Ausgabe 
29.4.1912
 
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Me in leiser Schadenfreude aufleuchtenden Blicke der beiden Damen drüben, und rasch wandte sie sich mit einem kurzen, aber herzlichenAuf Wiedersehen, meine Anne-Mie!" ab.

Im Weitergehen aber grübelte sie nach: Was war das eben? Es legte sich plötzlich etwas, so dunkel und be­klemmend, auf ihr eben noch so jubelnd leichtes Herz. Sie zerbrach sich den Kopf. Hatte sie denn dem Fräulern vielleicht unwissentlich etwas getan? Vergeblich sann sie nach. Und dann die boshaften Blicke der beiden anderen da! Sie kannte die Damen gar nicht persönlich; aber freilich!, sie wußte cs ja längst: Sie war den meisten Frauen hier an Bord ein Dorn im Auge, weil sie sich so ex- Kusiv verhielt und weil sich die Herren so um sie bemühten.

Wer mochten sie doch! Eva Söllnitz warf unwillkür­lich den Kopf zurück. Jetzt sollte es ihr erst recht ganz gleichgültig sein, wo sie ihn an ihrer Seite wußte als ihren treuen Beschützer bald vielleicht vor aller Welt, mit dem unbestrittenen Recht dazu!

Eine heiße Blutwelle schoß ihr bei dem Gedanken rns Antlitz. Welch Glück, daß sie schon in dem dunkeln, schmalen Korridor zu ihrer Kabine war! Daß sie es wagte, solchen Gedanken überhaupi zu denken! War es denn nicht Torheit, Vermessenheit? Sollte sie nicht lieber solchen Gedanken noch im Keim ersticken mit aller Kraft ihrer Vernunft, anstatt ihn mit ihrem geheimsten Herzens­sehnen zu nähren und zu stärken?

Sie trat jn ihre Kabine ein und schloß die Tür mit fliegender Hand hinter sich. Dann preßte sie beide Hände gegen ihre fieberhaft erregt pulsenden Schläfe. Wie ihr ganzes Wesen in Aufruhr stand, wie ihr Herz pochte! Alles, alles um jener flüchtigen. Sekunde vorhin willen.

Nein! Leidenschaftlich jauchzte es in ihr auf. Nein, stein! Sie wollte diese,r süßen Rausch nicht unterdrücken, sie wollte jhn auskosten mehr, mehr bis zu Ende!

Ein Hornsignal, dasSiegfriedsmotiv" aus der Wag- sterschen Oper, das draußen auf dem Gang hellschmet­ternd geblasen .wurde, schreckte sie plötzlich auf. Lang- san, nur fand sie sich in die Welt zurück.

Ah so es war Zeit, sich! zu Tisch zurecht zu machen!

Ein neuer Gedanke ließ sie nun aufspringen. Ja, sie wollte sich schmücken, schön, sehr schön wollte sie sein, für ihn! Und sie eilte ans Werk.

Seit langen Jahren wär ihr das Toilettemachen eine so gleichgültige Sache gewesen. Ihre Gedanken waren ja so ganz andere. Aber heute machte ihr mit einem Male wieder diese natürlichste Frauenkunst eine hohe Freude. Sie wollte ihm gefallen, wollte in seinem geheimen, auf-, leuchtenden Blick glückselig lesen, daß er sie ein wenig hübsch fand.

So musterte sie denn eifrig ihre Toilettenschätze. End­lich hatte sie das Richtige gefunden. Zu einem glatten, schwärzen Rock eine dufttge, schneeweiße Crßpe de Chines Bluse, ganz einfache aber mit kostbaren Valenciennes-Spitzen besetzt, die Taille umschlossen von einem echten, ältislän- bischen Goldfiligrangürtel, Hen sie sich von der Insel mit­gebracht hatte.

Schnell trat jie dann fort zu dem Waschtischschränkchen, das gleichzeitig auch als Frisiertoilette diente, um dort stoch ihr Haar ein wenig zu ordnen. Um dabei besseres Licht zu haben, griff sie nach der Zuggardine vor dem Kabinen­fenster, um diese beiseite zu schieben. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf einen Brief, der auf dem Fensterbänkchen lag. Etwas überrascht griff sie danach: Ein Brief? An sie?

Die Aufschrift, jn der Tat mit ihrer Adresse, trug ihr unbekannte Federzüge, offenbar von einer Frauenhand; das Kuvert zeigte das Wappen derHamburg".

Der Brief war also hier an Bord geschrieben worden.

Schnell erbrach sie das Schreiben und überflog im Augenblick die wenigen Zeilen:

Verehrte Dame!

Wir sind nicht länger gesonnen, Ihr unerhörtes, jeder guten Sitte jns Gesicht schlagendes Benehmen stillschwei­gend zu dulden. Die Komödie mit Ihrem Liebhaber, den Sie sozufällig" aus Island getroffen haben, ist doch! zu plump Zrnd durchsichtig, als daß wir Ihr schamloses Treiben nicht durchschauten. Wir lassen uns aber solchen Skandal nicht länger ungestraft bieten, und die ganze Schiffsgesellschaft wird Ihnen durch ihr Verhalten fort­ab zeigen, daß sie Sie moralisch gerichtet hat.

In gebührender Hochachtung mehrere entrüstete Frauen."

