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der schon lange auf die günstige Gelegenheit gewartet hatte. „Die siebente Runde!" rief er dem 'Kellner zu. Man stärkte ich, und Emil fuhr fort:
Sofaecke und fange an zu spintt- Ma kommt in der Welt. Ich spür' Anzuge, unausweich- ir flöten könnte! Es
etz' mich also in meine Sofaecke und fange an zu ffrintt* ieren, woher all das Unglück kommt in der Welt. Ich spür' es mit allen Nerven: Es ist im Anzuge, unausweichlich, unabänderlich. . . Wenn ich nur flöten könnte! Es ist das einzige Mittel. Ich Halt's sonst nimmer aus. Da rätlt mir ein: Ob ich den Kortzieher nehme oder Pie Zahnbürste? Halt... ich hab's... ein rettender Ge-
„Also ... ich habe meinen Urlaub nicht bekommen! Ja, noch schlimmer, mit der Gehaltserhöhung zu Miaelis ist's auch wahrscheinlich Essig. Und, um das Maß dieses Unglückstages voll zu machen, hat sich noch meine Schwiegermutter und meine jüngste Schwägerin zum Besuch angemeldet. Was sagen Sie, meine Herren? Ich war wütend . . . wütend sag ich Ihnen! Was war zu tun? Da siel mir meine Flöte ein. Wenn ich die nicht hätte! .Also, her mit dem Ding. Reingestoßen mit dem Putzer und . . . knacks, entzwei ist er. Ei, da soll doch gleich . . . Ich
danke! —"
„Sie kennen alle meine Frau?" Man bejahte aller- 'eits.
„Auch Sie, Herr Forstadjunkt? Eine geborene Rumpelmann ! Ich beteure Ihnen: eine Perle von Frau. Be- onders was die Küche betrifft. Jh-re Schmalzmchen... einfach delikat. Wer einen Fehler hat sie. Sie kann das Flöten nicht vertragen. Sagt, die Flöte fei sentimental, ür blonde Heinriche, unmännlich. Ziehharmonika war' ihr lieber. Nun, das versteht sie nicht.
Also . . . Meine Frau hatte nämlich gerade einen neuen Reiserbesen gekauft. . . von den neumodischen mit den langen Stielen. Wenn ich da einen ausrupfen konnte . . . das. wäre ja. . .
Gedacht, getan! Ich ziehe also vorsichtig die,Stiefel aus, damit es kein unnötiges Geräusch gibt. . . ja, nun lachen sie wieder, die Unverheirateten! — schlüpfe in die bequemen Hausschuhe und öffne fachte die Tür, um zu horchen. Alles still auf dem Vorplatz, auch m der Küche rührt fich nichts. Vorwärts, die Gelegenheit ist günstig. Aha, da steht er schon in der Ecke: Besen, Besen, sei's gewesen! Rasch mit dem Küchennwfler her und — siehst du wohl, das kommt davon — zu klein ist er geraten, per neue Flötenstock. Also noch einmal — ritsche, ratsche — zerbrochen ... na endlich, der dritte ist richtig. Tadellos.
Nach vollbrachter Tat, meine Herren, bekam ich nun doch einen gelinden Schrecken. Wenn sie es merkte? j—; Hoffen wir das Beste. Schließlich, was schadet es dem Besen, wenn er ein paar Reiser weniger hat? Er hat noch genügend andere. Man zählt sie doch nicht! Oder man zählt nur so, als wenn einem die ersten Haare ausfallen, ungläubig, in humoristisch-wehmütiger Stimmung. Der Trost: Es find ja noch so viele da! _
Und damit hab' ich zu blasen artgefangen. Und wie? Sie hätten mich hören sollen! Nie war ich besser aufgelegt, wie die Künstler sagen. Die Läufe perlten nur so . . . und immer Luft. Kein Versager.
„Keinen Urlaub, Herr Direktor?" Tulu . . tulu . . ich flöte darauf. ~
„Keine Zulage in den teuren Zeiten?" Tulu — tulu!
„Unö die Schwiegermutter mit Tante Berta? — Au mein' Herz, ihr Teuren alle, ttflü tülü . . . .
Zuguterletzt pfiff ich sogar auf den Besen meuter Frau. Meinetwegen kann sie was merken! Von mir aus . . . E^Aber das hätt' ich nicht tun sollen! Der Mensch versuche die Götter nicht! Denn Hochmut . . ."
„Kommt vor dem Fall," rief der Semrnarlehrer dazwischen, „wir schenken Ihnen weitere Zitate, aber Nicht beU ,Mn Sündenfall," verbesserte der Kirchendiener „ bin schon bei der Vertreibung aus dem Paradiese, versetzte Emil. Denn plötzlich höre ich in der Küche em furchtbares GehMl und Zähneklappern. Kem Zweifel, da setzt es Hiebe. Ich bin gegen die Prugelpiidagogik.
