Ausgabe 
29.1.1912
 
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marsch in der DünkelWt in langer KetLö hat seine eignen Reize. Mm Anfang und Ende erfahrene Schifahrer, in der Mille die un­sicheren Kantonisten, so gehts mit vielen Zurufen, daß man die Vordermänner nicht verliert, langsam voran. Bei diesem lockert sich ein Riemen, bei jenem eine Schraub«; aber man ist über solchen Aufenthalt nicht unwillig. Im Gegenteil, es ist amüsant; es must so sein, man gehört zusammen und darf, nicht auseinander- ionimen, wie ein Zug durch unbekanntes, unwirtliches Land, wre eine Karawane in der Wüste. Hindernisse halten den ganzen strotz auf und fordern ihre Opfer; bei Gräben bekommen z. B. Neulinge plötzlich gern Fallsucht. Im Nebel und dem Zwielicht finbS nur ein &&£ ortskundig sind; die meisten überlassen sich der sicheren

ng.

Es hatte reichen Schneefall gegeben und deshalb ging der Rückmarsch glall von statten. Schwerer ging es unserem Mer- beinigen Begleiter. !Ter sank immer tüchtig im Schnee ein; er hatte sich zwar in der Hütte tüchtig ausgeruht, wurde aber doch im Schnee rasch müde und als der lange Schneeschuhfahrerzug aus dem Wald bog und in der Dämmerung zwei Gestalten, einem Förster Und Bauern aus Windenau, begegnete, meinte der Forster zum Inspektor, der Tyras müsse eigentlich auch Schneeschuhe haben, Ivas der Inspektor bestätigte: nächste Weihnachten ser, das sein Christkindchen". Tyras verstand das, er kmff das linke Auge zu, wie er es bei wichtigen Anlässen zu tun pflegte, und netz ein Grunzen hören, das wie Zustimmung klang. Ter Hannjörg ans Windenau hatte mit Staunen in der Dunkelheit einen Schi­fahrer nach dem anderen vorbeihuschen sehen; das wollte ;a gar kein Ende nehmen. Das machte ihm einen gewaltigen Eindruck; auch liest ihm das Gespräch über den Hund und das nächste Weih­nachtsgeschenk feine Ruhe mehr. Er wurde einfilbig und horte den Aufschneidereien seines Begleiters von da an ruhig, aber vhne Interesse zu.

Unterdessen war die Schneeschuhgesellschaft wieder beim Klub­haus augelangt. Das Abendessen schmeckt« trefflich und dann wollte das junge Volk noch tanzen. Man genast den Augenblick, da man Nicht mutzte, ob nicht anderen Tags schon ein neidisches Tau­wetter große Lücken in die Schneeflächen freßen werde. Voll Befriedigung registrierte man die Expedition auf Schneeschuhen nach der Barackenhütte unter die genußreichen Fahrten in die Winterlandschaft.

y. Die Schneeschuhe und der Gemeinderat von Windenau.

