Ausgabe 
30.11.1912
 
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rchaltüngstriebes gibt, das ist in diesem! Buche vereint. Lein' man nur wenige in seiner Art an die.Seite stellen könnte. Bald läuft dem Leser -ein kalter Schauer über den.Rücken, loeitn er sieht, wie die russischen (Sefentgelten ihre toten Kameraden auffressen, gleich einem Rudel Wölfe, das über den Leichnam eines der ihrigen herfällt, bald wird sein Herz mit Bewunderung Erfüllt über die herrlichsten Züge von Geschwisterliebe und Kameradentreue, deren SBoiirgogne so viele erzählt. Auch hier hinein freilich mischt sich das Grausen, so, wenn Bourgogite einem alten Kame­raden von der Erde begegnet, den er um eine Handreichung ansleht, damit der %u Boden Gestürzte sich an einer vereisten Weg- stclle wieder aufrichten kann.Tu mußt dich! an meinem Mantel festhalten, dann kann ich dich vielleicht Hochziehen," sagt der Grenadier mit den Eiszapfen in Augenbrauen und Bart.Eine Hand kann ich dir nicht reichen habe keine mehr! Alle Finger sind mir erfroren und abgefallen." Und der Grenadier bittet Bourgogne, ihm zum Tank bei seinem Anzug behilflich zu sein, wenn er ein Bedürfnis befriedigen müsse. Solche an­scheinend kleinen Tienste aber waren wirkliche Opfertaten und wurden als solche gewertet, denn diese Skelette in den Uniform­setzen waren oft buchstäblich zu matt, einen Finger zu rühren.

Wir glauben, das Buch am besten zu empfehlen, indem wir den folgenden Abschnitt daraus zum Abdruck bringen, der den In­halt des Buches und die Schreibweise Bourgognes genügend charakterisiert.

,,3n diesem todesmatten Zustand überfiel mich die Finsternis. Ter Nordwind blies mit verdoppelter Stärke. Vereinzelte Leute machten ganz übermenschliche Anstrengungen, die Marschkolonne wieder zu erreichen. Einige, die ich anredete, antworteten mir nicht, weil sie zu viel mit sich zu tun hatten, um vorwärts zu kommen, andere brachen sterbend zusammen, während ich an ihnen vorüberging. Bald war ich allein! nur die Toten dienten mir noch als Wegweiser. Ta, wo ich mich befand, war die Straße so mit toten Menschen und Pferden bedeckt, daß man sich nur mühsam hindurchwinden konnte. Ich vermochte kaum noch die Füße zu. heben und stolperte plötzlich. Mir war -es, als ob- mich einer, der da im Schnee lang Hingestreckten festzuhalten versucht hätte. "

Noch etwa 10 Minuten taumelte ich wie ein Betrunkener weiter, ohne auf die Richtung zu achten. Meine Knie brachen säst unter dem Gewicht meines schwer auf ihnen- lastenden Kör­pers zusammen und ich glaubte mein letztes Stündlein sei ge­kommen, als ich plötzlich über den Säbel eines toten Reiters­stolpernd, in ganzer Länge zu Boden schlug, daß ich wie betäubt liegen blieb. 'Sin heftiger Schmerz in meiner rechten Schulter brachte mich wieder zu mir. Mit Mühe gelangte ich in eine kniende Stellung und griff bann nach meinem Gewehr, um mich mit Hilfe desselben völlig aufzuricht-en. Tab-ei bemerkte ich auf einmal, daß mir. Mut aus dem Munde floß. Ich stieß einen verzweiflungsvollen Schrei aus und- sprang gleichzeitig vor Schrecken, Angst und Kälte, zitternd auf.