Mit totenblassem Antlitz starrte Evä Söllnitz auf das Schreiben, das ihre zitternde Hand hielt. Im ersten Mo­ment hatte sie die volle Bosheit dieser Beschuldigung noch gar nicht begriffen. Nun aber verstand sie alles, und wankend schleppte sie sich zu dem Sofa hin, wo sie ver- nichtet zusammenbrach.

Man hielt sie für eine leichtfertige Frau, die mit ihrem Geliebten zusammenreiste!

Stöhnend wühlte sie den Kopf in das Polster.

Nun wurde ihr ja alles klar: Dieses stumme Aus­weichen der Leute bei ihrem Kommen das sonderbare Benehmen des Kinderfräuleins vorhin die boshaften, schadenfrohen Blicke! ( Ja, das angedrohte Urteil über sie war schon vollzogen: Sie war der allgemeinen Ver­achtung anheimgefällen, von der Gesellschaft geächtet, aus­gestoßen! Durch das offene Fenster hatte man ihr, der Verfehmten, das Pernichtende Schriftstück dahin gelegt.

Mein Gott! Die Schande der Schimpf!

Eine Weile jvar sie wie niedergeschmettert, völlig ge­lähmt, nur eine Beute dieses Gefühls brennender Schmach.

Dann aber rüttelte sie das zweite Hornsignal auf. Sie mußte sich fassen soeben ging inan zu Tisch. Was nun?

Wild stürmten ihr die Empfindungen, die Gedanken durcheinander.

Bald fchwebte ihr als einzige Möglichkeit vor, die ganze Zeit der Reise in ihrer Kabine zu bleiben, als krank im Bette liegend. So entging sie 'wenigstens all den Mar­tern der Aechtung, die man über sie verhängt hatte. Bald aber bäumte es sich in ihr auf. Nein, warum sollte sie das alles schuldlos leiden? Warum sich wie ein wund- geschossenes Wild Perstecken? Znin Kapitän des Schiffes wollte sie gehen, seinen Schutz anrnfen, ihm die ganze In­famie mitteilen und um strenge Untersuchung gegen die Schuldigen, bitten! Aber auch das hätte ja keinen Zweck gehabt. Wie sollte er die Anstifter ermitteln? Und wie sie strafen? Er hatte ja keine Macht dazu.

(Fortsetzung folgt.)

Uaspar Hauser.

Zur 100. Wiederkehr seines Geburtstages.

Von Tr. Mfred Funke.

Auch die Weltgeschichte hat, wie einst die Karte Afrikas, ihre weißen Flecken, die trotz eifrigster Forschung nie ausgestellt worden sind. Tie Personen der Prätendenten, die in säst allen Reichen Europas ihre Anhänger fanden, um dann als Betrüger zu verschwinden, sind zum Teil nie mit absoluter Sicherheit be­stimmt worden. Wer war Pascha Michael Cigala, der als an­geblicher Sohn des Sultans Murad beim allerchristtichsten Könige Ludwig XIV. und der Königin Maria von Polen fürstliche Gast, freundschaft fand, und dem der deutsche Kaiser in Breslau trotz allen Geschreis ein Jahresgehalt und Wohnung anweisen ließ? War er ein Prinz oder, wie seine Gegner behaupteten, ein Stallh knecht aus der Walachei? Niemand weiß es. Wer war der Mann mit der eisernen Maske, der Gefangene Ludwigs XIV.? Selbst der Scharfsinn eines Voltaire hat die Frage nie gelöst, und heute noch zerbrechen sich Pariser Archivare, wie die Erscheinungen der Literatur beweisen, dm Kopf über diesmi Problmr. War er der Sohn Richelieus und der Anna von Oesterreich oder eist Minister des Herzogs von Mantua, der seinem französischen Feind? in die Hande gefallen war? Diese Lesart ist die modernste, aber darum nicht weniger Vermutung als ihre Vorgängerinnen, von denen eine ganz phantasievolle Pariser Darstellung unserer Zeit allen Ernstes will, die Eiserne Maske sei niemand anders als derenthauptete Karl von England" gewesen, für den eist Ersatzmann geköpft worden sei!

Vom portugiesischen Sebastian bis zum russischen Demetrius haben Präteudmten überall Land und Volk in Wirren gestürzt. Keine Frage aber ist leidenschaftlicher umstritten worden, als die nach dem Verbleib des unglücklichen Dauphin von Frankreich, des Sohnes Ludwig XVI. und der Marie Antoinette. Heute noch erscheint in Paris die ZeitschriftLa Plume", die keiner anderen Politik dient als der, die Nachkommen Naundorffs in den Besitz der Erbschaft der Bourbonen zu setzen. Schon Jules Favre führte für den ehemaligen Uhrmacher Karl WilheltN Raum dorff, der erst in Spandau, dann in Brandenburg, dann in Crossen lebte, in Paris als der Herr Moriel de Saint-Didier auftrat, den Prozeß, und wenn dieser auch mit der Abweisung der Naundorffs endete, so ist doch 'heute noch die Zahl der Franzosen groß, die in der auftallenden Aehnlichkeit der Naundorffs mit den Bourbonen den sicheren Beweis für denechten und wahren Ludwig XVII." und seine Familie zu haben glauben. Für die Familie BourboN wäre ein anderer Ausgang des Prozesses allerdings insofern sehr