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Signe sprach gut zu, tröstete, tote sie konnte, und fühlte dabei schmerzlich, daß sie nicht den rechten Ton traf. „Aber an Friedel hast du doch Freude, Papa!" sagte sre endlich.
Da lachte .Vater ganz kurz auf. „Ja —>
„. . . Ja. . . der ist verständig. Rein zum Erstaunen sogar." Dann schwieg der alte Herr. Er holte mit zittmgen Händen die Streichholzbüchse heraus, steckte sein Kraut wieder in Brand, tat ein paar Züge, legte die Zigarre beiseite. „Da kann ich dir gleich auch das Neueste, Allerneueste mitteilen. Friedel wird dem diplomatischen Dienst entsagen und bei Braunstein ins Geschäft eintreten. Kannst du dir was Verständigeres vorstellen? ! Es macht sich alles so außerordentlich gut: Hartwig Braunstein ist für die Firma verloren, und tut's der Sohn nicht, so tut's der Schwiegersohn. Erstaunlich klug ausgedacht. Und Friedel paßt da wohl hin . . .
„Aber siehst du, Signe, im Grunde ist's doch- nur wieder das erbärmliche Geld! Wenn wir die Erbschaft nicht gemacht hätten, würde auch Friedel hübsch bei seinen Leisten geblieben sein. Nun hat er eben Geschmack am Gelbe und Geldverdienen bekommen. Na, sch bin ja nicht so rückständig, daß ich nicht der Zeit ihr Recht lasse. Nur . . . man gewöhnt sich nicht so rasch hinein. Friedel ist der erste Gudarcza, der Kaufmich wird. Versteh mich recht: das Wort ist nicht böse gemeint. Ich achte und ehre jeden Menschen, der ehrlich verdient. Aber... na ja. . .
„. ... Sei doch so gut, Signe, und drücke da mal auf den Knopf. Danke. Ich will mir 'ne Flasche guten Bordeaux kommen lassen. Trink ein Glas mit. Es hilft über 'ne twübe Stunde noch am besten fort . . . Tut mir leid, mein Kind, daß ich dir das alles erzählt habe. Solch 'ne junge Braut hat eigentlich Anspruch aus was Vergnüglicheres. Ja . . . freilich . .
Dann, in Berlin, schienen sich Verdruß und Sorge für Vater zu verflüchten.
Beide Söhne waren am Bahnhof, und Erna war mit ihnen, blühend und froh. Ihre Anwesenheit dämpfte die Peinlichkeit des Wiedersehens mit Hardt. Der war du bissel niedergedrückt, aber er sah so bildhübsch aus, daß Vater und Mutter alles andere vergaßen. Daheim gab es eine längere Auseinandersetzung hinter geschlossenen Türen. Um Schluß aber kam Eberhard aus Vaters Zimmer und lachte Dodo fröhlich an: „Unser alter Herr ist doch der beste aller Väter!" /
Zwei Tage später traf Bill ein.
Er fand jetzt selbst, daß die Zeit sehr knapp wär. Und wenn Signe seine heiße Ungeduld um sich fühlte, dann dachte sie immer aufs neue: „wie er dich liebt! Gib ihm wenigstens, was du ihm zu geben vermagst." Mutter wünschte, Schloß Hoburg persönlich zu besichtigen, und Signe war ^in kurzer Besuch dort wenigstens nicht unsympathisch; da sie in Zukunft die Sommermonate auf Hoburg leben wollten, lernte -auch sie den alten Farnilienfitz gern kennen. Es störte sie -auch nicht, daß Bill ganz offen meinte: „Mache dir keine ällzu hoch gespannten Erwar- üun-gen., ScWn tvar Hoburg nie, und es ist in meiner langen JUnggesellönzeit jedenfalls nicht schöner geworden."
Schließlich blieben Vater und Dodo zurück. Der alte Herr fuhl^r sich- körperlich nicht recht wohl, hatte allerlei Magen- und .Leberbeschwerden und sollte durchaus im Juli, kurz nach der Hochzeit, nach- Karlsbad. Er war recht übel gelaunt, sand, daß man ihn vernachlässige, und- gab- sicherst einigermaßen zufrieden, als Dodo erklärte, bei ihin bleiben zu wollen.
Es war plötzlich sehr warme Witterung' eingetreten!, verfrühte H-ochsommerglut. Die Bahnfahrt wär ziemlich- unerquicklich, Mutter war froh, als sie in Stabentzig aus- - liegen, wo Hoburg sie mit dem Wagen erwartete. Aber ie war doch voller Spannung, und das Vierergespann!, ne ehrerbietige, fast untertänige -Art, wie nicht nur Knt- cher und Diener, wie Stationsbeamte und Bevölkerung grüßten, tat ihr wohl. Signe mußte bisweilen lächeln: Mama wär in jedem Zoll die Prinzessin-Mutter'.
Die Fahrt durch- die staubige, reizlose Gegend-, durch Kiesernforst und Heide, vorüber an rauchenden Schloten Und gewaltigen Halden dämpfte freilich die gehobene Stimmung wieder ein wenig. Als Bill dann aber nach vorwärts wies — „Jetzt taucht Hoburg auf, gnädigste Mama" —• war Mutter begeistert.