llnser Hannjörg hatte sich nach langem Marsch-vom Förster verabschiedet und rannte nach Hause, um noch rasch zu essen, da er sonst zur Genieinderatsfitzung, in der heute abend wichtige Dinge verhandelt werden sollten, zu spät kam. Die Beratung war in vollem Gang; man war schon beim 5. Punkt augelangt:Abfahren des von der Gemeinde benötigten Brennmaterials aus den Wal­dungen". Man beriet, wie bei frühzeitigem Schneefall dem Ein­sinken des Viehs abzuhelfen wäre. Man kam jedoch zu keinem befriedigenden Ergebnis und die Sache ging an dieBorschlags­kommission". Der nächste Punkt betraf dasBulletin des Ge- meiirdebullen". Noch vor kurzem war dieses wichtige Gemeinde­mitglied im Triumphzug von der Bahn abgeholt worden; als er wieder Berge gesehen, hatte der Bulle, ein Zillertaler Kind, hell aufgejodelt und er ging als richtiger Bergsteiger flott voran. Das harte Eis und der viele Schnee hatte ihn aberschalenwund" ge­macht, er bekams in die Untertanen und mutzte an einem Gurt schwebend aufgehängt werden, als ob er schwimmen lernen sollte. Jetzt war er der Gegenstand ernster Sorge und eingehender Be­sprechung. Da platzte Kaspers Karl, ein Schalk, heraus, man hätte den Bullen auf Schneeschuhen transportieren sollen. Einige lachten, andere faßten den Gedanken ernster auf, namentlich Hannjörg horchte hoch auf und man merkte ihm an, daß er über etwas nach- grit: eite; das angestrengte geistige Arbeiten war nicht seine Sache, das Denken tat ihm weh. Er wollte eigentlich noch zu dem Gegenstand sprechen, aber nachdem beschlossen worden, einen Tierarzt zu Rate S. ziehen, war schon der nächste Punkt:Pfeift und Schneeschuhe r den Nachtwächter" zur Sprache gekommen. Der gute alte Henrich Heinrich war Nachtwächter, Ortsdiener, Feuerwehrtrom­peter, Schweinehirt, Kirchendiener und sonst noch allerhand im Nebenamt. Das nächtliche Tuten mit dem langen Blechrohr und das Ansagen der Stunden sollte abgeschafft und die Zeit nur Noch heruntergepfiffen werden. Die Tute hattetreu gedient ihre Zeit"; sie hatte manches Abenteuer erlebt; das letzte war aber ganz unheimlich gewesen. Sie war in der Neujahrsnacht bei grimmiger Kälte eingefroren und statt wehmütiger Tuttöne gab Sie nur ein Gurgeln und schließlich nichts mehr zu hören, obwohl ier gute Henrich regelmäßig wie ein Uhrwerk weiter in sie hinein- tutete und ihr gute Worte gab. Erst als dieheiligen drei Könige" kamen und Henrich bei Schmidtjakobs, wo noch Licht und großes Schlachtfest war, seine Tute neben den dampfenden Wurstkessel gehängt hatte, war zum Entsetzen der Anwesenden gerade um Mitternacht die Tute aufgetaut und fing zwölfmal an zu tuten Und von da an in regelmäßigen Zwischenräumen, bis sie das ganz« Getute nachgeholt hatte. Da die Kirchenuhr gerade streikte, wäre dies ganz willkommen gewesen; aber die Windauer glaubten, die Tute sei verhext, trotzdem ihnen ein Schriftgelehrter versicherte, das. sei vor langem einem Trompeter ähnlich ergangen.

Der Gemeinderat beschloß! deshalb, her allgemeinen Gänsehaut, die das ganze Dorf beim Gedanken an den Silvesterspuk überlief Rechnung zu tragen und dem Nachtwächter eine Pfeife zu beschaffen, wobei der vorsichtige Balzers Schwarzer anheimgab, für die Pfeife gleich einen Handschuh zu bestellen, damit die Sicherheit des Torfes nicht wieder einfröre. Henrich Heinrich hatte aber noch ein Paar Schneeschuhe auf dem Herzen. Wenn nachts starker Schnee fiel, konnte er in dem weitläufig gebauten Ort, bis zu den zerstreut! gelegenen Gehöften nur schwer seinen Dienst tun, weshalb er um Beschaffung von Schneeschuhen auf Kosten der Gemeinde vorstellig geworden war. Der Fall war wichtig. Die Meinungen gingen hin und her. Henrich war bald Siebeuziger, hatte den Feldzug mitgemacht und war ein braver, immer noch schneidiger Kerl. Aber ein alter Mann auf Schneeschuhen; wer bezahlte ihn, wenn er verunglückte, oder andere, die er anrannte lunib vielleicht schädigte ? TieBorschlagskommission" mußte den Fall übernehmen; die sollte sich nächstens dasAlte-Herren-Rennen" auf dem Hoherods- kopf betrachten; da konnte man ja wohl so die Jahrgänge von 70 bis 100 sehen. Vielleicht konnte auch dort gleich Unterricht an Henrich, dem man dies eröffnete, erteilt werden.

Nun war auf der Tagesordnung nochVerschiedenes", auf das der Bürgermeister nicht gern hörte, weil man vom Hundertsten ins Tausendste kam; da hielt es den Hannjörg nicht länger; er meldete sich zum Wort und sprach in abgerissenen Sätzen, die er meist! mit einem lachartigenHa, ha" einleitete. Man verstand erst nicht recht, was er wollte; er müsse noch _ einmal auf ben Bullen zurückkommen. Die Schneeschuhe fürs Vieh seien nicht so ohne weiteres wegzuwerfen, man solle einmal nach Breungesh.rin schicken, da sei ein Mohr, der mache Schneeschuhe. Der Herr Inspektor wolle doch seinem Tyras auch Schneeschuhe anschaffen.. Hannjörg wurde durch höhnische Zwischenrufe immer aufgeregter, während der treueGevatter" gegenüber beschwichtigteLotzt doch de Hannjörg, er hot ganz Rächt". Hannjörg sprach noch von dem Holzabfuhren und den Stieren, sprang auf und schlug dröhnend auf den Tisch und brachte noch einen letzten Trumpf ausHa, ha, bei Osse, eich kann nit inseh'n, worim nur bei Zwabcmige Schieschair hun solle".

