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Sie sind weniger entzückt?" wandte sich seine Nach­barin, Fran Söllnitz, an hin. Sie war ganz froh, daß Ihr Begleiter sie ihrem Trübsinn entriß.

Ich bitt' Sie, gnädige Fran! Einmal so was läßt man sich ja schließlich noch gefallen. Aber bloß nicht zum zweitenmal. Ich finde diese isländische Musik so saft- und kraftlos alles, was die Leute da singen. Sehen Src, gerade eben dies Lied, von Brandung und Sturmbransen Herrgott nicht noch wat, da müßte doch 'ne grandiose Leidenschaft daraus klingen, eine Wildheit, die einen packt und schüttelt! Statt dessen wimmern die guten Leutchen da wehleidig immer im Moll 'rum. Doch einfach nicht zum Aushalten, gnädige Frau! Nee, nee, Island kann mir gestohlen bleiben. Kein Muck in der ganzen Geschichte! Auch die Mädels da oben, doch lauter junge Dinger, auch ganz hübsch manche geb' ich gern zu aber stehn da wie die Oelgötzen, kein Funken Temperament in der ganzen Gesellschaft! Nee, danke ergebenst!"

Frau Söllnitz lachte belustigt über den Entrüstungs- ausbruch des so jugendlich, empfindenden alten Seemanns.

Sie kokettieren wohl bloß nicht genug mit Ihnen, Herr Kapitän!" neckte sie ihn.

Soll mich Gott bewahren! Solche Mondkälber, und auch noch kokettieren? Das wäre ja tödlich! Aber sie singen wahrhaftig noch mal. Da mach' ich mich dünn!"

Und eiligst machte sich der Kapitän davon, draußen seine Zigarette zu rauchen. Das Lied wurde in der Tat wiederholt und abermals lebhaft beklatscht. Dann trat die Pause ein, während der die Mitglieder der Reisegesell­schaft sich nach der Bühne zu drängten, um sich mit den isländischen Sängern, so gut es ging, persönlich bekannt zu machen.

Frau Söllnitz benutzte die Gelegenheit, den Saal zu verlassen. Die lastende" Schwüle in dem Raum und die ihr Inneres bedrückende Schwermut des Gesanges trieben sie hinaus an die frische Luft, sich Kopf rind Herz wieder freier zu machen. Als sie hinaustrat, empfing sie, wie­wohl in der zehnten Wendstunde, das noch helle Licht. Die Sonne war hinter der weiß-grau durchleuchteten Wol­kenwand nicht sichtbar; aber die Kraft ihrer Strahlen be­kundete sich in den metallisch gleißenden Reflexen der das Auge blendenden Luft und des schwerflüssigen Wasserspiegels auf der Meeresbucht draußen. Die Luft war sommerlich Warrn, ohne jede nächtliche Abkühlung und völlig still. Eine fremdartige Stimmung tönte leise aus dieser nor­dischen Abcndlandschaft; es war fast Nacht und doch heller Tag. Wie verzaubert erschien das Land, Himmel und See; der' Tag war durch eine dämonische Gewalt festgehalten unnatürlich, geheimnisvoll mutete sein Anblick zu nächt­licher Stunde an.

Gedankenverloren schritt die junge Frau durch die stille Gasse dahin, die zum Hafen führte. Auch, hier die Grenzen der Natur verrückt! Kein traulich blinkendes Licht aus dunkelm Stübchen, keine geschlossenen Läden, die friedlichen Schlummer der Bewohner kündeten. Die Fenster und Türen waren vielfach noch offen; die Helle der Polarnacht ließ noch keine Müdigkeit über die Menschen kommen. Man hörte sie noch sprechen und hantieren. Etwas Ruheloses, trotz der lautlosen Stille in der Natur die Nerven Auf­reizendes, lag in diesem ewig scheinenden Tageslicht; es war, als wenn die Ueberanspannung des schlummerlosen Ge­stirns sich auch den Menschen mitteilte.

Plötzlich wandte sich grau Söllnitz auf ihrem stillen Gange unwillkürlich um. Ihr war, als ob Schritte hinter ihr herkämen, und sie hatte sich nicht getäuscht. Ein Mann kam ihr nachgegangen der Doktor von gestern! Sie erkannte ihn gleich wieder, trotzdem er heute einen Geh­rockanzug trug.

Sie wandte das Gesicht wieder nach vorn und ging in unverändertem Tempo weiter. War es Zufall oder Wsicht, daß er hier denselben Weg ging? Er war offen­bar auch im Konzert gewesen.

