Ausgabe 
29.7.1912
 
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Redaktion : I. V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»-

Wieder etwas von ihm gehört. (Soviel aber ist gewiß, daß ich niemals einen so fröhlichen Tag verlebt habe, als mit ihm und anderen an jenem 4. Juli.) ,

Tie Offiziere teilten mit, daß man int Hauptquartier Nachricht von der Schlacht von Langensalza (am 29. Juni) und der Ka­pitulation des Hannoverschen Korps erhalten und Prinz Alexander sein Hauptquartier von Ulrichstein ostwärts in die Nahe von Rixfeld verlegt habe (nämlich, wie ich später erfuhr, nach Schloß Eisenbach). ..... ,

Obwohl die Nachricht von der Schlacht voii Koniggratz noch nicht eingetroffen war, verhielten sich die Offiziere sehr skeptisch. Von Kriegslast habe ich nichts bemerkt. Andern Dags, am 5. Juli, marschierten die Truppen weiter; am 6. ^ult trafen die Nassauer und die Tivision Hahn aus dem Durchmarsch in Schotten eilt. Tausende und abertau>ende weggeworfener Patronen bezeichneten nach den Mitteilungen von Quartiergebern auf der Route NiddaSchotten den Weg, den die Truppen genommen.

(Fortsetzung folgt.)

VersteckrätseS.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer". Andernach Regenbogen Bethanien Pferdebahnschaffner Marburg Feldarbeiten Listenwahl Rittergut Ruhrort Hohenstauien.

Auflösung in nächster Nummer. j

Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer!

Das Gebet ist die stärkende Arznei Für den hilflosen Kranken; Es hebt ihn, als ob er geflügelt sei, Ueber die Welt mit seinen legten Gedanken. J Krumniacher.

Vermischtes.

