Ausgabe 
29.7.1912
 
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Erinnerungen aus -em Krieg zwischen Hessen und Preußen (866.

Von Justizrat Fr. K r a f t f (Büdingen).

Durch Dekret vom 26. April 1866 war ich in die Zahl der Großherzoglichen Hofgerichtsadvokaten ausgenommen worden, nachdem ich sieben Jahre nach überstandenem Staatsexamen gewartet hatte. Mit mir warteten noch sechs andere Kollegen auf die ersehnte Anstellung, wir hatten aber noch viel länger warten müssen, wenn nicht zwei Kollegen aus einem späteren Examen die gleiche Würde erstrebt hätten, von denen der eine der damaligen Regierung durch seine publizistische Richtung nahe stand, während der andere der Sohn eines hohen Beamten in Darmstadt war.

Es bestand damals bezüglich der Hofgerichtsadvokaten ein Numerus clausus, es sollte für die Provinz Starkenburg die Zahl von 50 und für Oberhessen von 30 nicht überschritten werden. Da erkannte plötzlich die Regierung, daß die Zahl der Hofgerichtsadvokaten viel zu gering sei und erhöhte sie auf 70 für Starkenburgs und auf 40 für Ober Hessen. Tie Anwärter er­hielten einen Wink, daß sie sich melden sollten, und so bekamen wir Sieben plötzlich das sehnlichst erwartete Dekret. Daß das Bedürfnis in Wirklichkeit nicht so groß war, erhellte daraus, daß für Oberhessen sich nur zwei und für Starkenburg nur fünf ge­meldet Hütten, und daß bis zur Einführung der deutschen Justiz­gesetze niemals die erhöhte Zahl auch nur annähernd erreicht worden ist.

Wir hatten aber keine Veranlassung, über die plötzliche Er­leuchtung der hohen Regierung böse zu sein, wir konnten nur mit unserem schwachen Untertanenverstande nicht begreifen, warum das große Bedürfnis nach Advokaten erst eintrat, als der Re- datieur der hessischen Volksblätter gern Hofgerichtsadvokat werden ivollte und nachdem wir sieben Jahre gewartet.

Wohl konnte ich dagegen begreifen, warum es mir abgeschlagen wurde, nteincit Wohnsitz an einem Landgericht in der Pro­vinz zu nehmen,. während ein anderer ohne Anstand die Er­laubnis erhielt. Denn mein Vater hatte als Landtagsabgeord­neter nicht lange vorher das Unglück gehabt, sich das persönliche Mißfallen des Großherzogs zuzuziehen, weil er, mein Vater, als Referent in der Angelegenheit der Güter des am 17. April 1856 verstorbenen Prinzen Georg, des zweitältesten Sohnes des Großherzogs Ludwigs I., seine Ueberzeugung nicht dran geben wollte. Vorher hieß es mein Lieber hier und mein Lieber dort und der Großherzog hatte seinem Lieben sogar eine Zigarre aus seinem Etui augeboten, entließ ihn aber, als er trotz allem auf seiner Ueberzeugung beharrte, sehr ungnädig.

Tie Ungnade hat nicht nur mein Vater, sondern auch dessen Sohn verspüren müssen und ich verstand sehr wohl bei der Audienz, die ich und zwei Kollegen bei dem Großherzog hatten; die Betonung als dieser mich fragte:Sind Sie rin Sohn von dem Hofgerichtsrat?" Rach Feststellung der Personalien und des Wohnsitzes sagte der Großherzog:Ich hab Euch zu Hofgerichtsadvokaten gemacht, habt Ihr Euch denn auch schau was ordentliches zusammengeschrappt?" Damit wurden wir gnädig entlassen.

Wir Gießer waren wenige Tage nach dieser Audienz sehr überrascht, als am 15. Juni 1866, vormittags gegen neun Uhr und unter klingendem Spiele von Wetzlar aus vier Regimenter Infanterie, drei Batterien Artillerie und ein Regiment Kavallerie durch Gießen zogen.

Tas Ungewitter brach los. Nachts um 12 Uhr war das Ultimatum an Kurhessen und Hannover abgclaufen. Es war die Division Bayer, die prompt in Kurhessen einrückte.

