Ausgabe 
29.2.1912
 
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Sie konnte kein Wort finden. Er sah ttut, wie ihre Lippen bedien, wie ein Zittern durch ihren Körper lies. Schweigend schlang sie beche Arme um seinen Nacken und preßte ihren Kopf an

Er strich mit der Hand liebkosend Wer ihre Wangen und küßte das weiche braune Haar. ,,^hst du/ Liebling, nun ist alles gut, nicht wahr? Laß nur! Nun werd alles gut. Wir führen endlich aus, was wir längst wollten. Wir schütteln den Staub von unseren Füßen und ziehen aufs Land. Du tveißt ja, ich bin kein Stadtmensch, und für unser Pärchen ist es auch das beste. Und du gehst und kommst, wies dir gefällt. Ich will dich nicht mehr binden und anketten nein dazu hab ich kein Recht t du sollst frei sein frei wie der Vogel flieg, wohin du willst in die Nähe und Ferne, wohin es dich zieht und lockt du kehrst ja immer wieder, du weißt ja, Do dein Nest ist, nicht wahr?" r

Regungslos lag sie an seinem Halse und lauschte mit ver­haltenem Atem den süßen Worten, die an ihr Ohr drangen. Es kam über sie wie ein großes, großes Glück, daß sie ganz still wurde und die Augen schloß. .

Er ließ sich in den großen Lehnstuhl nieder und zog sie auf seine Knie.Bist du nun zufrieden, »mein Herz?"

Du Guter!" flüsterte sie,wie ich dir danke! Wie soll ich dir danken!" v

Ach was danken!" wehrte er,nicht doch! Ist nicht auch -nein Wunsch erfüllt? Nun siehst du, so ist uns beiden geholfen!"

Mer sie wußte esbesser: das hatte feine Liebe getan, seine tiefe, zärtliche Liebe zu ihr, und .ohne daß er es verhindern 'konnte, fcrgriff sie seine Hand und küßte sie.

Der Schalttag der grauen.

Im Schaltjahre hat jede Engländerin oder Amerikanerin das Recht, um den Mann, den sie liebt, anzuhalten.

Dieses Frauenrecht im Schaltjahre ist nicht allein auf die Ueberlieferung beschränkt, sondern es finden sich geschichtliche Be­lege dafür. Aus Irland stammt die Ueberlieferung, in Schott­land dagegen findet sich aus dem Jahre 1288 ein Gesetz, nach dem tatsächlich im Schaltjahre di« Frauen nicht nur um die Männer anhalten dürfen, sondern nach dem die Männer, wenn sie die Werbung nicht annahmen, eine erhebliche Summe als Strafe erlegen mußten, falls sie nicht nachweisen konnten, das sie bereits anderweitig verpflichtet seien. Fast gleichzeitig fall in Frankreich ein ähnliches Gesetz erlassen worden sein. Im 17. Jahrhundert findet es sich nicht als geschriebenes Gesetz, sondern als Gewohnheitsrecht. Im Jahre 1606 wurde ein Buch in London veröffentlicht, daß dieses Frauenrecht ausdrücklich an­erkennt und ganz ausführlich sagt, daß während des Schalt­jahres die Frauendurch Worte oder Blicke dem geliebten Manne Bre Liebe erklären dürften". Wie weit die Frauen von diesem orrechte Gebrauch machten, ist leider nicht überliefert worden; man weiß nur, daß in England daraus humoristische Ballsittew entstanden sind.

Nur in der Neuen Welt nimmt Man die Rechte der Frauen im Schaltjahre noch sehr ernst. Darüber kommen von jenseits des großen Teiches allerhand Nachrichten. In Escanaba, einer kleinen Stadt in Michigan, hat die Gemeinde selbst die Ober­leitung der Dinge in die Hand genommen. Jedes junge Mädchen, das sich auf Grund der Frauenrechte im Schaltjahre verheiratet, erhält von der Gemeinde eine ganz ansehnliche Ausstattung. Dazu gehören die Bestreitung der Kosten für die kirchliche Trlauung, die Bezahlung der Wohnungsmiete (allerdings nur für einen Monat), ein offenes Konto beim Schlächter und Kaufmann, das ebenfalls die Gemeinde für einen Monat bezahlt, zwei Logen­plätze im Theater, der Hochzeitsschmsaus im vornehmsten Re­staurant der Stadt und eine Tonne Kohlen. Echt amerikanisch ift, daß auch der Rechtsanwalt für die Scheidung von der Ge­meinde bezahlt werden soll, falls die amerikanische Darstellung nicht etwa übertrieben ist. In Pittsburg haben nicht die Frauen, sondern die Männer die Sache in die Hand genommen. Hundert Junggesellen haben dort nämlich eine Art Heiratsverein ge­gründet und warten auf die Dinge, (lies: die Mädchen) die da kommen und um sie anhalten sollen. Es lohnt schon einiger­maßen, denn es handelt sich, um 80 Junggesellen, von denen jeder in di« Vereinskasse, zunächst 100 Dollars eingezahlt hat. Von diesem Vereinsvermögen von 32 000 Mark erhält das^erste Brautpaar, das nach den Schaltjahrssitten zusammenkommt, die Hälfte, also 16 000 Mark, einen Zuschuß, den ein junges Ehe­paar immerhin nicht verachten dürfte. Dad zweite Paar bekommt die Hälfte des Restes, urch so geht es weiter, bis das Vermögen erschöpft ist. Nicht ganz so lockend sind die 500 Dollars, die derHippodrome" in Neuyork für das Mädchen ausgesetzt hat, das im laufenden Jahre um einen Mann anhält und ihn auch heiratet. Mit dieser Auslobung ist eine Bedingung verknüpft: me Braut muß nämlich öffentlich imHippodrom" darüber einen Vortrag halten, wie und wo und warum sie um! ihren Gatten ungehalten hat. K. F.

vermischtes.

