Ausgabe 
29.8.1912
 
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W folgen; denn so verfolgte ich die Bewegungen, Gebärden und Gewohnheiten der Weisheit selbst".

Fortan steht dieser Frauenthpns im Mittelpunkt seiner -gramen. Schon inAglavaine und Selysette" (1896) sehen wir ihn auf­treten. Dies Seelendrama voll tiefer Symbolik verkörpert den Kampf zwischen einer scheidenden, nordisch-niyfttschen, rnlttnki- rnäßigen Weltauffassung und einer kommenden, sudlrch-klaren, weisheitsvollen Weltanschauung, die sich das Hetz des Drcht^ streitig machen, wie sich Aglavaine und Selysette dre Lrebe Mele- anders streitig machen, die eine mit ihrer hoheitsvollen Wersheit. Dieser Kamps aber führt notivendig zu einer tragischen Lösung, und der Tod, den der Dichter hier, nach eigenem Geständnis, entthronen wollte, bleibt zum letztenmal Sieger.

Erst der Heroine Monna Vanna gelingt es, den Tod zu ent­thronen. Sie bietet dem ungewissen Schicksal in Behauptung des eigenen Ich kühn die Stirn. Den völligen Sieg über das Schicksal aber auch den äußeren erringt erst ihre Geistesschwester Joyzelle und der alte Zauberer Merlin: in dem Drama Joyzelle" sind Gemüt und Welt, nach dem tiefen Worte des Novalis, zusammenfallende Begriffe geworden. Zu dem inneren Glück des Gerechten, das der Dichter inWeisheit und Schicksal" ergründet und das er an der Figur des alten Silanus (inMaria Magdalena") veranschaulicht hat, tritt hier das äußere Glück des Starken, Klugen und seiner Seele Bewußten. Tas ist des Schick­salsdramatikers letzter Schluß und zugleich die Nutzanwendung seiner letzten philosophischen Werke.

Wie Maeterlinck selbst eine gradlinige Entwicklung von Lebens­furcht zu höchster Weltbejahung durchgemacht hat, so glaubt er auch an den Fortschritt und die Entwicklung des Weltganzen aus einem Chaos zum Kosmos. Er verfolgt dies Entwicklungsgesetz, als Naturforscher an einem außermenscUichen Gemeinwesen, dem Bienenstaat, und erkennt dessen allmähliches Werden aus dem anarchischen Urzustände der wilden Urbiene (Prosopis) bis zu dem strenggeregelten geflügelten Staatswesen unserer Hausbiene. In einer seiner letzten philosophischen Schriften, derIntelligenz der Blumen", hat er diese große Linie der Entwicklung auch in einer niedrigeren Sphäre aufgedeckt. Gerade die Pflanzen, sagte er, die wir für so resigniert und fatalistisch halten,geben uns ein wunderbares Beispiel von Unbotmäßigkeft, Mut und Beharr­lichkeit gegen das feindliche Schicksal". Und es ist ihm eine Beruhigung, daß der Weltgeist in diesen niederen Lebewesen die gleichen Methoden und Ziele verfolgt, wie in unserem Menschen­geiste, wenn er uns auch in der Kenntnis seiner Hilfsmittel un­endlich überlegen ist. Er erkennt die geistige Einheit der Welt, die ihn zur freudigen Hingabe des Jndividuunrs an den Welt- Prozeß, zu einem Goetheschen Pantheismus bestimmt.

Beruhigung, das ist das letzte Wort von Maeterlincks Lebens­philosophier Beruhigung, daß sein Verstand, seine naturwissen­schaftliche Weltbetrachtung den Intuitionen seines' Dichterherzens recht gegeben hat, daß sein Geist und Wille im Einklang miteinander und mit dem Weltganzen stehen. Und in seinem letzten philo­sophischen AufsatzBom Tode" nimmt er auch den Tod, der ihm einst so unheimlich aus allem Leben entgegenschaute, als ewiges Werdegesetz mit stiller 'Gefaßtheit hin.

Die bloß ästhetischen Maßstäbe, die für seine frühesten Pro­duktionen vielfach bestimmend waren, hat er auf dem Wege dieser stolzen Entwicklung weit hinter sich gelassen, und wenn- die zünf­tigen Kritiker noch jetzt, bei jeder neuen Hervorbringung von ihm, diese Maßstäbe als entscheidend betrachten, so haben sie, wie Johannes Schlaf sein sagt,diese große Individualität nur halb, ich möchte sagen, unwesentlich und unter ihrer wahren Bedeutung geschätzt. Die Hauptsache selbst ist ihr neues befreites und har­monisches Menschentum".

Vermischtes.

