Ausgabe 
29.2.1912
 
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keil? Wenn sie in Mer Loge saß, aus die Bühne sah und den' Tönen lauschte, mußte sie das nicht immer aufs neue erregst und aufrühren? Wurde das! Feuer nicht geschürt anstatt ge­dämpft? Erhielt ihre Sehnsucht nicht stets neue Nahrung?

Die Hände aus dem Rücken ging er im Zimmer umher, Und seine Gedanken schweiften zurück. Ja, daran hatte er damals! nicht gedacht damals, als der jungen Sängerin sein Herz entgegenflog. Man hatte der Verbindung kaum ein Hindernis! in den Weg gelegt: der Fürst war ihr sehr gewogen, und die Fürstin verhätschelte sie sogar. Aber daß sie ihrem Beruf entt- sagte, daß sie von der Bühne Abschied! nahm, daH ja, das, mußte fein, das war nicht anders möglich. ,

Auch heute noch ließ sie sich hin Und wieder hören. Beliebt, wie sie bei Hofe war, mußte sie bei besonderen Gelegenheiten im Schloß singen: bei festlichen Veranstaltungen kam man zu ihr, und gern stellte sie sich in den Dienst der Wohltätigkeit. Aber das war auch alles. Sonst war sie zur Untätigkeit verdammt, ihre Stimme feierte, ihre Kräfte lagen brach. _

Und darunter litt sie er wußte, daß sie litt.

Zuerst hatte die junge Ehe sie ganz gefangen genommen. Sie war lauter Liebe und Zärtlichkeit gewesen, und heiß stieg es in ihm auf, weiin er an diese Zeit dachte. All das! Neue Und Unbekannte, was auf sie einstürmte und ihr fast die Besinnung raubte; all die ungewohnten Pflichten, die sie erfüllten und ut Anspruch nahmen! Aber.nun war es! vorüber. Im Haus ging alles! seinen geregelten Gang, und die beiden Kinderchen standen schon auf ihren eigenen kleinen Füßen. Sie war zur Ruhe ge­kommen, hatte wieder Muße für sich gefunden. Und da - da hatte es begonnen. .

Er hatte geglaubtj sein junges Weib wäre ganz Gattin, HaUs- srau und Mutter geworden, und alles andere wäre tot; aber dre Wnstlerin in ihr war nicht gestorben nein sie hatte sich nicht töten lassen; sie war wieder erwacht und war wieder stark und lebendig vielleicht so stark wie je zuvor. Das toor der andere Mensch in ihr, ihr anderes Mesen, ihre zweite Seele.

Und von außen trat man immer wieder an sie heran. ~-'te manches Anerbieten hatte sie in diesen Jahren schon abgewieien! Lag da aus dem Tisch nicht wieder ein neuer Antrag? ,

Niemals war ein Wort über ihre Lippeii gekommen lein Laut der Klage oder des Vorwurfs. Still trug sie es mit sich herum und machte es! mit sich allein ab. Jeden Vormittag, wenn er im Schloß war, ging sie hinaus ins Freie, durch den 8Lald^ Und am See entlang. Jeden Vormittag, Sommer und Winter, tn Sturm und Regen, in Schnee und Eis, in Sonne und Regen, kein Wetter hielt sie zu Haus. Und immer allein ganz allein, nur den Hund an ihrer Seite.

Da stand sie wohl manchmal am Ufer und sah mit feuchten Augen über das Wasser, und wenn es in> ihr schluchzte und weinte, mochte sich ein dumpfer Seufzer aus ihrer Brust ringen und eine kleine Hand sich über ein zuckendes Gesicht legen. Und keine Seele ringsum. Kein Mensch sah es; kein Mensch hörte es. Nur der Hund schmiegte sich an ihre Seite, hob den klugen Kopf zu ihr aus, bis sie ihn streichelte der Hund, das stumme Tier war ihr Freund geworden, ihr bester Freund, ihr unzertrennlicher Gefährte. t ,

Ja, so weit war es gekommen. Und so, wurde es weiter'gehen : heut und morgen und alle Zeit bis in dieEwigkeit. Sie würde ihm entgleiten ganz langsam und allmählich wurde sich von ihm entfernen immer mehr und mehr und ihw'fremd werden. Und was war der Schluß? Er würde sie verlieren, er mußte sie verlieren, das war gewiß!

