Mädchen gesprochen, und ste hat alles gestanden bis zu einem gewissen Punkte. Allem Anschein nach ist sie die Londoner Geliebte von diesem Bertholdi und hat vor ihm und seinen Genossen eine riesige Angst. Als ich ihr sagte er sei verhaftet und habe seine Rolle in dieser^Welt wohl ausgespielt, zeigte sie wahrhaftig mehr Freude als Betrübnis.
Aber es gibt noch eine Menge andere, vor denen sie sich fürchtet, und ich habe meine liebe Not gehabt, etwas aus ihr herauszubringen. Es existiert noch ein Hauptver- schwörer, von dem wir bis jetzt noch keine Ahnung haben. Wenn wir dem auf die Spur kommen und ihn fassen, wird erst die ganze Verschwörung aufgelöst sein. Verstanden? Das Weib verriet mir dann auch, daß Bertholdi mit Ihrem früheren Mädchen verhandelt und sie selbst an dessen Stelle geschoben habe. Sie haben also einige Tage eine Spionin beherbergt, die Sie samt Ihrer Schwester und Fräulein Garcia verabredetermaßen an jenem Abende vergiftet hat, an dem von Eisten mit mehreren Helfershelfern Fräulein Marcella dann ungestört bei Nacht und Nebel geraubt hat. 1 Das ist also der Sachverhalt, und Sie müssen nun den Verhaftungsbefehl gegen dieses Weib zurücknehmen lassen, damit wir weitere Spuren verfolgen können. Ich muß jetzt möglichst rasch in die Stadt zurück; morgen werden Sie wahrscheinlich Näheres hören.
Nach diesen Eröffnungen empfahl er sich eiligst. Sie waren entschieden nicht dazu angetan, meine eigenen Befürchtungen zu zerstreuen, sondern schlugen mich wieder von neuem darnieder. Ich konnte jedoch weiter nichts tun, als die weitere Entwickelung abwarten.
Ungeduldig harrte ich auf die Nachricht von San Franzisko. Endlich gegen fünf Uhr lief sie ein. Hastig öffnete ich die Depesche. Wie enttäuscht war ich aber, als ich nur die Worte las:
„Anweisungen irjt Brief enthalten."
Ich sagte sofort zu meinem Freund Mortimer: Setz deinen Hut auf, wir wollen mal nach dem Bahnhof gehen und dort die Abendzeitungen durchsehen.
Sobald wir allein waren, zeigte ich ihm das Telegramm. Was nun? fragte ich ihn.
Hm, erwiderte er, und nach einiger Ueberlegung fuhr er fort, da läßt sich weiter nichts machen. Tn' was wir gestern nacht beschlössen haben, heirate Marcella und vertraue dem Glück des Zufalls. Einmal niuß sich's auf jeden Fall aufklären, sei's nun früher oder später.
Ich will's nun auch keinen Tag länger hinansschieben, antwortete ich, noch heute abend, gleich nach Tisch werde ich mit Marcella sprechen. Du hast ganz recht, das arme Weib braucht meinen Schutz jetzt nötiger als je.
Unterdessen waren wir an der Station angelangt, und gleich am Eingang am Bücherstand prangte eine Zeitung, die auf der ersten Seite in großen, fetten Buchstaben, kündete:
„Das Geheimnis von Highgate. Sensationelles Verbrechen. Ein Arzt und ein Anwalt beteiligt."
Das ist ja recht nett, sagte Mortimer ironisch. Wenn auch nicht gerade berühmt, so werden wir doch wenigstens bekannt — ich bin neugierig, was der Inhalt dieses lieblichen Artikels alles sagen wird.
Wir kauften uns ein Exemplar des Blattes und lasen einen solchen grotesken und übertriebenen Bericht über unsere nächtlichen Abenteuer, daß wir laut auflachen mußten. Wären wir mit Jagdflinten und Maximgeschützeu ausgezogen und hätten Drachen getötet, es hätten von uns keine größeren Wundertaten berichtet werden können, als es hier geschah. Erst am Schluß des Artikels kamen wir hinter seinen Urheber, denn da hieß es: „Die oben mitgeteilten Einzelheiten des Falles, über den man bald noch Genaueres erfahren wird, verdanken wir einem intelligenten Burschen namens Watson, der ihm als Augenzeuge bei gewohnt hat."
Also Meister Billy Watson, sagte Mortimer, hat die Sache verbrochen. Er ist entschieden ein tüchtiger Geschäftsmann. Von mir allein hat er die Nacht zwanzig Schillinge bekommen.
Und ich, sagte ich, habe ihm einen Revolver geliehen, den er im Eifer des Geschäfts zurückzugehen vergessen hat. .Aber es schadet nichts, er ist ein wackerer Bursche, trotz alledem. Marcella verdankt ihm ihr Leben, und ich —> großer Gott! — was verdanke ich dem Jungen nicht alles! Wenn mich nicht noch Ungemach trifft, werde ich ihm meine
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Dankbarkeit eines Tages in noch greifbarerer Form beweisen.
