Ausgabe 
30.12.1912
 
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Diskretion verpflichtet, wenigstens solange, bis ich von Ihnen das Geld erhalten habe."

Daß er dieses Ehrenwort lediglich sich selbst gegeben hatte, brauchte der andere ja noch nicht zu wissen.

Der Kommerzienrat saß einen Augenblick ganz fassungslos da, dann fragte er endlich:Sie glauben also wirklich, Herr Leutnant, daß ich Ihnen das Geld gebe? Hunderttausend Mark? Selbst wenn ich es wollte, könnte ich cs gar nicht, denn ich habe doch natürlich eine solche Summe nicht int Hause."

Das habe ich selbstverständlich auch nicht erwartet, Herr Kommerzienrat," lautete die Antwort,es würde mir vollständig genügen, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, mir einen Scheck über hunderttausend Mark auf Ihre Bank zu geben, den ich mir an einem der nächsten Tage cinlösen könnte."

Unwillkürlich mußte der Kommerzienrat lachen:Das glaube ich Ihnen gern, Herr Leutnant, daß Sie auch mit einem1 solchen Scheck zufrieden wären, aber nun wollen wir einmal ganz ernst­haft reden. Und da möchte ich Sic fragen: Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen das Geld gebe? Haben Sie das auch nur eine Sekunde für möglich gehalten? Auf nichts und wieder nichts kann ich doch nicht eine solche Summe verleihen, denn soweit ich über Ihre Verhältnisse unterrichtet bin, sind Sie doch nicht in der Lage, mir auch nur die geringste Sicherheit für dieses Dar­lehen zu geben."

Zu meiner 'Freude kann ich Ihnen da sagen, Herr Kom­merzienrat, daß Sie sich sehr irren," gab der Leutnant mit fester Stimme zur Antwort,ich kann Ihnen sogar vollständige Sicher­heit bieten. Ich stehe im Begriff, mich zu verloben, und ich ver­bürge mich mit meinem Ehrenwort dafür, daß ich am Tage der Verheiratung von der sehr reichen Mitgift meiner späteren f^rou die geliehene Summe auf Heller und Pfennig nebst den übUchen Zinsen zurückzahlen werde."

Das wäre allerdings etwas anderes," meinte der Kommerzien­rat nach kurzem Besinnen,vorausgesetzt natürlich, daß Ihr zukünftiger Schwiegervater auch wirklich so reich ist, wie Sie anznnehmen scheinen."

Er ist sogar leider Gottes noch viel reicher," erwiderte der Leutnant,er ist sogar so reich, daß ich zuweilen fürchte, meine zu­künftige Frau möchte nmitchmal auf den Gedanken kommen, ich hätte mich in erster Linie ihres Geldes wegen in sie verliebt. Daß das1 aber nicht der 'Fall ist, brauche ich Ihnen, Herr Kour- merzienrat, wohl nicht erst zu sagen?"

Der wehrte ab:Das sind Privatangelegenheiten, Herr Leut­nant, die ich nicht zu beurteilen vermag, und die Sie mit Ihrem eigenen Herzen und Gewissen abmachen müssen. Aber darum handelt es sich jetzt ja auch nicht, sondern lediglich um das Geld, und da muß ich offen sagen, ich bin eigentlich znm ersten Male in meinem Leben unschlüssig, was ich tun soll. Wenn sich alles so verhält, wie Sie sagen--"

Mein Wort daraus, Herr Kommerzienrat," fiel der Leutnant rasch ein,und um Ihre letzten Bedenken zu zerstören, will ich Ihnen gestehen, daß ich bereits heimlich verlobt bin."

Mer selbst das vermochte den Kommerzienrat noch nicht ge­fügig zu machen und so fragte er denn jetzt:Natürlich verlange ich noch keinen Namen, wenn Sie den noch nicht nennen dürfen, aber eine Frage: Kenne ich Ihren zukünftigen Schwiegervater?"

Sogar sehr gut, Herr Kommerzienrat," lautete die Antwort, der Herr geht sehr viel in diesem Hause ein und aus, ich weiß, daß Sie in sehr reger Geschäftsverbind ung mit ihm1 stehen, er hat sogar ein sehr großes Vermögen auf Ihrer Bank liegen, mehr darf ich allerdings nicht verraten."

Das genügt mir denn auch vollständig," erwiderte der Kom­merzienrat nach kurzem Besinnen, nachdem -er sich im stillen überlegt hatte, wer von seinen vielen reichen Kunden wohl der Schwieger­vater seines Besuchers sein möge, dann sagte er endlich:Schön, unter diesen Umständen will ich -Ihnen den Betrag ans meine Bank anweisen, ich habe ja Ihr Ehrenwort der pünktlichen Zurück­zahlung."

Wenig später hielt der Leutnant einen Scheck über hundert­tausend Mark in Händen, und er mußte mit aller Gewalt an sich halten, um sich nicht zu verraten, als er nun sagte:Ich bin Ihnen zu einem viel größeren Dank verpflichtet, Herr Kommerzien­rat, als Sie glauben. Nur noch eins: Ich kann .mich doch darauf verlassen, daß dieser Scheck auch wirklich von Ihrer Bank ein­gelöst wird, daß Sie den nicht etwa wieder sperren lassen, wie man das wohl nennt, und daß Sie mir die Anweisung nicht nur gaben, um mich, auf gut deutsch zu reden, endlich los zu werden?"

