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Signe hatte kaum auf die schöne Frau hingesehen. Aber der Herr, oer nun an deren anderer Serie Platz nahm, interessierte sie. Herr Köhne — August Köhne! Wie eine seiner» bläulichen ernsten Gesicht und der schiefen Nase. Karikatur nahm er sich neben der stolzen Gestalt aus mit Ganz in sich znsammengesunken saß er, drehte an seinem Glase oder schien das Muster in der Serviette zu studreren.
Und die arrderen drüben lachten rings um ihn. Ain übermütigsten die junge Frau., Sie hatte vorhin beim Vor- überschrerten einen duftigen Spitzenschal umgehabt, jetzt warf Einmal nahm dieser Herr Köhne den Schal von der Stuhl- sie ihn zurück. Wie Alabaster schimmerten die Schultern, lehne auf, ivollte ihn ihr wieder umlegen, aber sie streifte ihn gleich aufs neue ab und lachte. Lachte mit glänzenden Augen und zeigte die blitzenden Zahne. \
Das Gespräch hüben Ivar etwas ins Stocken gekommen. Eigentlich sprachen lediglich noch die Herren, gleichgültige Dinge, und auch sie vermieden dabei sichtlich, nach dem anderen Tisch hinüberzusehen. Nur Vater konnte es sich nicht versagen, dann und wann einen verstohlenen Blick nach dem Nebentisch zu werfen. Und mit einem Male fragte er ganz erstaunt Horfeck: „Aber ist das denn möglich, die Dame hat ja links — etwas seitlich — einen kleinen Brillanten zwischen Den Zähnen?"
„Eine neue Mode, aus Amerika importiert. Ein einplombierter Diamant —"
Vater hatte ganz leise gefragt. Aber Mutter hatte manchmal feine Obren. Sie schob ihren Teller indigniert zurück, sagte ziemlich laut: „Ich glaube, wir gehen —" und stand auch schon auf.
Man mußte durch die Säle zu den Garderoben. Es ging ziemlich wild zu, das Gedränge war womöglich noch größer als vorher, der Lärm noch lauter; die Stimmung schien nach dem Souper noch gehobener zu sein. An der Sektbude saß noch immer, von einem Schwarm von Anbetern umringt, Fräulein Bärnberg; aber die großen roten Mohnblumen an ihrer Brust waren zerflattert.
Signe hatte versucht, an der Seite der Mutter zu bleiben, die wie eine Fürstin, ohne rechts und links zu sehen, sich ihren Weg bahnte. Eine Weile war das möglich gewesen. Dann war sie abgedrängt worden, und plötzlich ging Hoburg neben ihr. >
Schweigend zuerst. Und sie dachte: „Wie fängst du's nur an, daß du ihm so gut entwischst wie vorhin?"
Da sagte er, wie aus tieferem Sinnen heraus, ganz unvermittelt: „Sie waren doch die Schönste —"
„Auf diesem Fest der Wohltätigkeit und der Uuschönheit."
„O, an schönen Frauen hat es hier wohl nicht gefehlt. Aber keine war so -schön wie Sie, gnädiges Fräulein. So sieghaft schön wie die Herzogin von Chouanne."
„Die Herzogin von Chouanne ist mnter dein Fallbeil gestorben — und ich fahre nach Hause. Gute Nacht, Durchlaucht, amüsieren Sie sich weiter mit den Schönheiten, die bleiben."
Ueber sein hageres fahles Gesicht huschte eine ganz leichte Röte: „Pah —" machte er, zögerte einen Moment und sagte dann: „Sind Sie mir böse, gnädiges Fräulein?"
Sie standen schon in der Tür der Garderobe. Von innen winkte Vater, der — mit etwas bekümmertem Gesicht — dem Diener den Pelz seiner Frau abnahm und ihn ihr Äußerst sorgsanl um die Schultern legte.
„Böse? Nein, Durchlaucht. Wie sollte ich! Gute Nacht — und viel Vergnügen." Signe schlüpfte schnell an ihm .vorüber, mit einem leichten Kopfnicken.
Mutter war unwirsch. „Wo bleibst du denn, Signe. Dodo, den Kragen hoch — du willst dich wohl erkälten. Nun, Otto, kommst du endlich? Du scheinst dich ja gar nicht trennen zu können>
Vater stand nämlich noch auf eines Augenblicks Länge bei Herrn von'Horfeck undsragte leise: „Sagen Sie mal, wer war eigentlich die Dame... die. . . mit der Brillantplombe?" Er sprach es leise, und der junge Offizier gab ebenso leise zurück: ,-Eine Frau Köhne — der Mann ist Schauspieler." • »
So leise sie flüsterten, Signe hatte es doch gehört. Und vor ihr tat sich mit einem Male eine Tragödie auf. Oder' war's nur eine Komödie?'
■7.
Dodo quirlte in dem Zimmer der Schwester herum. Sie War gerade aus der Vorlesung gekommen, hatte den Kopf
voll von „Goethes Lieben", wie sie es ausdrückte, philosophierte von ihrem Kaminfell aus über die Liebe im allgemeinen, über Friederike, Lotte und Lilli im besonderen, fand Goethe in einem Atemzuge einen scheußlichen Schurken und einen Wundermann, einen Halbgott, sprang auf, machte einige Müller-llebungen, lief zu Signe, die am Schreibtisch- saß, um ihr schnell einen Kuß in den Nacken zu geben, kuschelte sich wieder vor die Kaminflamme hin.
