Ausgabe 
30.5.1912
 
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Der Kellner brachte Kaffee uitb Zeitungen. Herr Molfinger WrchWtterte achtlos einige der Journale und langweilte sich redliche

Da sand er in einer der illustrierten Zeitungen, derHam- bürger Woche", ein Bild: Singhalesen im Hagenbeckschen Tier­park.

Die photographische Ausnahme war ausgezeichnet gelungen Und man konnte sogar die einzelnen Zuge der getypten Männer Und Frauen recht gut erkennen.

Herr Molfinger legte die Zigarre beiseite, griff nach seinem Klemmer und beäugte nun genau das Bild, genau und lange.

Eine eigentümliche Unruhe war üVer ihn gekommen.

Er rief den Kellner und zahlte, eilte dann zum nächsten Zeitungskiosk, Und kaufte sich die letzte Nummer derHamburger Woche".

Dann schritt er zUr Dampserhaltestelle, fuhr über das Alster­bassin bis Station .Lombardbrücke und dort bestieg er die elek­trische Bahn, die durch Altona hinaussü'hrt nach Stellingen.

Während der Fahrt zog er dieHamburger Woche" hervor Und betrachtete sich das Singhalesenbild. Dabei glitt ein boshaftes .Lächeln über sein wohlgenährtes Antlitz. An dem prachtvollem von treffender Synrblolir gezierten Eingang von Hagenbecks Tier­park traf Herr Molfinger seinen Freund Dr. Naumann, einen gewiegten und in Hamburg wohlbekannten Rechtsanwalt.

Mit ihm zusammen durchschritt er den Tierpark.

In der gigantischen .Löwenschlucht dehnten sich die gelbge- mähnten Tiere in der prallen Nachmittagssonne, während an der Eisbargrotte die nordischen Weiß.zottel den kühlenden Schatten UUffuchten.

Auf dem Wege nach dem Raubiierhause blieb Molfinger plötzlich stehen und packte Dr. Naumanns Arm.

Erlaube mir eine Frage, Freund: Mas denkst Du? Ob mir die Polizei erlauben würde, daß ich! mir in meiner Villa eine Kollektion wilder Tiere, vielleicht etliche Löwen und Tiger Unb1 dazu einige Bären, halte?"

Dr. Naumann blickte seinen Freund erschrocken an, dann sagte er besorgt:Setze doch! Deinen Hut auf, Paul, die Sonne brennt wirklich ganz verteufelt heiß und, einem alten Freund gestattest Du wohl ein offenes Wort, und gerade sehr viele Haare zeigt Dein sonst recht wohl geformter Schädel nicht mehr."

Molfinger lächelte.Keine Sorge, Doktorcheu, ich bin ganz normal. Ich wiederhole meine Frage betr. die Menagerie und Nach Deiner Antwort will ich Dir Aufklärung geben."

Da sagte der Rechtsanwalt:Meiner Meinung nach wird die Polizei gegen Errichtung einer Privatmenagerie nichts einzu­wenden haben, wenn für ausreichende Sicherheit gesorgt ist."

So, das wäre ja famos. Und nun höre meine Gründe. DU weißt, daß'mein Vermögen nach Millionen zählt, Du weißt 'aber auch, daß ich nur lachende Erben besitze, die nichts sehnlicher wünschen, als daß ich mich baldmöglichst aus dieser schnöden Welt Verdufte. Da das aber bei meinen 55 Jähren und bei meiner gesunden Konstitution nicht gleich Ku erwarten ist, so bemühen sich meine über alles geliebten Cousins und Cousinen und Neffen unb Nichten, mich wenigstens zu recht sparsamem Lebenswandel an- zuhalten, damit dereinst die Gelder ihnen ungeschmälert zurollen. Und da will ich mir doch den Spaß, machen, die liebenswürdige Verwandtschaft etwas in Aufregung zu bringen, wenn das auch uicht gerade christlich ist. Nun stelle Dir den Kummer dieser Herrschaften vor, wenn sie eines Tages in jeden: meiner Salons einen großen Käfig erblicken, in dem so ein gefräßiges Ungeheuer

ockt, das alltäglich! ein halbes Pferd verspeist."

