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lrmrste *unb ein paar Buchsen Cornodbeef spend lern müssen!"
„Ach tooS' — 'Erbswürste, Eornedbeef! — Wir hübten euch Diel was Besseres mitgebracht
Umringt von den staunenden Füsilieren schleppte der Chauffeur einen wuchtigen Korb heran. . . goldbekapselte Maschenhälse ragten daraus hervor. . . aus appetitlichen Papierhüllen entwickelte sich kaltes Geflügel... alle möglichen Blechbüchsen mit Pasteten und Ragouts . . .
„Pfui Teufel — total unkriegsmäßig! — Luxus und Wohlleben greifen um sich!"
„Halt, halt — nicht alles wegnehmen! — Der hohe Bataillons stab muß auch Was mithaben!"
Das Automobil hatte natürlich das ganze Biwak auf die Beine gebracht. Von allen Seiten strömten die Herren der beiden Bataillone hieran, die Damen zu begrüßen, und in respektvoller Entfernung starrten die Unteroffiziere, glotzten die Füsiliere hierüber zu den lieb'reizew- den Gästen ihrer Herren, die nun, von Geplauder und Lachen umschwirrt, ihre Schritte dem Bataillonsstabszett zulenkten.
(Fortsetzung folgt.)
3u Maeterlincks fünfzigstem Geburtstag.
; 29. August 1912.
Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski.
I3u den zahlreichen dichterischen Talenten Deutschlands, die Uns das Jahr 1862 geschenkt hat, tritt in M. Maeterlinck ein Mann, der zwar mit einem Fuße bewußt in der deutschen Kultur steht, mit dem anderen aber in romanischen Kulturen, besonders in der französischen, Boden gefaßt hat. Diese übernationale, europäische Stellung des Dichters hat erst vor Jahresfrist in einer offiziellen europäischen Ehrung, der Verleihung des Nobelpreises, ihre symbolische Anerkennung gefunden. Und so treten zu Maeterlincks 50. Geburtstag denn Deutschland und Frankreich, England und Rußland Hand in Hand vor den Dichter, um ihm für die Gaben zu danken, die er allen „guten Europäern" geschenkt hat. Ter Abschluß eines halben Jahrhunderts ist für zedermann bedeutsam. Der Zenith des Schassens, der Kräfte und der Erfolge pflegt dann erreicht zu sein, und mit Stolz oder Wehmut blickt der Mensch auf die Summe seines Lebens zurück. Doppelt bedeutungsvoll ist dieser Tag für einen der Gottbegnadeten, der mit dem Weiß einer Biene die Schätze seines' Innern Jahr für Jahr aufgespeichert hat und mit männlicher Festigkeit seinen neugefundenen Weg weitergegangen ist, unbeirrt durch Spott und Anfeindungen, die seine ersten Schritte umgaben, und unverblendet vom Wärme des Tagesruhms, der jene feindlichen Stimmen bald übertönte. Maeterlinck kann mit Stolz und ohne Wehmut auf seine Vergangenheit zurückblicken. Tas Leben hat ihm so ziemlich alles erfüllt, was ein hochstehender Mensch von ihm wünschen kann. Freilich nicht in dem Sinne, daß alle äußeren und inneren Glücksgüter ihm von selbst in den Schvß fielen, sondern! er hat sie erringen und erarbeiten müssen. In seinen philosophischen Werken betont er immerfort den tiefen Zusammenhang zwischen innerem Glück und äußerem Gelingen, innerer Klarheit unb äußerem Erfolg. Nur wer mit sich selbst eins ist, kann der Wett seinen Menschenwillen aufzwingen. Seine eigne Lebensführung ist das Exempel auf die Richtigkeit seiner Theorie. Und das Bewußtsein ihrer vollausgewirkten Wirklichkeit muß den Dichter an seinem 50. Geburtstag mit höherer Befriedigung erfüllen als alle noch so wohlgemeinten Glückwünsche und Ehrungen. Auch für seine Verehrer und Freunde ist dieses Sich-Decken von Jnnen- und Außenwelt wohl das beste, was Maeterlinck ihnen geben konnte. Nicht ein Drama, nicht ein Buch, sondern ber ganze Mensch ist das Bedeutende.
