Ausgabe 
30.12.1912
 
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Eines Kindes Tränen.

Won Jlse-D-ore Tanner.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Jede Woche ließ sie Ilse eine Karte an den Vater schreiben. Manchmal _ hatte diese auch aus freien Stücken darum gebeten, einen Brief schreiben, zu dürfen,.und hatte dann in ihrer kindlich Unbeholfenen Schreibweise dem Vater von allem erzählt, was sie erlebt und gesehen. Und regelmäßig jede Woche war eine Karte oder ein Kurzer Brief von ihm an Ilse angekommen,Grüß die Mutter", stand immer darin.

Als sie nun das kleine, stille und billige Seebad ausgesucht. Um den Rest des Sommers und soviel vom Herbst wie nur mög­lich hier zu verbringen, war sie entzückt gewesen, in ihren Penfion den Dichter und Schriftsteller Hochburg kennen zu lernen.

Und nun 'mußte gerade -dieser Mann ihren Gatten kennen und loben. Wie hatte er doch gesagtich bin ein begeisterte« Verehrer Ihres Gatten" und sie war sich wie ein dummes Schulmädchen vorgelommen, sie hatte nichts von seinem neuen Merk, nichts von seinen Vorträgen gewußt.

Und wer war daran schuld? Nur er, nur er, der sie dahin gebracht, durch seine Rücksichtslosigkeiten und feinen Spott, daß sie ebensowenig nach seiner Arbeit gefragt, wie er nach der ihren.

Uebrigens, sie wollte Hochburg doch auch einmal danach fragen, was er von den Gedichten Gerda Lahars hielt. Er konnte ja keine Ahnung haben, daß sie das sei.---

*

Gerda war auch in den nächsten Tagen viel mit dem Ehe­paar zusammen. Die sonst so scheue kleine Ilse hing wie eine Klette an Hochburg, er beschäftigte sich auch in einer ganz aller­liebsten Weise mit ihr.

Onkel Hochburg ist fast so nett wie Papa zu mir," sagte das Kind.

Und als Gerda dem beriihmten Mann einmal ihre Be­wunderung darüber ausgesprochen, daß er so reizend verstehe mit Kindern umzngehen, wie sie es eigentlich noch nie bei einem 'Herrn gesehen, hatte er gemeint:

(Nun, Ihr Herr Gemahl muß doch geradezu ein Meister in dieser Kunst sein, nach allem, was Jlschen mir erzählt und wie sie von ihrem Vater schwärmt."

An demselben Tage, .sie sprachen gerade von' Neuerschei­nungen in der Literatur, fragte Gerda:

Was halten Sie von dm Gedichten Gerda Lahars, Herr Hochburg?"

Er schüttelte nachdenkend den Kopf.Habe nicht die Ehre mir gänzlich unbekannt. Offen gestanden bin ich kein großer Freund von den modernen Dichterinnen einige wenige natür­lich ausgenommen. Von den Gedichten der meisten kann man im günstigen Fall .nur sagen sie wären besser ungedichtet geblieben."

Die armen Dichterinnen! Gut, daß nicht alle so scharf urteilen luie Sie, Herr Hochburg. Halten Sie beim die Dich­tungen der Männer wirklich für so viel besser?" fragte Gerda gereizt.

Er zuckte lächelnd die Achseln.Die männlichen Poeten sind weniger gefährlich." . t ..

Haben Aje eine Sammlung von der Dame wie hieß sre doch gleich?"

Gerda Lahar. Ja, ich habe zufällig eine Sammlung mit, ich kann sie Ihnen morgen mitbringen."

Nun schön, das wäre sehr freundlich von Ihnen. Hier beim Meeresrauschm wirklich gute Gedichte zu lesen, wäre mir ein besonderer Genuß. Nun muß ich Sie auch auf 'Ihre Literatur­kenntnisse hin prüfen. Kennen Sie die 'Schriftstellerin Maria Benda?" .Gr warf feiner Frau einen schelmischen Blick zu.

Ja, .aber natürlich, ich liebe ihre einfachen, frohen und doch so tiefen, kleinen Geschichten sogar sehr," rief Gerda lebhaft.

Frau Hochburg war leicht errötet, und ihr Mann legte jetzt zärtlich den Arm um ihre Schulter.

Dann stelle ich sie Ihnen hiermit feierlichst vor."

Gerda war 'einen Augenblick so erstaunt, daß sie keinen Ton sagen konnte.

Frau Hochburg lachte.

Ja, seit ich seine Frau bin," sie gab ihrem Gatters einen scherzenden Klappsfragt kein Mensch mehr nach mir. Wir armen Frauen berühmter Männer habm es schlecht, wir müssm immer bescheiden im Schatten stehen, das werden Sie auch wissen, liebe Frau Gerold."

Heber ihre letzte Behauptung fing Hochburg nun einen scherz­haften Streit mit seiner Frau an, das enthob Gerda einer Ant­wort und gab ihr Zeit, ihre Verwirrung zu überwinden.

Am nächsten Morgen brachte sie Hochburg ihre kleine Gs- dichtsammlimg.

Schon am folgenden Tage gab er sie ihr wieder.

Nun?" fragte Gerda atemlos.

Er machte ein komisch-verzweifeltes Gesicht.

Kennen Sie die Dame?"

Sie errötete: ,Ffa -das heißt ich bitte Sie, gar keine Rücksicht darauf zu nähmen, ob mir die Dichterin bekannt ist -oder nicht, Ihr offenes Urteil wäre mir von großem Wert."

Nun denn also es sind einige ganz niedliche, stimmungs­volle Reimereien dabei, aber nicht ein einziges gutes Gedicht. Die Dame hätte besser getan, das Dichten nur sür den Haus­bedarf zu betreiben."

Gerda wurde sehr blaß und dann dunkelrot.

-Frau H-ock)-burg faßte erschreckt nach ihrer Hand:

Um Himmels willen, liebe Frau Gerold Sie sind doch nicht am Ende selbst

Gerda nickte stumm!.

Wenn ich gewußt hätte, daß Sie selbst Gerda Lahar sind, -gnädige Frau, hätte ich- auch nicht anders urteilen können," sagte Hochburg einfach.

Gerda lächelte schwach.

Sie haben mich jedenfalls von einer Eitelkeit kuriert, und das ist sehr gut."

-Hochburg zog tief seine Strandmütze vor ihr ab:

Alle Hochachtung, gnädige Fran, ich habe noch keine Dante, -zumal dichtende Dame, getroffen, die ein absprechendes Urteil so sein und klug auf genommen hätte wie Sie," sagte er bewundernd.

Als Gerda nachher wieder abends einsam auf ihrem Balkon saß, konnte sie es doch nicht hindern, daß plötzlich Träne aus Träne aus ihren Augen 'tropfte.

Ihr Mann hatte ihr vor Jahren dasselbe gesagt, fast mit denselben Worten.

Aber ihm hatte sie nicht geglaubt, und feilt Urteil hatte fie aufs tieffte verletzt, es war eigentlich der Anfang zu ihrer -Ent­fremdung gewesen.

Wenn er, wenn Hans anders gewesen wäre liebevoller.