Er lachte vergnügt vor sich hin.

Der Notar aber stellte ihm die Unannehmlichkeiten vor, die ihm dieser Spaß verursachen würde; vor allem der liebliche Raub- . erdnst und das anheimelnde Gebrüll der Tierchen Kur Nachtzeit.

Das leuchtete Herrn Molfinger ein und er heft vorläufig diesen Plan fallen.

Unterdessen waren sie niin Web die gewölbte Brücke in das Smghalesendorf gekommen.

Das fleißige CeyKmvöWen hatte sich ein liebliches Hütten­dorf gebaut und nun Hockten die braunen Gestalten vor ihren Hütten. Die einen bemalten kunstvolle Vasen, andere flochten Teppiche oder schnitzten zierliche Elefanten und wieder andere saßen am Amboß und schmiedeten kunstvolle SchMucksachen.

Singhalesenjungen und Mädels bjuMMelten durch! die Gassen und bettelten, und hinter einem Zaune stand ein Singhalese und wahrsagte aus den Linien der dargebötenen Hand.

Es waren schlanke, zum Teil schöne Menschen, diese Ur- bewohner Ceylons, mit ihren prachtvollen Zähnen, der bronze- sarbenen Haut und den großen, schwarzen Augen. Herr Molfinger rntt mit dem Rechtsanwalt durch das Singhalesendorf. Sie

; en hier und da stehen und betrachteten sich die fremdländischen Hünenbewohuer. Plötzlich' zuckte Herr Molfinger zusammen.

Auf einem kleinen, freien Platz, der von einem niedrigen saune umfriedigt war, hockte ein junges Singhalesenmädchen von bestrickender Schönheit. Links und rechts von ihr saß auf eine; Kissen ein kleiner, niedlicher Affe.

Das Mädchen hatte auf dem Schoße eine eigentümlich geformte Trommel, und sobald sie den Schlegel rührte und die Trommel ergingen ließ, begannen die Affen in tollen Sprüngen zu tanzen.

Des Mädchens Augen funkelten dann vor Vergnügen und hinter ihren roten, etwas aufgetoorfenen Lippen schimmerten zwei Reihen kleiner, elfenbdiuweißer Zähne hervor.

Herr Molfinger war entzückt. Er griff nach seinerHam­burger Woche", verglich dcG, Singhalesenmädchen mit einem der Bilder, und dann warf er der Singhalesin ein Goldstück in den Schoß.

Nanu, Molfinger," rief per Notar,du beschenkst ja diese braune Hexe geradezufürstlich."

Nesku, so hieß die Singhalesin, ließ das Goldstück schnell in das kleine Ledertäschchen gleiten, das sie an der Hüfte hängen fyatte, dann stand sie auf, zog das weiße Obergewand, das sie, trug, fest an sich, so daß man ihre schlanke Gestalt und die prächtigen' Konturen ihres Körpers sehen konnte, und- trat an den Zaun. Sie bedankte sich bei Molfinger in fließendem englisch und reichte ihm ihre kleine, braune Hand-,

Molsinger fragte sie urach allem Möglichen, vor allem, ob es ihr in DeutsMaird gefiele und ob sie für immer hier bleiben möchte?

Und das kleine Ceylonfräulein.erzählte von seiner Heimat und von seinen beiden Aeffcheu Mny und Müll, und es sprach begeistert von Deutschland, besonders Won Hamburg. Aber hier bleiben möchte es nur im Sommer, im Winter sei es viel kält.

Molfinger streichelte immerfort seine Hand, und dann zog er von seinem fetten, 'kleinen Finger einen prachtvollen Brillantring, bett er Fräulein Nesku an den Mittelfinger schob.