Gießen wurde' noch nicht als Feindesland betrachtet, da der Bundesbeschluß, durch welchen Preußen der Krieg verkündet wurde, noch nicht gefaßt war.

Ter Durchmarsch dauerte beinahe zwei Stunden. Er brachte gort den Ernst der Situation den Bewohnern der Stadt zum wußtsein. Tie politischen Gegensätze, die bis dahin bei uns in Gießen mehr latent vorhanden waren, machten sich nunmehr auch äußerlich, ü. h. meist im Wirtshaus, geltend. Hier Oester­reich, hier Preußen.

Ter Ruf ..hier Preußen" erscholl nur spärlich. Die Bürger­schaft war entschieden auf Seiten Oesterreichs, weniger aus Vor­liebe für Oesterreich als aus Abneigung gegen Preußen und Bismarck. Aber auch in freit Kreisen der Beamten wollte mau meist vou der preußischen Politik nichts wissen. Tie im Herzen den Preußen den Sieg wünschten, weil sie österreichische Vor­herrschaft als ein Unglück für die Entwicklung Deutschlands be­trachteten, hielten sich reserviert. Am nteisten gab sich die Sym­pathie für Preußen in akademischen Kreisen, bei 'Professoren und Studierenden kund.

Ich kam jeden Abend beim' Anderes mit einem jüngeren Freunde (der später mein Schwager wurde), zusammen. Ich selbst hatte bereits als Student die Einigung Deutschlands unter preußi­scher Führung als das einzig Richtige erkennen zu müssen ge­glaubt (allerdings etwas anders als es in späteren Jahren ge­kommen). Mein junger Freund stimmte mir bei. Mein Vater, Mat am Gießener Hofgericht, dagegen, bei dem ich damals noch

wohnte, erklärte! als strenger Jurist den Krieg für einen Rechts- bruch Preußens gegen Oesterreich, als ein Glied des deutschen Bundes. (Tu lieber Gott, wenn es sich um entscheidende Mach^- fragen zwischen Großstaaten handelt, wird doch keine Rücksicht auf ein Stück Papier genommen, zumal wenn dasselbe die' deutsche Bundesakte war. Oesterreich hatte ja auch weder Recht noch Gesetz geachtet, als es sich auf die Seite des kurhessischen Ver­fassungsbruchs stellte.)

Beim Anderes, der damals nur das selbstgebraute Mer vom Fasse verzapfte und für sein Lokal nur zwei Fenster Froüt hatte, befanden wir, mein junger Freund und ich, uns in der absoluten Minderheit, d. h. wir zwei waren die einzigen preußisch Gesinnten, vielleicht noch der damals junge Goldarbeiter Loos. Als über Wien die. Nachricht eintraf, die Preußen seien am 26. Juni bei St. Pirlitz geschlagen worden, hätten 2000 Mann Gefangene und 6 Kanonen verloren, gab es ein allgemeines Frohlocken. Als wir bescheidene Zweifel über die Richttgkeit der Nachricht, die über Wien kam, auszusprechen wagten, wurden wir mit Schlägen bedroht, und nur das energische Dazwischentreten des alten Andres vermochte uns vor einer Tracht Prügel zu retten. Natürlich mußten wir einen schleunigen Rüchzug antreten.

Mittlerweile hatte der Deutsche Bund mobil gemacht. Ter Kriegsplan war sehr gut: Prinz Karl von Bayern war zum Oberbefehlshaber ernannt worden.

Tas VIII. Bundes-Armeekorps, verstärkt durch -die Oester­reicher Division oder Brigade Hahn unter Prinz Alexander von Hessen, sollte die Division Baier in Kurhessen vernichten, sich mit dem Hannoverschen Korps am linken Flügel und mit dem Baierschen 7. Armeekorps am rechten Flügel vereinigen und das Ganze den Preußen in die Flanke und den Rucken fallen. Es war gut ausgedacht, und wenn der Bundesarmee die affenartige Geschwindigkeit der Preußen innegewohnt und sie sich der preußi­schen Ausbildung und der Moltkeschen Führung erfreut hätte, konnte für Preußen eine wirkliche Gefahr entstehen. Man kannte aber im preußischen Heerlager seine Leute ganz gut. Bis die Truppen des Bundes einigermaßen mobil waren, war der Krieg in der Hauptsache entschieden.

