Ausgabe 
29.7.1912
 
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Der Hauptmann und die beiden jungen, schmucken aktiven Leutnants traten ans die eingezogenen Herren zu und begrüßten die alten Bekannten. Von bett sechs Mn- gekommenen gehörten fünf zur Reserve des Regiments und waren den aktiven Herren von frühern Hebung en her bereits bekannt. So war die Begrüßung sehr herzlich und kameradschaftlich.

Etwas hilflos stand der Leutnant der Landwehr Frobe- nius im Hintergründe, aber Wamberg, eittgedenk seines Versprechens, sich des Kameraden anzunehmen, winkte ihit heran:Gestatten Herr Hauptmann, Herr Leutnant der Landwehr Frobenins Herr Hauptmann Haller, Chef der dritten Kompagnie die Herren Leutnants von Finette und Krummacher."

Herr Frobenins faßte den Säbel in die Linke Und legte die weißbehandschuhte Rechte wie eine große Flosse an den Heln: mit einer so altväterlich unbeholfenen Hauebewegung, daß der lustige, hellblonde Leutnant von Finette es sich nicht vcrsagetr konnte, gleich loszuulien:Sagen Sie, Herr Fro- benius, Sie haben wohl schon unter Albrecht dem Bären gedient, wie?"

Warum meinen Sie, Herr Kamerad?" fragte Frobe- nius errötend.

Das schließe ich aus dem Schnitt Ihres Kollers und aus dem Modell Ihres Turnierhelms."

So sind die Sachen so auffallend unmodern?" stam­melte Frobenins.

Ja," .entgegnete Finette,wenn Ihre Kentttnis des Exerzierreglements im selben Maße mit der Reuzeit fort­geschritten ist, dann werden ja die Herren Füsiliere viel Vergnügen an Ihnen erleben!"

Flamberg kam ihm wiederum zit Hilfe:Lieber Fiitette, wenn Sie mal ein so altes Patent haben werden wie der Herr Kamerad Frobenins, dann haben Sie längst wegen unheilbarer Revolverschnauze den Abschied und ko mm eil also gar nicht in die Verlegenheit, sich von einem jungen Dachs wegen Auftragens älterer Garnituren anulken lassen zu müssen," sagte er mit liebenswürdigem Lächeln, doch scharf genug, daß Finette verstand.

Der aber war nicht aus der Fassung zu bringen. Im echtesten Tonfall seiner Heimatstadt Köln erwiderte er:Js ja halb so schlimm gemeint, nit wahr, Herr Frobenins? lohß mer uns Widder verdrage, nit?"

Er streckte dem Privatdozenten die schlanke Hand hin, die dieser krampfhaft schüttelte.

Immer mehr Kompagnien kamen jetzt von ter Morg n- arbeit zurück. Die Offiztere, von ihren Hauptleuten ver­abschiedet, traten einer nach dem andern heran und begrüß- ren die eingezogenen Herren.

Frobenins beobachtete mit Genugtuung, daß das kcnnc- radschaftliche Verhältnis zwischen bett aktiven Herren und denen der Reserve ein sehr gutes zu sein schien nur er, der allein nicht die Regimentschiffre trug, das Monogramm des Chefs, des Prittzen Heinrich der Niederlande, mir er allein wurde mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, zu der allerdings, tote er sich selbst nicht verhehlte, sein verbotenes Exterieur einigermaßen beitragen mochte.

Auch die Stabsoffiziere fanden sich ein: der martialisch kurzangebundene Oberstleutnant Rautz dann der Kom­mandeur des ersten Bataillons, Major vott Sassenbach, ein alter Troupier mit ausgewettertem Gesicht und langflat- ternden grauen Schnurrbartzipfeln Major Blasberg, i)-er das zweite Bataillon führte, ein hagerer reservierter Diplomat und endlich kam gar mit klingendem Sviel der Regtmentsmusik das ganze dritte Bataillon von der Feld- dienstübung zurück, voran der Kommandeur: der kleine rauhbeinige Major von Czigorski, der mit hellkrähender Stimme den Parademarsch befahl, auf seinem riesigen Schtmmel, den seine dicken Beinchen kaum umspannen konn­ten, und mit behaglichem Stolz den Vorübermarsch sämt- ltcher Kompagnien ansah, bis hinunter zur zioölften, der Kompagnie der ganz kleinen Kerle, die aber als die strammste rm ganzen Regiment galt.

