Donnerstag den 50. Mai
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Die von Gründingen.
Wsman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Als sie nach etwa anderthalb Stunden zurückkehrten, wurden sie voller Ungeduld erwartet. Von dem Nachbargut war Fräulein Wetdemann gekommen, ein nicht mehr ganz junges Mädchen von etwa dreißig Jahren, groß und derb- knochig, ohne dabei stark oder üppig zu sein. Sie muhte in ihrer Jugend einmal sehr hübsch gewesen sein, ihre lebhaften Augen waren immer noch schön, ebenso ihr dichtes, braunes Haar, das ihr, wie sie mit der ihr eigenen Offenherzigkeit jedermann erzählte, wenn sie es auflöste, bis Mm Knie ging. Vor einer Viertelstunde war sie ganz allein, ohne jede Begleitung, wie sie stets zu tun pflegte, angeritten gekoinmen, um sich den neuen Reitlehrer an- zusehen, und ging nun, während ein Knecht ihr Pferd am Zügel hielt, mit dem Grafen vor dem. Schlosse plauderns aus und ab. Die Gräfin hatte sich für einen Augenblick! noch entschuldigen lassen, da sie beschäftigt sei.
Aber als die Reiter nun in leichtem Trabe sich näherten, konnte Fräulein Weidemann es kaum erwarten, bis dex Baron die Damen aus dein Sattel gehoben hatte, dann schloß sie jede der Komtessen in die 'Arme und begrüßte sie mit einem schallenden Kuß: „Ich sagte schon zu eurem1 Vater: ich konnte es vor Neugierde nicht mehr aushalten — ich mußte mir den Baron ansehen! Jawohl, Herr Baron," fuhr sie unbeirrt fort, als dieser wegen ihrer Lebhaftigkeit Und Ungeniertheit zu lachen anfing, „Sie brauchen gar nicht zu lachen, ich bitte Sie: Bei der Einsamkeit, in der wir hier leben, ist doch die Ankunft eines lebendigen Menschen ein Ereignis, an dem die ganze Nachbarschaft in einem Umkreis von mindestens zehn Meilen das lebhafteste Interesse nimmt."
„Gnädiges Fräulein sind wirklich sehr liebenswürdig," Ker, auf ihren Ton eingehend, „hoffentlich entspreche ich
gstens einigermaßen Ihren Erwartungen."
Sie sah ihn mit freier Offenheit vom Scheitel bis zur Sohle an.
„Soll ich auch .kehrt' machen, wie beim Militär?" fragte er belustigt.
Sie mußte selbst lachen: „Sie dürfen mir das nicht Übelnehmen, Herr Baron — ich bin Nun einmal so, wie ich bin, und wenn wir uns näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sehen, daß ich zwar ein ganz klein wenig verrückt bin, aber sonst ein guter, treuer Kamerad."
„Von dem letzteren bin ich schon jetzt überzeugt, gnädiges Fräulein. Aber was das erstere betrifft
„So können Sie mir ganz ruhig glauben, denn ich kenne mich selbst sehr genau. Und es ist mir viel lieber, daß ich selbst meine Sonderlichkeiten zugebe, als daß man
hinterher, wenn ich fort bin, von mir sagt: verrückt s verrückt!"
Der Graf amüsierte sich stets köstlich über Fräulein Weidemann, und so sagte er denn auch jetzt lachend: „Sie sind und bleiben doch ein Original."
„Gott sei Dank!" stimmte sie ihm bei. Und zu dem Baron gewandt, fuhr sie fort: „Sie müssen nämlich wissen, Herr Baron, daß mein Vater sehr unglücklich war, als ich auf die Welt kam. Er hatte sich leidenschaftlich einen Sohn gewünscht, schon damit unser Gut später nicht in andere Hände übergeht, — und trotz alledem wurde es ein Mädel. Aber wenn ich auch kein Junge war, so bin ich doch wenigstens als solcher großgezogen. Früher habe ich auch wie ein Junge geritten — jetzt darf ich das nicht mehr."
Alle lachten, und der Graf ries: „Schade, schade, Fräulein Marianne, in Pumphosen müßten Sie sich gewiß auch heute noch sehr hübsch zu Pferde ausnehmen."
Fräulein Weidemann nahm nie eine Neckerei oder einen Scherz übel, so sagte sie denn auch jetzt nur: „Zwischen! einer Pumphose und diesem entsetzlichen, langen Reitkleid gibt's doch aber auch noch ein Mittelding. Ich will ja auch so gerne im Herrensattel reiten, aber Papa erlaubt es nicht. Wenigstens bis heute noch nicht, und da — — Herr Baron, rechne ich auf Sie! Sie müssen mir helfen."
Aber der Baron zuckte bedauernd die Achseln: „Mein gnädiges Fräulein i— so leid es mir tut — ich kann nicht. Wenn' ich Ihre Bitte unterstützen wollte, dann müßte ich völlig gegen meine Ueberzengung sprechen."
Sie sah ihn gespannt an: „Und das wollen Sie nicht?"
„Ich kann es nicht, denn da müßte ich mir selbst untreu werden. Und was würden Sie von mir denken, gnädiges! Fräulein, wenn ich, einer Dame zuliebe, heute so, morgen so spräche, — dann wäre doch eine Kameradschaft, die Sie vorhin in so liebenswürdiger Weise erwähnten, zwischen uns ganz unmöglich."
Sie reichte ihm die Hand und schüttelte die seine kräftig : „Wissen Sie, Herr Baron, was Sie da sagen, gefällt mir, gefällt mir sogar riesig, wenn Sie auch alle darüber lachen — aber das schadet nichts. Passen Sie aus, Baron, wir werden gute Freunde werden. Ich bin gerade so, wie Sie: ich sage auch nur das, was ich wirklich meine. Aber das sage ich auch immer. Oft könnte man hinzusetzeni leider. Aber ich kann mich nun einmal nicht ändern; wer mich nicht mag, der läßt es bleiben."
Ein Diener erschien, um zu melden, daß die Gräfin! Fräulein Weidemann bitten lasse.
Alle gingen nach dem Schloß.
„Und wie wird es mit unserer ersten Tennisstunde, Herr Baron?" fragte Alexa. „Kontrattlich sollte sie jetzt eigentlich gleich sein."
„Sie werden gut tun, Komtesse, sich nach dem Mit einen Augenblick auszuruhen ober wenigstens eine Stunde still im Stuhl zu sitzen, wozu Ihnen ja der Besuch Ihrer Freundin die beste Gelegenheit bietet. Außerdem ist mein


