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Schon stob der Major hieran. „Zum Donnerwetter, Herr Leutnant Frobenius, Sie wollen wohl hier im Bereich des feindlichen Feuers Kompagnieexerzieren abhalten —?!"
„Herr Major, jch wollte —"
„Ach was, zum Kuckuck — lassen Sie schwärmen inw gar nichts weiter! — Auseinander mit den Kerls! Geben Sie einen Marschrichtungspnnkt an — dann läuft die Karre von selber!"
Jesses — dieser Landwehtfritze —! zu uichts zu gebrauchen — höchstens zum Schwiegersohn, und auch dazu nur unvollkommen .— —
„Stellung!" kommandierte Hauptmaun von Brandeis.
Da purzelte hie lange Schützenlinie der ersten Kompagnie wie hingemäht auf den Bauch in den triefenden Sturzackerlehm —
„Geradeaus am Dorfrand, Schützen! Visier 800 und 900! Schützenfeuer!" ■
Und — rack, tacktacktack rollte das Schützeufeuer die Front entlang --
Der lustige Wafsentanz begann. — *
In hellen Massen waren die Schützen des feindlichen Detachements aus den dunkeln Hängen des Jdarwaldes herausgetreten, verstärkt durch zwei Flaggenbataillone, das heißt: Bataillone, die in Wirklichkeit nicht existierten, sondern nur durch je eine blaue Flagge statt einer Kompagnie nrarkiert wurden, und hatten mit dieser künstlich hergestellten Uebermacht die „Niederländer" und ihr Schwesterrcgi- ment bis weit hinter Kempfeld zurückgeworfen.
Hier fand Pas Süddetachement an den bewaldeten Hängen des „Sandkvpfes" und der „Marscheider Burr" einen Stützpunkt.
Darüber war es vier Uhr nachmittags geworden.
Allmählich war das lärmhafte Duett der Geschütze von hüben und drüben verstummt und die Verfolgung ermattet. Gegen fünf .Uhr hatten die „Niederländer" jenseits des Höhenrückens Biwack bezogen.
Das zweite Bataillon hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Vorposten zu stellen, die sich nun auf den felsigen Kuppen des Höhenrückens aufbauten. Dahinter biwackierte geschlossen das erste und dritte Bataillon in einer schmalen Lichtung des .Waldes auf dem langsam sich senkeuden Abhang gen Herborn zu.
Mit Zanberschnelle hauten sich hinter den Gewehrpyramiden die niederen braunen Zugzelte auf. . . Kochlöcher wurden geschaufelt. . . lange Züge zum Wasserholen, die klappernden Kochgeschirre der ganzen Kompagnie in der Hand, stiegen zum entfernten Dorf herunter; bald rollten auf der Chaussee die bereits während der Gefechtspause vorsorglich an den vorbestimmten Biwakplatz dirigierten Wagenkolonnen heran. Ganze Berge von Stroh und Holz wurden abgcladen. Der Küchenunteroffizier empfing schmunzelnd seine Portion Blechbüchsen mit Pökelfleisch, seinen Stapel Pappkartons mit Prcßgemüsekonferven, seinen Anteil Salz und Kartoffeln. . .
Rasch wurde alles in eine Leinwandplans gewickelt: denn der Regen drohte die ganze Herrlichkeit schon vor der Zeit zu einem Brei zusammenzurühren. . .
Und bald knisterten und qualmten überall die Flammen, umschwelten das durchnäßte Stroh, das triefende Reisig, das die Füsiliere zusammengeschleppt.
Martin Flamberg hockte auf den Knien dicht neben dem just einen Meter hohen braunen Zelte, das die Burschen für die Herren der ersten Kompagnie aufgeschlagen hatten, und pustete mit aufgeblasenen Backen das immer wieder erlöschende Feuer an . . . aus dem Kessel stieg der Duft zerkrümelter Erbstwurst, die mit würfelförmig geschnittenem Cornedbeef vermengt und mit einem dicken Büschel klein- geschnittener Küchenkräuter vermischt war — die hatte Martins gerissener Bursche, der Füsilier Klomprich, beim Vorbeimarsch durch die Stakete der Bauerngärten hindurch erwischt. . . das duftete verdammt appetitlich. . .
Weun nur das Feuer endlich mal ordentliche durch-i brennen wollte. . . Die sämtlichen Burschen hatten schon ihren letzten Atemzug verpustet. . . nun pustete der Herr Leutnant selber
Er fühlte sich persönlich verantwvrtlich für das lechliche Wohlergehen seines .Kompagniechefs, seines Kameraden Carstanjen und der beiden Gäste des Offiziertisches, des Kompagniefeldwebels und des jüngen Fahnenjunkers von Erichsen.
Er pustete, pustete, pustete. — Dunkelrot schwoll ihist das Gesicht... Aschenflocken stoben ihm um die Nase....