„Was man erlebt — was man erlebt!" Pause und Aufrichten in Sitzstellung, dreimaliges Armstrecken vorwärts, seitwärts, rückwärts. „Diese Berliner Mädels I Wir Kör- liner sind doch die reinen Waisenlämmer dagegen. Ich hab ja noch gar nicht mit dir darüber gesprochen — wann kommen wir denn überhaupt mal zum vermünftigen Plappern bei dem Geruder! So was wie neulich auf dem Zaubersestj bei Kroll, so was geht nicht auf 'ne frischabgezogene Elefantenhaut. Also denk dir —" Ausstrecken, Rückenlage, Arm unter deni Nacken — „kommen da zwei Mädels zu uns hereingewutscht, Freundinnen von meinen Seklkolleginnen — brrr! brrr! haben Progrämmer verkauft, tuscheln und tuscheln hinter uns — denk dir — renommieren, wie viel sie zusammengebettelt haben und — denk dir — nehmen sich jede je zwei Mark von dem Gelde, um sich davon Pralinees! zu kaufen. Von dem Gelde —■ denk dir! Solche Gemein-, heit — Mädels aus ganz anständiger Familie. Das heißt, was mmt so nennt. Na und dann dieses Fräulein Bärnberg, unglaublich, sag ich dir. Ich bin ja nicht so, mal so'n bißchen Augenklappern — na warum denn nicht? Aber so sich auf dem Präsentierteller darbieten . . . hier siehst duf mir, hier hast du mir . . . Pfui Geier! Diesen Männern!"
(Fortsetzung folgt.)
Auf Schneeschuhen.
Von Rechtsanwalt L. Rc^ab (Gießen) (Fortsetzung.)
VI. Das Ewig-Weibliche.
Das Beste kommt zuletzt. So auch beim Schilauf. Staunte man schon die ersten Männer, die mit Schnee;chuhcu auszogen, an, so kannte die Verwunderung über die ersten Weiblein, die sich ebenso bewaffneten, keine Grenzen. Man sah die geheiligte V 'ellschaftsordnuug bedroht, wo sollte das hinsühren! Auch an Spott fehlte es nicht; denn die ersten Vertreterinnen des zarten Geschlechts sahen anfangs in ihrer unsportmäßigen, zufamiuen- gelesenen Ausstattung nicht immer entzückend aus. Bald mehrten sich zrim Aerger der einen, zur Freude, der anderen männlichen Partei die Teilnehmerinnen; der Schisport wurde anziehender. Man zog sich auch besser und zweckmäßiger an, nicht nur der Manu, and? die Fran. In die rauheren Sitten des Hütten- lebens kam mit den holden Vertreterinnen der sanftere Ton, die größere Ordnung, die Rücksichtnahme, eine Grenze fürs Ungebundene. Das Leben auf den Hölzern vergesellschaftete sich leichter, streifte die steife Etikette des Stadtlebens für die Tage des Sports ab und lehrte die Menschen, sich wenigstens eine Zeitlang natürlicher zu geben. Neben der Freude an Betätigung in zwangloser Gemeinschaft, trieb manche der Vertreterinnen des schönen Geschlechts der berechtigte Wunsch auf die'Bretter, die Herren der Schöpfung auch auf diesem Feld aus die Möglichkeit eines künftigen gemeinsamen Lebenswegs hin aufs Korn zu nehmen. Der Anschluß war hier leidster als sonst. Das hatte and) Leuchen Müller aus Karlsruhe sd)on längst herausgefunden. Sie hatte fid) mit einer Peusionsfreundin aus Darmstadt verabredet, auf dem Hoherodskopf, wo günstige Schneckverhältnisse für Anfänger im Schneeschuhlauf waren, ein paar lustige Wintersporttage zu verleben. Die Freundin war mit ihrem Vetter, einem Studenten aus Gießen, schon vorausgefahren, sie war deshalb floh, in Schotten einem Herrn, der auch Schneejd-ulstäufer mit dam Ziel: Hohevods- kopf, war, sich anschließen zu können. Leuchen sah reizend ans in roter Rodelmütze, weißem Sweater und blauem Dourenrock, einem Teil eines schicken Norweger Schiläuferinnen ko stums. Sie hatte einen kleinen Schließkorb vorausgesandt, mit dessen Inhalt sie den Schneid eines schönen Badenser Mädels ins rechte Licht zu setzen hoffte. Sie unterhielt fid) gern, ließ fick) alles erklären, hatte Interesse für den flachen Aschenkegel am Wäldchen zwischen Schotten und Michelbach, wo man heute noch die vulkanische Asche, durchbrochen vom Lavaflnß, Lapilli und Bomben, den Niedersdstag eines mächtigen Aschenregens sieht, sah mit Staunen, daß es in Michelbach trotz des als Sibirien verschrieenen Vogelsbergs noch Nußbäume gibt, sah dern Maler zu, der dort am! Dorfeingang, ans Holzschuhen stehend, trotz der Kälte eine schöne Winterlandschaft auf seine Leinwand zauberte. Sie war im Schilauf Neuling, hatte str-welnagelneue Schneeschuhe mit „modernster" Bindung und als sie am Breungeshainer Friedhof vorbei war, hielt es sie nicht länger, sie mußte auf die Bretter, die für einige Tage ihre Welt bedeMen sollten. Der Herr fahr ihb ÄchelrÄ


