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Aus Gberheffeu.
Wie es vor 200 Jahren im Amt Nidda aussah.
Unter de» Familienpapieren sand sich ein Bündelchen von Auszeichnungen und Briesen, deren Inhalt für die letzt lebende Generation vielleicht von Interesse ist. Ich, lasse einiges folgen, schicke aber voraus, daß zu damaliger Zeit die französische Sprache und Mode noch ganz Europa beherrschte. Der Sonnenkönig Ludwig. XIV. von Frankreich, vor dem die halbe Welt zitterte, war schwer gedemütigt ivorden: er starb 1714, trotzdem >*'0(1)16 sich das kranzösi che Wesen überall geltend und behielt diese Geltung noch 100 Jahre lang, bis der erste Napoleon Bonaparte von den Engländern im Jahre 1815 nach St. Helena verbracht worden war.
Vor 200 Jahren wurde Hessen-Darmstadt von dem Landgrasen Ernst Ludwig regiert, und zwar 60 Jahre lang, von 1678 bis 1738. So lange der junge Herr noch uninündig war, regierte seine Blutter Elisabeth Dorothea als Vormünderin bis 1788. Die Landgrafschaft hatte schwer unter den Kriegen zu leiden, die der Kaiser mit Frankreich iührte. Darmstadt wurde zweimal erobert und gebrandschatzt und die landgräfliche Familie mußte nach Ober- e fliehen. Der junge Landgras war ein Freund der schönen e und des Theaters, er ließ Baute» aufführen und liebte das Waidiverk. Das alles kostete Geld — das war rar.
Anleihen, wie man sie jetzt mit Leichtigkeit ausnehmen kann, waren damals nicht zu machen, man wandte sich an reiche reute, die Darlehn gegen hohe Zinsen gaben. Frankfurt a. 9Ji. ro ar schon vor 200 Jahren als Geld- und Handelsstadt berühmt; dort hatte der Landgraf im Jahre 1728 6000 fl. bei Rat Fend zu 6 Prozent geliehen. ‘ Einige Jahre später war wieder Geldbedürsms vorhanden, weshalb bei dem Hof- und Kammeragent Beer Löw Isaac in Frankfurt a. M. »weitere 6u00 fl zu 6 Prozent geliehen wurden. Interessant ist die Sicherheit, die dem Hof- imb Kammeragenten — heutzutage würde er vielleicht Geheimer Hosrat tituliert werden — gegeben wurde, nämlich: Der landaräfliche Amtsverweser zu Nidda, Friedrich Ludwig Krug (es muß ein tüchtiger Mann gewesen sein), mußte an Eidesstatt versprechen, die Ueberschubgelder seines Amtes nach Zahlung aller vorhandenen sonstigen Lasten, auf herrschaftliche Kosten an den Gläubiger Beer Löw Isaac in Frankfurt a. M. abzulieiern. Daran dürfe sich der Amtsverweser durch keinen konträren Beiehl, weder von Sr. Durchlaucht selber, Dero Fürstlichen Successoribus noch sonst jemand, wer er auch seye, nicht abhalten oder verhindern lassen. „Jit Urkund dessen hab' ich mich eigenhändig unterschrieben und mein gewöhnlich Pettschast auigedrstckt. So geschehen zn Nidda den 17. Aug. 1735” — heißt es in jenem Schriftstück.
Das Geld muß Damals sehr rar gewesen sein, wie aus einem Briefe des Oificianten Ostheimb von Darmstadt an den Amtmann Krug in Nidda hervor geht. Ostheimb machte ein Gratulations- gedicht zum neuen Jahr und bittet um 25 Gulden, weil er noch keinen Kreuzer auf Besoldung gesehen habe. Ferner erhielt Krug Weisung, der Weißzeugverroalieritl Jungfer Kreuselmeyerin 100 fl. auf bereit ausstehende Besoldung zu zahlen und^zu verrechnen.
Tie Kirchenzucht war damals sehr streng. Pfarrer Soldan von Wingershausen quittiert untenn 21. März 1736 den Betrag von 7 Gulden 15 Albus für Erlassung der öffentlichen Kirchenbuß von wegen Conrad Möllers und 'Unna Elisabethen Weyl nach- gebliebenen Wittib.
Mit der Rückzahlung der Anlehen in Frankfurt ging es sehr langsam, iveil die Besoldungen und Löhne der Beamten und Diener, die Unterhaltungskosten der herrschaftlichen Gebäuoe und sonstige öffentliche Lasten vorgingen. Beer Löw Isaac beschwerte sich in Darmstadt, worauf die fürstliche Regierung deut Amts- verroeser in kräftiger Weise anbefahl, Zahlungen zn leisten und mit den Worten schloß „auch in Zukunft Euch darnach achtet, oder der gebührenden Ahndung Euch gewärtiget. Versehens Uns und sind Euch frdl. wohlgeneigt ” — Darauf erstattete der Amtsverweser eineu Bericht, dessen Adresse lautet: Denen Hochwohlgebohrn- Hochedelgebohrn- Gestrengen- Best- und Hochgelehrten, zur Hoch- fürstl. Hessischen Renthkammer Hochverordneten Herrn Herrn Praesident, Cammermeister und Räthen, Meinen gnädig Hoch» geehrtisten Herren.... Darmstatt.
