Ausgabe 
30.11.1912
 
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Wenn ich an jene wenigen Mimiken zürückdeuke, die ich in diesem grauenvollen Kirchhof der Sterbenden, und der Laoten durchlebte, packt mich noch jetzt das Entsetzen wie ut jener Stunde, da ich dem Chauffeur zurief, nein, zubrüllte, zu wenden, zu fliehen, zu flüchten.Rechts und links der Straße türmen sich bte Karren, auf die die Leichen der Gestorbenen. geworfenwerden. Hastig sckLeudert man die irdischen Ueberreste dieser Unglücklichen da hinauf und man Yaim kaum noch erkeimen, daß es menschliche Korpeü sind, denn die Leiber und die Kleider vermengen sich zu einem jn= entwirrbaren Chaos.Und in diese Gefährten des Todes, inmitten der Berge von Leichen, gerät dann in der blinden Hast der Arbeit ein noch Lebe-ider, ein Kranker, oder ein Sterbender, der noch atmet und noch die Hände bewegt. Mit einem Schänder müssen wir sehen, wie auf so einem Karren unter einem Haufen zu- sammengeworfener schwarzer Leichen eine Hand sich noch bewegt und int Krampfe zuckt. Jenseits der Hauptstraße sahen wir Soldaten, die große Gruben anshoben: und,daneben lagen zu Hunderten die Leichen, noch in der Stellung, in der der Tod sie überrascht und erlöst hatte. Und dazwischen sterben andere, wah­rend unmittelbar neben ihnen das Grab bereits gegraben wird. Ich näherte niich einem Leichenhaufen, um eine Auftiahme zu machen: dann erst sah ich, daß die Hälfte davon noch lebende Menschen waren, Sterbende. Während ich meinen Apparat am- stellte, sehe ich plötzlich, wie der mir am nächsten liegende Körper sich bewegt uiid eine andere Haltung annimmt. Und als wir dann genauer Hinsehen, entdecken wir überall letzte verlöschende Lebenszeichen: noch warm werden diese Opfer der Seuche m die Grube geworfen. Und uns überfällt ein Gefühl, einem Massen­mord beizuwohnen, ja beinahe einem Verbrechen. Gewiß, der furchtbare Umfang des Unglückes niacht jedes bedachte Vorgehen unmöglich: unmöglich ist es, hier noch zu helfen, ja nur Er­leichterung zu schaffen, unmöglich Barmherzigkeit zu üben: hier wird Milde zum Mord. Die entsetzlichen.Umstände kennen nur ein Gesetz und eine Pflicht: Schutz für die noch Lebenden, Rettung für die Gesunden. Fort mit allen, denen nicht geholfen werden tarnt. Wir waren an den Anblick Cholerakranker schon gewöhiit, hatten die endlosen Züge von Wagen gesehen, auf benen Kranke und Sterbende fortgeschafft wurden,, wir sahen Menschen auf der Straße hinsinken, zuckend und mit ihrem Todeskampf den Weg versperrend: aber was wir in Hademköi erlebten, stellt alles frühere in den Schatten.

Wir haben in Hademköi nur ein Gebiet von 150 Metern durchschritten. Und auf diesem schmalen Raume sahen wir mehr als 2000 Tote mitten unter einer noch zahlreicheren Menge von Sterbenden. Wohin das Auge flüchtet: überall nur, erstarrte Körper. Auf einem kleinen Platze zahlen wir 500 Leichen, mit weitaufgerissenen starren Augen und gespenstisch emporgereckten Händen. Hier und dort sehen wir improvisierte hastig aufge­schlagene Baracken: aber sie sind überflüssig und nutzlos. Wir sahen viele Aerzte, die in furchtloser Verachtung des Todes in­mitten der Kranken ausharrten, neben den Gräbern. Mer wir wechselten mit keinem von ihnen ein Wort, .um nicht den Mund in dieser verpesteten Atmosphäre öffnen zu müssen. Und in uns erstand die Ueberzeuguug: hier gibt es kein anderes Mittel, als die Menschen dahinsterben zu lassen, hier ist jeder Versuch einer Hilfe nutzlos und eine Gefahr für die Mitwelt."

Dann aber berichtet der Italiener von einer anderen Statte, an der sich Tausende von Cholerakranken zusammendrängen: un­mittelbar an den Toren Konstantinopels. Das ist in Santo Stefano. Hier finden sich die weniger Kranken zusammen, die Opfer, die noch gehen und sich bewegen können.Sie leben auf den Plätzen, in freier Luft und jammern, daß sie in ein Kranken­haus gebracht werden wollen. Aber bis man sie holt ober isoliert, leben sie Mit ihrer Ansteckungskrankheit mitten unter der gesunden Bevölkerung des Landes. Die noch gehen können, stehen auf und taumeln durch die Straßen, hocken sich auf die Bänke, drängen auf die Landungsbrücken, streifen mit ihren verpesteten Gewändern alle Vorübergehenden: um nach Konstantinopel zu kommen, muß man sich mitten durch diese schar von Kranken drängen. Nie­mand denkt an Desinfektion ober an Isolierung der Lebenden. Sogar auf das Schiff, mit dem ich fortfahre, drängen sich einige dieser Kranken, setzen sich mitten zwischen Frauen, die ihre Kinder säugen: und niemand verbietet es ihnen. Später werden sie ausgeschifft, aber auf die Stühle, auf denen sie saßen, setzen sich sofort andere Menschen und es scheint, als ob die Größe des Un­glücks die Gleichgültigkeit nur steigern könne."

