Ausgabe 
30.11.1912
 
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Hatte etwas merkwürdig Zitterndes und Erwartungsvolles an sich. Ich bin froh. Sie einen Augenblick allein sprechen zu können, begann ich. Ms Sinclairs ältester und bester Freund möchte ich Ihnen sagen, wie sehr Sie sich auf seine Liebe und Verehrung verlassen können. Er besitzt ein unendlich gutes Herz.

Sie antwortete nicht so fröhlich und so schnell, als rch erwartet hatte. Etwas schien sie zu reizen, etwas, worüber sie schließlich Meister wurde, wenn auch nur durch eine Anstrengung, nach der sie bleich, aber gefaßt, vielleicht noch lieblicher als zuvor, wenn dies möglich ist, dasaß.

Ich danke Ihnen, sagte sie sodann, meine Znkunftsaus- sichtcn sind glücklich. Kein Mensch außer mir weiß, wie glücklich!

Wiederum lächelte sie, aber in einer so eigenartigen Weise, daß mir Sinclairs Befürchtungen wieder ins Ge­dächtnis zurückkamen.

Ich verbeugte mich. Jemand rief sie beim Namen; es war klar, daß unsere Unterredung kurz sein mußte.

Ich muß wohl gehen, murmelte sie. Dann fügte sie rasch hinzu: Ich habe den Mond heute abend noch nicht gesehen. Ist der Himmel schön? Sieht mau den Mond von der Veranda aus?

Ehe ich jedoch antworten konnte, jvar sie von einer Schar junger Leute umringt und in Anspruch genommen, so daß mir nichts anderes übrig blieb, als Sinclair wieder aufzusuchen.

Ich fand ihn jedoch nicht an seinem Platze vor, noch konnte mir jemand sagen, wohin er verschwunden war.

Es war klar, daß man sein Benehmen eigenartig finden würde. Ich war in Sorge, ob sich dies nicht noch im Verlauf des Abends steigern mußte. Schließlich fand ich ihn in seinem Zimmer, too er, sein Gesicht in die Hände vergraben, dasaß. Bei meinem Äntritt fuhr er auf.

Run? fragte er scharf.

Ich habe nichts Entscheidendes entdeckt. |

E ch auch nicht.

Ich habe einige Worte mit den beiden Damen ge- wechselt, sowie Beaton gesprochen. Aber die Sachlage ist noch keinen Schritt weiter gediehen. "Möglicherweise hat Dorothea das Kleinod an sich genommen, möglicherweise aber auch Gilbertine. Aber es scheinen mehr Gründe dafür zu sprechen, daß Dorothea es hat. Diese Tante macht ihr das Leben zur Hölle!

Und Gilbertine ist im Begriff, dem Joch zu entrinnen. Ich weiß es; ich habe darüber nachgedacht. Walter, du bist ein edelherziger Kerl.

Einen Augenblick sah Sinclair erleichtert aus. Aber ehe ich sprechen konnte, war er wieder tu seine alte Nieder­geschlagenheit verfallen.

Aber dieser ZweifesEief er aus, dieser Zweifel! Wie kann ich an der HauptpWbe teilnehmen mit diesem Zweifel im Herzen? Ich kann nicht und will nicht. Geh, sag ihnen, daß ich krank bin und heute nacht nicht wieder zu ihnen kommen kann. Gott weiß, daß du keine Unwahr­heit damit sagen wirst.

Ich erkantrte zwar, daß er seine Besonnenheit gänzlich verloren hatte, aber ich versuchte es noch mit einem andern Beweisgrund, ihn zu überreden.

Es wäre unweise, Kominentare herauszufordern, sagte ich. Wenn die Brosche dem Tod zulieb entwendet wurde, -bett, sie in sich schließt, wird der einzige Zwang auf die Besitzerin noch von den gesellschaftlichen Anforderungen ihrer Stellung und den Ansprüchen, die die Stunde an sie stellt, ausgeübt. Jede Veränderung in der festgesetzten Ordnung der Dinge alles, was sie einen Augenblick sich selbst überließe könnte das schreckliche Ereignis beschleu­nigen, das wir befürchten. Erinnere dich, eine Drehung mit der Hand, ttnb alles ist verloren. Ein Tropfen ist rasch eingenommen!

Fürchterlich! murmelte er, wobei ihm der Angstschweiß auf die Stirne trat. Welch ein Polterabend! Und da unten lachen sie noch ! Hörst du sie? Ich glaube beinahe, Gil- bertines Stimme zu unterscheiden. Ist das Unschuld oder die Heiterkeit eines verwirrten Geistes, der auf Selbstzer­störung sinnt? Ich weiß nicht! Aus dem Klang läßt sich das nicht entscheiden.

Sie hüt heute abend ein liebliches, aufrichtiges Gesicht, mit einem wundervollen Lächelt:.