Gott sei Dank! Endlich schwelte ein schwaches Flämm-, chen auf, qualmig fauchte es in das nasse Stroh hinein..^ „Sauerei verfluchte — Er richtete sich auf.
In diesem Augenblick scholl hinter seinem Rücken... scholl — — was —?! Das mußte ein Traum sein — scholl ein silbern schmetterndes, dreistimmiges Frauenlachen---
Er fuhr herum.
Bei Gott... da standen drei schlanke Gestalten... drei glühende, regenfeuchte Gesichter strahlten aus den auf- geklappten Kragen der Gummimäntel unter unförmlichen Wachstuchmützen... in nasse Strähnen zusammengepappt hingen die rötlichblonden Haare der einen, die weißblonden der beiden andern über die erhitzten Wangen... Nelly und Molly von Sassenbach und... sie.
Hahaha, Herr Leutnant Flamberg... nein — wie Sie bloß aussehen... einfach zum Wälzen, Herr Flamberg!" Wahrhaftig — er sah ein bißchen anders aus als beim Ball unter den flimmernden Kerzen des K'asinosaales.
Die hohen Stiefel, die Kuiee, die Schöße des Waffenrocks lehmüberkrustet, in steifen, groben Falten hing der graue Umhang um seine Schultern; der hochgeklappte Kragen zeigte sein schmutzig rotes Futter, die weiche Feldmütze saß beiderseits auf dem Ohr, der große, zerschrammte Schirm tief in der Stirn . . .
Aber darunter. . . darunter leuchteten die braunen Augen aus den: nun tiefgebräunten Gesicht so verwettcrt, so kriegerisch in sieghafter Männlichkeit . . .
Frau Cäcilie war jählings verstummt, als diese braunen Augen mit ungewollter heißer Huldigung sich in die ihren gesenkt hatten ... als die heißen Lippen sich tief auf ihre regenfeuchte Hand niederbeugtcu. . .
„Gnädige Frau — meine Damen--wahrhaftig, die
Sonne geht auf!!"
„Sie .sehn, wir haben's nicht lange ausgehalten da unten in unserer Dreieinsamkeit auf Schloß Hettstein," sagte langsam, stockend die schöne Frau.
„Nee wahrhaftig — wir hatten direkt krampfhafte Sehnsucht nach roten Kragen und blanken Knöpfen!" bestätigte Nelly Sassenbach.
„Na, und da konnte Ihnen geholfen werden — nicht wahr, meine Damen? Aber nun sagen Sie bloß, wie in aller Welt hüben Sie sich denn hier heraufgefnnden in diese gottverlassene Wald- und Bergesöde?"
Frau Cäcilie wies nach der Chaussee hinüber. Da blinkte durch die Nebelschwaden ein funkelnagelneues, schnce-i weißes Automobil: „Ein sehr nobles Geschenk meines Vaters zu Unserm Einzug auf.Schloß Hettstein!"
„Reizend von dem alten Herrn —was sagen Sie, Herr Flamberg? Ja, ja, solchen Vater muß man haben!" lachte Nelly.
Aber ihre Augen schweiften dabei ruhelos suchend über das buntwimmelnde Bild des munteren Biwaktreibens hin.
„Wo ist mein Mann?" fragte Frau Cäcilie.
„Der sorgt für seine hundertzwanzig räudigen Schäf- lein!" meldete der kleine Carstanjen, der inzwischen herangekommen war und die Damen begeistert begrüßte. „Abdr sieh — da kommt er ja schon!"
Ja, da kam er.
Die Hand im braunen Feldhändschuh am breiten Schirm der Manövermütze — sein gutes, ehrenfestes Gesicht strahlend in Glückseligkeit: „Welch seltner Glanz in unserer Hundehütte, meine Damen! — Na, komm her, Alte!"
Ehe Cäcilie sich's versah, hatte er sie an beiden Schultern gefaßt, "unbekümmert um die ringsum gaffenden Füsiliere, Burschen, Unteroffiziere —
„Aber Fritz —!"
„Teufel auch armer, verdursteter Landsknecht! — Ja, da lachen Sie, kleiner Carstanjen! Ist aber nur der Neid der besitzlosen Klasse!"
Flamberg lachte nicht... er hätte sich abgcwandt.. starrte einen Moment in die Nebelschwaden hinein, die um die Bergkuppen geisterten . . .
„Na, sag bloß, wie kommt ihr denn an den weißest Quietschkasten da hinten?" '
Frau Cäcilie gab Aufklärung.
„Donnerwetter — geht doch nichts über 'nen nobelst Sch wieg er alten! — Na warte, werd en wir ihm gleich eine Meldekarte schreiben mit unserm gehdrsamsten Dank! —! Na, Flamberg, und da werden Sie Wohl noch ein paar Erbs-