* Der Glockenguß von P e l i n g In der außerordent­lich reichen, bis jetzt aber fast gar nicht gesammelten Märchen- und Sngenliteratnr der Chinesen befindet sich auch eine Erzählung, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Wilhelm Müllers aus alten Lese­büchern der Schulzeit bekanntem GedichtTer Glockenguß zu Breslau" hat. Sie lautet: In Peking wurde während der Re­gierung des Kaisers Pung Lo, der von 14031424 n. Ehr. herrschte, eilt gewaltiger Turm errichtet, in dem eine Glocke angebracht werden sollte, deren Schall man über die ganze Riesenstadt hin hören sollte. Knau Pu, ein bewährter Glockengießer, sollte sie liefern, aber trotz aller angewandten Kunst mißglückte der Gnß zweimal. Der zornige Kaiser gab Kuan Uu eine dritte, aber auch letzte Gelegenheit: sollte auch diesmal der Guß nicht besriedigend ausfallen, so ,war des Meisters Leben verwirkt. Ter mm hatte ein einziges Kind, ein Mädchen von sechzehn Sommern, das er über alles liebte. Es verdiente in der Tat diese Liebe. Ko Ai. so hieß die Tochter, hatte mandel- sörmige Augen, die wie im Sonnenschein glitzernde Wellen strahlten; die Wangen waren weiß wie Schnee, durch den ein zartes Rosenrot schimmert; bu Zähne glichen Perlen, umgeben von Korallenlippen; das Haar war schwarz wie Gagat und weich wie Seide. Auch schrieb sie sinnvolle Gedichte» war sehr gewandt im Sticken und im Hause das Muster eines dienstbeflissenen Mädchens kurz, Ko Ai schien ein Wesen aus einer höheren Welt zu sein... Seit einiger Zeit glaubte sie im Gesichte ihres Vaters tiefe Trauer zu leien. Sie fragte ihn nach dem Grunde. Als sie diesen ver­nahm, war sie über die Drohung des Kaisers sehr aufgebracht und rief aus:Teurer Vater, tröste Dich! Der Himmel wird nicht uu- barmherzig fein. Deine beiden Mißerfolge werden nur noch mehr gum Ruhme Deines schließlichen Gelingens beitragen. Ich bin ein Mädchen und kann Dir nur mit meinen Gebeten betsteheu ; täglich und stündlich will ich sie gen Himmel senden und die Bitten für meinen geliebten Vater müssen erhört werden." Ko's Worte flößten dem alten Manne neuen Mut ein und er machte sich mit erneuten Kräften aus Werk. Eines Tages nun kam Ko Ai auf den Gedanken, einen berühmten Sterndeuter aufzusuchen, um ihn über die Fehlschläge ihres Vaters zu befragen. Der Wahrsager erklärte, der dritte Guß würde ebenfalls mißlingen, wenn nicht die Glocken­speise mit dem Blute einer Jungfrau vermischt würde. Ko Ai kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück, aber mit dem festen Ent­schluß, sich lieber selbst zu opfern, als daß der letzte Versuch ihres Vaters wiederum fehlschlagen sollte .... Endlich war der Tag für den Guß herangekommen. Von Freundinnen begleitet, stellte Ko Ai sich in der Nähe der Form auf. Totenstille herrschte in der versammelten Menge, als die Metallspeise in die Form strömte. Plötzlich wurde die Stille durch einen lauten SchreiUm meinen Vater zu retten" unterbrochen. Ko Ai stürzte sich in das siedende und zischende Metall. Eine ihrer Begleiterinnen versuchte sie zu­rückzuhalten, doch vergebens; nur ein Schuh Ko Ais blieb in ihrer Hand zurück, Kuan Pu wollte in Verzweiflung seinem Kinde folgen. Nur mit Mühe hielten die Umstehenden ihn ab. Als einen irsinuig Rasenden führte man ihn nach Hause. Die Prophezeiung des Sterndeuters aber erfüllte sich: nach Beseitigung der Form fand man, daß der Guß herrlich gelungen war. Kurze Zeit daraus wurde die Glocke aus Befehl des Kaisers in den Glockeuturm ge­hängt. DerSohn des Himmels" wohnte dem ersten Geläute bei. Meilenweit tönte der tiefe, silberreine Klang über Peking und weit, weit hinaus, aber Schaudern ergriff die vieltausendköpfige Menge ihn begleitete ein leise klagender Ton, der au den Weh- lant einer Frauenstimme im Todeskampfe erinnerte. Deutlich konnte man dah WortHsieh" (Schuh) hören . . . Und bis auf den heutigen Tag wimmert die Glocke bei jedem SchlageHsieh". Das Volk aber weiß, daß es die Stimme der armen Ko Ai ist, die bittet, man solle ihr den zurückgelassenen Schuh wiederge.ben.

Fallende G eb urts z isf e r n in England. Die so­eben erschienene amtliche englische Statistik über die Bevölkerungs­bewegung int Jahre 1910 erregt in Großbritannien besonderes Aussehen, weil sie seit längerer Zeit zum ersten Mal einen be­

merkenSwerten Rückgang der Geburtsziffern zeigt. Schon die Zahl der Eheschließungen weist einen Rückgang gegen frühere Jahre auf und erreicht int Jahre 1910 nur 15 v. T., dagegen scheinen jedoch die ersten Monate des laufenden Jahres wieder eine kleinere Steigerung zu bringen. Die Zahl der Scheidungen ist seit 1906 ständig zurückgegaugeu. Während aber 1909 noch die Geburtsziffer 25,8 v. T. erreichte, ist sie 1910 aus 25,1 gesunken und steht damit um 2,5 v. T. tiefer als die Durchschnittszahl für die Jahre 1900 bis 1909, die bereits ohnehin eine erheblich verminderte Geburts^ zisfer zeigten. Im Jahre 1910 wurden in England insgesamt 457 266 Knaben und 439 696 Mädchen geboren; es zeigt sich also, daß das Verhältnis der Knaben zu den Mädchen in England mid Wales niedriger ist, als in allen anderen europäischen Ländern. Zieht man die Todesziffern von den Geburtsziffern ab, so ergibt sich ein Geburtenüberschuß von rund 11,56 v. T.; noch in der Zeit von 1876 bis 1880 betrug der entsprechende Geburtenüberschuß 14,56; der Ueberschuß ist also um beinahe 25 Proz. gesunken.