Einem alten Piastenschloß gleich-, hob' sich! Hoburg aus der Ebene. Schon von weitem waren die zwei ungeheuren Türme, die massigen grauen Mauern sichtbar. Etwas unbestreitbar Feudales lag über dem Ganzen. Es war einj rechter Herrensitz, mächtig und trutzig.
Der Eindruck blieb noch bei der Einfahrt durch eiuen gewaltigen Schwibbogen über die breite Brücke, die den Schloßgraben überspannte, über einen seht geräumigen Hof dann, auf die große, von ältersgrauen Sand-steinstatueni und Balustraden umrahmte Rampe. Zahlreiche Dienerschaft hatte hier Aufstellung genommen, mit -ein paar Beamten vor der Front und Knechten und Mägden in bunter polnischer Tracht im Hintergründe. Ein hübsches Bild. Und als nun aus der Masse ein lautes Hurra erscholl, p-acktH es auch- Signe; sie nickte Bill dankend zu, verneigte sich, grüßte nach allen Seiten.
„Willkommen!" stand rot im grünen Laub über der gewaltigen Pforte. „Willkommen in der Heimat!" sagte Bill, als Signe über die Schwelle hrat; er küßte ihr die Hand. „Willkommen in Hoburg, gnädigste Mama!"
Es w-ar etwas wie ein Aufschwung in Signes Herz!; eine Freude: „Hier gehörst du her! Hier wirst du Herrin sein! Wirf alles hinter dich — glaube an die Zukunft!" Warm drückte sieKilU Hand, nnd-hoch-ausgerichteten Hauptes schritt sie durch- die riesige Halle, die breite, zweiwangige Steintreppe hinauf.
Und dann zerrann ih-r das alles unter den Händen', An die Dörfer Potemkins mußte sie denken, als der erste Eindruck verrauscht war.
Vieles -erklärte, -entschuldigte ja, daß der Schloßherr! seit Jahrzehnten ohne weibliche Hilfe hier gelebt hatte —i wenn er nicht überhaupt in der Ferne war. lieber die Spinnwebennester, den tiefen Staub in Winkeln und Ecken, über den zerschlissenen Damast auf der Tafel, über vieles! andere hätte sie lächelnd hinwegsehen können, während! Mutter bald heimlich zu stöhnen begann: „Polnische Wirtschaft! Polnische Wirtschaft!"
Aber der bauliche Verfall des ganzen Schlosses, das sich nach außen noch- so stolz und trotzig reckte, erfüllte sie mit wachsendem Grauen. In der schönen Steintreppe sah sie große Lücken, die Fenster hingen schief in den Angeln; der Fußboden in den Zimmern klaffte in breiten; Rissen. Die Tapeten in den Zimmern hingen teilweise in Streifen herunter. Endlose Räume-, lange Reihen von Ahnenbildern -— und -alles so unsagbar kahl, kalt, nnwvhn- lich. So, als ob seit Generationen niemand eine bessernde Hand angelegt hätte. Nein, schlimmer: seit Generationen konnte hrer niemand auch nur eine Spur von Herz für den Besitz gehabt b-aben.
(Fortsetzung folgt.)
Die Weite Seele.
Skizze von Otto Krack (Berlin).
Noch war nicht aller Schnee zergangen, hin und wieder tauchten kleine weiße Inseln verstreut aus dem nassen Boden, aber es! taute von allen Dächern, und der Wind, der um die Häuser pfiffe war nicht mehr so scharf und schneidend; er hatte etwas Laues, fast Warmes, und zwischen den zerrissenen Wolkenfetzen lachte ein klarblauer Himmel. Der Frühling lag in der Luft.
Der Kammerherr stand am Fenster seines Arbeitzimmers! und sah durch die Scheiben in das unwirtliche Wetter hinaus. Im Hause war alles still; nur aus dem Kinderzimmer drangen ab und zu gedäinpste Laute herüber. Der weite Platz lag menschenleer, und die Kronen der uralten Lindenbäume, die die mächtige Kirche wie schützend umstanden, rauschten und schwankten im Sturm.
Wie lang noch, und an Busch und Strauch glänzten die ersten Knospen, die junge Saat wagte sich zaghaft hervor und bedeckte wie einen lichtgrünen Teppich das weite Feld, das Vieh zog wieder auf die Weide, und die Schwalben schwirrten durch die Luft.
Ja, nun war es! bald mit dem Winter vorbei, und draußen auf dem Lande begann die schönste Zeit: die Zeit des Werdens und Wachsens, des Blühens und Gedeihens. Und er dachte an seine Scholle, an seine alte „Klitsche", auf der seit einem halben Jahrtausend die -Eickhofs saßen und an der er mit der zähen Liebe seines Geschlechts hing.
Jeden freien Tag verbrachte er draußen, aber warum war er nicht längst ganz hinausgezogen? Warum behielt er sein Amt und blieb in der Stadt? Ja, das Land! Da war es still, einsam, und hier war wenigstens ein bischen Leben, Abwechselung, Zerstreuung Und vor allem, was seine Frau liebte: das Theater,! die Oper.
Ja, deshalb war er Hier geblieben. Mer genügte ihr das!? Konnte ihr das, genügen? War es! nicht vielmehr das gerate Gegen-