Kaum ein Dichter der Moderne, seinen Landsmann, den großen Lyriker Verhaeren ausgenommen, zeigt eine gleich, geschlossene, konsequente Entwicklung wie Maeterlinck. Er hat sich aus dem uferlosen Mystizismus und Pessimismus seiner Jugendwerke zu einer konkreten, lebensfrohen Kunst, einer höchsten philosophischen Weltbejahung durchgerungen, so daß er jetzt im fünfzigsten Lebensjahre als ein Fertiger und Vollendeter dasteht. Wenn wir auch einen Ausbau seines philosophischen und künstlerischen Werkes noch zu erhoffen haben, etwas gänzlich Neues, Grundstürzendes haben wir nicht mehr von ihm zu erwarten. Deshalb kann man auch heute schon das Fazit seines Lebens ziehen und seine Entwicklung von ihren Anfängen bis zu den letzten Konsequenzen verfolgen.
Die Wurzeln seiner Kraft liegen auf niederdeutschem Boden, in dem mystischen Brabanter Weltwinkel, ans dein vor Jahrhunderten eine der größten Malerschulen der Wett hervorgegangen ist. Germanische Herkunft und Innerlichkeit kennzeichnen sein Wesen und haben ihm von jeher die Sympathien der germanischen Welt gesichert; er selbst hat sich stets als Germanen empfunden. Die Größe Shakespeares hat er immer wieder den in diesem Punkte von alters her schwerhörigen Franzosen gepredigt; in die deutschen Klassiker hat er sich schon als Schüler versenkt; Vor
allem aber hat er sich mit der deutschen Romantik vertraut ffe* macht, die dafür programmatische „Fragmente" des' Novalis ins Französische übertragen und seine Kunst recht eigentlich an siS angeknüpft. Seiner Hinneigung zur alten deutschen Mystik und rhrem Erneuerer Schopenhauer verdankt er einen guten Teil seiner Ideen bis hinauf zu seinem neuesten Märchendrama „Ter blaue Vogel". Aus dem deutschen Märchen nahm er bereits den Stoff, seines wildgenialen Erstlingsdramas „Maleine", bei dem überdies Shakespeare Pate gestanden hat, und das ihm den Namen eines, „belgischen Shakespeare" eintragen sollte.
Andererseits brachten ihn die sozialen und politischen Verhältnisse seiner belgischen Heimat ebenso dem romanischen, speziell dem französischen Kulturkreise nahe, dessen Sprache er schreibt und dessen gewaltiger Schallboden Paris ihm frühzeitig eine Beachtung sicherte, die er als holländischer oder flämischer Schriftsteller nie gefunden hätte. Deutsche Seele und französische Geistesbildung, diese Synthese, die ein Nietzsche als das wünschbarste Ziel hinstellte, ist ihm von einer gütigen Fee auf den Lebensweg mitgegeben worden und hat in ihm ihren glänzendsten Ausdruck und ihre vollste Durchdringung gefunden.
In einer Zeit der Gärung und Unzufriedenheit steht Maeterlinck 'heute als eine in sich ausgeglichene, glückliche Natur da/ glücklich nicht nur durch die äußeren Lebens umstände: sorgenlose! Unabhängigkeit, frühen Ruhm und ein glückliches Heim, sondern auch innerlich beglückt durch einen festen und sicheren Witten, der ihm sein Tun und Lassen vorzeichnet, durch ein ruhiges Strebest und entschlossene Daseinsbejahung, als einer, der nur aus der Ferne wirkt und sich allem entzieht, was seine Kreise stören kann, der aber just dadurch zu einem Trost und Leitstern für viele geworden ist, zn einem neuen Emerson, der seelisch Verstimmte wieder mit dem Leben aussöhnt. Und daß er just aus den Irrungen und Wirrungen der Gegenwart zu dieser wahrhaft antiken Ruhe und Abgeklärtheit sich durchrang, erhöht den Wert dieser großen Individualität. Tenn nicht als ein Kämpfer gegen seine Zeit, in der Pose des Eiferers oder Weltenrichters, her sich, Ivie Nietzsche oder Schopenhauer, von der Gegenwart aus- schioß und sich eigenwillig eine künstliche Kultur zimmerte, sondern als Kind seiner Zeit, an der er mit tausend zähen Wurzeln hängt, hat er sich diese Zeitlosigkeit errungen. Später wird er. einmal als der Ausdruck seiner in sich selbst überwundenen Epoche dastehen, und als solcher ist er wohl auch mit der europäischen Ehrung des Nobelpreises bedacht worden.