Bei dem Gedanken wurde ihm weh, Und sein Herz zog sich zusammen. War dieses junge lachende Weib, dies köstliche Wesen nicht die Freude seiner Tage, das Licht seines Lebens? Wenn er sie nicht mehr hatte, dann wurde es dunkel um ihn das wußte er dunkel, öde und leer, dann war er ein einsamer Mann.

Die beiden Hände in den Taschen vergraben, stand er wieder am Fenster und wartete. Bis sie hinter der Kirche austaUchte und den Platz durchquerte. Er erkannte sie fast, ehe er sie deutlich sah: An dem leichten Gang, der schlanken jugendlichen Gestalt, dem knappen, fußfreien Schneiderkleid. Und ast der großen Dogge, die sich ganz dicht neben ihr hielt.

Als er ihr aus dem Hausflur entgegentrat, legte sie beidd Hände aus seine Schultern, hob sich leicht aüf den Fußspitzen Und! Wßte ihrenblonden Hünen". Und mährend sie die Schweden von den Händen streifte und ihre Sachen ablegte, erkundigte sie sich nach allem und wollte zuerst zu den Kindern hinauf. Aber er Nahm sie unter den Arm und führte fie in sein Zimmer.

So feierlich, mein Großer?" meinte sie lächelnd, während sie ihn fragend ausah,was ist denn? Eine Ueberraschung?"

Ja," entgegnete er langsam,so etwas Aehnliches. Ich denk es mir wenigstens" Und damit nahm er den großen weißen Brief, der aus dem Tisch lag, Und reichte ihn seiner FräU-Das ist eben sür dich angekommen"

Während sie sich in den tiefen amerikanischen Lederstuhl zurü'ck- lehnte und das Papier entfaltete, ließ er sich in feinen Schreib!- sefsel nieder. So saßen sie sich Auge in Auge gegenüber.

Unwillkürlich beobachtete er sie, wie sie ben Brief durchflog. Kd sah, wie in den braunen Augen ein flüchtiger Glanz auf-.

leuchtete, wie das elfenbeinMätte Gesicht ein leises Rot überflog. Aber sie sprach kein Wort; stumm gab sie ihm das Blatt hinüber.

Hab ich das' nicht gedacht?" sagte er, nachdem er zu Ende war,ein so ehrenvoller Antrag, und das viele Geld, das man dir für ein kurzes Gastspiel bietet! Aber Ulla, freust du dich denn gar nicht?" »

Ihre Arme lagen auf wen breiten Lehnen des Stuhls, und ihre Augen irrten wie verloren zum Fenster hinaus.Worüber soll ich mich freuen?" murmelte sie,ich weiß nicht

Er beugte den Kopf vor und ließ keinen Blick von ihr.Möch- test du denn nicht," fragte er leise,hast du denn keine Lust anzunehmen?"

Wie?" Sie sprang beinah auf, und ihr Atem flog. Aber es le ar nur ein Augenblick. Gleich sank sie wieder zurück, und die Wimpern senkten sich über die Augen. Mit der weißen Hand strich sie Über das dunkle Holz Und entgegnete fast abweisend:Wozu der Scherz, Axel? Das ist doch nicht nötig"

Kein Scherz, Ulla," sagte er und schüttelte den Kopf,ich mein es ernst, völlig ernst. Und'deshalb möchte ich mit dir sprechen^ Willst du auch offen sein 'ganz offen und ehrlich.?"

Sie nickte nur.

Mb mir dein Wort daraus!" beharrte er.