„Wenn ich's aber nicht getan habe! brüllt der Huanzel, J — ich beginne langsam zu begreifen. Hier wird em Justizmord verübt, ein Unschuldiger gestraft
„Do ch hast dn's getan, wer wird aus Mutwillen den neuen Besen verderben? — Schon wieder Schlage, Geheul.
gesellschaft „Zur luftigen Sieben" sich >br Lachen aus- । (Mitten wollte und ein über das andere Mal sein: „Nein, ' o was!" meckerte. Emil lächelte trübselig vor sich hin. Endlich —- bei der sechsten Runde i— faßte er Mut und begann: . .,
„Ich wollte nämlich gern Pfingsten in die Sächsische Schweiz, aber ich habe keinen Urlaub bekommen!"
„Hine illae lacrimae!" zitierte der Seminarlehrer.
„Wer Sie irren sich" fuhr Emil fort, „wenn Sie glauben, daß ich mir daraus etwas mache. Die Sache liegt tiefer. Sie wissen, ich bin Beamter geworden, ... Katasterkontrolleur, aber ich habe meinen Beruf verfehlt, ich hätte Musiker werden sollen. Flötist! Flöten ist meine Leidenschaft, leider .... mein Verhängnis! Wenn's wieder Frühling wird, wie jetzt, und die Sonne vom Himmel lacht ... da muß ich flöten, und wenn ich wich auf dem Bureau gelb und grün ärgere, dann muß ich erst rech» flöten. Ich kann nicht anders!" ,
„Bravo!" warf der Kirchendiener Muller em, „das hat Luther auch gesagt."
Emil seufzte und führte feinen Schoppen zuM Munde. Dann fuhr er fort: „Sehen Sie, meine Herren, es gibt lein besseres Gegenmittel gegen chronische Verstopfung und Dickblütigkeit. Die Flöte her . . . tnlü, tulu!" er machte einige imaginäre Griffe, . . . „alles weg, wie fortgeblasen. '— Friedrich der Große in feinem Sanssouci .- . . der kannte das Mittel. 'War ein Pfiffikus, hihi — — spottete sie alle aus. Wenn's ihm so recht miserabel ging, wissen Sie s . . nach der Schlacht bei Kolin oder so, was glauben Sie ;. . einfach geflötet hat er. Das gab ihm frischen Mut und stärkte ihm das Rückgrat. Ja, was ich! erzählen wollte ... Sie sollen mir nämlich raten. Ihm hätte das nicht passieren können. Ausgeschlossen, Aus — ge schlossen! Ich will Ihnen etwas sagen. Er wär nämlich doch ein Dilettant auf der Flöte . . . Friedrich der Große!"
„Oho," sagte Herr Rentier Schneemüller, „das wäre noch erst zu beweisen! Das Flötenkonzert ist kein Kinderspiel '"
„Waren Sie dabei, als er es komponierte?" erwiderte Emil schlagferttg. „Ich sage: Friedrich der Große war ein Dilettant — und ich kann es beweisen. Es gibt em Rezept, woran man den wahren Künstler erkennt . . . ein unfehlbares Rezept! Der alte Kammermusiker Langbein hat mir's verraten. Der wahre Flötenkünstler putzt seine Flöte selber. Friedrich der Große putzte sie nicht. Er ließ sie putzen!"
Emil blickte sich triumphierend um, niemand wägte eine Erwiderung. „Er ließ sie putzen. Wer das toerben Sie mir glauben: Ein Kammerdiener kann kerne Flöte putzen. Dazu gehört Begeisterung Md Liebe zur Kunst. — Prosit die Mahlzeit! Blasen Sie mal, wenn die Flöte nicht ordentlich sauber ist! Blank muß sie fern, blitzblank! Kein Stäubchen. Und Zeit brancht's für die vierzehn Locher und Klappen. Wir Beamten, ... die Gründlichkeit, die haben wir, Gott sei Dank. Nach Ms kommen gleich bte Flötisten." Emil lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien in Nachdenken zu versinken. . _
„Und deine Geschichte?" rappelte ich ihn auf, „zur Sache, komm endlich zur Sache!"
, Ich bin bei der Sache! Mitten drin! — Ihr Zeitungsschreiber, ihr verflixten." Er warf mir einen herausfordernden Blick zu. „Da schreibt ihr immer: Heutzutage ist für alle Bedürfnisse gesorgt. Mau könnt' alles kaufen, wenn rnan's kaufen kann. Nicht die Bohne! Schreiben Sw das mal in Ihr Blatt! Nicht mal einen einfachen Floten- putzer kann man kaufen. Glauben Sie nicht? Da gehen Sie nur mal zu Tietz: „Ich möcht' einen Flotenputzer haben!" Auslachen wird man Sie: „Mogens vielleicht n’ Lampenputzer, Sie Herr?" - „Was, Lampenputzer l Mtenputzer..."
„Bedauere führ! die führen wir net!
Wer kümmert sich denn in Deutschland um die Bedurs- niffe der Kunst?
„Wer man braucht einen Flötenputzer, wenn man Flötist ist, :— so notwendig, wie's liebe Brot Und was man nicht kaufen kann, muß man — stehlen. Ooer finden, je nach dem. Einmal hab' ich einen gefunden. Auf emem Kehrichthaufen. Sie lachen? —< Ich sage Ihnen: Sargen Sie nicht! Schließlich findet man alles auf dem Kehrichthaufen."
„Ein Grund zum Trinken!" bemerkte der Oberförster,


