Samstag, sen 30. November
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Das Amethyst-Fläfchlem.
Eine Erzählung von A. K. Gree it.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich schnitt sie mit einer Offenheit an, Vie mir die Der-. zweiflung ein gab. ,,, ,
Beaton, begann ich, wir kennen uns noch nicht lauge, aber ich glaube Vie Menschen auf den ersten Blick hin richtig einzuschützen und deshalb will ich freimütig nut Ihnen verhandeln. Ich bin in großer Sorge. Meine Gefühle sind in eine Sache verwickelt, tief verwickelt, tue mir sehr geheimnisvoll vorkommt. Sie haben — ohne es zu wissen — dazu beigetragen.
Er wollte mich mit einer Handbewegung unterbrechen.
Ich spiele, fuhr ich unbeirrt fort, auf die Geschichte an, die Sie gestern morgen von einem jungen Mädchen erzählten. Sie wollten cs gesehen haben, wie es sich über einen Felsen am Meere beugte und allem Anscheine nach die Absicht hatte, sich in Vie Wellen zu stürzen.
Ich habe ausdrücklich gesagt, daß ich das geträumt habe, bemerkte er in tiefem Ernst.
Ich erinnere mich dessen. Aber für mich ist das kein Traum, Beaton. Ich fürchte, ich kenne das Mädchen: ich fürchte, ich weiß auch, was es war, das sie zu der übereilten ^at trieb. Die Unterhaltung, die eben im Spielzimmer stattfand, sollte Sie darüber aufklären. Beaton, irre ich mich?
Meine Stimme zitterte, vom Gefühl überwältigt. Möglicherweise bemerkte er das, vielleicht entsprach die Antwort, die er mir darauf gab, auch nur seiner einfachen Gutmütigkeit; er sagte:
Es war ein Traum. Vergessen Sie nicht, daß ich darauf bestehe, daß es ein Traum wau Aber verschie- deue Einzelheiten stehen mir sehr klar tm Gedächtnis. Als ich diese Erscheinung vom Monde beschienen auftauchen sah, hatte sie das Gesicht dem Meere zu, von mir abgewendet; ich konnte ihre Züge weder in diesem Augenblick noch spater unterscheiden. Durch ein Geräusch, das ich verursachte, wurde sie gestört; sie kauerte nieder, zog sich zuruck und floh, um sich zu verbergen. Dieses Bersteck war — ich habe gute Gründe für meine Ansicht - nichts anderes, al» dieses '^^Jch^ streckte die Hand aus und legte sie ihm auf die ^^War dieses Traumbild ein Weib? forschte ich, eine der Damen, die sich gegeiiwärtig im Hause hier befinden,
Widerwillig antwortete er:
Es war ein junges Weib; sie trug cm langes Gewand. Hier ist mein Traum zu Ende. Ich weiß nicht einmal, ob sie helles oder dunkles Haar hatte. .
Ich erkannte, daß er zur äußersten Grenze feiner Er
klärungen gelangt war. Daher drückte ich. ihm die Hand und ging nun auf die nächste Glastüre zu. Es war, wie ich erkannte, die zürn Musiksaal. Eben wollte ich diesen betreten, da bemerkte ich zwei Damen, die zur gegenüber# liegenden Türe gingen. Laut klopfte mein Herz, als ich stehen blieb, um'die beiden erst vorbeizulassen: Die eme war Frau Lansing und die andere Dorothea. Die Tante war offenbar gekommen, ihre Nichte abzuholen. Sie verließen zusammen den Saal. Allerdings nicht in Eintracht. Offenbar waren hitzige Worte gefallen, wenn ich. nicht em schlechter Kenner menschlichen Gesichtsausdrucks bin. 'Dorothea im besonderen sah aus, als müsse sie sich alle Muhe geben, einen unglücklichen Gefühlsausbruch gewaltsam zu verhindern. 'Als'sie mit ihrer schrecklichen 'Begleiterin vor- übcrging, wurde mein Blick wieder auf ihre Häiide gezogen, Die sie 'in die Seiten gestemmt hatte.
Als ich nunmehr endlich deii Saal betreten wollte, wurde mein Ungestüm nochmals zurückgehalten. Eine andere Person saß darin, die ich zu sehen wünschte seit meiner letzten Unterhaltung mit Sinclair. Es war Gil- bertine Murray, die ganz allein dasaß, in tiefe, möglicher- weise keineswegs glückliche Gedanken versunken.
Ich hielt inne, um ihr liebliches Gesicht zu studieren. Sie war in der Tat ein wundervolles Weib. Nie zuvor hatte ich sie so schön gefunden.^hre frische Gesichtsfarbe, ihre edlen Züge und deren Durchgeistigung, wodurch sie etwas so Distinguiertes bekamen, verrieten zu gleicher Zeit ein leidenschaftliches Naturell und eine reine Seele.
Ich war keineswegs erstaunt, daß Sinclair solch ausgesprochenen und ungewöhnlichen Reizen unterlegen war; als ich sie länger betrachtete und das kaum merkliche Beben ihrer reifen Lippen und den träumerischen Ausdruck ihres Auges bemerkte, das eine große Bewegung im Gesellschaftsleben hervorrief, als es zum ersten Male seinen Schein darauf warf, da fühlte ich, daß Sinclair an meiner Stelle keinen Zweifel mehr an ihr hegen würde, abgesehen von dem Umstand, daß ihre Haltung große Ermüdung — um nicht Erschöpfung zu sagen — verriet.
Sie hielt lässig einen Fächer in der Hand, der ihr entglitt, während ich sie noch betrachtete. Als sie ihn aufheben wollte, traf ihr Auge das meinige, und eine auffallende Veränderung ging mit ihr vor. Sie sprang aus, streckte beide Hände wie in stummer Bitte aus, ließ sie dann tötcber fallen, wie wenn sie einsähe, daß ich weder sie noch ihre Stimmung verstehen könne. Sie war wirklich sehr schön. , , . , ,,
Ich trat auf sie zu. Hatte Sinclair seine beabsichtigte kleine Unterredung mit ihr zu erledigen vermocht?. Irgend etwas mußte vorgefällen sein; niemals hatte ich ste ui einem solchen Zustande unterdrückter Erregung gesehen, und Tch hatte sie doch oft getroffen, hier sowohl tote tm Hause ihrer Tante, wenn ich Dorothea besuchte. Ihre Augen leuchteten, nicht mit glänzeuöem, sondern mit einem sanften Lichte, und das Lächeln, mit tvelchem sie mich empfing,