Mein Schrei fand eine Erwiderung. Ich Hörte eine schwache, klagende Stimme:Kommt, kommt, helft uns'!". In demselben Augenblick trat der Mond hervor und- ich erkannte zehn Schritte von 'mir zwei Männer, von denen einer «saß, der anbere aber aus­gestreckt auf ber Erbe lag. Ich sprach zu dem sitzenden. Er begann zu lachen wie ein Irrsinniger und sagte:Lass' ihn nicht liegen, ist ein Freund, weißt du!". Und darauf lachte er wieder. Ich kannte das schon, ich wußte jetzt, das war das Lachen des Todes. T-er zweite, den ich für tot gehalten, wendete nunmehr den Kopf und stammelte in einem Ton, Len ich nie vergessen werde:Stehen Sie (meinem Bruder bei, retten Sie ihn! ich ich sterbe!" -Er war in einen großen, pelzgefütterten Mantel ge­hüllt, den er abzuwerfen versuchte. Hierbei bemerkte ich-, daß er die Epauletten eines höheren -Offiziers trug; er sprach von einer Besichtigung und Parade, zu der er gehen müsse. Gleich darauf siel er vornüber mit dem Gesicht in Len Schnee. Sein Geist war entflohen, er war erlöst. Neben ihm -lag eine Art Jagd­tasche, die ich aufnahm in der Hoffnung, -etwas' Eßbares darin zu finden, sie enthielt aber nur einige Kleinigkeiten und ver­schiedene Papiere; dem ungeachtet nahm ich sie mit.

Tie Sehnsucht, wieder unter lebende Menschen zu kommen, Trieb mich, meine Schritte so sehr als möglich zu beschleunigen. Ich gelangte an eine Stelle der Straße, die mit zerbrochenen' Wagen und toten Pferden derart überfüllt war, daß ich einhielt, um zu sehen, wo ich durch könnte. Im selben Augenblick sank ich wider meinen Willen nieder und kam auf den Hals eines Pferdes zu sitzen, an Lessen Körper verschiedene Stellen zeigten, daß man es hatte anschneiden wollen. Ter Kadaver war umgeben von den Leichen derer, deren Kräfte an ihm erlahmt waren. Als ich mich so gänzlich erschöpft, einsam' und verlassen in ber schauerlichen Stille dieses ungeheuren Tvdenfelbes sah, überkamen mich die düstersten, schwermütigsten Gedanken und ich begann zu meinen wie ein Kind. Die Tränen verschafften mir aber einige Erleich­terung und gaben mir den verlorenen Mut wieder.

IM Begriffe, meinen Marsch wieder anzutreten, bemerkte ich iM Schnee mehrere kleine, rot aussehende Eis stücke. Ich hob eins davon auf Und erkannte, daß es gefrorenes Pferdeblut war. Jeden­falls war das Tier, wie es -oft geschah, getötet worden, in­dem man ihm Albern geöffnet halte, um das Blut zu gewinnen. Wein Fund war für mich kostbar. Ich'. sofort einige Stückchen

des Eises und fühlte mich auch bald etwas gekräftigt. Tarauf sammelte ich noch davon so viel ich sand, packte es sorgfältig in meine Jagdtasche, und trat bann mit Gott meinen Weg wieder an, fortwährend darauf achtend, den Leichen auszuweichen.

Nach einiger Zeit sah ick etwas vor mir, was ich zuerst für einen Trainwagen hielt, als ich jedoch nähemkam, erkannte ich den Wageir einer Marketenderin, dem ich feit Krasnoi schon mehrmals begegnet war und in welchem zwei Verwundete transportiert wur­den. Die Pferde, die ihn gezogen hatten, waren tot und zum! Teil aufgegaffen, rings umher lagen, halb vom Schnee bedeckt, sieben fast nackte Leichen.

Ich wandte mich dem einen Pferde zu. Indessen blieb auch diesmal alle Mühe vergeblich, und als ich'in wilder Gier mit aller Gewalt Herz, Leber ober sonst irgend etwas aus dem Leibe des Tieres zu reißen suchte, büßte ich fogaribabet einen Finger meiner rechten Hand ein. In meinem fürchterlichen Hunger würbe ich jeden Fetzen Fleisch, dessen ich hätte habhaft werden können, auf der Stelle roh verschlungen haben.

-Ein jammervoller Schrei tönte plötzlich aus dem' Wagen. Be­stürzt drehte ich mich demselben zu, ein zweiter Schrei bringt heraus:Marie!" ruft es,Marie, zu trinken! ich sterbe!" Noch immer stehe ich regungslos, da stöhnt dieselbe Stimme:O mein Gott, mein Gott!" Nun kommt mir endlich die Erinnerung, daß ja die beiden Verwundeten in dem Wagen liegen, und jedenfalls gar nicht ahnen, daß sie verlassen sind.

Ich steige auf die Deichsel, indem ich mich auf den Rand des Wagens stütze und frage:Kann ich etwas für euch tun?" Mit einer erlöschenden Stimme haucht -es mir entgegen:Wasser, Wasser!"