Nun hatte er sie eingeholt. Neben sie tretend, zog er den Hut zum Gruß:

Guten Abend, gnädige Frau." Mit bent Kulturgewand hatte er offenbar heute auch die in der deutschen Heimat übliche formelle Anrede hervorgeholt.Sie waren auch im Konzert. Ich habe Sie gesehen. Nun, wie gefällt Ihnen der isländische Gesang?"

Seine ruhige Art. als ob gestern gar nichts zwischen ihnen gewesen wäre, weckte von neuem ihre verletzte Emp­

findlichkeit, die sich, inzwischen bereits beschwichtigt hatte. In kühlem, ziemlich ablehnendem Ton erwiderte sie daher:

Er ist melancholisch und freudlos, wie das ganze Leben hier."

Also nicht Ihr Fall?"

Das leise, wie ihr schien, ironische Lächeln bei diesen seinen Worten reizte sie noch stärker; aber sie zwang die scharfe Erwiderung nieder, die ihr auf den Lippen schwebte. Statt dessen sagte sie, mit einem festen Blick in seine Augen, offen zu ihm:

Sie gaben mir schon gestern sogar in recht unzwei­deutiger Weise zu verstehen, daß Sie mich für ober­flächlich halten. Glauben Sie wirklich, nach so flüchtiger Bekanntschaft, ein Recht dazu zu haben?"

lleberrascht sah er auf sie, als ob er da plötzlich etwas ganz Neues, Unerwartetes bei ihr entdeckte. Sic hielt seinen in sie dringenden Blick ruhig aus. Langsam 'er­widerte er dann:

Ich gestehe unnmwünden: Ich glaubte dies Recht allerdings zu haben nach der Gesellschaft zu urteilen, in der ich Sie antraf."

Ah so! Sag' mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!" entfuhr es ihr bitter.Wer auch Sprichwörterweisheit wird miluuter zu schänden! Können Sie sich wirtlich nicht vorstellen, daß einem auch eine Gesellschaft aufgezwungen werden kann? Namentlich im engen Raum eines Schiffes?"

Ohne Zweifel. Aber es schien mir so, als ob Sie sich in dieser Gesellschaft in Ihrer Lebenslust fühlteu."

Die junge Frau lachte bitter auf.So? Machte ich deu Eindruck?"

Er blickte eine Weile schweigend auf sie, wie es in ihrem feinen Gesicht, trotz aller Beherrschung, insgeheim zuckte.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Heldin.

Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Kathinka besuchte am Abend vor ihrer Abreise noch einmal die alte Fürstin und mütterliche Freundin. Ihre Durchlaucht war in den letzten Monaten merklich gealtert. Die stete Plage der Gicht und nicht zum mindesten das Unglück Kathrnkas, die sie wie ihre Tochter liebte, hatten mächtig an ihr gezehrt.

Die beiden Frauen plauderten lange im stillen Boudoir der Fürstin. Kathinka saß, nach ihrer alten Gewohnheit, auf einem Polsterbänkchen zu der Fürstin und kraulte Jockels Fell, der ihr im Schoße saß.

Willst Du noch immer, daß ich vor dem Herzog das Geheimnis wahre, Käthi?" fragte die Fürstin.

Die Dämmerung flatterte draußen durch die Büsche und wob Schleier der Nacht. Der Lakai, der die Lichter anzünden wollte, ward von Ihrer Durchlaucht wieder ent­lassen. Sie liebte diese trauten Dämmerstunden. Die Ge­danken werden dann tiefer und die Worte lösen sich leichter.

Sie legte ihre Hand auf Kathinkas Scheitel und fragte wieder:Soll er nicht alles wissen?"

Kathinka aber beugte ihr Haupt tiefer und seufzte, und sie sagte:Er wird schlecht von mir denken, ich ahne es< Doch erfährt er, wie es um ntein Herz steht, so wird er; noch mehr leiden und alles daran setzen, meine Fesseln zu sprengen," und leise setzte sie hinzu:Denn er liebt mich noch."

Sie schwiegen lange Zeit. Dann sagte die Fürstin mit müder, trauriger Stimme:Meine Tage sind gezählt, mein Kind. Du gehst jetzt auf drei Monate fort, wer weiß, ob wir uns Wiedersehen. Aber das weiß ich) ehe ich noch von hinnen gehe, soll Hans Jochen wissen, daß Du eine Heldin bist,"

Zwölftes Kapitel.

Kathinka und Clarissa wären noch nie in Freiburg! gewesen. Die Equipage führte die Damen, in deren Be­gleitung sich nur zwei Kammerzofen befanden, durch die Straßen der alten Universitätsstccht. Die kleinen, sauberen Bächlein, die durch die Stadt rieseln, die mit bunten