Der Mann mit der roten Mütze.

Ein höherer Eisenbahnbeamter schreibt uns:

Sehr ergebenst teile ich verehrlicher Redaktion mit, daß ein großer Teil der Ausführungen des Artikels:Der Mann mit der roten Mütze" auf Irrtümern basiert ist, die im einzelnen zu widerlegen außer meiner Absicht liegt. _ Auf größeren und mittleren Stationen hat der F a h r d i e n stleiter mit dem Publi­kum gar nichts zu tun. Der Fahrdienstleiter befindet sich auf einer sogenannten Befehlsstelle, die ganz isoliert ist und

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hak sich nur mit der Freigabe der.Ein- Und Ausfahrten, also nW mit der Betriebssicherheit zu befassen. ,

Auf den Bahnsteigen befindet sich der Aufsi chtsb eam te,- der mitten im Verkehr mit den Reifenden steht, den Befehl zup Abfahrt gibt, wenn durch den Fahrdienstleiter hierzu die Erlaubnis erteilt wurde. i _ ,

Auf solchen mittleren Bahnhöfen, wo sich keine besondere Befehlsstelle befindet, ist neben dem B a h n st e i g b e a m t e n noch ein besonderer Streckenfahrdienstleiter vorhanden, der für die Betriebssicherheit der Strecke zu sorgen hat, bezw. denk Beamten meldet, wenn Fahrhindermsse vorliegen. .

Die sehr ansführlichen Darstellungen in dem Artikel sind daher vielfach unzutreffend. Die bezüglichen Einrichtungen beb preußisch-hess. Staatsbahnen für die Betriebssicherheit sind an­erkannt die besten der Welt in keiner Weise wird das Personal überanstrengt unausgesetzt wird darüber gewacht, daß der Betrieb und die Einrichtungen der prenß.-hess. Eisenbahnen die besten sind und bleiben. , o-

Wir geben diese Ausführungen gerne wieder, müssen aber betonen, daß die Meinungen über die Ueberanstreng- ung der Beamten eben auseinandergehen. Zudem war in unserem Artikel gar nicht von Ueberanstrengung die Rede: lediglich die Zahl der Dienststunden war angegeben und daraus der Schluß gezogen, daß die Beamten kein benei­denswertes Los haben. Daß im übrigen die Zahl oev Beamten durch Krankheit, Urlaub, Abkommaitdierung usw. fast nie ausreichend ist, ist doch allgemein bekannt. Daß aber trotzdem wie auch von uns ausgeführt der deutsche Eisenbahnbetrieb der beste der ganzen Ende ist, das. beweist wieder, mit welchem Pflichtgefühl unsere Ersen- bahnbeamten ihren schweren Dienst erfüllen.

Humoristischer.

* Kasernenhofblüte. Feldwebel:Sie sind ja iuieber nicht rasiert, bilden Sie sich nur ferne Schwachheiten cm; ob die Jetreidezölle hoch ober niedrig sind, mit Ihren paar jammer- licheu Stoppeln machen Sie deshalb doch keen Jeschast!

* Seine Anschauung.Aber Herr Mühlberg, es war doch ausgemacht, daß jeder etwas zu unserem Picknick mitbringcu soll."Na ja! Ich hab meine Frau und meine zwei Buhen miigebracht. Ich denke das genügt."

Hücherttsch.

H a u s h a l t u n g s k n n d e. Was muß jedes junge Mäd­chen, insbesondere jede junge Frau von der Haushaltungsrunde wissen? Eine lcichtfaßliche Darstellung alles Wissenswerten über praktische Wirtschaftsführung, über die Ernährung des Menschen, die Zubereitung der Speisen und das Kochen. Von Luise O e st c r - Witz, staatl. geprüfter Haushaltungslehrerm. München. K. B, priv. Kunst- und Verlagsanstalt Piloth u. Loehle. 1912.. Das Buch enthält in übersichtlicher Anordnung alles Wissens­werte über Haushalt und Küche und wird vielen jungen Mädchen und Frauen ein 'schätzenswerter Berater sein

Schönheit ist der Sieg des Lebens über die Materie: Die Beseeltheit" mit diesem Wort begrenzt Egger-Lienz den Begriff der Schönheit in einer Sammlung von knappen und charakteristischen Aeußerungen bcdeuteriber Künstler über die Schönheit, die in der soeben erschienenenschonheits-- nurnmer" desSalonblatt" veröffentlicht werden. Künstler und Kunstgelehrte erörtern unter Begleitung von reichem erläuternden Bilderschmuck die Auffassung der Schönheit, wie sie unsere Zeit aus der langen einheitlichen Entwicklung der Kunst zweier Jahr­tausende abgeschlossen hat. Enthalten ist in dieserschönherts- nurnmer" ein Preisausschreiben mit einem Preisbetrag von 5000 Mark, dessen Bedingungen aus der Nummer zu ersehen sind.

Silbenratfd.

aa, ar, as, be, e, fe, gel, ha, ja, k, ti, mit, ne, ni, tut, o, or, up, Dfei, po, re, ftr, vel.

Ans vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangs- buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten ach oben gelesen, den Nanten eines Astroitomen ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes;

1. Einen Monatsnamen.

2. Teil eines Musikinstruments.

3. Deutschen Fluß.

4. Dänischen Dichter.

5. ffrauenname aus der griechischen Sage.'

6. Schutzpatron eines österreichischen Landes.

7. Biblischen Namen.

Auflösung in nächster Nummer. ( ,

Auflösung des Königszugs in voriger Nummer: Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen.

Redaktion: K, Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»,