679
Tie eine Sphäre behielt westlichen, die andere östlichen Kulturcharakter. Der Kamps zwischen beiden hat mit dem Anfang ihrer entgegengesetzten Zivilisation begonnen und ihre befruchtenden Keime tauschten sie nur im Sturm der Kriege. Der Streit um Troja ist symbolisch für alle Zeiten. Seit Ilions Fall hat der kriegerische Geist des Westens nicht mehr aufgehört, die Schätze des Ostens als eine ihm gehörige Beute anzusehen; man verachtete die uralte, tief eingewurzelte Kultur des Orients und wollte sie immer wieder mit den Waffen zerstören, doch bei jedem Zu- sammenprall entstand ein nnwillkürliches Jneinanderfliesten der Sb een, das den Sieger auf politischem Gebiet nicht immer als den Stärkeren zeigte.
Daß auch heute Menschen, die lange in China oder Japan gelebt haben, geradezu fanatische Schwärmer für die europaseind- lichen Rassen geworden sind, beweist die verführerische Macht be§ östlichen Kestens. Rom hat wohl durch Eroberung der asiatischen Provinzen eine gewaltige Bresche in die fremde, abgeschlossene Welt geschlagen, aber gastfrei nahm es Götter und Sitten, philosophische Lehren und Wundermären bei sich auf. Aus den sanften Worten, die Christus in Palästina gepredigt hatte, und deren Kerngehalt der östlichen Kultur angehört, entwickelte der Westen seinen Glauben imb machte das Kreuz aus dem Symbol des Lebens zum Feldzeichen seiner Schlachten. „Hoc signo vinces" wurde zum Jubelrus des christlichen Europa, das im Mittelalter die großen Züge gegen die siegreich vorgedrungenen Mohammedaner wagte. Es war ein Hin- und Herwogen zwischen beiden Welten von.wechselndem Glück. Die arabischen Königreiche in Europa verschwanden wie die Reiche der Kreuzfahrer in Jerusalem. Aber der stumpf gewordene Geist des fränkischen Mittelalters wurde geschliffen, und orientalische Weisheit eroberte den Westen. Als später die Türken den morschen Baum des griechischen Kaisertums fällten und das heilige römische Reich deutscher Nation die Vorhut gegen den Islam übernehmen mußte, hatte sich die Grenze weiter denn je zugunsten des Orients verschoben, und die türkischen Heere vor Wien bezeichnen einen Vorstoß der asiatischen Welt in das Herz des Feindes nicht anders, als es vor wenig Jahren die.europäischen Heere in China taten. Der bleibende Erfolg lag immer nur im Austausch geistiger und materieller Güter, die wohl das äußere Bild der Nationen, nicht aber ihr inneres Wesen veränderten.
Mit Ausnahme von abgeschlossenen Gebirgen und armen, wüst liegenden Ländereien ist im Zeitraum der letzten Jahrhunderte die europäische Kelt mit Schulen, Kirchen, Eisenbahnen und industriellen Unternehmen in alle asiatischen Länder gedrungen und errichtete feste Burgen, Angriffs- und Verteidigungsstationen ihrer Kultur. Inniger berührten sich die beiden Mächtigen Gruppen, so daß ein elektrischer Strom Rasse mit Rasse zu verbinden schien im Dienste des friedlichen Fortschrittgedankens. Ostasien ist nun das letzte Gebiet rein östlicher Kultur und Sitte geblieben, aber durch die Leichtigkeit des Verkehrs ist es der europäischen Welt näher gekommen, als den Griechen Troja, den Kreuzfahrern Jerusalem war.
Auf einer Grenze von mehr als 1600 Meilen hängt das britische Kolonialreich mit China und Tibet zusammen, Frankreich hat Birma erobert, Deutschland eine Station in China errichtet, und Rnßlaud versuchte gegen die östliche Meeresküste vorzudringen. Tie Lage des Ostens schilderte der französische Geograph und Philosoph Elisoe Reclus bezeichnend mit folgenden Worten: „Tie Völker Europas und Asiens lebten einst in getrennten Welten. Nun haben die Vereinigten Staaten von Amerika ein neues Europa gebildet, so daß die gelben Völker zwischen zwei Erdteile westlicher Zivilisation eingekeilt sind." Von der alten und der neuen Kelt kommen dieselben Beispiele, dieselben Erfindungen und Gedanken, dieselben Religionen zu ihnen. Tie Erde ist zu eng für getrennte Entwicklungen, so daß ein Zusammenstoß unausbleiblich ist, ehe die Menschheit, von einem einzigen Fortschrittsgedanken durchdrungen, den alten Gegensatz von Ost und Kest vergessen kann.