Das war Arben Notar zu viel. Er zog seinen Freund hinweg und machte «ihm heftige Vorwürfe ob seiner Verschwendung.

Bitte beruhige dich,, r Du wirst noch ganz andere Dinge erleben. In mir fist ein herrlicher Plan gediehen, meine Ver­wandten in Aufregung >zU bringen und mir dabei eine Freude zu' machen."

Dr. Näumann schüttelte <den Kopf und verabschiedete sich von Molfinger. i

Dieser ließ sich nun von einem der herumbettelnden Cehlon- jungens zunr Häuptling der Truppe führen.

Der Häuptling, ein -steinalter, ehrwürdiger Singhalese, hockte Mf der Veranda einer besonders großen Hütte. Er rauchte eine! Zigarette und blickte stier in die Ferne.

Molfinger trat zu ihm, begrüßte ihn devot und sprach d-anN auf englisch lange, -lange mit ihm.

Schließlich wurde noch -der Führer der Truppe, der Impre­sario, hinzugeholt und -außerdem ein alter ärmlich aussehender Singhalese, der Vater -der bildschönen Nesku, und nun begannen die Verhandlungen aufs neue.

Und jetzt zog Herr Molfinger feilte Brieftasche und zählte sowohl dem Singhalesenhäuptling, -als auch, dem Vater NeskuH eine nicht geringe Anzahl Kassenscheüie in die Hand.

Dam: ging er schnell an den kleinen Platz-, wo Nesku nodji immer mit ihren Aeffcheu spielte, warf ihr ein Goldstück in den Schoß, und als das Mädchen an den Gartenzaun trat, küßte er ihr zweimal die Hand.

Dann schritt er schnell dem Ausgang zu.

In der großen Villa am Alsterbassin ward emsig geschasst.

Vor dem Hause hielt ein riesiger Geschäftswagen, und ganze Berge von kostbaren Teppichen trug man ins Haus.- An dem rechten Seitenflügel der Villa ivar ein großer Wintergarten an­gebaut worden, und ein Heer von Gärtnern arrangierte einen! märchenhaften Palmenhain.

Im Hofe aber war ein Stall gebaut worden, ein Stall von so riesigen Dimensionen, als wollte man das Pferd von Troja dort verquartieren.

Das Dienstpersonal des Hauses. Molfinger steckte die Köpfe zusammen. Aber so sehr sie auch klatschten und tuschelten, sie brachten doch nicht heraus, was eigentlich vor sich gehen sollte.

Besonders über den Ries-enstall im Hofe und über den ein­gebauten Käfig im blauen Salon zerbrachen sie sich die Köpfe.

Herr Molfinger aber war seit vier Wochen so vergnügt und freigebig wie noch nie. Er überschüttete die Dienstboten und das Baupersonal mit Trinkgeldern und von früh bis abends durch!- wanderte er Raum um Raum, lobte hier und ordnete da noch an und war seelenvergnügt. -

Friedrich, der Kutscher, eine poetische Natur, der im Ham­burger Stadttheater Stammgast war und vor allem fürFaust" schwärmte, verglich den dicken Hausherrn mit jener Ratte im! Kellerneste und behauptete, Herr Molfinger habeLiebe im Leibe".

Am meisten in Aufregung geraten waren aber Molfingers zärtliche Verwandten.

Besonders Fräulein Julcheu, eine Cousine von sageiihaftem Mter, kam täglich zu Besuch und bemerkte mit immer großer werdendem Erstaunen den Umbau und Umsturz in der Villa.

Sie tvartete Tag um Tag, daß: ihr Cousin sie aufklären werdch da aber Molfinger 'beharrlich schwieg und nur immerfort viel­sagend lächelte, sagte 'Fräulein Julchen eines Tages malitiös: Ich möchte nur wissen, Paul, wozu du in deinen alten Tagen noch die Villa -umbauen läßt, und dazu noch auf so eigentüm­liche orientalische Weise. - Und das viele, viele Geld, tvas das kostet."

(Schluß folgt.)