Auf dem Rückwege begegnete uns vor meiner Wohnung der Briefträger. Er gab mir eilten Brief. Die Handschrift der Adresse war mir nicht bekannt. Ich machte ihn aus und las:
„Wenn Sie Frieden wünschen und Ihnen Ihr Leben lieb ist, so lassen Sie von Garcias Tochter ab. Schicken Sie sie weg aus Ihrem Hause, und alle Belästigungen werden aufhören. Schlagen Sie diese Warnung in den Wind, so werden Sie eine Macht gegen sich heraufbeschwören, der gegenüber Sie ohnmächtig sind, die Sie vollständig vernichten lvird. Diesen Rat gibt Ihnen einer, der es gut mit Ihnen meint und Sie aus Ihrer gegenwärtigen gefahrvollen Lage retten möchte u nd beim Schreiben dieser Zeilen selbst viel aufs Spiel setzt."
Nun, wenn meine Absicht, Marcella so bald wie möglich' zur Frau zu machen, irgendeines Anspornes bedurft hätte, so wäre er mit dieser Nachricht gegeben gewesen. Ich reichte das Schriftstück Mortimer.
Lies es, sagte ich, und zerreiß es dann.
Ich hab's gelesen, antwortete er, nachdem er den Inhalt überblickt hatte, aber zerreißen werde ich's auf keinen Fall. Ich will's für dich aufheben. Damit steckte er es in dis Tasche. Ter Tanz wird gleich von neuem beginnen, wie mir scheint, fuhr er dann fort. Aber vorläufig halte ich's für überflüssig, die Damen zu beunruhigen, gerade jetzt um die Weihnachtszeit; meinst du nicht auch? Ich biu ganz froh, daß wir den Postboten aufgefangen haben.
Ich weist zwar nicht recht, wie es kam, — wahrscheinlich war es eine abgekartete Sache zwischen Helen und Mortimer — jedenfalls befand ich mich kurz nach Tisch mit Marcella allein. Ich nahm die Gelegenheit denn auch gleich wahr. Ich streckte hie Arme aus, und im nächsten Moment lag sie an meiner Brust.
(Fortsetzung folgt.)
Ost und West.
Literarische Bemerkungen zur orientalischen Frage.
Won Alexander von G l e i ch e n - R u st w u r m.
In den „Persern" des Aeschylos beschreibt Königin Atossa ein Traumgesicht. Vor ihr standeu zwei reich geschmückte Schwestern, eine als Perserin, die andere als Griechin gekleidet, größer und schöner denn gewöhnliche Weiber. Die Riesinnen stritten auf das gewaltigste, bis Xerxes erschien, der Träumenden Sohp. Er besänftigte die feindlichen Schwestern, spannte beide vor einen Wagen und legte ihnen die gleichen Zügel an. Die eine reckte sich stolz im Joch der Sklaverei, doch die Griechin zerriß die Stränge, befreite sich und zerbrach das Gefährt. Wehklagend stürzte Xerxes zu Boden; der Traum seines Lebens war zerstört.
Das Wesen des uralten, heute noch lebendigen Kampfes zwischen Orient und Okzident hat Aeschylos in den Versen Atossas festgelegt. Dieser Kampf ist unverändert geblieben, obwohl es sich nicht mehr um Perser und Griechen handelt. 'Die feindlichen Kulturen des Ostens und Westens befehden sich, gebend und nehmend, wie Wasser und Land. Jedem, der sie bisher versöhnen wollte, ward das Schicksal des Perserkönigs zuteil, und die ewig dauernde, unüberwindliche Feindschaft der Rassen hat Narbe um Narbe in das alte Gesicht der Erde geschlagen. Die Siegender Griechen und Römer in Asiens Ebenen, der Einfall nomadischer Stämme nach Europa zur Zeit der Völkerwanderung, die Kreuzzüge, der Fall Konstantinopels und andere wechselvolle Kämpfe gleichen Vorpostengefechten, ehe die Entscheidungsschlacht zwischen Ost und West das Urteil über die Rassen fällt. Es ist kein politischer Streit, es ist 'ein Krieg um das Dasein, wie er überall in der Natur stattfindet, mit zäher Dauer die Jahrtausende erfüllend.
Einsichtige Männer haben von jeher behauptet, daß weder die Eroberungen Alexanders des Großen und der Römer int Altertum, noch der Einfluß Rußlands oder Großbritanniens in der Gegenwart den Geist des Orients auch nur im kleinsten umzugestalten vermochten. In diesem Sinne antwortete auch vor einigen Jahren der englische Schriftsteller Meredith Towsend durch einen bedeutenden Artikel: „Hat Europa wirklich Einfluß auf Asien ausgeübt?"*) Gewiß, die seefahrenden Völker haben Kolonien gegründet, Reiche erobert, Missionen und Handelsfaktoreien errichtet» Eisenbahnen und Telegraphen ziehen ihr Netz bis in den äußersten Osten — aber die Weltanschauung, die von Buddha, Zoroaster oder Konsutse ausging, blieb unberührt von dem Gedankengang der ewig fremden Einwanderer. Nach wie vor waren Europa und Asien in zwei feindlich verschiedene, sich parallel entwickelnde Sphären geteilt.
*) Contemporary. Februar 1902.