Nun entstand ein Tumult, manche äußerten, es sei ja Unsinn, andere sagten, das müsse probiert werden, das Vieh müsse angelernt werden, so lange es jung sei. Der Bürgermeister hatte fein Proto­koll fertiggestellt und nur halb zugehört, er hatte etwas von Jugend und Lernen aufgeschnappt und meinte: ja bringt nur eure werten Angehörigen mit zum Hoherodskopsrennen, da werden wir ja sehen, was sie können. Er schloß rasch die Versammlung.- Hannjörg und sein Anhang waren jedoch damit nicht zufrieden, sie gingen grollend ins Wirtshaus zumblauen Kreuz" und letzten die Diskussion fort. Da war nun ein Schifahrer eingekehrt, dev von der allgemeinen Heerstraße sich weitab verirrt hatte. Als Hannjörg dessen Schneeschuhe im Hof stehen sah, kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er weihte seine Freunde ein und dann gingH in ben Stall; ber treuesten Kuh des Gastwirts wurde ein Schnee­schuh anprobiert und zwar am linken Vordersuß; die Kuh wurde zuerst sehr unruhig, ließ sich aber bann alles gefallen, kam sich sehr wichtig vor und machte ein viel schlaueres Gesicht als die Herumstehenden, die sich vergebens abmühten und schließlich ein­sahen, daß zwischen einem Schifahrer und einer Kuh doch ein kleiner Unterschied war. ®er Vorsitzende der Vorschlagskommission, der schwarze Schor sch genannt, mit einem Gesicht wie Pergament unb tausend Fältchen, gab die Sache nicht so leicht auf; er hatte das ganze mit Interesse verfolgt und Über die mächtige Brill«, die ganz vorn auf der Nasenspitze saß, hinweg den Kuhfuß undi die Konstruktion des Schneeschuhs genau studiert. Er wollte das weiteregebührend in Erwägung ziehen". Unser Hannivrg kam spät heim, schlief schlecht ein unb hatte bann einen schweren Traum. Der Tierarzt hatte Rheuma unb konnte nicht kommen, unb es mußte einer, unser Hannjörg, ben Bullen nach der Stadt stthren. Hannjörg auf Schneeschuhen unb der Bulle auf kanadische» Schneereifen! Es war langsam und recht lappig, aber ganz ohne Unfall vorangegangen, bis die Chaussee starkes Gefälle hatte. >Da kam Hannjörg, der vor dem Tier herging unb es, führte, ins Rutschen und der Bulle, der gespreitzt und steifbeinig auf allen Bieren, wie ein Schlittschuhläufer rutschte, unb weil er schwerer war, rascher abwärts glitt als Hannjörg, stieß ihn fortwährend mit dem Kops wider das Kreuz, bis ber Bulle den Kopf senkte unb Hann­jörg, dessen Schneeschuhe krätschten, plötzlich auf dem Hals des Tieres saß unb nach hinten rutschte. Er blieb aber mit ber Bindung an den Hörnern hängen und verlor dabei nicht nur beide Schnee­schuhe, die ber Bulle nun wie zwei riesige Gamshörner auf seinem Kopf trug, sondern auch sein Gleichgewicht, rollte über ben Rücken des Bullen hinweg in ben Graben unb schrieHilfe, Feuer". Er ächzte und stöhnte, war aber in weichen Schnee gefahren, griff Halt suchend um sich und klammerte sich an die Bettdecke. Die hatte er ganz bernntergezogen, so daß seine bessere Hälfte, die Kathrinlisbeth, die voniFeuer"-mfen wach geworden war, sich ohne die gemeinsame Drecke vorfaiid und ihn nunStaches, Olwel" und dergleichen titulierte, obwohl sie ben Ehegemahl nicht sah; benu ber war vom Bett ins Zimmer gefallen unb hatte zum Glück die Bettdecke mitgenommen und unter sich bekommen. Tie Frau machte Licht unb frag, was ber Gemeinderat so schweres am Abend beraten habe. Hannjörg erzählte, wie die ganze Beratung put