* Honig als Haus-, Heil - und Volks mittel. Die vorzügliche heilende und stärkende Wirkung des Honigs wird int Württembergischen Medizinischen Korrespondenzblatt" von Dr. Hans Pleiderer (Knittlingen) sehr gerühmt. Der Arzt schreibt u. a.: »Der natürliche unverfälschte Bienenhonig wirkt erweichend, Eiterung befördernd, gelinde eröffnend, mildernd, zerteilend und auflösend, nährend, schmerzstillend, stärkt den Magen, führt alle überflüssigen Feuchtigkeiten ab, befördert die Verdauung, belebt und stärkt die Brust, Nerven und Lungen. Bei allen Verwundungen, pustulösen Entzündungen, Quetschungen und schlechten Eiterungen gilt der Honig als bestes und zuverlässigstes Heilmittel, um das Reisen (Zeitigen) von Abszessen und Furunkeln zu befördern. In der Wundbehandlung verdient der Honig mindestens als billigstes und handliches Mittel Empfehlung, und zwar als Honigteigverband. Honig mit Mehl zu einen: Teig vermengt, ist beim Volke schon lange Zeit ein einfaches Mittel, um Geschwüre und Beulen zur Reife zu bringen, Spannung und Schmerz zu lindern. Der Honig bildet in allen diesen Fällen einen absolut sicheren Luftabschluß (Oeelustvverband), der gleichzeitig durch seine Klebkraft die Wnnd- rcmder zusammenhält. Durch einfaches Eintauchen in Wasser läßt sich der Verband leicht abnehmen, weil der Honig, bezw. der Honigteich, leicht löslich ist. Zweifellos hat der Honigverband durch seinen Gehalt an Ameisensäure antiseptische Eigenschaften,

wie Essigsäure, Benzoesäure, Salieylsäure, Borsäure usw. Bei Verwendung des Honigs anstatt Jodoform und Karbolsäure braucht man nicht im mindesten besorgt zu [ein, daß ein solcher Verband nachteilige Folgen nach sich zieht. Nur gänzliche Unkenntnis der Eigenschaften des Honigs und seiner verschiedenen Gewinnungs­arten kann dazu bestimmen, aus prinzipieller Abneigung gegen sog. Volks- oder Hausmittel den Honig zu Heilzwecken als ungeeignet zu bezeichnen.

Kf. Romanzen von Testamenten. Merkwürdige Testa­mente hat es schon zu allen Zeiten gegeben, aus denen man über­haupt Testamente kennt, also seit etwa 4500 Jahren. Ein amerika­nischer Rechtsanwalt, dessen Sondergebiet Testamente sind, hat jüngst ein ganzes, dickleibiges Buch über Testamentsromanzen veröffentlicht, das'bis ins graue Altertum zurückgeht und als ältestes Testament ein ägyptisches aus dem Jahre 2550 vor unserer Zeitrechnung er­wähnt. Als besonders merkwürdig wird das Testament Virgils angeführt, der verordnete, daß man seinen Leichnam nach Neapel bringen und an: Wege nach Puzzuoli, und zwar beim zweiten Meilensteine, begraben sollte. Heinrich VII. bestimmte, man solle von allemverdammenswerten Pomp und Ueberfluß" absehen, während Rabelais in seinem Testament schrieb, er habe keinen nennenswerten Besitz, dagegen viel Schulden und hinterlasse das übrige den Armen! Ganz romantische Testamentsbestimmungen scheinen ein Vorzug der Neuzeit zu sein. Der amerikanische Jurist hat z. B. das Testament einer jungen Amerikanerin in Händen ge­habt, nach dem auf ihrem Grabe Tabak gebaut werden sollte, den alle, die sie geliebt hätten, rauchen sollten! Schwer verständlich ist der letzte Wille eines Millionärs, der nicht nur in seinem Grab­gewölbe, sondern auch in seinem Sarg elektrische Beleuchtung an- bringen ließ, während man das Testament eines Stockengländers wohl zu würdigen versteht, wenn man seine Lebensgeschichte zum Teil kennt: dieser Engländer hatte nämlich ein großes Gut in Irland mit der Bestimmung ererbt, daß er es zu seinem ständigen Wohnsitze machen müsse. Wie er sich mit feiner neuen Heimat ab­gefunden hat, zeigt sein Testament: Ich setze die Summe von 200 Wk. jährlich dafür aus, daß die gemeinhin als Whisky bezeichnete Flüssig­keit dafür gekauft und an junge Irländer, bis zu zwanzig an der Zahl, öffentlich und gleichmäßig verteilt werde. Diese jungen Ir­länder müssen sich an meinem Sterbetage bei meinem Grabe ver­sammeln und den Whisky sofort austrinken. Jeder soll außerdem einen guten Eichenknüppel und ein Messer bekommen. Ich kenne die Irländer gut genug, um zu wissen, daß sie sich unter diesen Umständen umbringen werden. So, hoffe ich, werden die Irländer aussterben, und dann kann diese Gegend durch zivilisierte und an­ständige Engländer kolonisiert werden.

* N a schön! Hausfrau (zu dem Bräutigam Z>er Köchinft y^J'hre Braut hat mir den Dienst gekündigt, wissen Sie nicht au§! welchem Grunde?"Keine Ahnung, gnädige Frau! Wegen mir jedenfalls nicht, denn ich war bis jetzt sehr zufrieden mit

Ihnen!"

* Ein feines Geschäft. Kunde (empört):Vor vierzehn Tagen kaufte ich diese Stiefel bei Ihnen, die S:e n::r sehr anq priesen, jetzt sind bereits' beide Absätze glatt durchgerpsen." ~i Chef des Schuhwarengeschäfts:Ich sagte Ihnen ia :m vorauf meine Ware hätte reißenden Absatz!"

ttönigspromenade.

Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weiss miteinander verbinden, daß man wie der König aus dem Schach­brett stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht.

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n Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriM Nummert Wenn Jedem laut geschähe, Was leis' er Ander:: tut, Es ginge Vielen wehe

Und ginge Wen'gen gut. W. Jensen.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen-