Ausgabe 
29.6.1912
 
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tytn Prüfen lassen, ob sich Iba nicht doch irgendwie und irgendwo mal ein Adeliger Herumgetrieben hat. So etwas hilft wirtschaften, pflegte ein alter Freund von mir immer in Monte Carlo zu sagen, wenn er das Maximnm gewonnen und es seelenvergnügt in die Tasche steckte. Wenn er dann später abfuhr, hatte ihm die Bank natürlich alles wieder abgenommen. Aber das konnte ihm seine Freude, gewonnen zu haben, nicht trüben. Ich meine: wenn Sie mir nur einen kleinen Tropfen adeligen Blutes nachweisen können, so wäre das von einem enormen Wert. Ich dagegen würde an die zuständige Behörde schreiben und nochmals nach- orschen lassen, ob nicht vielleicht doch in Ihrer Familie rgendwo etwas bürgerliches Blut fließt. So etwas kommt ausendmal öfter vor, als man glaubt. Sie wissen, daß es elbst regierende Fürstenfamilien gibt, in denen einebür­gerliche Kanaille" herumspukt, die es ihren Enkeln schwer macht, sich ihrer Abstammung zu freuen--Suchen Sie

den adeligen Blutstropfen ich suche den bürgerlichen. Haben wir beides gefunden, dann ist der Sieg leicht.

Gelingt es aber nicht, so habe ich noch einen anderen Klan, auf den ich schon deshalb sehr stolz bin, weil er meinem eigenen Schädel und nicht dem eines französischen Schwankdichters entsprang! Und der hätte eigentlich viel mehr Veranlassung als ich, der Vater dieses Kindes zu sein.

Und nun versprechen Sie mir, bitte, sich nicht zu Wun­dern und, vor allen Dingen, nicht vorn Stuhl zu fallen. Sitzen Sie ganz fest? Ja? Fassen Sie lieber noch einmal Mit beiden Händen an die Lehne. Und nun hören Sie.

Wenn alle Stricke reißen, muß ich mich verloben pnd zwar nicht, lvie Sie natürlich meinen: mit Komtesse Dagmar, das kommt später, wenigstens hoffe ich es be­stimmt! Nein, ich verlobe mich mit sitzen Sie fest? also: ich verlobe mich mit Ihrem Fräulein Braut.

Mir ist, als wäre mir da eben etwas an den Kopf geflogen. Aber das war doch Wohl nur ein Irrtum, denn es handelt sich natürlich nur um eine Scheinverlobuug. Ich Würde mir drei Tage Urlaub erbitten, Sie in Ihrer Garni- fon besuchen und alsglücklicher Bräutigam" heimkehren. Bei der großen Gastfreundschaft der Ihrigen würden Ihre Eltern den Wunsch äußern, Ihre nein: meine oder doch Ihre Claire kennen zu lernen. Sie würden sie ein­laden Fräulein Claire würde mit oder ohne Mama (am liebsten ohne, denn sonst ist die Rolle zu schwer zu spielen!), also Fräulein Waire würde erscheinen und alle Herzen bezaubern und gewinnen. Schon mit Rücksicht auf mich würde Ihre Frau Mutter keine abfälligen Bemerkungen über bie bürgerliche Abstammung meiner Braut, die ja in Wirklichkeit die Ihrige ist : machen können. Und wenn sie dann mit Claire Freundschaft schloß, ihr den ersten Kuß gab und sie in die Arme nahm, dann würde ich Vortreten und sagen:Na, wenn Sie Claire nun schon einmal im Arm halten, dann behalten Sie sie jetzt nur auch, denn Claire ist gar nicht meine Claire, sondern gehört Ahrem Herrn Sohn t."

Und dann würde Ihre Frau Mutter nachgeben; denn ihr Stolz würde sich dagegen auflehnen, eine Bürgerliche tn ihren Armen und an ihrem Herzen gehalten zu haben, dre chr doch eigentlich ganz fremd ist. Die Angst vor dem Spott, dre Furcht, ins Gerede zu kommen und lächerlich zu erscheinen, würde sie veranlassen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und sie sogar vielleicht dahin bringen, »u erklären, sie hätte die kleine Jntrigue von Anfang an durchschaut. 1 ö

Der Plan ist also wirklich gar nicht so dumm, wie er Kuerst aussreht! Im Gegenteil: ich bin sehr stolz auf ihn. Ich fühle Ihnen ja nach, daß Sie meinem Vorschlag nicht so ohne weiteres zustimmen, denn Fräulein Claire und ich müßten uns natürlich wie Verlobte benehmen, wenngleich ich Ihnen selbstredend mein Wort darauf gebe, der leiden­schaftsloseste aller Bräutigams zu sein. Aber wir müssen Ms manchmal verstohlen die Hand drücken, und wenn es gar nicht anders, geht, muß ich sie auch einmal in Gegen­wart der anderen auf das Haar oder auf die Stirn küssen Meinen Arm um ihre Taille legen und sie an mich ziehen.

Flog da schon wieder etwas an meinem Kopf vorbei? Fast war mrr so.