* Jede Kugel trifft ja n i ch t. Wenn man die Menschen­verluste in- den letzten Feldzügen mit der Zabl der verfeuerten Patronen vergleicht, so ergibt sich die auffallende Tatsache, daß trotz der ztinehmenden Präzision der Feuerwaffen doch die Verluste immer mehr abnehmen. So weist z. B. Waterloo 24 Prozent, Sedan nur 12 Prozent Verluste auf. Es beruht dies daraus, daß die Entfernungen, aus denen das Feuergefecht eröffnet wird, ge­wachsen sind, und daß die Sichtbarkeit' der Ziele bedeutend ab- genommeu hat. Bei Colenso brauchten die Buren 600 Schüsse, tun einen Treffer zu erhalten, bei den Engländern brauchte man dazu sogar 5000 Schüsse. Die Marokkaner verteuerten 1897 im Kampfe gegen Raisuli 89 000 Patronen, gaben 800 Maschinengewehrladungen ab, warfen 120 Granaten und hatten keinen Treffer. Die Serben brauchten bei Zaribrod am 24. November 1885 im ganzen 200 000 Schüsse, um 58 Bulgaren zn treffen. Die Franzosen ver­feuerten 1881 im Gefecht bei Chellala 35 000 Gewehrpatroneu und 41 Artilleriegeschosse, um 79 Araber zu treffen. Ein Engländer, der sich mit der Schießausbildung der modernen Infanterie befaßt, sagt, ivenn ein Heer soweit gebracht würde, daß mit 600 Schüssen immer ein sicherer Treffer erzielt wird, so wäre das die am besten schießende Armee der Welt.

kt. D i e A t h e >i a v o i> C y r e n e. Unter beit Funden, die der amerikanischen archäologischen Exvedition nach Cyrene geglückt sind, sieht die sogenannte Athena von Cyrene, über die der Aus» grabiingsleiter Richard Norton in dem jüngsten Heile des Bulletin of the Archaeological Institute of America soeben Bericht erstattet, an erster Stelle. Tie Grabungsnätte der Amerikaner bildete, wie erinnert sein mag, die Akropolis des alten Cyrene, und zwar sanden sie das in Rede stehende Bildwerk in einem ge­waltigen, von ihnen aufgedeckten Bantenkoinplexe, den sie den Kolonadenbau nennen und in dem der gemäß den Ansprüchen der Bevölkerung mehrmals vergrößerte Markt auf der Akropolis ver­mutet ivird. Diese Athena von Cyrene schildert und preist nun Norton mit folgenden Worten:Glücklich ist der Ausgräber, der dem Weltvorrat von Schönheit ein Objekt ivie dieses übergeben kann, das aus der besten Periode der griechischen Kunst stammt. Tie Göttin trägt den korinthischen Helm in den Nacken geschoben, so daß ein Dtadem ihres schweren Haares über ihrer breiten heiteren Stirn noch zu sehen ist, während eine einfache, lang herab- sallende Flechte an ihrem Nacken heralisragt. Der Kontrast zwischen der starken glatten Kurve des Helms und dem lieblichen Gesichte barunter ist überraschend, der Kops neigt sich leicht zur Linken, wie eine Blume auf ihrem Stiele. Die Augen sind klar, geradeaus blickend, edel, die Wangen voll über dem starken Kimi, der SDhntb sensitiv, aber streng und stark: ein großer, ganz eigenartiger Pleister muß dieses Gesicht gebildet haben, aas nach so vielen ver­flossenen Jahrhunderten auf uns mit der Ruhe einer vollendeteii Schönheit blickt."

kf. Pflanzen, die in Vogelkäfigen gezogen werden. Einen recht merkwürdigen Anblick gewähren die Ver­suchsfelder, die die amerikanische Regierung in Arlington in der Nähe von Washington unterhält. In langen Reihest sind dort nämlich richtige Vogelkäfige aufgestellt und unter jedem dieser Draht­geflechte wächst eine Pflanze. Es handelt sich dabei um japanische Sejabohnen und andere Gewächse, die in verschiedenen Bodenarten gezogen werden, weil ihre Früchte später zur chemischen Analyse, insbesondere zur Untersuchilng auf den Fettgehalt, dienen sollen. Die Vogelkäfige sind natürlich nur zum Schutze gegen Vögel und Mäuse aufgestellt.

Bet der jüngsten Reichstagswahl in Thüringen hat in den Vormittagsstunden ein biederer Bauersmann gewählt wie sich das für einen deutschen Bürger ziemt. Am Abend kurz vor Schluß der Wahl kommt das Bäuerlein nochmals in das Wahllokal und sagt zu dem erstaunten Wahlleiter:Heernse, Herr Wahlvorstand, sin Se mal so freindlich und geben Se mich mal meinen Zedel wedder, ich hau mersch annerscht überlegt." (MünchenerJugend".)

* Boshaft. Wirt (zum Stammgast);Ein feines Weincheit hab' ich jetzt, Herr Bechler!" Sie wollen mir wohl den Müntz wässerig machen?!"

Telegraphenrätsel.

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Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer:

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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brübt'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lauge, Gieren.