Ausgabe 
29.1.1912
 
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Da schob sich ein älterer Herr an die Bude heran, mit einem riesigen Vollmondgesicht unter gewaltiger Glatze, lächelte ihr bescheiden-behaglich zu, fast als kenne er sie schon seit Jahren:Dürfte ich auch um ein Gläschen bitten, gnädiges Fräulein. Dank sehr. Ich suchte sie schon tm großen Saal, man vermißt dort überall die Herzogin von Chouamre. Ja so Verzeihung ich vergaß: mein Name ist Neumann. Bei diesem Namen muß man zwei Vornamen mindestens hinzusetzen: Eberhard Joseph Neumann. Ich wollte Ihnen nämlich meinen Dank aussprechen, daß ©te sich meiner Würmer so lieb angenommen haben."

Der Mann gefiel ihr, trotzdem er so «gar nichts Aristo­kratisches an sich hatte. Behäbig wie sein Korpus war seine Sprechweise, und die grauen Augen sahen sie gutmütig an, mit einem Schuß harmloser Bewunderung zugleich. Sie hatte sich den Gatten der eleganten Frau Therese und den Vater von Karli und Magda wohl anders borgestellt. Wer er gefiel ihr auch so, wie er war.

Sie kamen in eine kleine Plauderei, während derer Herr Neumann noch zwei Glas Sett trank. Beim zweiten und dritten produzierte er zwar eine komische Lippenverzerrung. . . . .Merkwürdiges Gewächs rechter echter Wohltätig­keitssekt, Gubener Schattenseite mit Sauerstoff, von einem Menschenfreunde gratis gestiftet. . ." aber das hrelt ihn nicht ab, allerlei von seiner Familie zu erzählen. Etwas breit, aber so glückstrahlend, daß man die Breite gern mit in den Kauf nahm. Sogar Dodo wurde auf einen Augenblick hereingezogen, als Universitätsnachbarin seiner Ellp.Ver­kehrte Welt, denk ich manchmal. Jetzt sitzen die jungen Mäd­chen in den Hörsälen. Na überhaupt. . . und die Kleinen stehen lebende Bilder. Eigentlich hab ich das nicht gerns gesehen, aber was tut man nicht aus Wohltätigkeit? Sogar das eigene Fleisch und Blut bringt man zum Opfer und die gute eigene Zunge dazu. Denn dieser Sekt ... ich wünsche meines Vaters Sohn eigentlich einen besseren Tropfen." Dann nahm er doch wieder einen kleinen Anlauf zur Galan­terie:Aber selbst der schlechteste Sekt kann unter beson­deren Umständen munden . . . Ja, und nun muß ich wohl zu meiner gestrengen Herrin zurück. Denn merkwürdiger­weise: heut, glaub ich, könnte sie eifersüchtig werden." Und er legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch.Nein nicht herausgeben . . ." Das klang nun wieder fast be­scheiden.

Signe tarnt eine Idee. Eigentlich lächelte sie im stillen darüber. Wer sie sprach sie doch ans:.Bitte, Herr Neu­mann, ich habe hier nur eine Gastrolle gegeben. Führen Sie mich in den Saal zurück."

Aber mit ljunberttaufenb Freuden, gnädiges Fräulein."

Sie huschte aus der Bude. Da stand.er doch ein wenig verlegen, nicht ganz sicher, sollte er ihr den Arm bieten. Sie nahm ihn sich, und sie zogen von bannen.Ein ungleich Paar" sagte Fräulein Bärnberg mit dem Mohnblumen­strauß drinnen zu Dodo. >

Im großen Saal wirbelte der Tanz bereits. Herr Neu­mann summte die Walzermelodie die neueste aus der -Lustigen Witwe" mit und fragte:Zn tanzen brauch ich doch nicht, gnädiges Fräulein? Dazu mach ich wohl nicht mehr die rechte Figur. Auch früher schon. Jst's nicht ein Wunder, daß ich trotzdem solch eine liebe, schöne Frau be- Zommen habe?"

Es kam wieder so treuherzig heraus.Warum ein Wun­der?" gab Signe zurück.So töricht sind wir Frauen doch nicht, daß wir die Herren der Schöpfung nach dem Maß­stab der Erfolge des Tanzunterrichts abschätzen. Ueberhaupt . ich will aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, ich tan^e ganz gern, aber die Seligkeit der Seligkeiten sehe ich dartn nicht." .

Er blickte schmunzelnd auf das schöne Mädchen an feinem' Arm:Also immerhin eine Seligkeit."

Signe lachte:Unter Umständen eine kleine: das will ich nicht leugnen." <

Und da kam grabe Herr von Horfek von Eberhards Regiment, blieb vor ihr stehen, blickte ein wenig verwundert auf Herrn Neumann, verbeugte sich:Schenken Sie mir einen Walzer, gnädiges Fräulein"

Herr Neumann sah ihr nach, wie sie mit dem eleganten Offizier dahinschwebte, in der Menge verschwand, wieder auftauchte. Dann streichelte er lächelnd feinen rechten Frack­ärmel und suchte den Weg zu feiner Frau, die zwischen Exzellenz Grautegaß und Frau von Gudareza bei den Müttern fast

Signe war wirklich keine leidenschaftliche Tänzerin'. Siö war ganz ehrlich gewesen, als sie sagte: die Seligkeit der Seligkeiten ist mir der Tanz nicht. Aber sie tanzte germ und tanzte sehr gut, wenn sie einen Tänzer von gleichen Gaben fand. Ein paar Minuten gab sie sich dem Vergnügen rückhaltlos hin. Dann empfand sie, daß die.Gesellschaft rings um sie hemm doch sehr gemischt war, die Gesellschaft der Wohltätigkeitsfeste, zu denen sich jedweder den Eintritt um fünf Mark erkaufen konnte. So gewandt Horfeck sie führte, ein paar Male wurden sie angetanzt; hier und dort blieb wohl eine kleine Jungfrau in rosa Tüll oder ein junges Herrlein, der den Chapeau krampfhaft im Arm fest­geklemmt hielt, mitten im Tanz stehen, und der oder die! sagte:Du ist das nicht die ans dem Bilde vorhin,. Donnerwetter!"

Ich habe genug wir wollen aufhören."

Schon? Schade. Aber wie Sie befehlen."

Sie standen eine Weile an der Querwand und sahen auf das Getümmel. Und da bemerkte Signe ihren £3ruber. Eberhard tanzte mit einer hochgewachfenen jungen Fran, nicht mehr in der allerersten Jugendblüte, aber immer noch bildhübsch. Man sah es: sie tanzten beide mit Leiden-, schast, konnten kein Ende finden. Immer wieder kamen die nickenden roten Jedem im üppigen blauschwarzen Haar vorüber. Und einmal sah Signe deutlich, wie der Blick der Tänzerin schmachtend die Augen Eberhards suchte.

Sie mochte nicht fragen, wer die Dame fei. Die Dame war es wirklich eine Dame? Man konnte zweifeln., Der Ausschnitt der dunkelgelben ©eibencorjage war gar zu tief; die herrlich geformten Arme waren ganz entblößt^ nur ein schmales Goldkettchen lag über der Schulter. Neuß lieber nicht fragen > ... *

Als Signe bann bei Mutter staub, die eine kleine In­spektionsreise zu Dodo aiigetreten hakte und über die Zu­stände au der Settbuide ziemlich entrüstet war, kam Friedel und gesellte sich zu ihnen. Sehr korrekt und sehr nase­rümpfend.Liebe Mama, einmal und nicht wieder. Ich finde, man muß auch der Wohltätigkeit Schranken zu setzen wissen."

Das hab ich Papa vorhin auch- schon gesagt. Er findet natürlich alles fcharmank."

Ansichtssache. Ich glaube wirklich, ihr solltet nicht mehr lange bleiben, Mama."

Nur bis Dodo in dieser gräßlichen Sektbude ihren Pflicht genügt hat."

(Fortsetzung folgt.)

Aus Schneeschuhen.

Von Rechtsanwalt L. Raab (Gießen), (Fortsetzung.)

IV. Ein Abstecher nach der Barackenhütte.

In langem Zng brach man eines' Mittags, bewaffnet mit gemahlenem Kaffee und mit Milch, auf Schneeschuhen nach der idyllisch unter hohen Buchen, am Rand der Forellenteichswiesem gelegenen Barackenhütte auf, einem aus rohen Balken znsammen- gefügten Blockhaus. Wir waren 13 Teilnehmer; außer einigem Fällen, bei denen sich die Umstürzler absolut den Schnee näher ansehen wollten, passierte trotzdem nichts ernstliches. Wir hatten aber auch einen großen Hund, den langhaarigen Tyras des Herrn Inspektors bei uns, der die Unglückszahl zum Glück auf 14 er­gänzte. Wer weiß, wie es sonst aus gegangen wäre.

Der Jnnenraum der Schutzhütte war ebenso einfach, wie! anheimelnd. Tisch und zwei Bänke, Försterofen, Wandschränkchen^ Feldbett, waren die Ausstattung? Bald brannte ein lustiges Feuer, man sandte aus zum Wasferholen; es wurde Kaffee gekocht,, während die Jungen und solche, die sich dazu zählten, steile Ab­fahrten und KnnststÜckchen an der Böschung der nahen iDamm- Überführung übten. Der Hund hatte sich vor dein Ofen verrollt und genoß die behagliche Wärme, während die Hütte sich füllte und! es schwer Ivar, Sitzgelegenheit zu schaffen für die vielen Teil­nehmer, die mit beginnender Dämmerung hereinströmten. So saß man denn, 7 Köpfe, ober noch mehr, auf einer kurzen Bank, Rücken an Rücken, mit den Jungen Dingern" schäkernd, und es war recht lustig. Gebäck von Weihnachten her wurde herum gereicht, auch Kuchen gabs. Wer geistreiches wollte, konnte sich ans Kirsch­wasser halten. Beim trauten Lampenlicht flog die Zeit schnell dahin. Man lobte mit Nachdruck und Begeisterung den Helden deH Nachmittags, den im Wald felbftgebrauten Kaffee. Man trank ihn mit Zucker, dem nötigen Verständnis und reichlicher Illusion^ So waren alle zufrieden und man hätte noch lange gemütlich zu­sammengesessen, wäre nicht der Aufbruch nötig gewesen. Nun ging es wieder zurück, aber aut anderem, Weg, Ein,solcher. Schneeschuh*