Ausgabe 
30.5.1912
 
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U-nzug immer noch nicht angenommen und ohne den geht es ja leider nicht."

Sie stimmte ihm zu:Dann hoffentlich morgen.

Natürlich war die Ausrede des Barons eine fromme Lüge: vor feiner Abreise hierher hatte er sich fast ganz neu eauipiert, sich auch einen neuen Tennisanzug machen lassen, aber wenn er gleich in diesem erschien, dann konnte Alexa auf den Gedanken kommen, daß er früher doch schon einmal gespielt habe, und das wollte er vermeiden, «re zeigte, so oft das Gespräch darauf kam, eine so lebhaft^ Freude, auch ihrerseits Lehrerin seiii zu dürfen, daß er es für mehr als grausain gehalten hätte, ihr die Wahrheit zn gestehen. , ,

Der Graf begleitete den Baron in sein Ziinmer, 11m sich von ihm erzählen zu lassen, wie er mit dem Reifes seiner Töchter zufrieden sei und was er in dieser Hinsicht beschlossen habe, während die Damen die Gräfin aufsuchten. Man plauderte eine kleine halbe Stunde zusammen, dann erhoben sich die Komtessen, unt sich umzukleiden, und Frau­lein Weidemann benutzte die Gelegenheit, um sich bei der Gräfin zu verabschieden. Aber sie dachte nochJncht daran, zugehen, erst mußte sie ihr Herz ausschütten., So begleitete sie" denn die Freundinnen, deren Schlafzimmer neben- einander lagen, und leistete ihnen Gesellschaft, während diese sich umzogen.

Nm von beiden Schwestern verstanden zu werden, wäh- reiid sie sprach, hatte sie den hohen, englischen Korbstuhl auf die Schwelle der beiden Zimmer gestellt, und von dort aus machte sie nun ihrem Herzen Luft:Ein reizender Mensch, dieser Baron! Diese elegante Erscheinung! Eine prachtvolle Figur und das kluge Gesicht! Und die schönen Hände, die er hat ich sah sie gleich, als er die Hand­schuhs auszog. Und die langen, schmalen Füße in den tadellosen Stiefeln! Und wie schick, in englischen Gamaschen zu reiten und nicht in den hohen, entsetzlich engen Angst­röhren, die nur den wenigsten Herren gut stehen, weil die wenigsten ganz gerade Beine haben, und weil es so wenig gute Schuster gibt. Und dann sein Wesen sein ganzes Auftreten die Offenherzigkeit, mit der er meine Bitte abschlug, so ruhig und so sicher der weiß, was er will! Alles in allem: ich kann mir nicht helfen, der Baron ge­fällt mir, er gefällt mir sogar riesig."

Der Mann, der Fräulein Weidemann bei der ersten Begegnung nicht gefiel, sollte noch geboren werden. Sie war von jedem Herrn sofort entzückt, obwohl, oder viel­leicht gerade, weil sie längst jeden Gedanken an eine Heirat aufgegeben hatte. Zum Teil lag es auch wohl an ihrem etwas knabenhaften Wesen, denn wirklich mädchenhaft an­mutig war sie selbst in ihrer Jugend nicht gewesen, da sie die Mutter sehr früh-verloren und auf dem Gute groß ge­worden war. Und sie war auch nie ernstlich umworben worden. Sie hatte nie eine unglückliche Liebe gehabt, auch nie den Wunsch nach einer Heirat verspürt. Sie lebte C ftir ihren Vater, ritt mit ihm über die Felder, half bei der Buchführung, hatte an der Ernte genau das­selbe Interesse wie -er, und wurde, wie dieser, den Hof­gängern grob, wenn sie die bummeln sah. Sie hatte auch nicht allzuviel Gelegenheit gehabt, Herren kennen zu lernen. Nach Berlin kam sie selten oder höchstens nur für wenige Tage, um Einkäufe zu machen, und auch auf den Reisen, die sie im Winter meist an die Riviera führten, hatte sie nie einen Herrn kennen gelernt, dem sie irgendwie ein wärmeres Interesse entgegenbrachte. Sie war von jedem Manu entzückt, lediglich weil er ein Mann war, und weil sie ihn -deswegen bewunderte und beneidete. Je männlicher er in seinem ganzen Auftreten war, desto mehr war sie von ihm begeistert. Junge Leutnants waren ihr in der Regel ein -Greuel, und wenn Haus mit seinen Kameraden da war, kam es zwischen ihr und den Offizieren ost zu halb ernsthaften, halb scherzhaften Reibereien, bei denen sie sich grün und gelb" ärgerte, während sich die Leutnants über sie totlachen wollten.

So rief ihre Begeisterung nicht die Zustimmung hervor, die sie erwartet hatte, und verwundert sah sie von einer Schwester zur anderen:Gefällt er euch etwa nicht?"

Gewiß, ja, er ist ja sehr nett," erklang es aus Alexas Zimmer.

Und was sagst du, Dagmar?"