Vom luftigen John Bu l 1. Im Seebad. Rah: Das ist aber wirklich traurig, was der Maud passiert ist." May: Um Gottes Willen, was ist denn geschehen?" Ray:Ja, denke nur, gestern kam ein fürchterlicher Regenguß, als die Aermste in ihrem Badekostüm spazieren ging." . Das Schlim m st e. Das war wohl ein schlimmer Moment, als Sie die Entdeckung machten, daß Ihre Brant mit einem anderen flirtete?" iAch nein, das Schlimmste, was mir begegnet ist, war, als sie entdeckte, daß ich desgleichen tat." Ein Pessimist.Warum so düster?" wurde ein Manu ge­fragt, der mit finsterer Miene herumging.Wissen Sie, das ist eine schöne Geschichte," antwortete er.Eben erzählt mir einer, daß in 60 Millionen Jahren das Sonnenlicht verlöschen wird. Wenn das mein Krämer erfahrt, so ist der Mann imstande, schon jetzt einen Penny mehr für ein Quart Paraffin zu verlangen!" Zn viel verlangt. Fahrgast (zum Chauffeur):Unter keinen Umständen dürfen Sie aber mehr als 30 Kilometer in der Stunde fahren!" Chauffeur (entrüstet):Hören Sie, guter Alaun, Sie wollten wohl gar kein Automobil. Sie müssen sich einen Mann suchen, der Sie im Kinderwagen spazieren fährt!" Wozu die Mücken gut sind.Jedes Geschöpf ist für eine bestimmte. Sache von Nutzen. Was können wir also von den Mücken lernen, Tom?" fragte der Lehrer, der darauf hinaus wollte, den BegriffGeduld" zu erklären.Wir können von den Mücken lernten," antwortete Tom nach tiefem Sinnen,wie leicht es ist, gestochen zu werden . . ."

Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Chemisch zielen. Chemisch zielen hat Ehrlich das von ihm erfundene SS erfahren benannt, Stoffe anzuwenden, die auf bestimmte Stellen des Körpers wirken, ohne auf die übrigen Teile einen Einfluß auszuüben. Ein so ungewöhnliches Vorgehen muß unbedingt hervorgehoben iverden. Die Nachricht schien erst nicht recht glaubhaft, daß ein hervorragender Forscher eine wichtige Neuerung deutsch und nicht griechisch benannt haben sollte, und dennoch ist sie wahr. Eben erst hat ein anderer Gelehrter die Leute, die wenig oder keinen Durst haben, als krank erkannt und Oligodipsen getauft. Woher das Leiden rührt, weiß er zwar noch nicht; das ist aber auch weniger wichtig. Die Hauptsache: es hat nun seinen kunstgerechten Namen. Der alte, schalkhafte Seemannsspruch, der frentdartigen Erscheinungen gegenüber gern angewendet wird:gif bat Ding en Namen un lat et lohen", gilt ihm offenbar auch in der Heilkunde. Mit einer gewissen Sorge nur, schreibt Dr. Z. in der Zeitschrift des Sprachvereins, habe ich dies anders geartete Vorgehen von Ehrlich hier gemeldet, weil ich nicht ganz sicher bin, daß sich itun nicht sofort ein sauberer Gelehrter auf bie Lücke stürzt, um sie mit einem regelrechten griechischen Worte aus'znfüllen. Mag ers tun.An gehonten Königen soll man jede Tugend, an Soldaten das Zartgefühl für Leidende, an Advokaten die Gerechtigkeit, an Priestern die Ehrfurcht vor fremder Meinung rühmen" sagt Zschokkes Ala- moutade,und an Gelehrten eine verständliche Sprache" möchte ich hinzusügen. Natürlich hat das nur Bedeutung für die Deut­schen. Ein Franzose z. B. verschleiert nicht, was er klarmacheu will. Also rühmen wir Ehrlich und hoffen tvir, daß er uns noch recht oft durch gute deutsche Kunstausdrücke erfreue!