Drei Dinge haben zu seiner Lebensgestaltung am mächtigsten beigetragen: der Sport, die Natur und der Einfluß einer Frau.
Als kräftiger und gesunder Mann war er von jung auf eist eifriger Sportsmann, der sich im Degen- und Faustkampf übte, Rudern und Wandern liebte und dem Zuge der Zeit folgend, 'vom Zweirad zum Auto übergegangen ist. lieber all diese sportlichen Leistungen hat er fesselnde Aufsätze geschrieben, in denen er tiefsinnig das Kleine mit dem Großen, die Probleme der Welt mit der Ausübung eines nervenstählenden Sports verknüpfte. Der Sport ist stets ein heilsames Regulativ für sein intensives geistiges Leben gewesen und hat ihn von den ^Extravaganzen! mancher übermoderner Poeten, denen er nur in seinen Anfängen gefröhnt hat, gründlich kuriert.
Das zweite ist seine echt germanische Naturliebe, die ihn bald zu mystischer Versenkung in die Rätsel des Alls, bald zu strenger, verstandesmäßiger Naturbeobachtung geführt Hat. Wie er selbst sagt, wäre er Naturforscher geworden, hätte ihn nicht der Wille seiner Eltern, gegen den er nicht weltstürmerisch aufgebäumt ist, in die juristische Laufbahn gedrängt. Uebrigens hat er seinen unerfüllten Jugendplan noch reichlich uachholen können; er hat in fünfzehnjähriger Forscherarbeit seine Beobachtungen über das Leben der Biene gesammelt und das Fazit daraus in einem Buche gezogen, dessen wissenschaftlicher Wert durch die Preiskrönung der französischen Akademie eine offizielle Bestätigung erfahren hat, Studien über die Pflanzen („Die Intelligenz der Blumen",n. a. m.) schlossen sich an. Hier wie dort stiebte der 'Dichter eine mystische Vertiefung unseres Naturerkennens auf Grund exakter Forschungen an, die gleiche Tendenz/ wie sie der Philosoph des Unbewußten, E. v. Hartmann, mit dem er sich in vielem berührt/ verfolgt hat, indem er „spekulative Resultate auf induktiver Grundlage" gab, — das genaue Gegenteil der alten, verrufenen Naturphilosophie Schellings unb Okens, die von vorgefaßten Abstraktionen ausging, um die Einzelerscheinung in ihr Schema zu zwingen.
Als dritter, bedeutsamer Einfluß auf den Dichter tritt seine Bekanntschaft mit einer hochstehenden Frau hinzu, bet Sängerin und Schauspielerin Georgette Leblanc, die er 1896 kennen lernte und die ihm fortan eine kluge und treue Lebensgefährtin seist sollte. Es ivat zn einer Zeit, da er selbst einen Ausweg ans der mystischen Versunkenheit seiner ersten Epoche suchte. Schon der „Schatz der Armen", der philosophische Schlußstein dieser Epoche, ist ihr gewidmet, und reits hier steigt das Gestirn der Weisheit, das den Einfluß des .öfteren Achicksalsgestirns niederhält, am Begrisfshimmel des Dichterphilosophen auf. In dem folgenden Buch „Weisheit und Schicksal" (1898) ist der Umschwung zu einer neuen, lebensfreudigen Weltanschauung innerlich vollzogen. Auch dies Buch trägt eine Widmung an Georgette Leblanc in den bedeutsamen Worten: „Ihnen widme ich dieses Buch, denn es ist sozusagen Ihr Werk. . . Es genügte mir, Ihren Wartest zu lauschen und Ihnen mit aufmerksamem Blick durchs Leben