So Sie erregt aufgesprungen sein sollten und mich für Wahnsinnig halten, bitte ich Sie, sich ruhig wieder hinzu- setzm und meinen Geisteszustand als völlig normal anzu­erkennen. Dre Sache ist nämlich gar nicht so schlimm, wie sie int ersten Augenblick aussieht. Vergessen Sie nicht,

daß ich die feste Absicht habe, Ihr Schwäger zu werden, auch nicht, daß Sie bet Ihrem offiziellen Abschiedsbesuchi die Liebenswürdigkeit hatten, mich schon als solchen zu be­trachten ! Nach göttlichem und nach menschlichem Recht wird Ihr Fräulein Braut also doch meine Schwägerin werden: Daß ich da bis an mein Lebensende zu Ihrer zukünftigen Frau GemahlinFrau Gräfin" sagen werde, halte ich für ausgeschlossen. Na, und ob ich da nun ein paar Wochen später oder früher zu ihrdu" saae, ist doch ganz gleich.

Und noch eins: ich könnte ja den Herrn Grafen oder wenigstens Komtesse Alexa ins Vertrauen ziehen. Das letztere halte ich sogar für unbedingt nötig. Die würde Fräulein Claire mit aller Herzlichkeit aufnehmen, bei ihrer Lebhaftigkeit würde sie sofort mit ihr aufrichtige Freund­schaft schließen, sie natürlich gleichdu" nennen, und auch das würde die Frau Gräfin bestimmen, später ja juud Amen zu sagen.

Ich verkenne das Neue und Eigenartige meines Planes durchaus nicht, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, zum Ziel zu gelangen, falls die chemische Blutuntersuchung der beiden Familien refultatlos verlaufen sollte.

Lesen Sie bitte diese Zeilen Ihrem Fräulein Braut vor, besprechen Sie alles mit ihr, versuchen Sie, deren Bedenken zu zerstreuen, sich unter einem falschen Vor­wand auf Schloß Gründingen einführen zu lassen. Und wenn Sie meinem Plane beistimmen, dann schicken Sie mir eine Zeile. Sie werden mich jederzeit bereit finden, mich mit Ihrem Fräulein Braut zu verloben; ich reise so­fort nach Einpfang Ihrer Einwilligung ab, um dann mit einem Verlobungsring auf der Linken wieder znrückzu- kehren.

Ich grüße Sie herzlichst und bin mit dem Ausdruck meiner größten Hochachtung stets

Ihr getreuer

Nikolaus Hans Horst Freiherr von Scheidegg.

Der Baron schob den Brief in ein Kuvert und drückte dann sein Siegel darauf.

So," sagte er sich,nun bin ich begierig! Die guten Leute werden mich sicher für ein ganz klein wenig über- geschnappt halten, am Anfang werden auch sie ebenso wie Komtesse Dagmar nie niemals! sagen, abu dann werden sie es sich doch überlegen."

Er mußte selbst über die Idee, die er da geboren, lachen, er beschäftigte sich den ganzen Tag mit ihr, und das machte, daß er heute eine ganz andere Heiterkeit zur Schau trug, als sonst. Er lachte immer in sich hinein, so daß der Graf zu ihm sagte:Was haben Sie nur, Baron? Irgend etwas stimmt mit Ihnen nicht, Sie machen ein Gesicht, als hätten Sie einen übermütigen Streich vor."

Um Gottes willen," rief der Baron ganz erschrocken, der da fürchtete, sich zu verraten,wie können Sie mir solche Schändlichkeiten zutrauen! Nein, es ist etwas ganz anderes ich habe heute einen Brief erhalten, der alte Jugenderinnerungen wieder wachruft, die stimmen mich heiter. Man war doch früher ein Windhund mit Eichen­laub und Schwertern -."

Gott sei Dank," wollte der Graf sagen. War es Zufall oder Absicht, daß ihn in dieser Sekunde eilt Blick der Gräfin traf? So wurde aus demDank" ein es geklagt". Aber die Betonung der beiden letzten Worte stand in einem so schreienden Widerspruch zu den ersten Worten, daß alle, selbst die Gräfin, hell auflachten.

Nur der Graf faß mit einem ganz verlegenen Ge­sicht da.

Was ist denn da so furchtbar komisch?" fragte er. Ich meine: seine Jugendsünden und -Torheiten zu be­reuen, ist doch viel besser, als sich ihrer zu rühmen."

Aber schließlich lachte er selbst mit und murmelte einige Worte vor sich hin, die kein Mensch verstand.

(Fortsetzung folgt.)

vas unglückselige Klölenspiel.

Eine Stammtischgeschichte von Fritz Rose (Zürich).-

Mein Freund Emil saß schon den ganzen Abend da, als wenn ihm eine Laus Über die Leber gelaufen wäre, wie man zu sagen pflegt. Umsonst, daß der Rentier Schnee- müller die urältesten Witze zum Besten gab, und der Forst- adjunkt Schimmelmann, das jüngste Mitglied unserer Skat-

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