Er ist so tief eingewurzelt, daß ein Anhänger der natürlichen Entwicklungstheorie behaupten konnte, die Rassen stammten von verschiedenen Affenarten ab, und die Geschichte des menschlichen Fortschritts lehrt, daß man auf beiden Erdhälften nicht allein zu anderen Zielen gekommen ist, daß vor allem die Beweggründe verschieden waren, die den Menschen auf die Bahn des Fortschritts führten.
Die geistigen Strömungen des Orients, mögen sie Buddha, Zoroaster, Koufutse oder Mohammed ihren Urheber nennen, sind von Urzeiten her auf Verbesserung und Vertiefung des Individuums gerichtet, während jeder Fortschritt im Westen einem sozialen Gedanken diente oder die äußeren Verhältnisse des Menschen betraf. Im Osten suchte man sich durch philosophische Re- slexiou innerlich der Natur und ihren Gewalten gegenüber unabhängig zu machen, im Westen bändigte man durch kühne Erfindungen die geheimnisvollen Naturkräfte. Der Söhn des Ostens lebt für sich allein und glaubt der Allgemeinheit zu dienen, indem er ihr nicht schadet; er opfert sich, wenn es, nötig ist, um vor sich selbst rein und edel dazustehen. Seine innere Kultur! Überragt die unsere, wie seine äußere Kultur von der unsrigen Übertroffen wird. Jede Weisheit des Orients gipfelt in der Gleichi- Lültißkei^ gegen fremdes Urteil. Im Okzident liegt das Ideal der
Pflichterfüllung aber nicht nur darin, für andere zü leben, sonder« in dem Lohn, von ihnen anerkannt und gewürdigt zu werden.
Die östliche Kultur ist die ältere, feierlichere der 1 beiden Schwestern, ja sie ist vielleicht immer die vornehmere gewesen. Aber die orientalischen Völker verloren den Pfad des fortschreitenden Lebens, in jener Erstarrung, die ihnen das Merk der Väter als unfehlbar zeigte und die Vorfahren zu Göttern werden ließ. Sie entsagten der Zukunft mit einer stillen, philosophisch großartigen Resignation.
In seiner Antrittsrede als Professor an der Universität Jena sagte Schiller: „Wie er (der Mensch) Europa nachWestiudien und dem Südmeer trug, hat er Asien in Europa auferstehen lassen." Tarin ist die Wechselwirkung ausgedrückt, die fett dem Altertum bis in die Gegenwart den Kampf beider Hemisphären begleitet. Tie großen Epochen , der Geschichte verknüpfen sich ebenso miteinander, wie, sich die kleinen Ereignisse des Tages mit unerbittlicher Logik aneinanderreihen. Die Völkerwanderung, die an Chinas Grenzen begann, die Kreuzzüge, die Eroberung Indiens sind Glieder einer Kette, deren Last noch heute auf der zivilisierten Menschheit ruht. Die Balkanfrage und die ostafiatische Frage gehören ebenso ■— wie Schiller von den Kreuzzügen sagte — „zur Auflösung eines Rätsels, das dem Philosophen der Geschichte in der Völkerwanderung aufgegeben worden".
In bem alten Vers orientalischer Weisheit: „Mir will ewiger Durst nur frommen nach dem Durste" ist jene tiefe Sehnsucht verborgen, die allen Idealen des Ostens eigen ist. Ter europäischen Weltanschauung hat sie sich bemächtigt in Gestalt des christlichen Erlösuugsbedürfnisses, so daß es immer wie eine Ironie des Schicksals erschien, wenn die westliche Staatsgewalt im Osten einen Glauben verbreiten wollte, dessen Keime dort vor Jahrtausenden in die Erde gesenkt waren. Tie Kämpfe der Gegenwart haben auch den Charakter der Kreuzzüge vollständig abgestreift, so vollständig, daß christliche Nationen offen ihre Interessengemeinschaft mit der gelben Rasse erklären konnten. Die Gegensätze haben sich nackt und bloß als Jntcressenkämpfe enthüllt, denen alle tdealen Banner und Mäntel von den Schultern gerissen sind.
