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Montaz den 29. April
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Keines sprach ein Wort, aber jedes fühlte: Es war da eben wie ein zündender Funke von einem zum anderen gesprungen. So standen sie in süß. beklemmendem Schweigen weiter im Sturmbrausen.
Er spähte nach dem Ausdruck in ihren Zügen; aber sie stand so, daß er nur die weiche Linie ihrer Wange sehen konnte und das rosige Ohr, das die windgelösten Locken umflatterten. Und weiter, wie liebkosend glitt sein Blick hinab an ihrer schlanken, noch so mädchenhaften Gestalt, die der silbergraue Gummimantel lose umschloß, beim Wehen des Sturmes sich dicht um ihre feinen Formen schmiegend. In einer heißen und doch reinen Verehrung umfing so sein Blick ihre ganze Erscheinung, deren Liebreiz ihm in dieser Stunde zum ersten Male zum Bewußtsein kam.
Bisher hatte sie ihn nur seelisch interessiert, ein inniges, aber ruhiges Freundschaftsgefühl hatte ihn zu ihr hingezogen; jetzt aber merkte er, wie ihre ganze Persönlichkeit, auch ihr äußeres Wesen, ihr holder Frauenreiz, auf thn wirkten.
Vorhin, unter ihrer flüchtigen, sekundenlangen Berührung — das fühlte er jetzt mit steigender Gewißheit — war in ihm etwas zum Leben erwacht, was er noch nie gekannt hatte. Eine unwiderstehlich treibende Macht, so zart, so süß und doch so sturmgewaltig wie da draußen das aufbrandende Meer!
Seine Brust spannte sich in einem machtvollen endlosen Atemzuge, als wolle sie eherne Banden sprengen, die sie bisher eingeschnürt hatten; in seinen Armen zuckte es, als wollten sie sich blitzschnell ausstrecken, das Neue, Wonnevolle mit starker Hand an sich zu reißen, was da. zu seligem Rausch lockte — aber plötzlich flog ein jähes Erblassen über Amthors Züge, und weit geöffnet starrten seine Augen hinaus ins Weite, in das Nachtdunkel derl Wetterwand hinten am Horizont — als käme von dort aus der düsteren Ferne, von der grauen Insel Thule her, ein bleicher Schemen geflogen, ein grausames Schreckgespenst, das nun mit seinen eiskalten Fittichen plötzlich über sein heißes Herz hinstrich und die zum Licht drängenden Keime sm selben Augenblick unbarmherzig erstarren ließ.
Eva Söllnitz sah dieses jähe Erschrecken auf Amthors Zügen nicht: mit geschlossenen Augen bot sie ihr Antlitz dem Sturmwehen bin. Ein weltentrückter, selig-verträumter Ausdruck verklarte ihre Züge. Immer wieder durchlebte sie im Geiste den Moment vorhin, wie ihr seine zärtliche Frage ins Ohr geklungen war und wie dann sein Arm gezittert hatte unter ihrer Berührung. Mein Gott,
was hatte das zu bedeuten? Sollte er doch anders als freundschaftlich für fie empfinden? Ihr war plötzlich, als tue sich mit einem Schlage eine ganz neue Welt vor ihr auf, eine Welt voll leuchtenden, flutenden Sonnenscheins, voll jubelnden Glücks. Und plötzlich klangen ihr seine Worte in der Seele, die er neulich abends zu ihr gesprochen, so fest, so zuversichtlich: „Glauben Sie mir, bas Leben wird Sie entschädigen für das, was es an Ihnen getan hat!" — Ein heimliches Zittern überfiel sie: War das so gemeint? — Es begann ihr plötzlich zu schwindeln vor dem unwillkürlich über sie hereinbrechenden, überflutenden Glücksgefühle.
„Entschuldigen die Herrschaften, aber Herr Kap'tän lassen bitten, die Back zu räumen. Sie soll wegen des Sturmes ganz für Passagiere gesperrt werden."
In höflichem Ton überbrachte der unbemerkt hinzugetretene Matrose die Meldung des Kapitäns der „Hamburg" an Dr. Amthor.
Sie leisteten der Aufforderung Folge und kehrten auf das Promenadendeck zurück. Aber es war ihnen beiden nicht danach zu Sinn, unter Menschen zu weilen. So trennten sie sich denn.
Es war ein hastiges, beklommenes Verabschieden, und sie vermieden es, sich dabei in die Augen zu sehen. Sis fühlten es ja beide nur zu gut, daß da zwischen ihnen unausgesprochen etwas war, was des erlösenden Wortes harrte' Eben hatte der Zufall die schon vor der Schwelle stehende Entscheidung noch einmal aufgShalten; aber die nächste Stunde des Alleinseins miteinander würde die Entscheidung bringen! >
XI.
Eva Söllnitz hatte sich gleich von Amthor getrennt. Auf dem Vorplatz, einem schon im Kajütenbau belegenen geschützten Raum, traf sie unvermutet auf ihre kleine Freundin Anne-Marie, die unbekümmert um das Schwanken des Schiffes mit einer Puppe auf dem weichen Smyrnateppich spielte. Etwas abseits stand das Fräulein mit zwei Damen int Gespräch.
„Tante Eva!" Mit einem freudigen Aufschrei flog das Kind der jungen Frau in die Arme. ■
„Mein süßer Liebling, wo steckst du denn? Ich habe dich ja gestern und heute morgen überall vergeblich gesucht?" fragte Eva Söllnitz, die Kleine zärtlich liebkosend an sich pressend.
Wer da stand plötzlich das Fräulein bei ihr.
„Anne-Marie!" mit strengem Ton zog sie das Kind an sich. „Du weißt doch, du sollst das nrcht!" und schnell riß sie die Kleine an sich.
Eva Söllnitz blickte höchst verwündert und betroffen auf die Erzieherin, die es vermied, sie anzusehen, jon«i dern mit verkniffener, fast feindseliger Miene das zer- drückte Kleidchen der Kleinen wieder glatt strich.
Was hatte das zu bedeuten? Eine Frage schwebte der jungen Frau auf der Zunge; aber da merkte sie zufällig