Unsicher sah sie ihn an, und zögernd legte sie die Rechte ist die Hand, die er ihr über den Tisch entgegenstreckte.Warum das alles?" fragte fie,ich verstehe nicht

Du wirst gleich verstehen," entgegnete er,es handelt sich um keine Kleinigkeit; es! gilt unsere Zukunft, unser ganzes Leben. Mir ist, als! ob wir an einer Wende angelangt sind, vor einer! Entscheidung stehen. Die Welt hält uns für das glücklichste Paar, die glücklichsten Eheleute, und das 'ist ja auch ganz natür­lich, es ist ja nichts vorgekommen, gar nichts, aber mir will scheinen" er suchte nach Worten, den Kopf aus den Schreib­tisch gebeugt, und fuhr langsam fort:mir will scheinen, und vielleicht fühlst du es selbst es ist zwischen uns nicht mehr alles, tote es sein sollte und 'fein könnte"

Sie widersprach nicht und machte keine Bewegung. Ruhig saß sie da, als ob sie nichts Neues hörte, als ob sie sich das schon alles selbst gesagt hätte.

Warum meinst du?" fragte fie endlich,liegt es an mir? Bin ich nicht mehr wie früher? Hab ich schuld? So sag es nur! Ich will alles tun, ich ich will mich ändern, wenn wenn ich kann"

Du hast keine Schuld, Nlla," entgegnete er,und du kannst dich nicht ändern, auch wenn du wolltest. Das liegt tiefer. Du bist eben nicht glücklich nein, nein" Und dabei hob er die Handdu bist nicht glücklich, und ich hab begriffen, warum du es nicht fein kannst. Deine Kunst läßt dir keine Ruhe, die Liebe zum Gesang, zur Bühne, zu Ruhm und Ehren ja das alles nicht wahr? Antwort mir doch, ist es nicht so?"

Er schwieg und sah fie forschend an. Sie aber begann mit leisen, langsamen Worten, nur durch ihre Stimme zitterte die verhaltene Erregung:Vielleicht hast du recht, mag -fein ja ich will mich nicht besser machen, als ichj bin. Das sind zwei Welten, zwei verschiedene Welten. Ich glaub, ich bin dir eine gute Frau, ich glaub, ich bin den Kindern eine gute Mutter^ und wenn ich wählen müßte Gott, was ist da zuwählen! Keinen Augenblick mürb ich mich besinnen. Was bin ich ohne euch? Nichts. Aber bas andere sieh mal, Axel> ich weiß nicht, wie ich dir bas erklären soll es ist nicht bloß Eitelkeit, nicht Ehrgeiz ober Ruhmsucht, zu gleißen und zu glänzen nein, das ist mehr, viel mehr bu stehst wie im Feuer, sind vor bir liegt Sieg ober Niederlage, du bist voll Glut und Be­geisterung, du schaffst und schaffst, rastlos unermüdlich, und wenn der große Tag kommt, wenn das Werk gelingt und der Beifalb dich umbraust das ist ach, das ist göttlich!" Sie war aufgesprungen, die dunklen Augen sprühten, und leidenschaft­licher, immer leidenschaftlicher klangen ihre Worte.Das läßt sich nicht beschreiben, das! muß man erlebt haben. Und wer oas erlebt hat, der kann es nicht vergessen im' Leben nicht das ist stärker als der Wille, das läßt sich nicht niederzwingeu und ersticken nein, ich kann es nicht ich kann es nicht * Es war wie ein dumpfer Wehlaut, und ein Schluchzen rang sich über ihre Lippen.

Das sollst du auchnicht," rief er dazwischen,Liebes, das sollst bu auch nicht!" ,

Aber sie wehrte ab! unb führ mit ber Hand über die Stirn'. Doch, doch!" sagte sie mit fremder, tonloser Stimme,es muß ja fein! Laß mir nur Zeit! Hörst du Axel? Laß mir mist Zeit! Ich hab den besten Willen glaub' mir unb wenn ich älter werbe mit ben Jahren ja, es wird in mir schon stiller unb ruhiger werben, stiller und ruhiger" Und babei huschte eilt mübes Lächeln um ihren Mund.

Er war auch aufgestanden und ging nun erregt im Zimmep auf und ab.Nein, das ist eine Qual für dich! Eine Qual für dich und mich!" wiederholte er,das kann ich nicht ansehe«/. kann ich nicht ertragen. Du müßt wieder fingen!"

Er trat zu ihr, und sah ihr in die Augeit, die noch seuchjlj schimmerten.Sag, Ulla," fragte er weich,möchtest du nicht wieder fingen?"