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Sommerblumen berankten Häuser, und vor allem die geschmückten Brunnen gefielen den Damen' außerordentlrch.
„Wie herrlich hier, — viel schöner als Heidelberg," jubelte die Herzogin, und Kathinka stimmte ihr bei. Dies seltsame Gemisch von Großstadtleben und Getriebe einer alten Universitätsstadt gibt Freiburg einen eigenen Reiz. In der Kaiserstraße herrschte ungeheurer Verkehr. Studen- ten im forschen Couleur, dazwischen Schwarzwälderinnen in ihrer kleidsamen Tracht, erregten besonders der Herzogin Aufmerksamkeit, und das mächtige, bunte Martinstor bildet einen so prachtvollen Abschluß der Kaiserstraße, daß sie sagte: „Mir kommt dies ganze Bild vor, wie der Prospelt aus einem mittelalterlichen Stück auf unserer Hofbühne.
Der Wagen rollte über die Kaiserbrücke. Die Dreisam war .ausgetrocknet und gewährte ein tristes Bild. Doch dies vergaß man bald über dem Anblick der wundervollen Güntherstaler Allee.
An der Villa Mitscherlich, dort, w>o das eigentliche Tal beginnt, erwartete der Haushofmeister den herzoglichen Wagen. Er begrüßte die Herrschaften ehrfurchtsvoll und erstattete Rapport. In der fürstlichen Villa sei alles bereit. Der Herzog habe ihm befohlen, sie schon hier zu empfangen, um die Damen den reizenden Waldweg zu führen, der sie in einer Viertelstunde zum Landhaus bringen werde.
Clarissa und Kathinka stiegen aus und betraten den Waldpfad. Nur matt schimmerten die Sonnenstrahlen durch die dichten Zweige. Rechts unten schlängelte sich die staub- graue Landstraße durch die sattgrünen Wiesen. Die elektrische Straßenbahn ließ ihr Schnurren und Läuten ertönen, Nur verworren klangen diese Geräusche nach dem friedlichen Saumpfade herauf. Im Hintergründe tauchten schon die mächtigen Schwarzwaldrücken aus, die ihre waldigen Ausläufer bis an Güntherstal heranschieben, und von Westen grüßte der Gipfel des Lorettoberges, um dessen Fuß sich die Bahnlinie nach Basel windet.
Und in diesem Grün, das das Auge ordentlich trunken macht, liegt Güntherstal. Wie ein liebliches Mädchen im Grase liegt und mit Hellem Auge in den Blauhimmel träumt, so lehnt das Dörfchen zwischen den Höhenrücken. Die kleinen Häuschen mit den roten Dächern, umweht von der reinen, würzigen Bergesluft, sind eine Stätte des Friedens.
Mn der Mündung des Waldweges in die Landstraße liegt in einem Naturpark stolzer Schwärzwaldtannen die herzogliche Villa. Sie war klein, für einen Privatmann! gebaut. Im Erdgeschoß lägen die beiden Salons, das Musikzimmer und die Bibliothek, im ersten Stock die Boudoirs und in den Giebeln die Fremdenzimmer. Ain der Vorderseite schmückte ein geräumiger Altan, dessen Säulen von wildem Wein dicht umrankt waren, das Landhaus.
Hier auf dem Altan hielten sich die beiden Damen den größten Teil des Tages auf. Kathinka malte oder musizierte, die .Herzogin dagegen arbeitete an kostbaren Stickereien. Schon nach wenigen Tagen war wohltuende Ruhe über Kathinka gekommen. Ber Clarissas heiterem Geplauder vergaß sie die schweren Herzensnöte. Wenn sie rn früher Morgenstunde auf ihrem Zelter so ganz allein durch die dunklen Wälder streifte, oder nach! dem stillen Waldsee ritt, fühlte sie sich fast glücklich und zufrieden.
Die hohen Damen mochten etwa drei Wochen in Güntherstal sein, da kündigte der Herzog seinen Besuch an: Kathinka zitterten vor Schreck die Hände, als ihr die Herzogin den Bries reichte.
„Was hast Du, Käthi? Ist Dir das nicht recht?" fragte Clärrssa, der der Freundin Bestürzung nicht entgangen wär.
Aber Kathinka faßte sich schnell: „Wie kannst Du so fragen, Cläre? Ich freue mich mit Dir."
Doch als später Kathinka allein in ihrem Zimmer war, packte sie furchtbare Angst. Eine innere Stimme sagte ihr, daß sie hier unterliegen müsse, hier — wo kein Ausweichen möglich war. Tage — vielleicht Wochen allein mit dem Geliebten, unbeobachtet von Hofschranzen und Spionen! Woher sollte sie Kraft nehmen, zu widerstehen? Und in ihrer Angst kniete sie nieder und rang im Gebet aber nur imwer sand sie dieselben Worte: „Vater droben, !— mache mich stark."