In diesem Schreiben setzte der Amtsverweser auseinander, daß au eine Kapitalabtragung vorerst nicht zu denken sei, weil nicht einmal alle Besoldungen und sonstigen Lauen hätten gedeckt werden können, so daß sich der Gläubiger zunächst mit seinen Zinsen begnügen müsse.
Im Jahre 1736 machte sich in Mitteldetttschland eine Münz» Devalvation in unangenehmer Weise fühlbar, b. h. der Nenn» und Metallgehalt der Münzen wichen bedeutend von einander ab, besonders bei Scheidemünzen. Wir Kinder des 20. Jahrhunderts haben keine Ahnung davon, welche Masse von Münzen damals im lieben deutschen Vaterlande umliefen. Kaiserliche, Churfürstliche, Herzogliche, Fürstliche, Erzbischöfliche, Reichsgräfliche, ReichS- freiherrliche und Reichsstädtische 'Münzen liefen um. Reichsfreiherr Philipp von Ehreniels besaß das Münzrecht; um es nicht zu verlieren, ließ er von Zett zu Zeit für einen Gulden kleine Kreuzer schlagen, womit er sein Münzrecht aufrecht erhielt.
Man sollten nicht nur die Scheidemünzen, sondern auch die Gold- und Silbermünzen zum vollen Werte nur bis Ende 1736
eingezogen werden, aber in aller Stille, damit nicht zu großer Ver lüft entstehen möchte. Vom 1. Januar 1737 an sollte der niedriger, Kurs gelten. Die Geschichte wurde aber doch ruchbar. Der Einnehmer Johann Reinhard Rühl berichtete darüber an Amtsverwe!er Krug: Die Bauern haben das Versängnuß schon über 8 tag lang gemerket, und, aller Wiederlegungen ungeachtet, unter sich davon gesprochen, dahero es dann gekommen sein mag, daß man in so kurzer Zeit und gegen sonstige Gewohnheit auf einmahl so Viele Gelder hat einzunehmen gehabt. Jnmittelst ist es mir insoweit lieb, daß solchergestalt besser als sonsten mit dem effectuiren, Einnahmen habe avanciren können."
Dieser Johann Reinhard Rühl scheint für seine Verhältniff, ei» gewiegter Mann gewesen zu sein; er schrieb eine leserliche Hand und adressierte seine Berichte folgendermaßen: a Monsieur, Monsieur Kroug, Baillif de Son Alt. SerN? Monsgr le Landgrave regnant de Hesse Darmstadt pp. ä Nidda.
Der KurSverlust im Amte Nibba war — wenn man bie damaligen Geldverhältnisse in Betracht zieht — recht empfindlich. E- gingen an Münzen ein zum Nennwert . 6133 fl. 22 AlbuS 4 H Dieser Betrag wurde an Kammer-Agent Seer Löb Isaac in Frankfurt gesandt, der dafür gutschrieb..... . 5530 „28 „ 4 ,
Folglich DevalvationS-Verlust 602 fl. 24 Albus 0 H
Landgraf Ernst Ludwig starb im Jahre 1738. Die beiden Darlehen von 6000 fl. wurden erst später zurückgezahlt.
Auf Ernst Ludwig folgte sein Sohn Landgraf Ludwig VIII., der schon als Erbprinz eine gute Heirat machte: er vermählte sich mit der Erbtochter des Grafen von Hanau-Lichtenberg, die ihm reiche Besitzungen, Gilten, Renten und Zinsen mitbrachte. Ludwig war, wie sein Vater, ein Freund des Theaters, der Musik und der Jagd. Die Parforcejagden, die er veranstaltete, waren weit und breit berühmt, kosteten aber viel Geld.
In Nr. 58 und 54 der „Gießener Familienblätter" vom 6. und 7. April 1910 wurden einige Proben von der Leutseligkeit und dem Humor beS Lanbgrafen Ludwig VIII. gebracht.
humoristisches.
* Feinschmecker. Weinhcindler: „Mein erster Reisende» hat eine so feine Zunge, daß er Ihnen jede Marke und sogar beit Jahrgang allein nach dem Geschmack genau angeben tarnt." —< Wurstfabrikant: „Mein Reisender kann aus dem Wiener Würstchen sogar noch die Droschkennummer herausschmecken."
* Verraten. „Emil, es ist schauderhaft, was ich von dir hab' hören müssen — du seiest gestern abend total betrunken gewesen!" — „Ha, Verleumdung! Wer verbreitet eine solche Lüge?" — „Herr Müller hat's seiner Frau erzählt!" =- „Was, betl Der lag ia bei mir unter'm Tisch!"
Nönigspromenade.
Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — rote der König aus dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergetzt.
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Auflösung in nächster Nummer.
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Auflösung des Geographischem Verschiebrätsels in voriger NumMkl Hannover
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ledaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag h»r Brübl'schen UniversttätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lang«, Gieße»