Da sprang er aus. :

Ja, ja. ein Lächeln, das mich um den Verstand

bringt; ein Lächeln, das mir nichts, gar nichts sagt! Walter, Walter, siehst blu denn nicht, daß selbst wenn die verdammte Brosche nicht geöffnet wird und nie etwas mit ihrem Inhalt geschieht das Mißtrauen sich in meiner Brust angehäuft hat, und ich fortwährend fragen muß: Hat sich meine Braut auch nur einen Augenblick lang von mir abgewendet, so daß sie von Tod träumen konnte? Das ist der Grund, warum ich die Posse dieser Probe nicht mitmachen kann.

Kannst du die Hochzeitszeremonien mitmachet:? .

Ich muß wenn heute nacht nichts geschieht.

Und dann? 1

Ich sagte dies, ohne cs "zu wollen. Ich dachte nicht an ihn, sondert: an mich selbst. Aber offenbar fand er in meinet: Worten ein Echo feiner Gedanken.

Jawohl, umsDann" handelt es sich, murmelte er. Vor diesemDann" könnte wohl manch ein Mam: zurück- bebjen.

Nichtsdestoweniger begab er sich nach unten und nahm später an der Probe genau in der Weise teil, wie ich es von ihm erwartet hatte, ruhig und ohne äußere An- zeichen von innerer Erregung.

Sobald die Gesellschaft sich trennte, gab nur Sinclair ein unmerkliches Zeichen nut der Haikd. Ich wußte, tvas dies bedeutete und befand mich in seinem Zimmer, sobald ihn die Freunde verließen, die ihn dorthin begleitet hatten.

Voi: nun ab ist wirkliche Gefahr vorhanden, rief er, als ich die Türe hinter mir abfchloß. Ich werde mich heute nacht nicht auskleiden.

Ich auch nicht.

Glücklicherweise haben wir beide in diesem großen Hause eigene Zimmer. Ich werde mein Licht ausblasen und bann meine Türe öffnen, soweit es nötig ist. So wirb mir keine Bewegung im Hause entgehen.

Ich werde dasselbe tun.

(Silbertine ist Gott sei Dank nicht allein in ihrem Zmuner. Das kleine Fräulein Lane teilt es mit ihr.

Und Dorothea!

Oh, sie ist Tag und Nacht unter der strengsten Aufsicht. Sie schläft in einem kleinen Zimmer neben ihrer Tante. Weißt du die Türe?

Ich schüttelte bett Kopf.

Ich werde den Gang hinuntergehen und einen Angeu- blick vor den zwei Türen stehen bleiben, die uns am meisten interessieren. An Gilbertiuens Tür werde ich die rechte Hand ausstrecken.

Ich stand auf der Türschwelle und folgte ihm mit den Augen. Als ich mir die zwei Türen fest eingeprägt hatte, begab ich mich auf nteitt eigenes Zimmer und rüstete mich für meine freiwillige Wache. Von Schlaf wäre bei unserer Stimmung Tiicfjt die Rede gewesen, und so konnten wir wenigstenswenn tatsächlich irgend etwas Vorfällen sollte gleich bei der Hand sein. Sobald alles vorbereitet war, drehte ich das Licht aus. Es war gerade elf Uhr (Fortsetzung folgt.)

Aus den Schneefeldern Rußlands im Jahre

Nach beit Aufzeichnungen des Francois Bourgogue, Sergeanten der franz. Kaisergarde. ,

.Jeder weiß, daß Napoleonsgroße Armee" und mit ihr nicht wenige deutsche Landeskinder in Rußland der Kälte und bemi Hunger, zum Teil auch: den Lanzenstichen der Kosaken erlegen sind. Und Manche deutsche Familie hat einen Urgroßvater, her von dort nicht wiederkam, wie die meisten, die damals jm Frühjahr mit nach Rußland zogen. Das weiß man! Aber wer die ganzen Schrecknisse dieses Todeszuges von Moskau zurück erleben' pvill, wie, wenn er selber mit dabei gewesen wäre, der muß ein Buch zur Hand nehmen, wie dieKriegserlebnisse 1812" von Fran- yois Bourgogne, die im Memoirenverlag Robert Lutz in Stutt­gart deutsch erschienen sind. Hier wird Man mitten hinein ver­setzt in die Grauenhaftigkeit dieses Wintermarsches, und der Ver­lag, hat die an sich schon packende Darstellung Bourgognes -roch erhöht, indem er dem Buch 15 der besten Bilder Beigab, die; der württembergische Offizier Faber du Faur als Augenzeuge: dieser ~ Kriegsgreuel gezeichnet hat.* Alles, tvas an Jantmer und Elend, aber auch an Heldensinn und Todesmut, was es an selbstloser Hingabe und den gräßlichsten Erscheinungen des Selbst- , *) Eine billige Volksausgabe, ungekürzt und ebenfalls mit den genannten Bildern versehen, ist vor ckurzem im selben Ver­lag zum Preise von 2 Mk. erschienen, während die bessere .Aus­gabe 6 Mk. kostet.