Mir fällt das gefrorene Blut in meiner Jagdtasche ein und ich will heruntersteigen, um es heraus zu! -nehmen, da verschwindet in dem Augenblick der Mond hinter einer schwarzen Wolke, ich trete fehl und falle auf drei dicht aneinander liegende Leichen. Die kalte Hand des einen Toten berührte mein Gesicht. Nun war ich seit einem Monat doch wirklich genugsam daran gewöhnt, umgeben von Leichen zu schlafen, aber ich weiß nicht, war es die Einsamkeit ober was sonst, mich packte jetzt etwas, was schreck­licher war als Furcht. Ich keuchte eine Zeitlang ohne einen Laut fierüorbringen zu können, dann aber plötzlich begann ich wie sinn­los zu schreien.

In diesem Augenblick tritt ber Mond wieder vor und läßt mich sehen, was mich umgibt. Mich durchrieselt ein kalter Schauer; ich lasse meinen Stützpunkt los und falle abermals zurück. Nun­mehr wechselt plötzlich das Wesen meines Zustandes. Ich schäme mich meiner Schwäche und an Stelle der Furcht tritt eine Art Wahnsinn. Fluchend springe ich auf und trete dabei rücksichtslos auf die Gesichter, Arme und Beine ber 'unter mir Liegenden. Mit schrecklichen Verwünschungen strecke ich meine Fäuste gen Himmel, als wollte ich ihm- Trotz bieten. Ich raffe mein Gewehr auf und schlage wie toll und verrückt gegen den Wagen und, ich weiß wirk­lich nicht mehr, ob 'nicht auch auf die Toten zu meinen Füßem

Nich diesem Ausbruch wieder ruhiger geworden, entnahm ich meiner Jagdtasche ein Stück Eisblut, stieg in den Wagen und suchte tastend den, welcher hatte trinken wollen und- der, wenn auch schwach, so doch unablässig schrie. Ich fühlte, daß ihm Las linke Bein amputiert war.

Auf meine Frage, zu welchem Regiment er! gehörte, erhielt ich keine Antwort. Als ich seinen Kopf g-efunben hatte, steckte ich mit Mühe ihm das Stück Blut in den Mund. Der Mann neben ihm war kalt und hart wie Marmor. Ich versuchte, ihn aus dem Wagen -zu heben, um seinen Platz einzunehmen und den Tag zu erwarten. Aber es ging nicht. Ich hatte nicht Kraft genug, ihn auch nur zu rücken, geschweige denn über den hohen Rand des' Wagens zu heben. Die beiden Mäntel, biei über dem Toten lagen, deckte ich über den andern, merkte jedoch, daß auch dieser sie bald nicht mehr bedürfen würde. Noch einen Augenblick blieb ich auf den Beinen des Toten sitzen und- durchsuchte den Wagen nach Dingen, die mir vielleicht nützlich werden .konnten, fand jedoch nichts. Ich sprach noch einmal zu dem Amputierten und als er stumm vlteb, fühlte ich fein Gesicht an; es war kalt und- int Munde lag noch mein Stück Eis. Auch er war hinüber.

Der Uirchhof der Lebenden,

so nennt der italienische Korrespondent Renzo Lareo in einem Bericht des (Sortiere della Sera Hademköi, das noch vor kurzem das Hauptquartier der Türken war und jetzt ein furchtbares Massengrab geworden ist. Die Bilder, die ber Italiener hier, wo die Chvlerakrankeu zu Tansendeit verenden, mit ansehen mußte, übersteigen an Grausen alles, was ber Krieg bisher an schreck­lichen Schaurigem zeitigte,was bas Auge sieht, übersteigt jebe menschliche Fähigkeit ber Schilbernng. Auf ewig hat Hademköi für uns einen furchtbaren entsetzlichen Klang unb nie, fürchte ich, wird ein barmherziges Vergessen mich von der Erinnerung an diese Bilder erlösen". Formell ist das Land ringsum durch die Sanitätspolizei abgesperrt, aber diese Maßnahme ist mehr Schein als Wirklichkeit: ohne angehalten zu werden, kann Lareo mit seinem Automobil bis mitten in den Ort fahren. Niemand küm­mert sich unt sie,wir hätten weiter fahren können, hätte das furchtbare Schauspiel, das wir hier vor uns sahen, uns nicht allen Mut zur Fortsetzung der Fahrt genommen.