Ausgabe 
28.12.1912
 
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Der Heiratsantrag des Kidelius.

Skizze von Max Bittrich (Freiburg).,

In feittent Stübchen am Marktplatz der Stadt Säckingen mn Rhein richtete sich Meister Fidelius Bärlein vom Lager aus:

Was ist?" fragte er.

Aus mehreren Betten kam scharf anklagend oder träumerisch die Antwort:Ich kann nicht schlafen! Die Studenten singen so laut!"

Da sprang Bärlein zum offenen Fenster.Schlast jetzt!"- brüllte er über den Platz, drehte sich um, schrie über die fünf Kinderbetten abermals:Schlaft jetzt!" und wandte sich neuer­dings erregt dem Fenster zu. Er fühlte das Blut kochen. Einem verwitweten Vater mit sechs Kindern die Nachtruhe zu nehmen, das war und blieb ein offenkundiger Skandal. Und ausgerechnet fremde Gäste, Studenten aus Heidelberg, mußten die Ruhestörer sein! Konnten die nicht bequemer am Neckar das Lied vom Trompeter singen? Nein, nach Säckingen mußten sie ausfliegen,- um eine laue Sommernacht in lauten Tag zu verwandeln!

Schlaft jetzt!" befahl Bärlein abermals.

Die Studenten vernahmen nichts von seinem Zorn, aber die sechs Kinder krochen rasch unter die Decken, während Bärleins erregt zitternde Hand von den grauen Schläfen zum Ziegen­bärtchen ging und daran nach rechter Schneiderart zupfte.

Ihr solltet sechs Kinder haben und keine Frau!" redete er die Studenten weiter an,da tätet ihr nicht in der Finster­nis vvm Schlendrian und vom Muskateller singen und so und so! llitb jetzt schau einer: da steigt der lange Laban auf den Kneiptisch, bigott! Und durch's Neckartal will er reiten, singt er. Ja, du und reiten! Jetzt so junge Leut'^ Sorgen unb Steuerzahlen kennen die doch nicht und da schau eins hert da springt das lange Gestell der Kellnerin auf den Hals., Man sollt's nicht meinen!"

Weit reckte er sich aus dem Fenster, der Stätte der nächt­lichen Fröhlichkeit entgegen. Wahrhaftig, er hatte recht gesehen! Die vor dem Gasthaus zum Löwen den Riesenkrug auf den Tisch stellte, war nicht die täglich in des Schenken'feinem Haus schaffende grobschlächtige Kellnerin, sondern Pas Ämeisele aus der Gasthausküche, ehemals Anne-Marie geheißen, nachher kurz­weg Amci genannt ünd endlich dank ihrer Fixigkeit zum Ämeisele geworden.

Hatten die buntbcmützteu und bebänderten Heidelberger in den wenigen Stunden den .Verstand dieses Mädchens auf den Kopf gestellt, um das in Fidelius Bärleins Herzen schon monate­lang schwere Kämpfe zwischen Hoffen und Fürchten wogten?

Gesagt hatte er dem Ämeisele noch nicht das letzte entschei­dende Wort, doch dieses Mädchen war nicht dumm und wußte, was Bärlein mit seiner vorsichtigen Andeutung gemeinsamer Wege gemeint hatte. Und trotzdem stand sie nun nachts zwischen den Studenten!

Er maß das Mädchen vom Kopf bis zu den Füßen. Doch, doch: die würde ihm passen! Und kinderlieb war sie auch; das hatte er wiederholt beobachtet. Und wie sie schaffen konnte! Schon in feiner Eigenschaft als Kater hatte er also die Pflicht, sie nicht entwischen zu lassen. Er seufzte. Der gegenwärtige! Zustand war unhaltbar. Er dachte an das einzige Berslein, das in seinem Gedächtnis haftete, weil er in den letzten Mo­naten oft hatte davonlaufen mögen:

In die Wüste will ich laufen, J

Wo die warmen Winde weh'n, Wo die Dromedare saufen Und die dreizehn Palmen stehn. Aber wo wären die Kinder dabei geblieben!

Nein, er mußte hier .zugreifen, ehe sich- fremde Hände ftit das Ämeisele wagten! Schleunigst mußte er. ...

Vater!"

Schlast!" :

. . . schleunigst müßte er auf das Ganze gehen berm Ämeiseler Kannst und willst du mir und meinen Kindern Helferin und Stütze sein? Oder ziehst du das laute Volk aus Heidelberg vor? Freilich, freilich : sie war jung!

Aber wenn er weiter überlegte, konnte er ihr die Sehn­sucht nach ungewissen Gebieten, eine Neigung zu so junger, Springern, nicht zutrauen. Sie hatte die Augen, unter deren Schutz er seine Kinder gern stellen würde: kluge, ernste Aiigen ohne Feuersünkchen und mit dem Strahl jener Güte, die ferner Heimgegangenen Lene zu eigen gewesen war. Er und seine Pinder hatten sich dabei wohl befunden; und daß neben der .Gutherz,g-

Nachher saß sre noch lange auf ihren, Balkon, horchte auf das nahe Rauschen der See und träumte in die stille Sommer­nacht hinein.

Als sie, mit dem Gefühl, von einer schweren, unerträglicher, Last befreit zu sein, den, Hause ihres Gatten den Rücken kehrte, war sie erst mit Ilse für mehrere Wochen an den Genfer See ge­gangen. Dort hatte; sie mit vollen Zügen all das Schöne um sie her genossen, und kaum ein Gedanke hatte ihrenr Gatten, ihrem Heim gegolten.