Der Kommerzienrat lachte hell auf:Sie sind ein vorsichtiger Mensch, das muß ich Ihnen lassen. Aber seien Sie ganz un­besorgt, ich schrieb den Scheck nicht nur zum Schein, und damit Sie ganz beruhigt sind, gebe ich Ihnen hiermit mein Ehrenwort, daß der Scheck unter allen Umständen eingelöst wird, sobald Sie den bei meiner Bank präsentieren."

Und der Kommerzienrat gab dem Leutnant die Hand daraus.

Abermals bedankte sich d-r Leutnant mit warmen Worten, aber der Kommerzienrat wehrte ab:Es handelt sich doch nur um em kurzes Darlehn, Herr Leutnant, denn wenn Sie bereits heimlich verlobt sind, dürfte die Heirat doch auch !vohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen."

Dem Leutnant schlug das Herz bis zum Halse hinänf, tvotzl- dem aber sagte et jetzt mit fester Stimme:Das hängt einzig und allein von Ihnen ab, Herr Kommerzienrat."

Der starrte seinen Besuch ganz erstaunt an, bis er daun endlich fragte:Bon mir?" Um dann fortzufahren:Ach so, ich verstehe. Sie spielen darauf an, daß ich für Ihren Herrn Schwiegervater erst die Gelder flüssig machen soll, die er seiner Tochter als Mitgift geben will."

Doch nicht ganz, Herr Kommerzienrat," lautete die Ant­wort,ich, meinte meine Worte etwas anders, denn um es offen zu gestehen. Sie sind mein zukünftiger Schwiegervater."

Der Kommerzienrat, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte, um feinen Gast zur Tür zu geleiten, ließ sich plötzlich wieder in einen Stuhl fallen und starrte den Leutnant ganz fassungs­los an, bis er bann endlich sagte:Ich bin Ihr zukünftiger Schwiegervater? Da irren Sie sich aber ganz gewaltig, und vor allen Dingen, ich verstehe das alles gar nicht." Bis er bann plötzlich aufsprang und sich dicht vor seinen Gast hin- stellte:Ach so, so war das gemeint? Das haben Sie sich ja sehr schlau ausgedacht, Herr Leutnant, erst pumpen Sie mich an, und dann meinen Sie, nm Wicker zu meinem (Selbe zu kommen, solle ich Ihnen jetzt meinen Segen geben? Da irren Sie sich aber gewaltig, und unter diesen Umständen wirb b-er Scheck natürlich nicht eingelöst werden."

Aber der Leutnant ließ sich nicht beirren:Ich habe Ihr Ehrenwort, Herr Kommerzienrat, daß der Scheck unter allen Umständen eingelöst wick, und ein Finanzmann Ihrer Stellung und Ihres Namens Wick sein Ehrenwort nicht brechen."

Der Kommerzienrat faßte sich an die Stirn. Da hatte er sich ja schön überrumpeln lassen, er, einer der gewiegtesten Geschäfts­leute, von einem jungen Leutnant!

Aber wie es kam, wußte er selbst nicht, der Offizier, der so fest und entschlossen vor ihm stand, imponierte ihm ebenso wie bet Mut, mit dem biefer ihn ausgesucht und in bie Falle gelockt hatte. Aber trotzdem, ehe er bem sein einziges Kind gab, lieber verzichtete er auf die Rückzahlung der hunberttausenb Mark und schrieb biesen Betrag auf das Berlustkontv.

Das wollte er auch dem Leutnant sagen, aber da öffnete sich plötzlich die Tür, und Ellen, ein junges, bildhübsches Mädchen von zwanzig Jahren stürmte in das Zimmer:Vater, ich kann es vor Ungeduld nicht mehr aushalten. Der Diener sagte mir, Kurt, ich meine natürlich Herr von Brinken, sei immer iwch bei dir. Vater, kannst du beim wirklich nicht deine Einwilligung geben, ich habe ihn doch so schrecklich lieb, und das . sage ich bir, Vater, wenn ich Kurt nicht heiraten darf, bann heirate ich über­haupt nicht. Vater, kannst bu beim wirklich nichtja" sagen?"

Ich muß es . sogar," knurrte der endlich vor sich hin. Der Geschäftsmann war wieder in ihm erwacht. Ehe er die hundert­tausend Mark als verloren in seine Bücher schrieb, eher gab er doch lieber dem Leutnant sein Kind. Mochte sie mit ihm glück­lich werden, wenigstens bekam sie einen Mairn, der es in Geld­geschäften sogar mit einem Bankier aufnahm.

Mit einem Jubelschrei flog Ellen auf den Geliebten zu, und während der Kommerzienrat seinen Gästen wenig später die ganz plötzliche Verlobung seiner Tochter mit dem Herrn Leutnant von Brinken verkündete, saßen die Kameraden im Kasino und warteten auf Brinken, daß der.endlich kommen solle, um bie ver­lorene Silvesterwette zu bezahlen.

Aber Brinken kam nicht. Der hielt seine Braut in den Armen, itnb als bie Mitternachtsstunde herankam, als die Glocken das neue Jahr einläuteten, standen sie Hand in Hand am! Fenster und schauten hinab auf die Atraße, auf der sich alle Leute ein Prosit Neujahr" zuriefen.

Leise und verstohlen drückten sie sich die Hand, denn das Glück, das die anderen sich für das neue Jahr wünschten, das. hatten sie im ölten Jahr schon gefunden!

Neujahrs-Bilderrätsel.

Auslösung in nächster Nummer.

Auslosung des Artthmogriphs in voriger Nummer: DoHar, Abler, Soba, Gra§, Hab, Ober, Sago, Lala, Erle, Lorb, Olga, Saale; Das große Los.

Redaktion: K. N e u r a t h.

Notationsdruck und Verlag der Bruhl'kchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet