Montag, den 30. September
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Die Dame im Pelz.
.Roman von G. W. App le ton.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Sie haben volle Offenheit von mir verlangt. Nun, wenn ich offen sein soll, muß ich leider mit nein antworten. Es geht nämlich das Gerücht, daß die junge Dame einen großen Geldbetrag bei sich gehabt und es mit ihrem Krankheitsanfall eine eigentümliche Bewandtnis haben soll. Selbstverständlich wußte ich nichts von irgend welchem Gelds und war daher nicht in der Lage, dieses Gerede als einfache Luge zu bezeichuen — was mir sehr peinlich war.. Ich mußte mich also darauf beschränken, den Leuten zu erklären, daß, falls die Dame eine mehr oder weniger hohe Summe bei sich gehabt haben sollte, sie sich bei Ihnen in den besten Händen befände, und daß sie von großem Glück sagen könne, daß sie ihr nicht vorher auf der Straße in ihrer Bewußtlosigkeit weggenommen sei. Wie ich mir schmeichle, beruhigten sich die Leute bei diesen Ausführungen. Auf alle Fälle sagten sie nichts weiter und machten den Eindruck, als ob sie zu der Einsicht gelangt wären, daß man die Mache doch von zwei Seiten betrachten könne.
Gut! rief ich. Ausgezeichnet! Da diese Frage nun mal angeschnitten ist, will ich Ihnen auch sagen, daß sie eine bedeutende Summe Geldes in ihrem Besitz hatte — groß genug, um mir allerhand Unannehmlichkeiten zu bereiten, denn sie ersuchte mich, für die Sicherheit des.Geldes Sorge zu tragen. Deshalb war ich heute in London, .wo 'ich die Sache notariell gemacht und das Geld an einem absolut sicheren Orte deponiert habe, wo es liegen bleibt, bis sie ihr Erinnerungsvermögen wiedererlangt hat und es zurück wünscht. In dem Augenblick, wo das eintritt, wird mir ein großer Stein vom Herzen gefallen sein, das kann ich Ihnen versichern. Was ich Ihnen eben mitgeteilt habe, können Sie aller Welt wieder erzählen; ja, ich will Ihnen sogar die Adresse des Notars geben, mit dem.ich verhandelt habe. Ich schrieb sie aus und gab sie .ihm. So, fuhr ich fort, die können Sie allen zeigen, die nach der Sache fragen, und sie zwecks näherer Erkundigungen ruhig an diese Firma selbst verweisen. Das wird hoffentlich nun genügen, den Leuten den Münd zu stopfen; nicht wahr, Gregory?
Man sollte 's meinen, antwortete er, und ich bin froh, daß Sie mir das gesagt haben. Ich möchte, ich.hätte 's heute nachmittag schon gewußt.
Ich wünschte es auch, aber viel kann der kleine.Zeitunterschied immerhin nicht ausmachen. Damit war unsere Unterredung zu Ende.
Als ich ins Empfangszimmer zurückkehrte, war, Helen bereits von allem unterrichtet, aber bei alledem schien sie
ziemlich vergnügt zu sein, wozu zweifellos die Anwesenheit Mortimers viel beitrug.
Habt ihr beide heute einen Tag hinter euch! sagte sie gleich bei meinem Eintritt und klingelte nach dem Tee. Charley (man beachte, daß sie ihn beim Vornamen nannte), Charley meint, wir hätten noch viel Aufregung vor uns, ehe die Sache vorüber sei, aber er glaubt sicher, daß am Ende noch alles gut werden wird. 'Ich bin froh, daß. das Geld wenigstens gut aufgehoben ist, und ganz besonders freue ich mich, daß er uns beisteh!en und, wie er sich aus-^ drückt, nicht eher locker lassen will, bis die Geschichte voll und ganz aufgeklärt ist.
Er müßte nicht Charley Mortimer sein, versetzte ich, wenn er anders handeln wollte.
Nun ..laßts aber gut sein, sagte er darauf, ich habe nun genug davon. Wir tragen jetzt alle Wasser an einer Stange und damit fertig!
In diesem Moment brachte das Mädchen den Tee. Als sie wieder hinaus war, sagte Helen, während sie ein- schenkte:
Nebenbei bemerkt, es ist ziemlich auffallend, Eliza —t so hieß sie — will nämlich morgen den Dienst verlassen. Sie meint, ihre Schwester könne gleich an ihrer Stelle eintreten. Ich habe ihr geantwortet, ich wollte erst mit dir darüber sprechen.
Etwas plötzlich ist es allerdings, antwortete ich. Was gibt sie denn für 'nen Grund an? .
Daß ihr Vater sehr krank sei und wünsche, daß sie heim käme; sie sei die älteste Tochter und habe keine Mutter mehr. ।
Gut, sagte ich. Machs, wie du 's für am besten hältst. Damit war die Sache für mich abgetan.
Und Mortimer war zu sehr mit Helen beschäftigt, tot der Sache überhaupt irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. ।
Nach dem Tee war es schon bald Zeit zum Abendessen. Um meine Schwester in der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten nicht zu stören, machten mein Freund und ich noch einen kleinen Spaziergang, auf dem ich ihm auch die Fußspuren unter dem Fenster und die Stelle zeigte, wo. unsere geheimnisvolle Dame gelegen hatte.
Als wir von unseren! Rundgange zurückkehrten und wieder ins Empfangszimmer traten, konnte ich sofort bemerken, daß Mortimer — natürlich ohne Helen im geringsten zu verletzen — denn Anblick unseres Gastes wie bezaubert war, und ich muß selbst gestehen, daß sie reizender und entzückender aussah als je zuvor. Der ängstliche Ausdruck war vollständig verschwunden, sie war heiterer und lebhafter und schien sich ganz wohl und zufrieden ber uns zu fühlen. Was mir aber besonders auffiel und emen ganz eigenen Schauer verursachte, war, daß mich gleich beim Eintreten ein Blick der Freude aus ihren herrlichen Augen traf, ein Blick, der mich alle Unruhen und Sorgen ver^ gessen ließ. Nach wenigen Minuten befand sich Mortimer


