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Der König von Thule.
Boman von Paul Grab ein.
(Nachdruck verboten.)!
(Fortsetzung.)
Gr hielt ihren Wunsch nur für eine exzentrische Laune. Eben noch in tändelndem Geschwätz mit diesen Lassen, reizte es sie nun einmal, neugierig einen Blick in diese Stätte des Elends zu tun. Mer sie irrte sich in ihm; er war für solche Anwandlungen nicht zu haben.
„Ich bedaure sehr," lehnte er daher ihren Wunsch kurz ab. „Der Eintritt ist nicht möglich."
„Wieso?" staunte sie. „Sie sagten doch eben —"
„Ganz recht! Für Besucher mit ernstem Interesse, Aerzte und Behörden steht die Besichtigung offen. Aber das Unglück dieser Armen ist kein Schaustück für die Neugier."
In Frau Söllnitz' Antlitz schoß eine tiefe Röte. Ihr das zu sagen! Daß ihre gutherzige Rührung so gelohnt wurde! Und mit kaltem Ton antwortete sie, ihr Pferd an den Zügel nehmend:
„Sie irren sich völlig in meinem Motiv, Herr Doktor. Ihre Belehrung war also am falschen Platze. — Besten Dank im übrigen für Ihre Führung!"
Etwas betroffen sah er zu ihr auf.
Mer mit einer stolzen Neigung des Kopfes verabschiedete sie sich schnell und galoppierte zu den beioen Herren hin, die eben herankamen.
IV.
Im kleinen Saal mit der Bühne, dem einzigen seiner Art in Reykjavik und ganz Island, saß dichtgedrängt die Schiffsgesellschaft in freundnachbarlichem Durcheinander mit Einwohnern der Hauptstadt und lauschte dem Gesangskonzert, das die Bürgerschaft Reykjaviks den Gästen aus dem fernen Deutschland veranstaltete, Hn der ersten Reihe des Sängerchors droben auf dem Podium standen die jungen Isländerinnen, blond und blauäugig, in ihrer kleidsamen Nationaltracht, dem prunkvollen, lang herabfalkenden Mantel aus rotem oder blauem Samt, mit Hermelin verbrämt, schönen alten Silberschmuck im Haar und am Gürtel. Im Chor sangen sie, mit den Herren hinter ihnen, die alten, schwermütigen Lieder ihrer Heimat, von versunkenem Glanze und einstiger Heldenherrlichkeit.
Still lauschten die deutschen Gäste, in deren letzter Reihe auch Frau Söllnitz mit ihren näheren Bekannten. Während der melancholischen Weisen gingen ihr ernste Gedanken durch den Kopf. Das war nun ein Festsaal hier, dieser schmucklose, nüchterne Raum — ein rechtes Abbild auch dieser weltentlegenen Insel. Auch die Gefichtszüge der Mädchen und Männer da oben auf der dürftigen Bühne, die an einen deutschen Dorfwirtshaussaal erinnerte, spiegelten tu ihrem Ernst die Natur ihrer Heimat wieder. Etwas.
Schweres, Trauriges lastete hier auf Land und Menschen — wahrlich, so empfand Frau Söllnitz, nicht umsonst hat sich die düstre Sage um die nebelgraue Insel Thule gewoben — und plötzlich tauchte aus dem Gedämmer ihrer Vorstellungen das Bild des fremden Doktors von gestern auf.
Trotz des Aergers über ihn, hatte er ihre Gedanken doch häufig beschäftigt; vielleicht gerade, weil er sie wie eine launige, exzentrische Frau ernst zurückgewiesen hatte. Durch die Nachgiebigkeit und schmeichelnde Bewunderung der Herren allenthalben verioöhnt, war es ihr selbstverständlich geworden, daß man ihre Wünsche als Befehl auffaßte. Seine rauhe Offenheit nun hatte sie zwar lebhaft verletzt aber doch zugleich einen starken Eindruck auf sie gemacht.
Es war überhaupt etwas in der ruhigen, ernsten Art des Fremden gewesen, was ihr gefallen und gut getan hatte. Sie war der ewig witzelnden und spöttelnden Art der Unterhaltung ihrer Gesellschaftskreise herzlich müde, obwohl es ja noch die beste Art war, hinter dieser skeptisch lächelnden Maske das wunde, zerstörte Innere zu verbergen. Sie sehnte sich insgeheim ja so unsagbar wieder nach einem festen Halt in ihrem Leben, an den sie isich klammern könnte, damit sie der beängstigende Strom des Lebens nicht hinwegriß, sie, die wurzellos Gewordene. Sie sehnte sich nach einer in sich selbst gefesteten, klaren Menschenseele, bei der sie sich Trost und Rat, neuen Mut und frisches «Hoffen holen tonnte. Mer wo solche Seele finden in dieser innerlich zerfressenen Gesellschaft, in der sie lebte? Wo alles hinjagte nach oberflächlichen Genüssen, wo keiner sein wahres Gesicht zeigte oder, toeuu er's tat, nur abstoßende Züge enthüllte. Besser schon, da lieber einsam zu bleiben inmitten all des glänzenden Gewühls. Wer wie schwer doch — wie hoffnungslos traurig I
In das schwermütige Sinnen der jungen Frau klangen die weichen dunkeln Akkorde eines neuen Liedes der Sänger da vorn, des letzten der ersten Programmhälfte: Vith hafith jeg sat fram a saevarbergs stall," eines Sanges voll der ganzen trübschweren Stimmung der isländischen Landschaft. Das Programm gab den Text auch in deutscher Uebersetzung wieder:
„Ich saß an der Küste an felsigem Rand
Von düsteren Nebeln umgeben —
Die reißende Brandung umtoste den Strand — Ich sah sie erbeben.
Das Meer ward so finster, der Hagelsturm droht Mit Dröhnen und Sausen;
Die Nacht brach dann ein, wie der schweigende Tod —.
Erfüllt mich mit Grausen."
Leis verhallten die letzten, schwermütigen Akkorde im Saal. Dann brach stürmischer Beifall unter den deutschen Gästen los; das Lied ward noch einmal verlangt.
„Um Gottes willen!" Mit halb komischem, halb ernstem Entsetzen wehrte Kapitän New Hardt ab.


