Ausgabe 
30.9.1912
 
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Ihr werden die vertrautesten Dinge mitgeterlt, selbst int miste Familiengeheimnisse. Ob sie irgendeine übernatürliche Kraft, irgendeinen hypnotischen Einflust besitzt, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls übt sie eine so groste Anziehungskraft auf die Kund­schaft aus, dast viele Damen und Herren ihrer Klientel gar nicht daran denken würden, irgendeine ernste Sache vorzunehmen, ohne dies Orakel, dessen schwarze Augen hinter die Dinge zu blicken scheinen, zu konsultieren. , .,

All diese professionsmäßigen Wahrsager, teils Selbstbetruger, teils Halbbetrüger, teils wirkliche Betrüger, erzählen aus Karten und Kristallen, aus dem Handteller oder der Handschrift, durch spiritistische Tricks oder durch die verschiedenen Formen Mittel­alterlicher Magie solchen Leuten die Zukunft, die in kindlichem Aberglauben befangen sind. Ihnen etwas vorzureden, ist leicht. Und leicht machen es sich die Herrschaften auch mit ihrer Kund- schaft. Sehr beguem folgen sie den Spuren ihrer großen Vor­gängerin, der Pythia in Delphi, deren Aussprüche so vieldeutig waren, daß sie, was auch immer eintrat, recht behielt. Großen Schaden aber richten diejenigen an, die gewissenlos genug sind, den Fragenden bestimmte Versprechungen zu machen und Ant­worten zu geben, die oft das Glück ganzer Familien zu zerstören geeignet sind. Ist es doch leider in London bekannt,. dast Mit­glieder der besten Gesellschaft diese Schwindler aufsuchen, um über die Treue ihrer Frauen, ihr Glück am Spieltisch oder auf der Rennbahn, über ihre persönlichen Feinde oder über die Nähe und Art ihres Todes Auskunft zu erlangen.

Mit Recht wird darauf hingewiesen, dast das Ueberhand- nehmen dieses Wahnsinns ein betrübendes Zeichen von Dekadenz ist und an die ganz ähnlichen englischen Zustände im Zeitalter Jacobs I. erinnert. Einen schwachen Trost für die Engländer be­deutet es, wenn man ihnen zugestehen muß, daß es in anderen Großstädten kaum viel anders ist. Ist es doch noch gar nicht so lange her, dast in Berlin das Unwesen des Gesundbetens in den höchsten Gesellschaftskreisen Mode war; und die Nachrichten, die ab und zu von dem Einflußvorgezogener Geister/' an gewissen europäischen Höfen durchsickern, reden auch eine beredte Sprache. Ucberhaupt ist tzu allen Zeiten die sogenannte Gesellschaft und der Hof am empfänglichsten für die Swedenborg, Cagliostro e tutti quanti gewesen, und schon Bismarck hat darüber geklagt, dast die Großen dieser Erde, sonst so unnahbar, doch so leicht zugänglich sind für zweifelhafte Elemente, die er mit Horaz verächtlich nannte:

Ambubaiarum collegia, pharmacopolae Mendici, mimae, balatrones, hoc genus ornna.

Vermischtes.