Ich muß offen und ehrlich -gestehen, daß ich noch nicht über ihn nachgedacht habe. Warum auch? Er ist doch nur unser Reitlehrer. Daß er außerdem mit uns zusammen

speist, mit dem Vater Ecarto spielt oder sich mit Mninä über den Adel unterhält das ändert doch nichts daran."

Fräulein Weidemann war.starr, und mit entsetzten Augen sah sie die Freundin groß an:Dagmar 'das ist doch nicht dein Ernst, was du da sagst!"

Die wandte sich vor dem Spiegel, vor dem sie ihre Haare ordnete, ruhig um:Gewiß! Welche Veranlassung hätte ich sonst, so zu sprechen, wenn ich anders dächte?"

Fräulein Weidemann saß noch immer ganz versteinert da. Diese harten Worte aus Dagmars Münd wollten ihr absolut nicht in den Sinn. Gewiß, Dagmar war sich ihres Namens, ihrer gesellschaftlichen Stellung -ebenso wie ihrer Schönheit voll bewußt; sie war anders geartet, als Alexa, die sich in ihrer frischen Natürlichkeit stets allen so zeigte, wie sie wirklich war, aber trotzdem da stimmte etwas nicht!

Und- plötzlich stand sie auf, schob den Stuhl, auf dem -sie gesessen, beiseite und schloß 'die Tür nach dem Neben-, zimmer leise, ohne daß Alexa, die gerade in ihren Schub­laden kramte, etwas davon merkte.

Dann trat sie auf Dagmar zu, und ihr fest in die Augen sehend, sagte sie:Für deine Worte von vorhin gibt es nur eine Erklärung"

Und die wäre?" fragte Dagmar gelassen.

Du bist in den Baron verliebt."

Jeder Blutstropfen wich aus Dagmars Gesicht:Dst weißt wirklich nicht, was du redest! Ich verliebtt und dazu in den Baron der nichts ist und nichts besitzt und froh -sein kann, daß er bei uns für den Soinmer freien Aufenthalt hat; und außerdem noch bar Geld bekommt.- Jch verliebt in den Baron! Den ich noch gar nicht kenne,- der erst -ein paar Tage bei. uns ist! Nein, Marianne; manchmal bist du wirklich köstlich, da hat Papa ganz recht."

Sie lachte hell auf, aber es klang gesucht und gex zwungen, und Marianne ließ sich auch nicht beirren.Mich täuscht du nicht. Du belügst dich selbst mit dem, was dst sagst. Und ich wette mit dir, was du willst: In einem! Vierteljahr, wenn nicht noch viel eher, bist du die Braut des Barons."

Die Wette gilt." Dagmar hielt ihr die Hand hin, Was du da sagst, wird Nie der Fall sein, niemals, dennj ich könnte mich gar nicht in einen Mann verlieben, dek gesellschaftlich so unter 'mir steht. Und zu wetten ist eigent­lich ein Unsinn, denn du verlierst sicher."

Aber Marianne gab nicht nach:Was gilt die Wette?"

Dagmar dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie:Schon um dir zu zeigen, daß ich auch nicht das allergeringste Interesse für den Baron empfinde, setze ich das Liebste aufs Spiel, das ich besitze, meinenOld Fellow". Du hast ihn mir ja schon oft äbkaufen wollen wenn du gewinnst, gehört er dir!"

Nun wurde Marianne doch stutzig. Sie wußte, wie Dagmar an dem edlen Tier hing, wie sie es zärtlich liebte. Kein Tag verging, an dem sie nicht ein paarmal die Box aufsuchte, in der der schöne Rappe mit den schlanken Gliederst und dem weichen, zarten Fell stand. Für kein Geld war er ihr verkäuflich, und sie hatte einmal erklärt: lieber! selbst sterben zu wollen, als es zu erleben, daß ihrOldj Fellow" einginge. Wenn sie den aufs Spiel setzte, muhte sie ihrer Sache doch sehr sicher sein!

(Fortsetzung folgt.)

Herrn Molfingers Ehe.

Von Max Karl Böttcher -Chemnitz'.

Herr Molfinger stand- am Jungfernstieg -und betrachtete sich die hochrädrigen, vierrossig bespannten Wagen der Käseschen Hafen­rundfahrt. .

Dabei stieg ihm der Gedanke auf: Seit 26 Jahren lnst DN nun in Hamburg und bist noch nie in solch einem Wagen ge­fahren. . Heute könntest Du es doch einmal tun. Schon rM Begriff zUm Kondukteur zu treten, erblickte er auf einem- der Vordersitze Moses Ehrental, einen alten Widersacher und Ge­schäftskonkurrenten von ihm. ,

Er wandte sich ab und schritt mm Alsterpavillon, und er murmelte leise vor sich! hin:Nein, Molfinger, mit diesem alten Fuchs kutschierst Du nicht durch Hamburg. Morgen ist auch noch ein Tag." . ,

!Er ließ sich auf einem der roten, bepuemen Rohrfäutmus nieder, die -zu Hunderten an den Minen Tischen vor dem Alster­pavillon stehen und bestellte sich eine Tasse Kaffee.