wie er bescheiden versicherte : „Nach einem wunderschönen polnischen Mädchen, das ich einst in meiner Jugend sah." In der Mitte des Bildes sah man auf ein rotes Pgüschsofa hingestreckt bie Gestalt einer nackten Frau. Aber bieses Sofa stand in der Mitte eines tropischen Urwaldes, den offenbar noch nie ein menschlicher Fuß betreten hatte. Hier mitten in der Wildnis lag die schöne Jatwiga und lanfchte einem Neger, ber auf einer Kaktusstaube saß (was sicherlich sehr unbequem fein mußte) unb auf einem wunderlichen Instrumente spielte. Zwei Löwen, ein Tiger unb eine Klapperschlange krochen durch die Klänge dieser postimpressionistischen Musik angelockt aus dem Dickicht unb blickten mit sichtbarer Rührung auf die schöne Jatwiga. Paris lachte sich halbtot über diefcs Bild, aber bie jungen Witzbolde vom Quartier Latin und vom Montmartre trieben ben Sckjerz noch weiter unb brachten es sogar bahin, daß ein ausländischer Kunstfreund das merkwürdige Stück als modernste französische Malerei kaufte. Tie Freunde erzählten dem alten Henri, er sei nun das Haupt einer neuen Schule und da er ein wirklich ehrlicher unb naiver Mensch war, nahm er das alles für bare Münze. Ihm wäre es nie in beit sinn gekommen, baß man sich über ihn luftig machen könne, unb die jungen Leute sorgten auch dafür, daß dem alten Rousseau üe Enttäuschung erspart blieb, je die Wahrheit zu erfahren. Er hat nie zu wissen bekommen, baß seine Gemälde für alle Welt nur eilte Quelle unerschöpflicher Heiterkeit bildeten. Er saß daheim unb malte, bie Freunde sorgten dafür, daß feine Werke stets ge- ’auft wurden, was fich leicht machen ließ, da ber gute Henri bei il(em Fleiß jährlich nur ein Bild fertigstellte. Ter Erlös reichte aus, um ben Alten über Wasser zu halten und voll Stolz.sagte er immer: „Meine Kunst ist mir Nahrung und Trunk." Nach ber Jatwiga verblüffte er Paris mit einem Riesengemälde „Unsere Vorfahren tanzen um den Baum der Freiheit". Inmitten ber großen Leinwand — denn Henri Rousseau malte mir räumlich große Bilder — hing auf ber Spitze eines Baumes eine rote türkische Mütze und ringsumher tanzten halbnackte MännergestalM, bie auffällig populären zeitgenössischen Politikern ähnelten, Ank