* Eine merkwürdige Herbstbluine. Im Herbst sieht man in den Blumenhandlungen häufig eine braune, runde Zwiebel ans Gestell oder Tisch liegen, die ohne Erde und ohne Wasser kräftige Ällltenstengel treibt, an denen sich hübsche violette oder fliederfarbige Blüten entfalten. Diese merkwürdige Treib­zwiebel ist eine kultivierte Form unserer Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), deren charakteristische Blüte zur Herbstzeit als letzte Blumengabe des Jahres auf den schon fahl gewordenen Wiesen erscheint. Weil die Blume so zur Unzeit blüht, hat sie den Namen Zeitlose bekommen; sie ist noch besonders dadurch bemerkenswert, daß sie im Herbst nur die Blüte treibt, während die Blätter Und Früchte erst sin nächsten Frühjahr erscheinen. Die alten Botaniker, die das Leben dieser Pflanze noch nicht genau kannten, glaubten, die Früchte erschienen im Frühjahr zuerst, und dann im Herbst erst die Blüte, und sie nannten die sonderbare Pflanze daherFilius ante patrem" (Der Sohn vor dem Vater"). Die Pflanze soll aus Kolchis am Schwarzen Meer stammen, weshalb sie den botanischen Namen Colchicum erhielt. Nach einer alten griechischen Sage bereitete Medea nach der Rückkehr der Argonauten einen Zaubertrank, um dadurch den alten Jason, den König von Jolkus, zu verjüngen. Von diesem Zaubertrank fielen einige Tropfen zur Erde, und aus ihnen entsproß die Herbst­zeitlose. In späteren Zeiten wurde die Herbstzeitlose noch häufig zu Gift- und Zaubertränken benutzt, denn die Knolle birgt ein sehr heftiges Gift, das Colchicin. Durch die Kunst des.Gärtners ist nun die Herbstzeitlose in so hohem Grade kultiviert worden, daß sie trocken, ohne Topf, ohne Erde und ohne Wasser blüht, man braucht die Zwiebel nur irgend wohin zu legen, wo sie Licht Hat, dann entwickelt sie ihre Blüte ganz von selbst. Ja sogar ohne Licht bilden sich die Blüten vollkommen an der trocken liegenden Zwiebel, in diesem Falle allerdings farblos. Es dürfte launt ein zweites Gewächs bekannt sein, das ohne irgendwelche Pflege so kräftige, zahlreiche und schönsarbige Blüten hervorbringt, wie dieses Colchicum. Im Freien wie im Zimmer hat die merkwürdige Blume daher eine große Zahl von Ver­ehrern gefunden; ihre Entwicklung überrascht um so mehr, als die braune Zwiebel in der ersten Zeit einen gänzlich leblosen Ein­druck macht. Die Blütezeit des Colchicum fällt in die Monate September und Oktober. Kurz nach dem Abblnhen kann man die noch völlig wurzellose Pflanze in einen nicht zu kleinen Blumentopf mit nahrhafter, am besten mit Torfmull vermengter

Erde setzen. Man erhält dann bei anfänglich schwächerem, später starkem Gießen im Winter eine kräftige Blattpflanze mit großen, glänzend grünen, unregelmäßig eiförmigen Blättern, die dem winterlichen Blumentisch zum Schmucke dient.