Und der Herzog kam. Aber was Kathinka befürchtet hätte, trat nicht ein. Hans Jochen begegnete ihr mit gleichmäßiger, aber kühler Höflichkeit. Er trug Zivil und Lebte ganz als Privatmann. In seiner Begleitung be
fand sich nur Born der Treue. Mittwochs und Sonnabends kam auf zwei Stunden Geheimrat Brian, dem Herrscher einige Regierungsgeschäfte zu unterbreiten. In der Hausordnung war nichts geändert worden. Kathinka unternahm ihren allmorgendlichen Spazierritt allein wie erst. Der Herzogin war das Reiten vom Leibarzt untersagt worden.
Mährend Gräfin Hollen mit ihrem Zelter durch den Dann streifte, saß das herzogliche Paar auf dem Altan beim Frühstück.
So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Hans Jochen hatte noch durch kein Wort und durch keine Miene sich Kathinka wieder zu nähern gesucht. Da, eines Morgens, als Kathinka int Reitkleid bte Veranda betrat und sich verabschieden wollte, erhob sich der Herzog und sagte: „Ich hätte eigentlich nicht übel Lust, Sie zu begleiten, Exzellenz, natürlich nur, wenn Sie auch nicht im mindesten etwas dagegen haben."
Kathinka fühlte, wie sie erbleichte — und sie verbeugte sich tief.
Die Herzogin aber war begeistert von ihres Gatten Idee. „Aber natürlich, Jochen, Käthi wird sich freuen, wenn sie endlich einmal nicht mehr allein zu reiten braucht. Warum wir nur nicht eher auf diese superbe Idee gekommen sind?"
Und zwanzig Minuten später ritten Herzog und Marschallin zum Tor hinaus. An der Landstraße stand ein kleines Mädchen und starrte mit seinen blauen Guckaugen die herrschaftlichen Reiter an. In seinem braunen Händchen hielt es an einem langen Stil eine glutrote Rose. Hans Jochen hielt und beugte sich zu der Kleinen nieder: „Willst Du mir wohl die schöne Rose schenken?"
„Da," sagte das Mädchen kurz und hielt dem Fürsten die Blume hin. Der Herzog warf ihr ein Geldstück zu und nach diesem Intermezzo ritten sie weiter.
Am Sternwaldeck bogen sie in den Wald ein. Hier zügelte Hans Jochen sein Roß.
„Wissen Sie, für wen ich mir die Rose schenken ließ?" fragte er weich.
Sie schwieg.
„Darf ich Sie Ihnen anstecken?"
Tiefer Ernst lag auf Kathinkas Zügen, als sie sagte: „Würde ich Sie kränken, Hoheit, wenn ich es nicht erlaubte?"
„Ja — sehr."
Und sie flüsterte: „Das will ich nicht, niemals."
Ta drängte er fein Pferd an ihre Seite und heftete die Blüte an ihrem Busen fest — und sie sahen sich tief n die Augen. Kathinka fühlte seinen brennenden Blick; ie sah, wie die verhaltene Leidenschaft darin glühte, und ie erbebte. Sie trieb ihr Tier an und schnell ritten sie )ie verschlungenen Pfade empor. Am Franzosenweg ver- ielen die Pferde wieder in Schritt, und Hans Jochen begann von neuem das Gespräch.
„Wir sind schon einmal so eng, Seite ent Seite geritten, auch durch dunklen Dann. Wissen Sie noch, Kathinka?"
Sie blickte ihn flehend an: „Lassen Sie doch diese Erinnerungen, Hoheit, — sie schmerzen."
Er griff nach ihrer Hand. „Weichen Sie mir nicht aus, Kathinka, sagen Sie mir, — sind das nicht selige Erinnerungen?"
Er merkte, wie sie litt unter seinen Fragen, doch er ließ nicht ab.
„Warum verschließen Sie Ihre Liebe, Kathinka? Das ist törichtes Beginnen. Liebe läßt sich nicht knebeln."
Da war sie wieder, die fürchterliche Angst, die ihr fast die Besinnung raubte. Und jetzt beugte sich der Herzog hinüber zu ihr und sagte leidenschaftlich: „Du mußt noch mein werden, Kathinka, — und du wirst es werden, denn Du liebst mich noch, — die Fürstin hat mir alles gesagt."
Da schrie sie auf und ließ die Zügel fahren und lag an seinem Halse, — aber nur einen Augenblick, dann riß sie sich los und peitschte ihr Pferd, daß es mächtig vorwärts sprang und in rasenden Sätzen den Franzosenweg emporstürmte, und der Herzog folgte ihr, und sie wußte, daß es eine Jagd um das Schicksal sei. — Die Weißen Schaumflocken des gehetzten Tieres flatterten wie frischer Schnee durch die Luft, und Kathinka saß mit vorgebeugtem Leib im Sattel und schrie immer fort: „Mache mich stark, Vater droben, mache mich stark."
Da war ein freier Platz und der Weg zu Ende, und