So rollte sich vor den Augen der eingerückten Herren das ganze, vertraute, farbenfrohe Schauspiel des militäri- schen Lebens ab, und mit Freude sogen Martin Flambergs Malerstnne den glitzernden Schmelz, die schmetternden Ge­räusche, den herben Duft des kriegerischen Bildes eilt . s. Aom Kasino her kam der Hauptmann von Brandeis, des Maler» alter Freund uüd Gönner, und schritt geraden­

wegs auf ihn zu. Wamberg hatte bereits auf dem Reghq mentsbureau in Erfahrung gebracht, daß er wieder bei der Ersten üben würde, und freute sich dessen; denn er hatte sich während jener ersten acht Wochen unter Brandeis vor­züglich mit ihm vertragen. In dienstlicher Haltung trat er dem Kapitän entgegen:Melde mich ganz gehorsamst zur achtwöchigen Uebung eingezogen und der ersten Kompagnie zugeteilt."

Danke Ihnen, lieber Wamberg," lächelte Brandeis und streckte ihm freundschaftlich die Hand entgegen,seien Sie mir wieder einmal willkommen bei der Königlichen Ersten! Na, wir werden ja hoffentlich ein schönes Manöver haben der Hunsrück ist nicht das Schlimtnste erinnern Sie sich, was wir vor vier Jahren haben in der Eifel aus- stehen müssen?"

Jawohl, Herr Hauptmann Köttelbach Katzwinkel Beinhausen und Gefell schöne Gegend!"

Stimmt! wenn Ihre Kochkunst und Ihre wohl­assortierte Weitt- und Menageitste nicht gewesen wäre, wär's uns dreckig gegangen habe später oft Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Flambergs gehabt."

Herr Hauptmann wissen, daß ich ein Feldsoldat bin und auch mal das Koppel enger schnallen kann, ohne gleich die Nase in den Dreck hängen zu lassen, wenn's sein muß aber wenn's nicht sein muß, dann bin ich allerdings mehr für Luxus und Wohlleben, offen gestanden."

Ganz Ihrer Meinung, lieber Wamberg, und um gleich einen guten Anfang zu machen, bitte ich Sie, heute mittag bei der Begrüßungstafel mein Gast zu sein."

Ich danke gehorsamst, Herr Hauptmann!"

Und int übrigen: nochmals willkommen und auf gute Freundschaft! Aber da kommt unser neuer Herr Regi­mentskommandeur die Herren werden sich melden müssen. Auf Wiedersehn also hernach, int Kasino!"

Mit rascher Prüfung, nicht ohne einige Spannung, schauten die sechs Augenpaare der eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes der Ankunft des neuen Regiments­kommandeurs entgegen. Von bett aktiven Herren hatten sie bereits genug über ihn gehört, um zu wissen, daß er keinen Spaß verstehe.

Der Oberst Freiherr von Weizsäcker war aus der heffi- schen Armee hervorgegangen nnb trug zwischen seinen Rippen noch zwei Preußische Kugeln, die er am 13. Juli 1866 als hessischer Leutnant im Gefecht bei Frohnhofen und Lauffach erhalten hatte. Dazu schmückte ihn das Eiserne Kreuz erster Klasse, das er als Führer einer preußi­schen Kompagnie bei Gravelotte erworben. So verkörperte er in seiner Person ein ganzes Stück der Geschichte deut-, scher Einigungskämpfe.

Als Wamberg ihm ins Auge sah, war sein erster Ge­danke der Wunsch:Den möchtest du malen!"

Auf der noch jugendlich elastischen, gertenschlanken Retterfigur ein bronzener Kopf mit scharfgezogener Nase, darunter zwei graue Schnurrbartflämmchen; der Kopf, die ganAe Gestalt beherrscht von tiefliegenden, doch hell und groß gezeichneten grauen Augen; die hatten die Gewohn- heit, mit zwei raschen Blicken die Gestalt dessen, der vor ihnen erschien, gleichsam /ibzustreifen; dann bohrten sie sich mit bannender Gewalt in die Augen des Gegenübers ein, drängen mit unwiderstehlichem Leuchten bis in die Tiefe.

Die Reserveoffiziere hatten sich in einer Reihe auf- gestellt. Oberleutnant der Reserve Brassert, der behäbige Gymnasialprofesfor, war dem Dienstgrad nach der älteste, und so war es denn an ihm, dem Obersten entgegenzntreten und ihm die sechs eingezogenen Herren zu melden.

Der Oberst überflog mit zwei raschen Blicken die Ge, statt des Vertreters der Herren des Beurlaubtenstandes; dabei zuckten die beiden Schnurrbartflämmchen und der herrische Mund darunter einen Augenblick,' aber eisern blieb das Gesicht, nur die Augen lachten, als er mit leichtem Dank der weißbehaitdschuhten Hand erwiderte:Ihren Namen, Herr Oberleutnant, wenn ich bitten darf!"

Als Brassert sich genannt, ließ er sich dessen Stand angeben, und seine Antwort:Ah so!" schien darzutun, daß er nun bett Duft der Studierstube, welcher der Erschei- uuug des Angeredeten auzuhasten schien,, begreife. J

Fortsetzung folgt.)