*Fleck, hör er uf!" In dem soeben erschienenen Land-Kalender für das Großherzogtum Hessen, Ausgabe 1913"- (Großh. Staatsverlag, Darmstadt) teilt Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappesser einige hessische Anekdoten aus alter Zeit mit,- darunter auch die folgende: Unter den Persönlichkeiten der nächsten Umgebung des leutseligen Großherzogs Ludwig III. war keineswegs der Geringsten einer der brave, alte Kammerdiener Fleck, der sich der Gunst seines Herrn in besonderem Grad ex* freute, denn er war nicht nur verschwiegen und treu wie Gold,- er besaß auch einen reichen Schatz von Schnurren und lustigen Geschichten, womit er jenem wohl über manche trübe Stund« hinaus geholfen haben mag, die ja auch den Hohen und Höchsten nicht erspart bleiben und von denen schon die Bibel sagt: sre gefallen uns nicht. Fleck hatte schon ein bewegtes Däfern hmter sich, bevor er in den ruhigen Hafen des Hofdienstes ernzog. Noch sehr jung war er als Trompeter in das GroßherzoglrchH Garde-Regiment Chevaulegers eingetreten und mit diesem über manches Schlachtfeld geritten, auf dem die tapferen Hessen ge­stritten und gelitten haben, allezeit getreu dem Eide, den st« ihrem Landesherrn und der Fahne zugeschworen, wenn auch leider lange der fremden Gewalt untergeben. War es doch unter anderen an dem fürchterlichen ersten Pfingsttag 1809, als die hessische Infanterie, Kavallerie und Artillerie, nur noch unter­stützt von ein oder zwei anderen Bataillonen süddeutscher Kon­tingente, den Kampf um den Friedhof zu Aspern bestand, der siebenmal erstürmt und siebenmal verloren wurde und zuletzt doch unter schwersten Verlusten behauptet worden war, wodurch hauptsächlich der napoleonischen Armee die Möglichkeit gegeben wurde, sich wieder aus den Krallen des Doppeladlers heraus­zuwinden. Auch 1813 erschien wieder die hessische Streitmacht auf dem Plan, unter schwerster Anstrengung des so hart geprüften Landes aus den Trümmern der russischen Katastrophe neu auf­gerichtet, und dieses Mal geführt von dem eigenen Sohne des Landesherrn, dem Prinzen Emil, dem unser Fleck als Ordonnanz- trompeter beigegeben war. Auch bei Leipzig waren sie dabei, AlltzN voran der tapfere Prinz und gleich hinter ihm sein Stabs­trompeter, und der erzählte dann:Drei Tage haben die Hessen dem übermächtigen Feind widerstandest, immer der Prinz an der Spitze und hinter ihm her der Trompeter Fleck, der immer wieder aufs neue seinVorwärts" undZum Angriff" blies. Wie aber der dritte Tag sich neigte und der Prinz einmal im Umschauen wahrnahm, daß fast niemand mehr hinter ihm war, als eben mir sein Trompeter, der gerade wieder sein Instrument zum Munde führte, da habe er ihm zugerufen:Fleck, hört nor uf jetzt, mir zwee(n) allaans packen's doch nimmer!" Das Fleck, hör er uf!" ist dann zum geflügelten Wort im hessischen Lande geworden, und weil es auch jetzt noch mancher im Munde führt, der dessen Entstehung nicht mehr tenrtt>v so sei das hier zum bleibenden Gedächtnis in die Erinnerung zurückgerufen.

vücherüsch.

Wiederum sind drei neue Bünde von Lelhngen & KlasingS Volksbüchern ans dem Markt erschienen und erregen die Ausinerk- samkeit aller, die sich dieses junge, aber rüstig vorfchreitende Unter­nehmen geivorben hat. Zwei der neuen Bücher widmen sich den Naturwissenschaften und zwar recht spröden Gegenständen: Dem Mond und den Tierriesen der Vorzeit. Trotzdem ist es den Ver­fassern Tr. Joses Plassmann und Tr. Walther Schoenichen ge­lungen, anregend und verständlich zu schreiben, wobei sie durch treffliche Abbildungen unterstützt werden. Der Band über das Nibelungenlied von dem Rostocker Germanisten Pros. Tr. Wolf­gang Golther gibt eine fesselnde Darstellung vom Inhalt und von der Textgeschichte unseres größten Volksepos und wird sicherlich in Laien- wie in Gelehrtenkreisen dankbare und ausmerksame Leser die Fülle finden. _____________

Arithmogriph.

1 2 3 4 2 3 ein spiel

2 3 9 10 4 asiatisches Reich.

3 8 9 10 8 deutscher Dichter.

4 6 8 9 1 8 ein Insekt.

5 10 10 4 Stadt in Westfalen.

6 4 9 10 ein Fluß.

7 4 3 10 1 9 10 10 eine Krankheit.

8 9 1 8 10 nützliches Al et all.

9 1 2 3 4 italienische Insel.

10 8 2 3 8 10 ein Fahrzeug.

Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen der Reihe nach, von oben nach unten gelesen, ein berauschendes Getränk.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r Keine Rose ohne Dornen.

Redaktion: K. N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen,