Montag sen 29. Januar
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Glückslasten.
Moman von Hanns von Zobeltl^.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
Mit einem Male wußte sie es: das-war doch keine bloße Freude am Flirt, die ihn zu dir zog. Dieser Mann hebt dich — liebt dich leidenschaftlich —-
Sie erschrak nicht darüber. Sie fühlte auch nicht die leiseste Regung irgend welcher Art der Anteilnahme. Es war lediglich die kalte Konstatierung einer Tatsache. Und die einzige Schlußfolgerung, die sie zog, war auch ein ganz kühles: „Du wirst dazu Stellung nehmen müssen. Aber nicht gleich. Nicht jetzt. Immerhin — es war etwas anderes, so lange du annehmeu durstest, daß er ein Spiel mit dir treibt; es^ ist etwas anderes, nun du weißt, daß er dich liebt. . .
„Sind Sie mir sehr böse, gnädiges Fräulein?
Sie hatte die Augen schon wieder nach vorn gerichtet.
„Ich hasse alles, was auffallen könnte." *
„Es gibt Augenblicke, in denen einem alles gleich- ^"^'Die^Menge drängte, schob jetzt den Nebensälen zu, aus denen schon die lustigen Klänge der Zigeunermusik drangen. Signe hätte sich von der Welle for.tragen lassen können. Aber sie blieb, nicht ohne Blühe, stehen. Als ob sie die letzten Worte Hoburgs überhört hätte, sagte sie: „Meine Schwester hat drüben eine Sektbude. Wie kommt man nun am besten aus dieser entsetzlichen Menschenflut heraus?
Er deutete wortlos nach der Seite und blieb dicht neben ihr, während sie sich langsam aus dem dichtesten Gewühl zu befreien suchte. Dabei überlegte sie: „Nur jetzt jede Erklärung vermeiden! Wie zwingst du ihil, daß er zur Be- sinnung kommt." Und mit sicherem Instinkt sagte sie ganz leichthin: „Also Sie fanden, Durchlaucht, daß das Bild gelungen war?" „ . .,, .
„Sie waren wunderschön. Weiter hab ich nichts ge-
Pah — ich meine das Ganze, den Gesamteindruck." Ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, fuhr sie lebhaft fort: „Ich hakte so viel Freude an den reizenden Kindern, mit ^'enen ich zusammen stand." . „
„Die Glücklichen, die Ihnen so nahe sein durften —
, . . aber sonst... Sie glauben gar nicht, Durchlaucht, wie öd und schließlich auch körperlich anstrengend das lange Stillstehen ist. Und eigentlich, wenn man es recht überlegt, sind diese lebenden Bilder künstlerisch ein Greuel. Ein Gemälde läßt sich doch nur mangelhaft m die plastische Form bringen. Immer werden da Notbehelfe, Kompromisse herauskommen. Schon das ganze Beiwerk, der Hintergrund, das alles bleibt höchst mangelhaft, ist eben Kulisse
Sie sprach lebhaft weiter, schritt schneller aus. Immer in dem Wunsch: nur ihn zu keiner Erwiderung kommen lassen. Und dabei regte sich in ihr schon wieder em leiser Spott: „Eigentlich redest du über ihn fort. Wie frühe« auch, am Kamin in Florenz. Wo er dann wenigstens ehrlich sagte: davon verstehe ich gar nichts."
Wirklich — er war verstummt. Und nur einmal, als sie das fröhliche Gesicht der Schwester schon zwischen dem Weinlaub und einer Schar junger Herren vor sich sah, sagte er: „Sie sind so klug, gnädiges Fräulein —"
„Klug? Ich bitte Sie . . . was gebe ich weiter, als ganz persönliche Eindrücke. Aber da ist meine Schwester. Vielen Dank, Durchlaucht! Sie haben mich vortrefslich aus der wüsten Menge herausbugsiert."
Während sie das sprach und wahrend sie sich durch die Umstehenden zu Dodo hineinschob, kam eine leise Freude über sie, daß es ihr so gut gelungen, den Prinzen abzu- fchütteln. Fast etwas wie Uebermut. , Vor einer stunde noch hätte sie sich entschieden geweigert, sich mit der Schwester in bie. holde Aufgabe des Champagnerverkaufs zu teilen. Jetzt griff sie nach der nächsten Flasche, die der Diener entkorkte, stellte sich neben Dodo „Warte, ich Helf dir!" — füllte einige Spitzgläfer und schob das Tablett mit ihnen beinah herausfordernd nach vorn. Die Herren griffen zu. ,, ,,
Mit einem raschen Blick überflog sie die Reihe. Friedel war darunter mit einigen jungen Herren vom Amt, zwei, drei Offiziere — die übrigen kannte sie nicht. Aber im Hintergrund stand Hoburg. Auf feinem Gesicht lag ein Schatten der Enttäuschung. Er sah noch einmal zn ihr hinüber, dann klemmte er das Einglas ins Auges, wandte sich ab und verschwand in der vorbeiflutenden! Menge.
Es schwirrte, plauderte, lachte um Signe herum. Ein paar ziemlich fade Schmeicheleien für die schönste aller Duchessen fielen — so gar nicht nach ihrem Geschmack. Reben ihr lehnte sich eine der Geschäftstcilhaberiiinen, ein großes Bukett roten Mohn im tiefen Ausschnitt, weit vornüber und kokettierte grobkörnig mit einem jungen Fant, der sich hier Hausrecht erobert zu haben schien. Unwillkürlich straffte Signe den Nacken. „Was bin ich schuldig?" fragte, ein anderer. „Nach Belieben —", „Bewahre —", korrigierte Dodo, „eine Mark das Glas, wobei der Wohltätigkeit keme Schranken gesetzt sind. Signe, du verstehst das Geschäft nicht. So herzoglich darf man hier nicht sein.",
Nem, dies Geschäft verstand sie wirklich nicht. Und« nach dem ersten Sturm, den ihr Erscheinen hervorrief, lichtete sich auch die Reihe grade vor ihr. Sie fühlte selbstj schnell, daß sie nicht hierher paßte. Sich mit jedem Belie- biaen, der ein Markstück auf das Tablett legen konnte, in ein Gespräch eiulassen, um drei Mark holdselig lächeln, um zehn Mark ein witzelndes Gespräch ein fädeln — nein, nein! Mer es sollte ja auch nur ein Stippsbesuch hier sein, war ja nur ein Zufluchtsort gewesen. Jetzt nur-bald fort >