Ich erzähle nun, was sich in den Tagen vom 3. Juli bis 5. Juli mit dem VIII. Bundesarmeekorps begab, soweit ich es als Zeuge erlebt, oder von zuverlässigen Augenzeugen mitgeteilt er­halten habe. Tas Zentrum des Korps bildete das Hauptquartier mit der hessischen Division und zwei Regimentern Württem­berger, den linken Flügel bildete die badische Division mit ent­sprechender Artillerie und 2 Regimentern Kavallerie (Württem­berger Dragoner und hessische Cheveauleger), letztere als Vorhut. Ter rechte Flügel wurde gebildet durch die anderen württem- b'ergischeu Regimenter, die Nassauer und die Brigade Hahn, auch württembergische und kurhessische Dragoner.

Ich hatte am 4. Juli am Landgericht Schotten einen Termin. Nach der damaligen Postverbindung mußte ich am Abend des 3. Juli in Gießen wegfahren, kam um 12V2 Uhr nachts in Schotten an und fuhr in der anderen Nacht um r/z2 Uhr wieder ab, kam dann am Vormittag des 5. Juli um 8 Uhr in Gießen an. Als ich von Gießen wegfuhr, war dort noch alles still. In Hungen und Nidda lagen Truppen. Ter Kaufmann Eißner von Gießen (Kreuz), der sich durch einen sehr laugen grauen Bart auszeichnete und damals in Salzhausen zur Badekur weilte, war auf dem Weg nach Nidda von einer Patrouille angehalten, und da er keine Legitimationspapiere bei sich hatte, als der Spionage verdächtig verhaftet worden. Herr Eißner hat mir die Richtigkeit selbst bestätigt und weiter erzählt, daß der Patrouille auf dem Marsch nach Nidda der Großh. Landgerichts-Assessor Wegelin, damals am Landgericht Nidda, begegnete. Wegelin hatte als Akzessist in Gießen in der Nähe Eißners gewohnt und kannte diesen ganz genau. Eißner bat Herrn Wegelin, er möge den Leuten doch sagen, daß er ein friedlicher Bürger Gießens sei. Herr Wegelin aber hatte sich ablehnend verhalten; er könne sich da nicht einmischen. Eißner wurde daher dem Landrichter tBuff) in Nidda vorgeführt, der ihn dann natürlich alsbald re­kognoszierte und der Haft entließ. In Schotten war keine Ein­quartierung. Aber anderen Morgens, am 4. Juli, zogen unter klingendem Spiel 2 Regimenter Württemberger ein, und zwar kamen sie merkwürdiger Weise von Laubach her, also in der Richtung von Westen nach Osten, während doch der Vormarsch nach Norden gehen sollte. Nun gabs ein reges Leben in Schotten. Von Abhaltung eines Termins war keine Rede mehr. Dm Truppen hatten einen Ruhetag und man hatte am Gericht andere Tinge zu tun. Es wurden verschiedene ehrsame Bauersleute als Spione dem Gericht vorgeführt. Der Großh.. Landgerichts- Assefsor Fresenius, der in Verhinderung des Landrichters zu Ge­richt saß, kannte die Leute zufällig persönlich und entließ sie nach kurzer Vernehmung. In der Post, wo ich wohnte, waren verschiedene Offiziere einquartiert, prächtige Leute. Es bildete sich bald eine feuchtfröhliche Tafelrunde. Es war hauptsächlich ein Leutnant Baur, Neffe des württembergischen Generals gleichen Namens, ein schöner stattlicher Mensch, frei ein famoser Gesellschafter war. Er hatte einen prachtvollen Tenor, der ihm jedenfalls mehr ein­getragen haben würde, als seines Onkels Gage, wenn er ihn, den Tenor, in die Dienste der Oper gestellt hätte. Ob er mittler­weile auch Wneral geworden, weiß ich nicht. Ich habe niemals