Tas Leben des Reisenden Pietro della Valle, der im feinen Osten zur Zeit der Renaissance ein neues Rom gründen wollte/ scheint mir ein Gleichnis für die bisherigen Kämpfe zwischen Orient und' Okzident. Nachdem Valles Pläne gescheitert waren und er sich zur Heimfahrt ungeschickt hatte, starb seine Geliebte Maani. Er beschloß, ihren Körper mit Harz, Balsam und kostbaren Spezereien zu erhalten, um ihn in seinem römischen Erbbegräbnis bci- zusetzen. Nach vielen Abenteuern erreichte er die sieben Hügel und versenkte bei einem herrlichen Leichenfest das Kostbarste, was er mitgebracht, den Leib der schönen Maani, in die Gruft der Kirche Aracoeli. So ist es im Laufe der Jahrhunderte auch uns ergangen mit dem Reichtum des Ostens, wir haben ihn eingesargt in die Gruft unserer Vorurteile, in die nach und nach ein Ideal nach dem andern versenkt worden ist. Optimistischer klingt Goethes Wort über den Zusammenstoß der feindlichen Welten aus den Noten und Abhandlungen zum „West-östlichen Tivan":
„Wenn wir bedenken, welche Schritte Geist und Fleiß Hand in Hand getan haben, um aus dem beschränkten hebräisch-rabbi- nischen Kreise bis zur Tiefe und Weisheit des Sanskrit zu gelangen, so freut man sich, seit so viel Jahren Zeuge dieses Fortschreitens zu sein. Selbst die Kriege, die, so manches hindernd, zerstören, haben der gründlichen Einsicht viele Vorteile gebracht. Und so öffnet sich den jüngeren Freunden des Orients eine Pforte nach der andern, um die Geheimnisse jener Urwelt . . . kenne!« zu lernen." _____________
Kunkentelegarphle von heute.
Obwohl erst eine kurze Reihe von Jahren vergangen ist, seit man die Aetherschwingungen praktisch anwendet, kann man doch heute schon von einer unmodernen und einer modernen Funken- telegraphie sprechen. Auf diesem Gebiet ist mit außerordentlicher Intensität praktisch und theoretisch gearbeitet worden. Tie wissenschaftlichen Grundlagen der Aethertelegraphie haben sich geändert und die Apparate, mit denen man hierbei arbeitet, eine vollständige Umgestaltung erfahren. Auch hier kann man eine höchst merkwürdige Erscheinung beobachten, die sich nicht selten in der Technik ereignet. Auf Grund der Wirkungen eines' ganz bestimmten Apparats wird eine bedeutende Erfindung gemacht. Tiefe gewinnt das Interesse großer Kreise für sich, viele tüchtige Techniker arbeiten die Gründung weiter aus, und wenn man nach ein paar Jahren die Anlagen betrachtet, so findet man zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß der Apparat, der den Anstoß zu der ganzen Erfindung gegeben, bei der praktischen Verwertung des Gedankens in hochausgebildeter Form überhaupt nicht mehr angewendet wird. Er ist glatt eliminiert worden. Seine Funktionen werden viel besser und gründlicher durch andere Instrumente besorgt, die man indessen konstruiert hat.
Tas erste drahtlose Telegramm, das im Jahre 1901 durch Marcoui von Neu-Fundland nach Poldhu, denk Ort der heutigen großen Funkenstation in England, gesandt wurde, ist mit Hilfe des von Brauch erfundenen Fritters empfangen worden. Dieser Fritter oder Kohärer bildete die Seele der ganzen Anlage. Seine Wirkung beruht aus der Erscheinung, daß eine mit sehr seinen Metallspänen, meistens Neusilberspänen, gefüllte Glasröhre, in