(Schluß folgt.)

kommt die Arbeitsfreudigkeit, die Schaffenskraft über uns, läßt das zur Reife kommen, was allerdings Welt und Menschen erst in uns anregen mußten. Die Ruhe aber erst lehrt uns aus uns selbst M schöpfen die Anregung zur ausführbaren Idee werden zu lassen jedoch das mag ja bei einigen auch an­ders sein> ier strich freundlich über Ilses Haar,viel zu brav und artig ist die Kleine, gnädige Frau, noch nicht ein einziges Mal habe ich sie toben und springen sehen. Kannst du dem, überhaupt laufen? Was gilt's, greif mich mal!" und Karl Hochburg jagte plötzlich in knabenhaft großen Sprüngen den Weg hinunter. Ilse ließ die Mutter los und lief' hinterher, so schnell sie konnte, ihre Augen glänzten und ihr Gesichtchen sah jetzt Piel kindlicher aus als sonst.

Frau Hochburg schüttelte lächelnd den Kopf.

Ta rennt er nun wie ein Schulbub'. Er ist so kinder­lieb," sie seufzte.

Ich hatte es ja nie für möglich gehalten, daß Hochburg, der große, geniale Hochburg, der so ernste, ergreifende Sachen schreibt, solch ein froher, fast übermütiger Mensch sei," sagte Frau Gerda halb staunend, halb bewundernd.

Jetzt lehrten die beiden atemlos Hand in Hand zurück.

Ich hab' ihr' unreckst getan, sie kann doch ganz brav rennen," lachte Hochburg, sich die ©tritt trocknend.Uebrigens, gnädige Frau, als wir heute die Kurliste durchsahen, lasen wir zum erstenmal Ihren Namm bei der Vorstellung hört Man ja nie deutlich. Sind Sie verwandt mit dem bekannten Kunsthistp- tiker Doktor Gerold?"

Frau Gerda errötete dunkel.Mein Mann," sagte sie kurz.

Ach, das ist ja famos," Hochburg wurde ganz enthusiasmiert, -ich bin ein begeisterter Verehrer Ihres Herrn Gemahls. Eigentlich sind wir ja so ein bißchen Kollegen. Was er schreibt, das ist trockenes Gelchrteiideutsch, seine Schriften haben Leben in sich, er ist auch ein Dichter. Ich interessiere mich sehr für Kunstge­schichte, lese viel darüber, aber ich muß sagen, etwas Feineres als sein letztes Werk über den französischen Realismus, Im­pressionismus und Idealismus in der Malerei ist mir so bald nicht vorgekommen."

Wir haben Doktor Gerold doch auch einmal reden lyöreit, weißt du noch, Schatz, voriges Jahr in Berlin," meinte seine Frau lebhaft.

Ja natürlich, Glänzend, geradezu glänzend spricht er. Wißen Sie, gnädige Frau, wenn Sie an Ihren Gemahl schreiben, müssen Sie ihn von mir, als einem ganz begeisterten Verehrer, grüßen oben vielleicht schreiben wir auch einmal gemeinsam eine Karte an ihn."

Ja, das können wir vielleicht," brachte Gerda mühsaM hervor, ängstlich bemüht, ihre Verlegenheit nicht merken zu lassen.

Mein Papa kann auch wunderschöne Märchen erzählen, sagte Ilse plötzlich. Nach Art einziger Kinder, die viel mit Er­wachsenen zusammen sind, hatte sie aüsmerksaut zugehört. . Und wenn sie auch nicht alles verstand, sie merkte, daß man ibreit Vater lobte, und ihre Augen strahlten.

Herr Hochburg kniff sie lachend in die Backe.So, dazu hat der gute Papa also auch noch Zeit gefunden, bei aller Arbeit." ......

Ja, imitier wenn Mutti des Abmds in ihrem Verein war, hat er mir erzählt," berichtete sie lebhckst, und dann fiel der Blick des Kindes auf das Gesicht der Mutter, was Ille plötzlich verstummen ließ.

Karl Hochburg in feiner Unbefangenheit merkte nichts von der Verlegenheit Fran Gerolds, aber der Blick seiner Frau ruhte einen Augenblick scharf beobachtend auf ihr und ihrem Kinde.

Ein Gefühl, fast wie Haß, hatte Gerda ergriffen. War sie darum ihrem Heim entflohen, um nun hier das Lob ihres Gatten singen zu hören? Sie war so glücklich gewesen, daß es ihr gelungen, einmal für Tage wenigstens, solange sie hier weilte, mit keinem Gedanken'an die Zeit ihrer Ehe, mt ihn zu denken, nun mußten diese Hochburgs, von deren Bekanntschaft ste zuerst entzückt gewesen, wieder alles in ihr aufrühren.

Man ging zusammen nach der gemeinsamen Pension zuruck, und es gelang Gerda, einen anderen Gesprächsstoff zu finden und festzuhalten. Frau Hochburg, die ihre Bemühungen merkte, unter­stützte sie darin. t...

Daheim in ihrem Zimmer zitterte bte Erregung, in die sie das Gespräch mit Hochburgs gebracht, noch lange in Gerda nach, und während sie Ilse zur Nacht entkleidete, fragte sie plötzlich.so Abends Märchen erzählt, wenn

ich nicht da war? Warum hast du eigentlich nie zu mir davon gesprochen?"

Die Kleine blickte sie erstaunt an. 1

Da habe ich nicht dran gedacht und. und ihr wart doch manchmal böse miteinander, da da meinte ich" stotterte sie. i , _ ,, r.,,

Frau Gerda fühlte, wie ihr die Rote der Scham ms Gesicht

ftir9@in Kind muß! seiner Mutter alles sagen," sagte sie heftig.

Ich sage dir ja auch alles," meinte Ilse weinerlich,ich wußte nicht daß daß"

Schon gut, laß nur sein!" sie Beugte sich über ihr Kmd Mn b küßte es.